Alexander Brandl (Hrsg.)
Gebet Am Morgen
Wenn der Alltag noch schläft und träumt, lausch ich auf die Stille, hör, wie sie schwingt. Siehe, da bist du: Du nimmst meine Hand und stellst meine Füße auf weites Land. Und wenn dann der Tag sich räkelt und dehnt, summ ich ganz leise Gott, deine Weise, die ich morgens im Schweigen schon fand.

TINA WILLMS
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
PSALM 139,9–12 (Luther 2017)

Balkonien

Es gibt Menschen, die haben einen grünen Daumen. Meiner ist dann wohl schwarz. Ich wünsche keiner Zimmerpflanze, in meiner Wohnung zu landen. Ich gebe mir ja Mühe, aber alt werden die bei mir nie. Irgendwann habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Mich eingestellt auf ein Leben ohne Grün. Da musste ich plötzlich umziehen.
In der neuen Wohnung trete ich auf den Balkon und reibe mir die Augen. Mehrere Tröge stehen dort. Sie sind bepflanzt. Mit
Blumen, Büschen und sogar liebevoll zurechtgestutzten Bonsai-Bäumchen. Mir steht der Angstschweiß auf der Stirn. „Kommen die weg?“, frage ich bei der Schlüsselübergabe. „Nein, die hat die Vormieterin Ihnen überlassen.“ Wie die Jungfrau zum Kind komme ich in den Besitz eines kleinen Stadtwaldes.
Ich sehe schon die Nachbarn vor mir, wie sie mit dem Kopf schütteln, wenn dort bald nur noch Steppe ist.
Inzwischen ist der Umzug ein paar Monate her. Und es blüht und wächst noch immer. Ich habe die Herausforderung angenommen. Mich eingelesen. Erklärvideos geguckt. Meine Mama angerufen. Gartenwerkzeug gekauft. Ich behaupte sogar: Ich liebe jetzt
Gartenarbeit! Und es verändert meinen Blick. Auch auf mich. So wie ich den Blumen beim Wachsen zusehe, versuche ich, mein eigenes Leben zu betrachten. Geduldig und liebevoll. Wie Gott, wenn er auf seine Schöpfung sieht. Auf die Pflanzen. Und auf mich. Wie wir wachsen und uns entwickeln.
ALEXANDER BRANDL
Einfach
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.
PSALM 19,2–4 (LUTHER 2017)
Einfach Einfach
Es gibt sie immer noch, die Dinge, die sich nicht verbergen, die sich nicht sträuben, nicht entziehen und uns nichts abverlangen.
Die schönen Dinge, die sich gerne finden lassen und die uns immer schon erwarten.
Das Einfache, das keine Fragen stellt.
Gestern war es das Lachen eines Kindes, dem die Spatzen im Park zu nahe rückten.
Am Morgen war es der Brief eines Freundes, der schrieb: Ich denke an dich.
Und abends die monotone Musik der Motoren, ein müdes, frohes Nachhausekommen.
Wenn die Menschen in ihre Häuser gehen, will eine dankbare Ruhe sich teilen.
Es gibt sie immer noch, die Dinge, die nur angesehen werden wollen, nur aufmerksam gehört, und die wir tief in uns bewegen können wie Atemluft.
An jedem Tag.
GIANNINA WEDDE