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VORWORT
LE S E P R O B E
Herzlich Willkommen zur „Expedition zum ICH“ und einem – davon sind wir überzeugt – äußerst ungewöhnlichen Lese-Erlebnis! Sie haben mit diesem Buch eine Entdeckungsreise vor sich: 40 Tage, in denen Sie in unbekanntes Gebiet vorstoßen können. Und wir garantieren Ihnen: Es wird aufregend. Schon deshalb, weil unsere Expedition nicht nur eines, sondern zwei Ziele hat. Zum einen geht es darum, dass Sie sich selbst, Ihren Fragen, Hoffnungen, Sehnsüchten und Möglichkeiten näher kommen und neue Facetten Ihrer Persönlichkeit entdecken und entwickeln. Ideal wäre es, wenn Sie am Ende der 40 Tage sagen könnten: „Jetzt verstehe ich viel besser, wer ich eigentlich bin.“ Zum anderen wollen wir Sie im Lauf der Expedition zu den zentralen Stellen der Bibel führen, so dass sie einen guten Überblick über die vieldiskutierten Ideen, Werte und Verheißungen des Alten und des Neuen Testamentes bekommen. Orientieren werden wir uns dabei an sechs existenziellen Grundfragen des Lebens. Und nun kommt das Entscheidende: Wir sind der festen Überzeugung, dass diese beiden Ziele – die Suche nach sich selbst und die Suche nach Gott – zusammengehören. Warum? Weil der Gott, der sich selbst mit dem Namen „ich bin“ vorstellt, die beste Quelle für menschliche Selbsterkenntnis ist, die es gibt. Ob und wie das funktioniert, werden wir allerdings erst ausprobieren müssen. Und darum freuen wir uns, dass Sie bereit sind, sich 40 Tage lang auf diesen Prozess einzulassen. Natürlich können Sie das Buch in einem Rutsch durchlesen, angelegt ist es aber so, dass Sie sich wirklich Zeit nehmen, die täglichen Impulse im Lauf von sechs Wochen in aller Ruhe zu durchdenken, die vielen Anregungen umzusetzen – und die Themen mit anderen Expeditionsteilnehmern zu diskutieren. Dabei verzichten wir bewusst auf eine durchgehende Didaktik. Die 40 Texte, die wir behandeln, sind wie Mosaiksteine: Bisweilen scheinen sie ein wenig unvermittelt nebeneinander zu stehen, aber Sie werden erleben, dass sich daraus am Ende ein Bild ergibt – Ihr ganz persönliches Bild. Weil Expeditionen immer ein Erlebnis für alle Sinne sind, gibt es zu Beginn jeden Kapitels einen „KreAperitiv“, eine inspirierende künstlerische Einstimmung, die hoffentlich Ihre Phantasie anregt und Ihnen Lust macht, die Reise trotz aller persönlicher Herausforderungen richtig zu genießen. Pietro Sutera
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hat wunderschöne Fotos, Thees Carstens freche Cartoons und Miriam Küllmer-Vogt nicht nur Bilder, sondern auch ganz konkrete Wohlfühlanregungen beigesteuert. Es macht Spaß, eine Expedition mit solchen Künstlern zu machen – das werden Sie bald entdecken. Dazu kommen noch Meditationen und eigens komponierte Lieder, die sie auf der beiliegenden CD finden. Die Bibeltexte, die wir erforschen wollen, finden Sie in zwei Versionen vor: in der berühmten und sprachlich noch immer prägenden Übersetzung Martin Luthers und in einer neuen, poetischen Übertragung von Fabian Vogt. Diese Varianten konkurrieren nicht, im Gegenteil, sie ergänzen einander und regen an, der faszinierenden Bedeutungsvielfalt von Worten nachzuspüren, den Sinn hinter den Sätzen zu ergründen und vielleicht sogar noch andere Übersetzungen hinzuzuziehen. In diesem Zusammenhang legen wir Ihnen eine Erfahrung ans Herz, die Menschen über Generationen gut getan hat: nämlich einzelne Bibelverse besonders dadurch wirken zu lassen, dass man sie auswendig lernt. Am Ende jedes „Tages“ finden Sie einen solchen Vers zum Lernen. Vielleicht werden Sie ja neugierig und versuchen das einfach mal. Außerdem möchten wir Sie ermutigen, von Anfang an den direkten Kontakt mit diesem Gott, von dem die Bibel spricht, zu suchen. Das erscheint Ihnen vielleicht merkwürdig, aber wenn Sie die täglichen Anregungen sehen, werden Sie feststellen, dass Beten viel mehr ist als Händefalten und Kopfsenken, ja, dass es Dutzende unterschiedlicher Arten des Betens gibt, die uns helfen, mit Gott zu kommunizieren. Einen Versuch ist es bestimmt wert. Schließlich tut es gut, auf einer Expedition immer wieder Kraft zu tanken. Wir empfehlen, sich dazu eine Art Tagebuch anzulegen, in dem Sie Ihre Gedanken und Gebete festhalten können. Denn bei aller Freude am Lesen – am meisten bringt Ihnen dieses Buch, wenn Sie selbst aktiv werden und den Vorschlägen folgen, die wir Ihnen auf den grau unterlegten Seiten am Ende jedes Kapitels machen. So! Und jetzt geht es los. Wir wünschen Ihnen erfolgreiche Tage, viel Spaß beim „Reisen“ – und dass Sie beide Ziele erreichen. Herzlich Klaus Douglass & Fabian Vogt
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INHALT Wer bin ich wirklich? 11
Tag 1 / Was ist der Mensch
LE SE PR O BE
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Psalm 8
19
Tag 2 / Die Krone der Schöpfung
LE SE PR O BE
1. Buch Mose / Genesis 1
29
Tag 3 / Das Risiko Gottes 1. Buch Mose / Genesis 2
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Tag 4 / Täter und Opfer zugleich 1. Buch Mose / Genesis 3
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Tag 5 / Vom Bösen ergriffen
LE SE PR O BE
1. Buch Mose / Genesis 4
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Tag 6 / Von Gott ausgeliefert Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom 1
63
Tag 7 / Eingeladen zum Neuanfang Lukasevangelium 15
Wie werde ich frei? 73
Tag 8 / Von Gott geführt und beschützt Psalm 23
81
Tag 9 / Zum Vertrauen herausgefordert 1. Buch Mose / Genesis 12 und 15
91
Tag 10 / Mit Gott auf Du und Du 2. Buch Mose / Exodus 3
101
Tag 11 / Von der Ohnmacht befreit 2. Buch Mose / Exodus 14
113
Tag 12 / Orientiert an Gottes An-Geboten 2. Buch Mose / Exodus 20
123
Tag 13 / Aus ganzem Herzen 5. Buch Mose / Deuteronomium 6
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Tag 14 / Zum Leben befreit Markusevangelium 5
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Tag 1 / Was ist der Mensch LE S E P R O B E
ÜBERBLICK In den Mythologien aller Völker gibt es bildhafte Vorstellungen davon, wie die Welt und die Menschen entstanden sein könnten: Da kämpfen vorzeitliche Wesen gegeneinander, gebären überirdische Mütter die Erde, versteinern gewaltige Drachen zu Gebirgen oder finden vielfältig geartete kosmische Katastrophen statt. Das Alte Testament erzählt im Buch Genesis (oft einfach nur „1. Mose“ genannt) eine ganz andere Geschichte. Die Geschichte eines kreativen Gottes, der die Welt erschafft, weil er sie erschaffen will – weil er sich nach ihr und den Menschen sehnt. Und das Universum und die Geschöpfe, die dabei herauskommen, sind eben keine Zufallsprodukte, sondern das Ergebnis von Sehnsucht, Leidenschaft und der Lust am Leben. Gott entdeckt seine Freude am Erschaffen übrigens fast spielerisch, als er wieder einmal auf das düstere Urchaos schaut, das ihn am Anfang umgibt: Er macht nämlich einfach das Licht an. Und schon diese Veränderung gefällt ihm so gut, dass er wie in einem Rausch in sechs Tagen ein wirklich göttliches Meisterwerk erschafft: die Welt. Seine Welt, in der es aus lauter Begeisterung nicht nur Raum und Zeit, sondern auch Gestirne, Kontinente, Pflanzen, Fische, Vögel und Säugetiere gibt. Immer wieder stellt Gott dabei freudig fest, wie gelungen das alles ist, was da vor seinen Augen, allein durch seine Worte, Gestalt annimmt. Und um das Ganze zu vollenden, beschließt er in einer Art Selbstgespräch, dass er ein Wesen schaffen will, das ihm wirklich entspricht: den Menschen. Ein von Anfang an geliebtes Gegenüber, das in Symbiose mit der Schöpfung in einem paradiesischen Garten leben darf. Allerdings gibt es für diesen Menschen im Urzustand eine Einschränkung: Er weiß noch nicht, was gut und was böse ist. Weil Gott das erste Menschenpaar aber nicht entmündigen will, stellt er einen Baum auf, dessen Früchte tabu sind, so dass die beiden „Erdlinge“ sich frei entscheiden können, ob sie ihrem Schöpfer vertrauen oder nicht. Und natürlich tun sie es nicht. Angestachelt von einer hinterhältigen Schlange bekommen sie zum ersten Mal Angst,
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sie könnten mit dem, was sie haben, möglicherweise nicht auf ihre Kosten kommen – und beißen zu. Die Frage „Kann und will der Mensch seinem Schöpfer vertrauen?“ wird nach diesem so genannten „Sündenfall“ zum eigentlichen Leitmotiv der Bibel. Sie steht beim ersten Mord der biblischen Überlieferung im Hintergrund, sie beschäftigt die vielen Menschen, die von Gott berufen werden, besondere Aufgaben zu erfüllen, sie erklärt, warum Gott später selbst zu einem Menschen werden muss – und sie ist heute so brisant wie am ersten Tag im Paradies.
Tag 2 / Die Krone der Schöpfung LE S E P R O B E
MEDITATION Ich denke, also bin ich ziemlich unsicher, wer ich bin. Meine Gedanken ringen haltlos miteinander, weil sie in mir kein Zuhause finden: Wer bin ich? Bin ich der, für den mich alle halten? Aber wofür halten die mich eigentlich? Die einen und die anderen? Kennen die mich? Sie sagen mir: So bist du! So wirkst du! So sollst du sein! Und ich sitze da und denke: So bin ich nicht. Wer bin ich? Bin ich der, für den ich mich selbst halte? Aber wofür halte ich mich eigentlich? Gestern, heute oder morgen? Kenne ich mich? Ich sage mir: So bin ich! So wirke ich! So sollte ich sein!
Und ich sitze da und denke: So bin ich nicht. Wer bin ich? Immer wieder überrasche ich mich und erschrecke dabei zutiefst: Gerade dachte ich, ich hätte mich gefunden, da habe ich mich schon wieder verloren. Ich gleite mir aus dem Sinn. Wer ist das: Ich? Was ist das: Ich? Welche Grenzen und Möglichkeiten warten noch darauf, entdeckt zu werden? Und vielleicht, ich bin nicht sicher, aber vielleicht wartet da noch ein ganz anderer in mir auf mich: Ich! Ich denke, also bin ich ziemlich unsicher, wer ich bin. Wer bin ich? Ich ahne: An dieser Frage hängt eigentlich alles.
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Tag 5 / Vom Bösen ergriffen LE S E P R O B E
C ARTOON
WOCHE 1 / SCHÖPFUNG /
TAG 5 / VO M B Ö S E N E R G R I F F E N /
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1. BUCH MOSE / GENESIS 4 1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des herrn. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9 Da sprach der herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?
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Adam wurde mit Eva, seiner Frau, ganz eins. Da wurde Eva schwanger und brachte Kain zur Welt. Sie jubelte laut: „Mit Gottes Hilfe habe ich einen weiteren Menschen hervorgebracht.“ Wenig später wurde auch Abel geboren, sein Bruder. Abel wählte den Beruf des Hirten, Kain den des Bauern. Eines Tages nahm Kain nun einige Früchte von seinen Feldern und brachte sie Gott, um sich zu bedanken. Abel kam ebenfalls, weil er Gott die ersten Neugeborenen seiner Herde bringen wollte. Gott freute sich sehr über Abel und dessen Geschenke, aber Kain und sein Opfer sah er nicht einmal an. Da wurde Kain unglaublich wütend und blickte erbost auf den Boden. Gott fragte ihn: „Warum bist du so zornig? Warum senkst du deinen Blick? Wenn du ein reines Gewissen hast, dann kannst du doch erhobenen Hauptes dastehen. Wenn du aber mit dem Dasein haderst, dann wirst du der Sünde nicht widerstehen können. Du musst stärker sein als die Versuchung, die dich bedrängt.“ Später sagte Kain zu seinem Bruder Abel: „Komm, wir gehen zusammen aufs Feld!“ Und als sie dort hinkamen, griff Kain seinen Bruder an und schlug ihn tot.
10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 13 Kain aber sprach zu dem herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15 Aber der herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.
WOCHE 1 / SCHÖPFUNG /
Gott fragte Kain dann: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortete: „Was weiß ich? Muss ich etwa auf meinen Bruder aufpassen?“ „Weißt du eigentlich, was du da getan hast?“ schrie Gott, „ich sehe doch das Blut Abels auf der Erde. Hör mir gut zu! Ich verfluche dich und die Erde, die durch dich mit dem Blut deines Bruders getränkt wurde. Von nun an gilt: Wenn du den Acker bebaust, wird er keinen Ertrag mehr bringen, und du wirst ein heimatloser Flüchtling sein.“ Da flehte Kain zu Gott: „Die Strafe ist zu schwer, das kann niemand ertragen. Du vertreibst mich von meinem Acker, ich soll mich vor dir verbergen, und ich soll haltlos umherirren: Jeder, der mich sieht, wird mich einfach totschlagen.“ Gott erwiderte: „Das wird nicht passieren. Wenn jemand dich totschlägt, werde ich es siebenfach rächen.“ Und er kennzeichnete Kain mit einem Mal, das jedem deutlich machte, dass er unter Gottes Schutz stand. Kain aber lief davon, um Gottes Blicken zu entgehen, und wohnte jenseits von Eden im Osten, im Land Nod.
TAG 5 / VO M B Ö S E N E R G R I F F E N /
Auch heute beschäftigt uns ein Text aus der so genannten Urgeschichte. Zwei weitere, hoch interessante, muss ich leider auslassen: den über Noah und die Flut und den über den Turmbau zu Babel. Vielleicht haben Sie Lust, diese in Ihrer Bibel nachzulesen. Sie finden sie in Genesis in den Kapiteln 6 bis 8 und 11. Diese Texte beschreiben die Spirale der Schuld, in die sich der Mensch verstrickt, der sich von Gott losgelöst hat. Die in Genesis 3 angekündigten Konsequenzen des Abfalls von Gott werden samt und sonders Wirklichkeit; Gottes schlimme Erwartungen werden in gewisser Weise sogar noch übertroffen: Die Menschen bringen sich gegenseitig um (Kain und Abel), allgemeine Schlechtigkeit überzieht die Erde (Noah), ja die Menschen machen in ihrem unheilvollen Streben nicht einmal vor Gott halt, sondern versuchen, den Himmel zu erstürmen (Turmbau zu Babel). In all diesen Geschichten wird ein Dreifaches deutlich: Erstens: Das Menschenbild der Bibel ist ausgesprochen nüchtern. Die heute weit verbreitete Ansicht, dass der Mensch grundsätzlich gut sei, teilt die Bibel nicht. Freilich verfällt sie auch nicht in ein lamentierendes „Der Mensch ist schlecht“. Der Satz, der nach der Erschaffung des Menschen über die ganze Schöpfung gesprochen wird – „… und siehe, es war sehr gut“ (Genesis 1, 31) – wird nicht zurückgenommen. Ihm wird einige Kapitel später freilich ein anderer Satz an die Seite gestellt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (Genesis 8, 21) Auf Seite 43 hatte ich bereits erläutert, dass das Wort „böse“ im Hebräischen nicht das gleiche bedeutet wie im Deutschen. Gut heißt so viel wie „dem Leben dienlich“. Und böse so viel wie „dem Leben abträglich.“ Die Bibel konstatiert also ganz nüchtern, dass der Mensch von Kindheit an nach Dingen strebt, die dem Leben eher schaden als nutzen. Gründe dafür gibt es genug: Dummheit, Angst, Verblendung, Täuschung, falscher Stolz, Verbohrtheit, Eigendünkel, Gier, innere Verhärtung, Trägheit, Gleichgültigkeit und vieles andere mehr. Gleichzeitig ist der Mensch, wenn auch oft verzerrt und entstellt, immer noch das Ebenbild Gottes, das lieben kann, das sich nach Liebe sehnt, das durch Liebe verändert werden kann und das – zumindest dann und wann – zu echter Güte fähig ist. Zweitens: Die Verstrickung in die Sünde wird immer größer. Ich nenne das die „Spirale der Schuld“, die Tradition sagt dazu – durchaus missverständlich – „Erbsünde“. Das Leben des von Gott losgelösten Menschen ist gekennzeichnet von Misstrauen, Gier und Überheblichkeit. In der Folge kennzeichnen Angst, Schuld, Leid und Tod unsere Existenz. Aus diesem Mangel heraus schaffen die Menschen – immer größeren Mangel: Sie „lösen“ ihre Probleme, 48
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indem sie neue Probleme schaffen. Es fängt an mit der verbotenen Frucht. Es geht weiter mit Kains Brudermord. In Windeseile verbreiten sich Bosheit und Tücke über die ganze Welt, so dass Gott eine große Flut schickt. Aber auch der neue Anfang, den Gott mit Noah und seiner Familie setzt, geht schief. Am Ende rotten sich die Menschen zusammen, um einen Turm zu bauen und den Himmel zu erstürmen. Dem wehrt Gott, indem er den Turm zerstört und den Menschen die gemeinsame Sprache nimmt. Denn er weiß: Sie würden so nicht den Himmel auf die Erde holen, sondern Gewalt, Angst und Egoismus in den Himmel tragen. Damit aber wäre niemandem gedient. Drittens: Alle Sünde hat eine Tiefendimension. Wir versündigen uns nicht nur an unseren Mitmenschen, an unseren anderen Mitgeschöpfen oder an uns selbst, sondern gleichzeitig immer auch an Gott. Gott liebt seine Schöpfung; es ist, als hätte er in jedes einzelne Detail ein Stück seines Herzens gelegt. Beim Menschen können wir das definitiv sagen, schließlich lebt in uns ein Stück seines Bildes. Aber auch der Rest der Schöpfung ist ein „Herzwerk“ Gottes. Er hat sie mit Liebe gemacht und jede Verletzung, jede Ausbeutung und jeder Schmerz, den wir seiner Schöpfung zufügen, fügt Gott einen tiefen Schmerz zu. Jesus bringt das folgendermaßen auf den Punkt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25, 40). Dieser Satz gilt im Guten wie im Schlechten. Wenn wir unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen Gutes tun, tun wir auch Gott gut. Wenn wir ihnen hingegen Böses antun, zerreißt es Gott das Herz. Der Mensch, der sich an der Schöpfung vergreift, vergreift sich gleichzeitig an ihrem Schöpfer. Das zeigt auch die Geschichte von Kain und Abel. Kain und Abel Was uns über Kain und Abel erzählt wird, verläuft zunächst genau parallel. Beide stammen von den selben Eltern, beide üben einen soliden Beruf aus: Der eine ist Bauer, der andere Hirte. Beide treten an einen Altar, glauben also an Gott, und es wird auch nicht berichtet, dass die Qualität ihrer Opfer unterschiedlich gewesen wäre. Da ist also nichts, was Kain in irgendeiner Weise unsympathisch machen und von Abel unterscheiden würde. Doch auf einmal, ohne, dass das näher erklärt wird, heißt es dann plötzlich: „Gott freute sich sehr über Abel und dessen Geschenke, aber Kain und sein Opfer sah er nicht einmal an.“ Was ist der Grund für Gottes merkwürdige Reaktion? Es gibt tatsächlich einen großen Unterschied zwischen Kain und Abel. Wir finden ihn ganz am Anfang der Geschichte, bei der Namensgebung. Kain WOCHE 1 / SCHÖPFUNG /
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bedeutet so viel wie: „Ich habe einen Mann erworben“. Abel dagegen heißt: „Nichtigkeit, Hinfälligkeit“. Aus dem ersten Namen spricht der ganze Stolz der Eltern, aus dem zweiten – aus welchen Gründen auch immer – spricht Enttäuschung. Der jüngere Bruder scheint von Anfang an im Schatten des Älteren gestanden zu haben. Und so wächst Kain auf als einer, der das erste Recht für sich beansprucht. Der Wille zur Macht und zur Selbstbehauptung ist ihm von Kindheit an eine Selbstverständlichkeit. Er ist der Starke, Abel der Schwache. Abel ist für ihn kein Bruder im Sinne eines Partners, sondern nur der Statist. Auch Kain steht am Altar. Auch Kain möchte sich religiös an Gott binden und ihn auf seiner Seite wissen. Ja, wer weiß, ob er seine Vorrangstellung nicht sogar auf Gott selber zurückführt: Schließlich hilft Gott dem Tüchtigen. Es ist für Kain selbstverständlich, dass Gott mit ihm ist. Er hat keinerlei Probleme damit, dass es Bevorzugte Gottes in dieser Weltgeschichte gibt, weil er sich selbst dazu zählt. Aber plötzlich am Altar – fragen Sie mich nicht, wie! –, offenbart es sich, dass Gott in dieser Weltgeschichte gerade nicht den Stärkeren, sondern den Schwächeren bevorzugt. Vor Gott sind nicht alle Menschen gleich. Das hat Kain auch nie geglaubt, aber plötzlich muss er erkennen: Es ist der andere, es ist sein Bruder Abel, an dem Gott Wohlgefallen hat. Abel, das ist der Arme, der Kranke, der Flüchtling, der Ausländer, der Jude, der Behinderte, der wie auch immer Benachteiligte, der Unscheinbare; Abel ist alles andere als das, worauf wir in unserem Leben stolz sind. Doch gerade für Abel, gerade für das Schwache, zeigt Gott am Altar plötzlich seine Schwäche. Mit einem Mal gerät die von Kindheit an eingeübte Vormachtstellung Kains ins Wanken. Er spürt auf einmal, dass bei Gott ganz andere Maßstäbe gelten als bei uns. Kain ist der tüchtige Deutsche, der es zu etwas gebracht hat, Kain ist der aufrechte Protestant, der stolz auf sich sein kann, oder der gläubige Katholik, der immer alles richtig gemacht hat. Aber das alles und noch viel mehr, worauf wir so stolz sind, beeindruckt Gott nicht sonderlich. Abel jedoch, der aus der Armut, aus dem Leiden, aus der Krankheit und Verfolgung heraus sich immer noch an Gott bindet, obwohl ihm das keinen Gewinn verschafft, ihm immer noch Opfer bringt, als hätte er in seinem Leben noch nicht genug entbehren müssen – das macht auf Gott gewaltigen Eindruck! Verstehen wir, warum Kain so wütend wird? „Da sagte Kain zu seinem Bruder Abel: ‚Komm, wir gehen zusammen aufs Feld!‘ Und als sie dort hinkamen, griff Kain seinen Bruder an und schlug ihn tot.“ An dieser Stelle fällt es uns schwer, uns mit Kain zu identifizieren. Wenn es um das fünfte Gebot geht, halten wir uns für einigermaßen unangreifbar. 50
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Man kann über uns sagen, was man will, aber Mörder sind wir nicht! Doch Jesus sagt in seiner Bergpredigt, dass es keineswegs dessen bedarf, dass buchstäblich Blut vergossen wird, um andere Menschen zu „töten“. Auch wer seinem Bruder zürnt, ihn klein hält, ausschaltet, auspresst, fertig macht, an die Wand drückt oder aufs Kreuz legt, macht sich des fünften Gebotes schuldig (vgl. Matthäus 5, 22). Der Mord, das Ausschalten des missliebigen oder einfach nur störenden Mitmenschen, beginnt in unseren Herzen. Ja, unser Text gibt uns geradezu ein Kennwort an die Hand, das den Brudermord – wo und in welcher Gestalt versteckt er auch daherkommt – entlarvt: Als Kain antwortete: „Was weiß ich? Muss ich etwa auf meinen Bruder aufpassen?“, da hatte er schon keinen Bruder mehr, da hatte er ihn bereits umgebracht. Wo wir die Verantwortung für unseren Mitmenschen nicht mehr empfinden, da ist er in unserem Herzen bereits tot, vielleicht sogar schon buchstäblich. Vielleicht ist das die sublimste Form des Mordens, dass wir die Menschen in ihrer Not schon gar nicht mehr sehen. Dass wir die Augen vor dem verschließen, was der andere durchmacht, wonach er sich sehnt und was er braucht. Doch das Blut Abels schreit zum Himmel. Wir können uns unserer Verantwortung nicht mit einem patzigen „Was weiß ich?“ entziehen. Dennoch fällt das Urteil Gottes über Kain überraschend milde aus. Einerseits muss er die Konsequenzen seiner Tat tragen: Gottlos, heimatlos und brotlos muss er fortan sein Dasein fristen. Gott, Heimat und Brot fallen dem Menschen nicht mehr einfach so zu, er muss sie sich erkämpfen. Religion ist mühsam geworden; die Suche nach einem Platz im Leben, einer wirklichen Heimat, bleibt bei vielen unerfüllt; um Brot, um die elementare Absicherung des Lebens, muss man besorgt sein. Der Mensch ist und bleibt rastlos. Dennoch wendet sich Gott nicht von dem Menschen ab, der sich von ihm abgewandt hat. Er bleibt trotz der Untat Kains weiter mit ihm im Gespräch. Ja, mehr noch: Das berühmte Kainsmal ist nichts anderes als ein Segen (das Wort „Segen“ kommt aus dem Lateinischen „signare“ = kennzeichnen). Es soll den Verbrecher nicht brandmarken, es soll ihn schützen. Dies ist der erste Segen, den Gott nach dem Sündenfall über einen Menschen spricht. Auch mit Kain darf man nicht einfach machen, was man will; durch ein strenges Gesetz schützt Gott ihn und seine Nachkommen. Empören Sie sich nicht zu schnell über diesen Segen! Wir alle leben von nichts anderem als von dieser unverdienten Güte Gottes. So schickt Gott Kain zwar in das Land „Nod“, in das Land der Läuterung. Kain muss nun vollends „jenseits von Eden“ sein Dasein fristen, aber Gott segnet ihn und schützt ihn auf seinem langen Weg. WOCHE 1 / SCHÖPFUNG /
TAG 5 / VO M B Ö S E N E R G R I F F E N /
NACH - DENKEN
Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen. Albert Schweitzer
FR AGEN
b Mit wem können Sie sich eher identifizieren: mit Kain oder mit Abel? b Wenn Sie Ihre guten (lebensfördendern) und schlechten (lebensschädigenden) Taten auf die Schalen einer Waage verteilen würden, was hätte das Übergewicht? b Glauben Sie, dass zur Beurteilung unseres Lebens auch unsere Unterlassungen zählen? b Warum segnet Gott den Kain? Was will er damit bewirken? b Warum muss Kain trotzdem die Konsequenzen seines Handelns tragen und „gottlos, brotlos und heimatlos“ sein Dasein fristen?
ANREGUNG ZUM GEBET
Gut und Böse Teilen Sie eine Seite in zwei Spalten. Schreiben Sie bitte in die erste, wo Sie Gutes getan, das heißt Leben erhalten und gefördert haben. Schreiben Sie bitte in die zweite Spalte, wo Sie Gutes unterlassen oder Böses getan, das heißt Leben vernichtet, geschädigt oder gehemmt haben. Sprechen Sie mit Gott darüber und fragen Sie ihn, wo Sie in Ihrem Leben stärker zum Guten wirken können.
MERK VERS
Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Genesis 8, 21
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