Deutsche Bibeln
Vor und nach Martin Luther

Verlagshaus
Speyer GmbH




Oben: Sorg-Bibel 1477. Unten: Martin Luther, Neues Testament 1522, Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten.
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Vorwort und Einführung
Eine häufig gehörte Legende ist: Die Bibel auf Deutsch gibt es erst seit Martin Luther. Dabei existierte schon vor dem Reformator eine lange Tradition von deutschsprachigen Bibeln. Auch vertrat bereits 700 Jahre vor Luther Otfrid von Weißenburg die Meinung, dass man Menschen das Evangelium in der Volkssprache vermitteln müsse, und für diese verwendete er als einer der Ersten den Begriff „Deutsch“. Der Streifzug durch die Geschichte der deutschsprachigen Bibeln bietet spannende Entdeckungen. Durch das Mittelalter hindurch sind Bibelhandschriften in Deutsch belegt, auch wenn sie gegenüber den lateinischen eher die Ausnahme waren. Als um 1450 der Buchdruck mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg erfunden wurde, änderte sich dies. Weil die Druckkunst damals von solch entscheidender Bedeutung für die Verbreitung der deutschen Bibel war, wird in sie eingeführt, verbunden mit einem Glossar im Anhang. Bereits zwölf Jahre nach Gutenbergs Ausgabe erschien die erste von 18 Bibeln, die vor Luther in deutscher Sprache gedruckt wurden. Diese werden ausführlich im Buch vorgestellt. Hergestellt wurden sie im gesamten Reich, in Augsburg, Nürnberg, Köln, Straßburg, Lübeck und Halberstadt. Die letzte dieser Bibeln erschien 1522, in dem Jahr also, als Martin Luther seine Übersetzung des Neuen Testaments herausbrachte. Doch warum redet man heute kaum noch von ihnen?
Was Luther auf der Wartburg fertiggestellt hatte, galt als revolutionär und begründete die eingangs erwähnte Legende. Seine Übersetzungsmethode hatte die Urtexte, die Verständlichkeit und die Ästhetik gleichermaßen im Blick, ein nie zuvor gewählter Ansatz. Viele Menschen hatten nun das Gefühl, die Bibel verstehen zu können. So wurde Luthers Bibeltext in Windeseile überall im deutschen Sprachraum und darüber hinaus verbreitet. Allerdings bekam Luther bald Konkurrenz. Andere nahmen in der Zwischenzeit den Impuls auf und übertrugen aus unterschiedlicher Motivation heraus ebenfalls die Bibel ins Deutsche. Auf evangelischer Seite war dies Huldrych Zwingli in Zürich. Die Täufer Hans Denck und Ludwig Hätzer fertigten in Worms eine Prophetenübersetzung an. Da es kein Copyright gab, wurden alle Teilausgaben der Wittenberger und Züricher Übersetzer zusammengestellt und gedruckt, weshalb die ersten vollständigen deutschen Bibeln der Reformationszeit in Worms, Straßburg und Durlach erschienen. Auch die Katholiken Hieronymus Emser, Johannes Dietenberger und Johannes Eck hatten die Bibel ins Deutsche über-



Straßburg-Durlacher Bibel 1530, Schöpfung.
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Zainer-Bibel 1475 und Seite 5
Koberger-Bibel 1483, Mose erhält die Zehn Gebote.
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setzt. Sie wollten durch ihre deutschen Bibeln an die lateinische Vulgata erinnern. Erst das Konzil von Trient im Jahre 1546 setzte dem ein Ende, als festgelegt wurde, dass auf katholischer Seite nur noch die lateinische Vulgata im Gottesdienst zu verwenden sei. Dies galt bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Beim Streifzug begegnen uns viele Bilder in Bibeln. Diese galten als Lesehilfen und waren bei der Vermittlung der Bibelgeschichten wichtig. Daher werden sie gesondert in den Blick genommen. Neben den Bildern in Bibeln tauchen früh Bilderbibeln für Kinder und Ungebildete auf. Eine Besonderheit ist Beringers Evangelienharmonie, denn sie enthält Wimmelbilder zu biblischen Szenen mit Lerngedichten. Auch Bedeutende Künstler ihrer Zeit illustrierten Bibeln, allen voran Matthäus Merian.
Zwar galt nach Luthers Tod die letzte von ihm durchgesehene Ausgabe von 1545 lange als Grundlage, doch war damit die Geschichte der deutschen Bibel nicht am Ende. Es dauerte rund 20 Jahre, bis das Verssystem in deutsche Bibeln kam und rund 200 Jahre, bis sie erschwinglich hergestellt werden konnten. Neue Übersetzungen sowie Kommentarbibeln entstanden, die näher am Urtext sein wollten oder unterschiedliche theologische Richtungen bedienten, ob lutherisch oder reformiert, ob pietistisch-fromm oder aufgeklärt-rationalistisch. Auch jüdische Bibelübersetzungen ins Deutsche wurden veröffentlicht, obwohl im Gottesdienst die Heilige Schrift weiterhin auf Hebräisch gelesen wurde. So fand bald jedermann die deutsche Bibel, die zu ihm passte. Heute hat man die Wahl zwischen rund 35 deutschen Bibelübersetzungen und rund 150 Kinderbibeln. Eine kurze Einführung am Ende verschafft einen groben Überblick. Dabei wird deutlich, wie differenziert Bibelausgaben heute sein müssen, um unterschiedliche Zielgruppen ansprechen zu können. Dass man der Bibel mit ihrer Geschichte auch im Internet oder vor Ort begegnen kann, zeigen die Hinweise im Anhang.
Mein Dank geht hier an alle, die mich auf meiner Spurensuche unterstützt haben. Dr. Klaus Bümlein hat mich vor über 30 Jahren für das Thema motiviert wie auch der Antiquar Walter Eichenberger in der Schweiz, den ich mehrfach besuchen durfte. Von Henning Wendland, der mit mir 2005 das Buch „Biblia deutsch“ herausgab, habe ich viel über die Handwerkskunst früher Druckermeister gelernt. Der Dank geht aber auch an alle, die diese Veröffentlichung unterstützt haben: das Verlagshaus Speyer, die Schröter-Stiftung Neustadt, die Deutsche Bibelgesellschaft und die Evangelische Kirche der Pfalz.
Michael Landgraf







Lorscher Evangeliar, um 810, Anfang des MarkusEvangeliums, Faksimile. © BMNW
Bibelhandschriften auf Latein und Deutsch
Die Ära der Bibelhandschriften ging mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 zu Ende. Sie waren meist in lateinischer Sprache verfasst. Deutschsprachige Bibelhandschriften waren eher eine Ausnahme. Warum aber stellte man in Territorien, in denen eine deutsche Sprache gesprochen wurde, lateinische Bibelhandschriften her?
Lateinische Bibelhandschriften
Latein war die Sprache des Römischen Reiches, in dem sich das Christentum im 4. Jahrhundert von einer Religion der Verfolgten zur Staatsreligion wandelte. Auch nach dessen Ende blieb Latein in der Westkirche bis zur Reformationszeit und in der römisch-katholischen Kirche bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Sprache der Liturgie und der Bibel. Anders war dies in den Ostkirchen, wo in orthodoxer Tradition Griechisch deren Basis war. In Westeuropa galt Latein allgemein als Gelehrtensprache, die in Klöstern und ab dem 14. Jahrhundert auch an den neu gegründeten Universitäten verwendet wurde. Um das Studium auch der Bibel zu ermöglichen, entstanden überall Lateinschulen, die Vorläufer der heutigen Gymnasien.
Seite 7: Lateinische Bibelhandschrift auf Jungfernpergament, Nordfrankreich um 1250, Zehn Gebote. © ML
Der Grund, warum die Bibel in dieser Zeit auf Latein verbreitet wurde, lag jedoch nicht allein an der kirchlichen Einflussnahme. Es war auch eine staatliche Entscheidung Karls des Großen (um 747-814), der eine einheitliche Regelung für sein großes Reich anstrebte. In einem Sendschreiben aus dem Jahr 789, den admonitio generalis, das an alle weltlichen und geistlichen Würdenträger des Reiches gerichtet war, legte er den Rahmen einer Bildungsreform fest. Die Volkssprache durfte in Seelsorge und Predigt verwendet werden, für Bibeltexte und die Liturgie war jedoch die lateinische Sprache vorgesehen. Bibeln sollten mit größter Sorgfalt kopiert werden. Klöster hatten darüber in ihren Skriptorien, den Schreiberwerkstätten, zu wachen. Unter Karl dem Großen entstand auch eine eigene Schrift, die karolingische Minuskel, mit der Texte leichter gelesen werden konnten. Mithilfe dieser Schrift wurden auch Bibelhandschriften wie das um 810 entstandene Lorscher Evangeliar angefertigt. Bibelhandschriften des Mittelalters wurden jedoch nicht nur in Klöstern abgeschrieben. Seit etwa 1250 entstanden in Städten wie Paris oder Köln Schreibwerkstätten mit Spezialisten für kleinste Schreibschriften. Ein Beispiel aus Nordfrankreich zeigt, wie eng auf sogenanntes „Jungfernpergament“ geschrieben wurde. Das aus ungeborenen Tieren hergestellte Perga-



Psalter, 11. Jahrhundert, karolingische Minuskel.
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ment war extrem dünn und ermöglichte so die Herstellung einer handlichen und umfangreicheren Bibelausgabe.

Bildinitiale „B“ aus der Zainer-Bibel: Hieronymus im Gespräch mit Paulinus. © BMNW

Seite 9: Koberger Biblia Latina Vulgata, Lyon 1522. © AS
Auch die erste gedruckte Bibel des Johannes Gutenberg (um 1400-1468) in Mainz war eine lateinische. Die zwischen 1452 und 1454 fertiggestellte Gutenberg-Bibel erschien in zwei „Folio“-Bänden auf 324 und 317 Blättern mit 42 Zeilen. Von den rund 180 Exemplaren wurden 30 auf Pergament gedruckt. Sie kostete damals so viel wie ein kleines Rittergut. Bis ins Jahr 1500 wurden rund 100 lateinische Bibelausgaben hergestellt, in Mainz, Straßburg, Nürnberg, Augsburg, Speyer, Lyon, Venedig und in weiteren Städten. Textbasis war die lateinische Vulgata.
Die „Vulgata“, lateinisch „die Völkstümliche“, basierte auf der Übersetzung des Kirchenvaters Hieronymus (347-420). Dieser hatte sie um 382 auf Grundlage griechischer und hebräischer Texte erstellt und vorige lateinische Übertragungen wie die Itala (um 150 n. Chr.) abgelöst. Vorreden des Hieronymus wurden in Handschriften und den vorlutherischen deutschen Bibeldrucken übernommen. Manche stellten den Kirchenvater sogar bildlich dar, wie die Zainer-Bibel von 1475. Allerdings gab es bis zur Reformationszeit keine einheitliche Textfassung der Vulgata. Hieronymus hatte beispielsweise den Laodicäerbrief als nicht paulinisch erkannt und nicht aufgenommen, doch wurde er in einigen Vulgata-Handschriften und in den vorlutherischen deutschen Bibeln verbreitet. Erst 1592 wurde eine einheitliche Ausgabe der Vulgata als Basis der römischkatholischen Liturgie fertiggestellt, ohne den Laodicäerbrief. Zuvor hatte 1546 das gegenreformatorische Konzil von Trient als Reaktion auf die vielen deutschen Bibelübersetzungen der Reformationszeit festgelegt, dass die Vulgata die einzig verbindliche Bibelübersetzung der katholischen Kirche sei. Trotz der Nähe zur Vulgata wurden deutschsprachige Bibelhandschriften und Frühdrucke von kirchlichen Amtsträgern kritisch gesehen. Ein Mainzer Edikt von 1485 macht deutlich, dass man es Ungebildeten und Frauen nicht zutraute, den wahren Sinn der Bibel in der eigenen Sprache zu erschließen. Diese Bibeln würden die kirchliche Hierarchie gefährden, die







Gedenktafel Otfrid von Weißenburg, Kloster Weißenburg/Elsass. © ML
Kirche verwirren und zur Verdammnis der Seelen beitragen. Der Funke müsse gelöscht werden, damit kein großes Feuer entstehe. So wurde der Druck deutschsprachiger Bibeln mehrfach untersagt, allerdings ohne Erfolg. Zu sehr war das Bedürfnis vorhanden, die Bibel in der eigenen Sprache zu hören und zu lesen.
Deutschsprachige Bibelhandschriften Bibelhandschriften in deutschen Sprachen sind bereits früh belegt. Welchem Zweck sie dienten, ist unklar. Vermutet wird, dass sie der niedere Klerus nutzte, der des Lateinischen kaum mächtig war, als Basis für Predigten und Gottesdienste. Allerdings sind keine vollständigen Bibeln überliefert, nur Textauszüge aus den Evangelien, den Psalmen und anderen liturgisch relevanten Texten. Die erste Bibelhandschrift in einer germanischen Sprache entstand im 4. Jahrhundert. Der Bischof der Westgoten Ulfilas (311-383) fertigte eine Übersetzung der Evangelien aus dem Lateinischen ins Gotische an und entwickelte dafür eine eigene Schrift. Erhalten ist eine um 500 entstandene Abschrift der Ulfilas-Bibel, der Codex Argenteus oder Silbercodex. Der Text wurde mit Silbertinte auf purpurgetränktes Pergament aufgetragen. Um 748 wurden Teile des Matthäusevangeliums am Mondsee in Österreich in eine althochdeutsche Sprache übertragen. Eine frühe Übersetzung des Vaterunsers entstand um 790 in Sankt Gallen. Der um 830 entstandene „Heliand“ war eine Zusammenfassung der Lebensgeschichte Jesu in Gedichtform.
Seite 11: Speyerer Blatt der Ulfilas-Bibel, um 500, Ende des Matthäusevangeliums.
© Bistumsarchiv Speyer
Von Bedeutung war die Evangelienharmonie des Otfrid von Weißenburg (790-875), der aus Dahn stammte. Er war einer der bekanntesten Gelehrten im Reich. Otfrid schuf eine Nachdichtung des Lebens Jesu in Endreimversen. Seine Sprache war das Südrheinfränkische, Wurzel des Pfälzischen und des Hessischen. Da nach der Auffassung einiger Gelehrter dies aber keine heilige Sprache war, musste Otfrid sein Werk verteidigen. Er verwies darauf, dass das Fränkische als Volkssprache zwar nicht heilig, aber wertvoll und gut sei. Gott wolle in jeder „Zunge“, also Sprache, gepriesen werden. Otfrid verwendete hierbei als einer der Ersten den Begriff „lingua teodisca“, was „deutsche Sprache“ meinte. Im Hoch- und Spätmittelalter wurden ausgewählte Bibeltexte auch in deutscher Sprache verbreitet. Um Übersetzungsfehler oder abweichende Auslegungen des lateinischen Textes zu vermeiden, waren sie allerdings in Kreisen des höheren Klerus wenig angesehen. Daher wundert es nicht, dass die Übersetzer der deutschen Bibeltexte gänzlich unbekannt blieben, mit einer Ausnahme. Der Jurist und Notar Nikolaus Straub



Armenbibel, Blockbuch von 1471, Typologie der heilbringenden Öffnung
Jesu (Wunde in der Seite). Sie wird in Verbindung zur Öffnung in Adams Seite bei der Erschaffung Evas (1. Mose 2) und der Öffnung des Felsens bei der Rettung der Israeliten in der Wüste (2. Mose 17) gesetzt. Alle Öffnungen bedeuteten: Gott schafft Leben. © ML

Seite 13: Anton Sorg, „Der Sele Trost“. Darstellung der Zehn Gebote, Augsburg 1476. © ML

(1415-1500) übersetzte um 1460 in Schwäbisch Hall Evangelientexte in erstaunlicher Nähe zu Luther ins Deutsche, und das rund 60 Jahre vor dessen Übersetzungswerk (Vaterunser, Seite 24). Die Handschrift befindet sich in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Einen Aufschwung an Übersetzungen biblischer Texte ins Deutsche gab es im 14. und 15. Jahrhundert. Hierbei erschienen auch zwei umfangreiche und bedeutende Bibelausgaben, von denen heute Faksimiles vorliegen. Beide wurden nach den Herrschern benannt, die sie besaßen.
Die um 1390 entstandene Wenzels-Bibel trägt den Namen des böhmischen Königs Wenzel IV. (1361-1419). Sie ist eine Übersetzung des Alten Testaments außer der kleinen Propheten- und der Makkabäerbücher. In der Ottheinrich-Bibel, die um 1430 entstand, liegt eine Übersetzung des Neuen Testa-