Skip to main content

086023

Page 1

Jesus, wie das Neue Testament ihn sieht

6023_Jesus_03korr.indd 1

06.04.20 07:25


6023_Jesus_03korr.indd 2

06.04.20 07:25


JAMES D. G. DUNN

JESUS wie das Neue Testament ihn sieht

Aus dem Englischen von Adelheid und Georg Gäbel

6023_Jesus_03korr.indd 3

06.04.20 07:25


Die Deutsche Bibelgesellschaft ist eine kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts. Sie übersetzt die biblischen Schriften, entwickelt und verbreitet innovative Bibelausgaben und eröffnet für alle Menschen Zugänge zur Botschaft der Bibel. International verantwortet sie die wissenschaftlichen Bibelausgaben in den Ursprachen. Durch die Weltbibelhilfe unterstützt sie in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Bibelgesellschaften (United Bible Societies) weltweit die Übersetzung und Verbreitung der Bibel, damit alle Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen können. Weitere Informationen finden Sie unter www.die-bibel.de

Titel der englischen Originalausgabe: Jesus according to the New Testament, © 2019 James D. G. Dunn © 2020 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart ISBN 978-3-438-06023-5 Gestaltung und Satz: Marion Köster, Stuttgart Titelabbildung: iStock-481915201 © imamember Gesamtherstellung: Beltz, Bad Langensalza Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten www.die-bibel.de

6023_Jesus_03korr.indd 4

06.04.20 07:25


INHALT von Walter Klaiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

EINLEITUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

9

Jesus, wie er sich selbst sah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jesus in den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 3 Jesus im Johannesevangelium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 4 Jesus in der Apostelgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 5 Jesus in den Paulusbriefen: Teil 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 6 Jesus in den Paulusbriefen: Teil 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 7 Jesus im Hebräerbrief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 8 Jesus in den Briefen des Jakobus, Petrus, Johannes und Judas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KAPITEL 9 Jesus in der Offenbarung des Johannes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NACHWORT Jesus, wie wir ihn sehen … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

VORWORT

KAPITEL 1 KAPITEL 2

39 63 83 105 127 149 165 183 195

Wahrscheinliche Abfassungszeiten und -orte der Schriften des Neuen Testaments . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Leben und Wirken des Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

197 198

LITERATURVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

199

SACHREGISTER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . STELLENREGISTER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

200 205

ANHANG 1 ANHANG 2

6023_Jesus_03korr.indd 5

06.04.20 07:25


6023_Jesus_03korr.indd 6

06.04.20 07:25


7

VORWORT Wer war Jesus von Nazareth? Diese Frage findet bis heute sehr unterschiedliche Antworten. Manche halten Jesus für einen Weisheitslehrer, andere für einen gescheiterten Revolutionär. Für manche ist er ein Märtyrer der Wahrheit und der Liebe, für andere ein Enthusiast und Eiferer. Wer aber war er wirklich? Schon Jesus fragte seine Jünger: »Für wen halten mich die Leute?« Er bekommt eine Reihe positiver Auskünfte. Aber er fragt weiter: »Und ihr? Für wen haltet ihr mich?« Petrus antwortet: »Du bist der Christus, der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Matthäus 16,16). Und bis heute bekennt die Christenheit im Apostolischen Glaubensbekenntnis: »… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn«. Wer war, wer ist dieser Jesus? Manche sind der Meinung, die Antwort auf diese Frage könne nur aufgrund akribischer historischer Forschung gegeben werden. Man möchte versuchen, Jesu Wirken so zu rekonstruieren, wie das eine Überwachungskamera festgehalten hätte. Aber erstens ist das aus methodischen Gründen nicht möglich. Unsere Bilder der Vergangenheit werden immer davon bestimmt sein, wie wir unsere Forschungsinstrumente programmiert haben. Aber noch wichtiger ist ein zweiter Einwand: Zum Wesen einer Person gehört auch ihre Wirkung, also im Falle Jesu die Art, wie ihn seine Jünger und Jüngerinnen nach Kreuz und Auferstehung gesehen und erlebt haben. Professor James D. G. Dunn, der viele Jahre Neues Testament an der Universität Durham gelehrt hat, hat sich in seinem neuen Buch »Jesus, wie das Neue Testament ihn sieht« diesen Fragen gestellt. Er ist einer der bedeutendsten Neutestamentler unserer Tage, hat in der Debatte um die paulinische Rechtfertigungslehre entscheidende Akzente gesetzt und vor kurzem ein dreibändiges wissenschaftliches Werk über die Anfänge des Christentums vollendet. Sein neues Buch geht auf Vorträge zurück, die er in Chichester, England, gehalten hat. Es zeigt das breite Spektrum von Antworten auf, die schon im Neuen Testament auf die Frage: »Wer ist Jesus?« gegeben wurden. Dabei geht auch Dunn von der historischen Rückfrage aus, die klären will, was damals in Galiläa und Judäa wirklich geschehen ist und was das eigentliche Anliegen Jesu war. Er scheut dabei nicht vor kritischen Rückfragen an die Überlieferung der Evangelien zurück. Aber er zeigt zugleich

6023_Jesus_03korr.indd 7

06.04.20 07:25


8

überzeugend auf, dass diese eine Fülle zuverlässiger Informationen über Jesu Wirken und seine Botschaft enthalten. Aber damit begnügt Dunn sich nicht. Er zeigt, wie schon die drei ersten Evangelien zwar ein in vielem übereinstimmendes Bild der Wirksamkeit Jesu zeichnen, aber jedes von ihnen die Gestalt Jesu in einer eigenen Per­ spektive darstellt. Das gilt in besonderem Maße vom Johannesevangelium, das die Person Jesu theologisch so neu und intensiv deutet, dass Dunn am Schluss fast erschrocken fragt: Ist Johannes zu weit gegangen? Das aber führt zu Überlegungen, wie wichtig es sein kann, das Risiko einer solchen Neudeutung zu wagen. Es folgen Kapitel über Jesus nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte und zwei Kapitel über die Bedeutung Jesu bei Paulus. Dunn kommt dabei auf zentrale Themen der Theologie des Paulus, wie etwa die Interpretation seiner Rechtfertigungslehre, zu sprechen. Dem folgen Kapitel über Jesus im Hebräerbrief und in den übrigen Schriften des Neuen Testaments. Ihre Bedeutung als Zeugen für die Botschaft von Jesus Christus wird oft unterschätzt. Das gilt besonders für die priesterliche Funktion Jesu im Hebräerbrief und vom Jesusbild der Offenbarung des Johannes, dessen Andersartigkeit zu vielem, was sonst im Neuen Testament von Jesus gesagt wird, Dunn profiliert herausarbeitet. Ganz am Schluss aber steht eine kurze Nachschrift, die uns als Leserinnen und Leser herausfordert, darüber nachzudenken, wie unser Bild von Jesus aussieht. Es sind verschiedene Eigenschaften dieses Buches, die es lesenswert machen: Dunn hat die ganze wissenschaftliche Diskussion zu den Schriften des Neuen Testaments im Blick, aber er schreibt so, dass seine Ausführungen auch für Nichttheologen verständlich sind. Er nimmt bei vielen historischen Streitfragen eine eher moderate Position ein, aber er »harmonisiert« nicht. Er sieht in den unterschiedlichen Perspektiven auf Jesus einen Reichtum und eine wichtige wechselseitige Ergänzung, selbst dort, wo sie sich zu widersprechen scheinen. Vor allem lässt er die Texte selbst sprechen; wichtige Stellen werden nicht nur genannt, sondern übersichtlich abgedruckt. Und nicht zuletzt: Das Buch ist geprägt von einer Faszination von Jesus, gerade auch in den verschiedenen Aspekten, die sein Bild in den Schriften des Neuen Testaments gewinnt. Ich freue mich sehr, dass es nun auch in deutscher Übersetzung zugänglich ist.

6023_Jesus_03korr.indd 8

Bischof i. R. Dr. Walter Klaiber

06.04.20 07:25


9

EINLEITUNG Das Bistum Chichester, an der Südküste Englands gelegen, hat vor einigen Jahren eine großartige Tradition begründet. Am Anfang stand die Absicht, das Bistum jedes Jahr auf ein »Evangelium des Jahres« einzustimmen – zuerst auf Matthäus, dann auf Markus und schließlich auf Lukas. Nur das Johannesevangelium wurde nie »Evangelium des Jahres«, was ich etwas merkwürdig fand. So haben wir in Chichester schon nach drei Jahren wieder mit der Tradition gebrochen! Dann wandten wir uns als nächstes dem Johannesevangelium und danach Paulus zu. 2015 wurde ich zu Vorlesungen nach Canterbury eingeladen. Da kam mir der glückliche Einfall, meine Vorträge aus Chichester in einer überarbeiteten Fassung auch für Canterbury zugrunde zu legen. Im Zentrum sollte natürlich Jesus stehen – wobei die Herausforderung darin bestand, die unterschiedlichen Jesus-Darstellungen der einzelnen Evangelisten im Umriss herauszuarbeiten. Mir standen nur drei Vorlesungseinheiten zur Verfügung, und da die ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) einander sehr ähnlich sind, schien es sinnvoll, sie gemeinsam zu behandeln, so dass im gründlichen Vergleich die Besonderheiten jedes einzelnen Evangeliums herausgestellt werden konnten. Das Johannesevangelium war eigenständig genug, um in einer Einheit für sich behandelt zu werden. Eine dritte Vorlesungseinheit war also noch frei. Was hätte da besser sein können als ein Auftakt, der die Frage in den Mittelpunkt rückte: Was können wir über die Berichte, Erinnerungen und Traditionen von Jesus wissen, die hinter den Evangelien stehen? So entstand eine ganze Vorlesungsreihe: zuerst »Jesus über Jesus«, gefolgt von weiteren Einheiten über »Jesus nach Markus, Matthäus und Lukas« sowie schließlich »Jesus nach Johannes.« Mir schien, dass die Vorlesungen ihren Zweck erreichten: Sie entwarfen ein detailreiches, tiefenscharfes Bild der unverwechselbaren Merkmale jedes einzelnen Teils der Überlieferung und machten damit klar, in wie unterschiedlicher Weise Jesus in Erinnerung geblieben war und in wie vielfältiger Weise die frühen Christen seine Bedeutsamkeit gefeiert hatten. Dann kam der Gedanke auf: Warum sollte man diese Reihe nicht weiterführen? Dabei könnte man herausstellen, was für vielfältige Wirkungen Jesus ausgelöst hatte und welche zentrale Rolle er in den Schriften einnimmt, die zusammen das Neue Testament bilden. So entstanden also

6023_Jesus_03korr.indd 9

06.04.20 07:25


10

die Kapitel über »Jesus nach der Apostelgeschichte,« »Jesus nach Paulus« und alle übrigen Teile dieses Buches. Zu jeder neutestamentlichen Schrift musste ich auch eine Einführung geben. Doch die traditionellen »Einleitungsfragen« (wer hat was wann wo geschrieben?), die am Anfang von Kommentaren zu einzelnen neutestamentlichen Büchern behandelt werden, schienen mir größtenteils unnötig. Letztlich haben sie meist keine große Auswirkung darauf, was wir aus den neutestamentlichen Schriften selbst erfahren können. Sie erleichtern es allerdings, diese Schriften in ihre historischen Kontexte einzubetten, und tragen dadurch zum besseren Verständnis bei. Das gilt besonders da, wo durch die Kenntnis der historischen Situation Einzelheiten im Text erklärt werden können, die wir anderenfalls vielleicht missverstehen würden. Deshalb habe ich am Ende des Buches zwei Anhänge angefügt: Anhang 1 gibt an, wo und wann die neutestamentlichen Schriften (nach der Meinung vieler Wissenschaftler) entstanden sind. Nur weil es dabei in vielen Fällen Unsicherheiten gibt, sollten wir doch nicht übersehen, dass die Texte, um die es hier geht, jeweils zu einer bestimmten Zeit und als Reaktion auf bestimmte Bedürfnisse verfasst worden sind. Daneben gebe ich in Anhang 2 einen Überblick über die wahrscheinliche Chronologie und den historischen Kontext des missionarischen Wirkens und der Schriften des Paulus. Unter den Autoren, die zum Entstehen des Neuen Testaments beigetragen haben, steht er an erster Stelle, und über sein missionarisches Wirken und seine Briefe sind wir besser unterrichtet als über das Leben und Wirken aller anderen Verfasser neutestamentlicher Schriften. Danach entstand eine weitere Idee: Warum sollten wir auf dem eingeschlagenen Weg nicht weiter fortfahren? Die Geschichte Jesu und die Reaktionen auf ihn hören ja auch nicht mit dem Neuen Testament auf ! Aber man hätte zwei und noch mehr Bände daraus machen müssen, hätte man das Projekt bis ins zweite Jahrhundert und darüber hinaus fortführen wollen, mit Kapiteln über »Jesus nach Ignatius von Antiochien«, »Jesus nach Augustinus« oder »Jesus nach Martin Luther«. Und ich musste zugeben, dass mir die Kenntnisse fehlen, die erforderlich wären, um diesen Autoren der Vergangenheit und ihren Ausführungen über Jesus gerecht zu werden. Ich dachte auch noch über ein abschließendes Kapitel nach, das Beiträge von Freunden aus unserer Ortsgemeinde enthalten sollte. Hier hätten wir alle – mich selbst eingeschlossen – unser eigenes kurzes Zeugnis anfügen können – »Ich über Jesus.« Doch dann gewann ich den Eindruck, es könnte recht eitel und arrogant wirken, wenn wir unsere eigenen kurzen Beiträge

6023_Jesus_03korr.indd 10

06.04.20 07:25


11

neben die der neutestamentlichen Autoren stellten. So ließ ich auch diese Idee wieder fallen, wenn auch nicht ohne Bedauern. Und doch: Wenn dieses Buch Menschen anspricht, gibt es gar keinen Grund, warum nicht noch weitere Bände folgen sollten – die dann allerdings andere schreiben müssten; Autoren, die besser als ich in der Lage sind, das Zeugnis bedeutender Christen durch die Jahrhunderte zu erschließen. Und es gibt auch keinen Grund, warum sich nicht noch ein weiterer Band mit kurzen Zeugnissen heutiger Jünger Jesu anschließen sollte. Schließlich verdanken wir alles, was wir über Jesus wissen, dem persönlichen Zeugnis der Menschen, die ihm als seine engsten Vertrauten nachgefolgt sind. Für Christen aber ist Jesus keine bloße Gestalt der Vergangenheit. Die Christen, die jetzt leben, sind ja die Jünger von heute. Warum sollten wir die Geschichte Jesu dann nicht auch bis in die Gegenwart weiterführen, so dass ganz normale Christen bezeugen können, was für sie das Anziehende, Faszinierende und Interessante an Jesus ist? Wie wäre es damit?!

6023_Jesus_03korr.indd 11

06.04.20 07:25


6023_Jesus_03korr.indd 12

06.04.20 07:25


E R ST E S K A P I T E L

JESUS, WIE ER SICH SELBST SAH Können wir begründet annehmen, dass wir Jesu eigene Botschaft und sein eigenes Selbstverständnis historisch erschließen können? John Meier zweifelt nicht daran – sein fünfbändiges Werk »A Marginal Jew: Rethinking the Historical Jesus« bietet eine klare und bis ins einzelne ausgearbeitete Antwort.1 Vielleicht ist eine kürzere Antwort aber auch hilfreich. Sie erleichtert es, die Aufmerksamkeit auf die entscheidenden Einsichten zu konzentrieren. Diese erlauben es, ebenso zuversichtlich von der Wirkung zu sprechen, die Jesus auf andere ausgeübt hat, wie von seinem eigenen Verständnis seiner Sendung. Das Nächstliegende ist es daher, wenn wir uns bei unserem Vorgehen auf die besonderen Merkmale der frühchristlichen Erinnerung an Jesus konzentrieren, so wie sie von den ersten Evangelisten2 festgehalten wurde. Auf den folgenden Seiten wollen wir das in dreierlei Weise tun: Wir untersuchen, was Jesus lehrte, betrachten besondere Merkmale seines Wirkens und erörtern schließlich sein eigenes Selbstverständnis.3

1 John P. Meier, A Marginal Jew: Rethinking the Historical Jesus, 5 Bände, New Haven 1991– 2016. 2 Die Autoren der Evangelien werden oft »Evangelisten« genannt. 3 Ich habe mich bei den Fußnoten auf ein Minimum beschränkt. Eine ausführlichere Darlegung findet sich in: James D. G. Dunn, Jesus Remembered (Band 1 von Christianity in the Making), Grand Rapids 2003. Der Inhalt dieses Kapitels ist eine Überarbeitung jener früheren Arbeit.

6023_Jesus_03korr.indd 13

06.04.20 07:25


14 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

WAS JESUS LEHRTE Es gibt eine ganze Reihe von Schwerpunkten und Kernanliegen, von denen wir mit einiger Sicherheit sagen können, dass die ersten Jünger Jesu sie Jesus zugeschrieben haben.

DAS LIEBESGEBOT Das Liebesgebot wird von den ersten drei Evangelien als Summe der Gebote Gottes festgehalten. 4 Da hier alle drei im Wesentlichen übereinstimmen, brauchen wir nur die Markus-Fassung zu zitieren: »Ein Schriftgelehrter … fragte ihn: ›Welches Gebot ist das wichtigste von allen?‹ Jesus antwortete: ›Das wichtigste Gebot ist dieses: Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen … Das zweite ist: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.‹« (Mk 12,28–31)5 Das erste Zitat kommt aus Dtn 6,5, dem grundlegenden Glaubensbekenntnis Israels. Für die Menschen, die als erste die Jesustradition gehört und verbreitet haben, kann das nicht überraschend gewesen sein. Dagegen dürfte sie das zweite der genannten Gebote zunächst überrascht haben. Es kommt nämlich von einer viel weniger bekannten und seltener angeführten Stelle der Tora: Lev 19,18. In der frühjüdischen Theologie spielt diese Stelle eine geringere Rolle als die erste. Innerhalb eines Abschnitts, der zu einem größeren Zusammenhang über persönliche Beziehungen und Verpflichtungen gehört, bildet Lev 19,18 den dritten Teil. »Wenn du etwas gegen deinen Bruder oder deine Schwester hast, dann trage deinen Groll nicht mit dir herum. Rede offen mit ihnen darüber, sonst machst du dich schuldig. Räche dich nicht an deinem Mitmenschen und trage niemand etwas nach. Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Ich bin der Herr!« (Lev 19,17–18). Diese Hochschätzung von Lev 19,18c ist ungewöhnlich. Die Stelle wird hier als zweites von zwei Geboten herangezogen, die das ganze Gesetz Gottes zusammenfassen. Ausdrückliche Bezüge auf Lev 19,18 fehlen in der jü-

4 Mk 12,28–31 // ​Mt 22,35–40 // ​Lk 10,25–28. 5 Biblische Zitate sind in aller Regel der BasisBibel oder der Gute Nachricht Bibel (gelegentlich auch der Lutherbibel) entnommen bzw. an den Wortlaut dieser Übersetzungen angelehnt und, wo nötig, an den Kontext angepasst.

6023_Jesus_03korr.indd 14

06.04.20 07:25


Jesus

15

dischen Literatur vor Jesus, und die Anspielungen, die es gibt, heben die Stelle in keiner Weiser hervor – allerdings wird später Rabbi Akiba (frühes zweites Jh. nach Christus) die Meinung zugeschrieben, dass Lev 19,18 das höchste allgemeine Prinzip der Tora darstellt. 6 In der frühesten Geschichte der Christenheit wird dem Gebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« 7 besondere Bedeutung zugeschrieben, und das ist offensichtlich dem Einfluss der Lehre Jesu zuzuschreiben. Es scheint daher nicht unangemessen, wenn man schlussfolgert, dass sich eben dieser Einfluss auch in der ganz ähnlichen Betonung des Gebotes durch Akiba niedergeschlagen hat. Mit Sicherheit können wir jedenfalls sagen, dass die Hochschätzung von Lev 19,18c als zweites der beiden Gebote, die das Gesetz allgemeingültig zusammenfassen, Jesus zuzuschreiben ist und damit deutlich seinen Einfluss bezeugt.

DER VORRANG DER ARMEN Der Vorrang der Armen fällt an einigen Stellen der Evangelien besonders auf. Jesu Antwort an den reichen jungen Mann, der alle Gebote beachtet hatte, dem aber eines fehlte, ist berühmt geworden: »Geh los. Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. So wirst du unverlierbaren Reichtum im Himmel haben.« (Mk 10,21 parr.). Ähnlich steht es mit Jesu Lob der armen Witwe: Aus seiner Sicht hatte sie mit ihrer Spende von zwei Kupfermünzen für den Tempelschatz »alles hergegeben, was sie besaß – alles, was sie selbst zum Leben brauchte« (Mk 12,42–44 // ​Lk 21,2–4). Als Johannes der Täufer Jesus fragt, ob Jesus die Erfüllung der (messianischen) Erwartung sei, ist der Höhepunkt der Antwort Jesu, dass »Armen … die Gute Nachricht verkündet« wird (Mt 11,5 // ​Lk 7,22). Bemerkenswert ist auch, wie Lukas seinen Bericht vom Wirken Jesu beginnt. Er erzählt, dass Jesus in der Synagoge von Nazareth die Lesung aus Jesaja 61 vorträgt: »Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Das ist mein Auftrag: Den Armen soll ich die Gute Nachricht bringen« (Lk 4,18). Genauso markant ist die lukanische Version der Seligpreisungen, deren erste lautet: »Glückselig seid ihr, die ihr arm seid. Denn euch gehört das Reich Gottes.« (Lk 6,20; eine interessante Variante dazu finden wir in der Fassung des Matthäus: »Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind« [Mt 5,3]). Es sollte uns also nicht überraschen, dass sich ein wesentliches Element des 6 Sifra zu Lev 19,18. 7 Röm 13,8–10; Gal 5,14; Jak 2,8; Did 1,2; 2,7; Barn 19,5; EvThom 25.

6023_Jesus_03korr.indd 15

06.04.20 07:25


16 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

Evangeliums für Lukas gerade darin zeigt, dass es eine Gute Nachricht für die Armen ist. Die Armen, die Lahmen und die Blinden sollen zu einem großen Fest geladen werden (Lk 14,13.21); Zachäus zeigt, dass er für das von Gott kommende Heil bereit ist, indem er sein halbes Vermögen den Armen gibt (Lk 19,8). Natürlich wird schon im Gesetz Israels selbst immer wieder der Vorrang der Armen deutlich betont (z. B. Dtn 15,11). Es kann aber als sicher gelten, dass die besondere Hinwendung zu den Armen, die so typisch für die ersten Christen ist, auf den von Jesus gesetzten Schwerpunkt zurückgeht. Das gleiche gilt für die schon in der Frühzeit belegte Fürsorge der Jünger für die armen Witwen in der Jerusalemer Gemeinde, die zur Gründung der ersten richtiggehenden christlichen Organisation führte (Apg 6,1–6). Die umfassende Sorge für die Armen, die Jakobus an den Tag legt, atmet den gleichen Geist (Jak 2,2–6). Der gleiche Eindruck entsteht auch durch die Übereinkunft des Jerusalemer Apostelkonzils – wonach Heidenchristen nicht beschnitten werden müssen –, deren einzige weitere Bestimmung lautet, »an die Armen zu denken«. Paulus sagt dazu: »Und ich habe mich bemüht, genau das zu tun« (Gal 2,10). Warum für Paulus die Hilfe für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem so wichtig war, kann jetzt auch kaum mehr unklar sein. Er setzte für sie eine besondere Kollekte in den Gemeinden an, die er gegründet hatte, und war bereit, sein Leben zu riskieren, um diese Kollekte nach Jerusalem zu bringen.8 Wir dürfen aufgrund dieser breit belegten Nachwirkung als sicher annehmen, dass ein Schwerpunkt Jesu die Fürsorge für die Armen war und dass die ersten Christen das von Jesus gelernt haben.

SÜNDER WILLKOMMEN Jesus ist den Menschen, die in religiösen Kreisen als inakzeptabel galten, mit Offenheit begegnet. Dieses besondere Merkmal seines Wirkens hat seine religiösen Zeitgenossen überrascht und schockiert. Die ersten drei Evangelien erzählen, dass unter anderem dieser Aspekt von Jesu Verhalten von den »Gerechten« kritisiert wurde. Markus berichtet recht früh in seiner Darstellung, dass Jesus mit seiner Bereitschaft, »mit Sündern und Zolleinnehmern« zu essen, Anstoß erregte. »Warum tut er das?«, beschwerten sich Pharisäer und Schriftgelehrte. Jesu berühmte Antwort darauf lautet: »Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin 8 Röm 15,25–31; 2.Kor 8–9.

6023_Jesus_03korr.indd 16

06.04.20 07:25


Jesus

17

nicht gekommen, um die Gerechten zur Umkehr zu rufen, sondern die Menschen, die voller Schuld sind« (Mk 2,16–17 parr.; Lukas fügt hinzu »Sie sollen zu Gott umkehren«, Lk 5,32). Matthäus und Lukas (Q)9 halten später einen ähnlichen Kritikpunkt fest: »Seht doch: Dieser Mensch ist ein Vielfraß und Säufer. Er ist befreundet mit den Zolleinnehmern und mit Menschen, die voller Schuld sind« (Mt 11,19 // ​Lk 7,34). Aber wieder ist es Lukas, der diesen Aspekt des Handelns Jesu besonders betont. Er hält fest, dass Jesus deswegen wiederholt kritisiert wird: »Mit solchen Menschen [d. h. Zolleinnehmer und andere Menschen, die ein Leben voller Schuld führten] gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!« (Lk 15,2). Auf diese Kritik antwortet Jesus mit den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Silbergroschen: Natürlich sucht der Hirt das verlorene Schaf und sucht die Frau den Groschen, bis beide das Verlorene gefunden haben (Lk 15,3–10). Nur Lukas bietet die Beispielerzählung, in der die Gebete des Pharisäers und des Zolleinnehmers einander gegenübergestellt werden. Der Zolleinnehmer betet: »Gott, vergib mir! Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist« – und sein Gebet wird erhört (Lk 18,9–14). Und nur Lukas erzählt die Geschichte, in der Jesus ein Gast des »obersten Zolleinnehmers« Zachäus ist – trotz der Kritik, dass Zachäus »ein Sünder« ist. Schließlich versichert Jesus, dass das Heil zum Haus des Zachäus gekommen ist, weil auch Zachäus ein Sohn Abrahams ist, und damit endet die Erzählung (Lk 19,1–10). Es überrascht also nicht, dass Paulus das Evangelium im Sinne einer großen Umkehrung der religiösen Verhältnisse zusammenfassen konnte: Gottes Liebe gilt den Sündern. »Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist – und zwar damals, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). »Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen gerieten alle Menschen in die Gewalt der Sünde. Ebenso werden auch durch den Gehorsam eines Einzigen alle Menschen vor Gott als gerecht gelten« (Röm 5,19). Es ist Paulus, der das Evangelium konsequent zu Ende gedacht hat: Wenn die Heiden als »Sünder« einzuordnen sind, dann muss natürlich auch ihnen das Evangelium gelten, weil ja die Rechtfertigung durch den Glauben an Christus kommt und nicht durch die Erfüllung des Gesetzes (Gal 2,15–17). Es lässt sich kaum bezweifeln, dass diese Erweiterung des Geltungsbereichs des Evangeliums (für die Heiden ebenso wie für die Juden) ein unmittelbares Resultat der Einsicht war, dass die Gute Nachricht, die Jesus gebracht hatte, vorrangig den Sündern gilt. 9 Als »Q« bezeichnet man eine der Quellen, die Matthäus und Lukas benutzt haben. Näheres zu Q findet sich im zweiten Kapitel.

6023_Jesus_03korr.indd 17

06.04.20 07:25


18 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

OFFENHEIT FÜR DIE HEIDEN Mit der Berufung seiner Jünger gab Jesus ihnen auch Anteil an seiner eigenen Sendung: »Nehmt keinen Weg, der zu den Heiden führt! Und geht in keine Stadt, die den Samaritern gehört! Sondern geht zu den verlorenen Schafen: den Menschen, die zum Volk Israel gehören!« (Mt 10,5–6). Das wirft die Frage auf, ob Jesus selbst den Heiden offen begegnet ist. Matthäus stellt die angeführte Episode aber faktisch nur als eine (vorläufige) Phase im Wirken Jesu dar. Aufs Ganze gesehen sucht er dagegen überwiegend herauszustellen, dass das Evangelium in den Augen Jesu auch den Heiden gilt. Als einziger Evangelist führt Matthäus Jes 42,1–4 als eine der alttestamentlichen Prophetien an, die Jesus erfüllt hat. Diese Prophetie gipfelt in der Erwartung, dass »die Heiden ihre Hoffnung auf ihn [Christus] setzen« werden (Mt 12,21). Das Matthäusevangelium ergänzt den Bericht von der Heilung des Dieners des römischen Hauptmanns durch die Ankündigung Jesu: »Viele werden aus Ost und West kommen. Sie werden mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch liegen. Aber die Erben des Reiches werden hinausgeworfen in die völlige Finsternis« (Mt 8,11–12). Matthäus ist es auch, der sein Evangelium mit dem Auftrag Jesu an die Apostel beschließt: »Geht nun hin zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern und Jüngerinnen« (Mt 28,19). Deshalb können wir sicher sein, dass Matthäus ganz im Einklang mit der Überzeugung der frühen Christen stand, nach der das Evangelium auch den Heiden gilt, und dass diese Überzeugung in voller Übereinstimmung mit Jesus und seiner Predigt sowie mit seiner Erwartung während seines irdischen Wirkens stand.10

FRAUEN UNTER DEN ENGSTEN ANHÄNGERN Markus beschließt seinen Bericht über Jesu Kreuzigung und Tod merkwürdigerweise mit dem Hinweis, dass am Rand der Menge Frauen zuschauten, Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jakobus des Jüngeren und des Joses, sowie Salome, die Jesus in Galiläa gefolgt war und ihm gedient hatte. »Außer ihnen waren noch viele andere Frauen da, die mit Jesus nach Jerusalem gezogen waren« (Mk 15,40–41).11 Dabei besteht die Merkwürdigkeit natürlich u. a. darin, dass anscheinend sämtliche männliche Jünger Jesus zu

10 Die vergleichbare Stelle im Johannesevangelium steht in Joh 12,20–26; allerdings wird das Argument hier nicht so deutlich. 11 Die Parallelen bei Matthäus und Lukas sind weniger vollständig (Mt 27,55–56 und Lk 23,49).

6023_Jesus_03korr.indd 18

06.04.20 07:25


Jesus

19

eben diesem Zeitpunkt verlassen hatten – obwohl Johannes ergänzt, dass »der Jünger, den er [Jesus] besonders liebte«, bei den Frauen war (Joh 19,25– 27). Zuvor berichten Lukas und Johannes in anrührenden Erzählungen davon, dass Jesus den Schwestern Maria und Martha nahe stand (Lk 10,38– 42; Joh 11). Matthäus und Johannes berichten auch eigens, dass einige der ersten Erscheinungen des Auferstandenen am (zu dieser Zeit bereits leeren) Grab Jesu insbesondere Maria Magdalena zuteil wurden.12 Keine dieser Erscheinungen wird in der Liste der Erscheinungen des Auferstanden erwähnt, auf die Paulus in 1. Kor 15,3–8 zurückgreift und die wir als autoritativ überliefert betrachten können. Darin sollten wir aber wohl nur einen Hinweis darauf sehen, dass der Zeugenaussage von Frauen nicht das gleiche Gewicht zugestanden wurde wie der von Männern. Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass Matthäus und Johannes dennoch die Erscheinungen vor Maria Magdalena besonders hervorheben. Dieses Zeugnis musste von den Zeitgenossen Jesu als schockierend empfunden werden. Gerade das könnte aber durchaus dazu beigetragen haben, dass es überliefert wurde und in die schriftlich fixierten Evangelien Eingang fand. Das erinnert uns daran, dass Frauen einen wichtigen Teil der Jüngerschaft Jesu bildeten und in ihr eine entscheidende Rolle spielten. Sollten wir hier nicht auch einen Zusammenhang mit der wichtigen Rolle erkennen, die Frauen unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Paulus spielten? Der frühere Pharisäer Paulus war zuvor der jüdischen Tradition und ihrer Bewahrung verpflichtet gewesen – und dazu gehörte auch der untergeordnete Status der Frau. Dass nach seiner Bekehrung zu seinen engen Kollegen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen viele Frauen gehörten – knapp über 20 Prozent13 –, ist doch wohl als Hinweis auf den oft unerwähnt bleibenden Einfluss zu betrachten, den die Erinnerung an Jesu Wirken auf Paulus ausgeübt haben muss.

OFFENHEIT FÜR KINDER Das zu diesem Thema wesentliche Ereignis wird in den drei ersten Evangelien erzählt; es steht in Mk 10,13–16 parr. Halten wir fest, dass die Jünger Jesu, wie alle drei Synoptiker berichten, die Menschen zurechtwiesen, die Kinder zu Jesus brachten, damit er sie segnen sollte. Jesus selbst reagierte

12 Mt 27,55–56; Joh 20,11–18. 13 Siehe James D. G. Dunn, Beginning from Jerusalem (Band 2 von Christianity in the ­Making), Grand Rapids 2009, 571.

6023_Jesus_03korr.indd 19

06.04.20 07:25


20 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

ungehalten: »Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da.« (Mk 10,14). Markus und Lukas ergänzen den Ausspruch Jesu: »Amen, das sage ich euch: Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen« (Mk 10,15 // ​Lk 18,17). 14 Jesus hat auch auf die persönlichen Beziehungen zwischen seinen Jüngern einen erheblichen Einfluss ausgeübt. Deshalb können wir seinen Einfluss vermutlich auch in den sogenannten »Haustafeln« entdecken, jenen Anweisungen für das Zusammenleben im »Haus«, die in den späteren Paulusbriefen enthalten sind. 15 Solche »Haustafeln« waren damals weithin üblich. Es fällt aber auf, dass die paulinischen Ermahnungen von der Annahme ausgehen, dass Kinder und Sklaven vollgültige Mitglieder der christlichen Gemeinschaft sind und unmittelbar angesprochen werden können oder sollten. Es ist wohl kaum eine Überbeanspruchung solcher Belege, wenn wir daraus schließen, dass sich auch hierin der bleibende Einfluss des Wirkens Jesu auf seine Jünger niederschlägt.

DIE SPEISEGEBOTE WERDEN GELOCKERT Hier geht es um einen der bemerkenswertesten Züge im Wirken Jesu, nicht zuletzt deshalb, weil er in so scharfem Gegensatz zu dem traditionellen jüdischen Anliegen der Reinheit steht. Es überrascht also nicht, dass Markus und Matthäus das Thema ausführlich behandeln (Mk 7,1–23 // ​Mt 15,1–20). Die Auseinandersetzung beginnt mit der Kritik eines Pharisäers daran, dass die Jünger Jesu »mit unreinen Händen Brot aßen – das heißt: ihre Hände waren ungewaschen.« Das griechische Wort, das hier verwendet wird (­koinos = »gemein, gewöhnlich«), will die spezifisch jüdische Vorstellung des Profanen, Unreinen, Befleckten wiedergeben. 16 Jesus antwortet mit einem Jesaja-Zitat (29,13): »Dieses Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber im Herzen ist es weit weg von mir. Ihre ganze Verehrung ist sinnlos. Denn die Lehren, die sie verbreiten, sind Gebote von Menschen.« Und daraus zieht er die ungemein kritische Schlussfolgerung: »Gottes Gebote schiebt ihr beiseite und haltet an Vorschriften von Menschen fest« (Mk 7,6–8). Die Jesustradition wird sowohl bei Markus als auch bei Matthäus fortgeführt. Das traditionelle jüdische Verständnis der Reinheit wird weiter in Frage gestellt (Mt 15,10–20 // ​Mk 7,14–23). Die matthäische Fassung

14 Matthäus bietet eine Version des Spruches an früherer Stelle (Mt 18,3). 15 Eph 6,1–9; Kol 3,18–4,1. 16 Vgl. Dunn, Jesus Remembered, 571 Anm. 123.

6023_Jesus_03korr.indd 20

06.04.20 07:25


Jesus

21

der Tradition begnügt sich damit, einen hart kontrastierenden Vergleich zwischen innerer und äußerer Reinheit anzustellen: »Nicht das, was ein Mensch durch den Mund in sich aufnimmt, macht ihn unrein. Sondern das, was aus dem Mund herauskommt, macht ihn unrein« (Mt 15,11).17 Bei Markus ist diese Lehre schärfer formuliert: »Nicht das, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen. Sondern das, was aus dem Menschen herauskommt, macht den Menschen unrein« (Mk 7,15). Die Erklärung, die Jesus anschließend gibt, zeigt: Als Lehre Jesu war in Erinnerung geblieben, dass das, was in eine Person hineingeht, sie nicht verunreinigen kann. Markus verdeutlicht das durch den Zusatz: »Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein« (Mk 7,18–19). Von Paulus wissen wir, dass das Thema der reinen und unreinen Speisen später in der Heidenmission an Bedeutung gewann. Es stellte sich nun die Frage, ob Jesu Nachfolger Fleisch essen durften, das den Götzen geopfert worden war (und das war auf antiken Fleischmärkten die übliche Bezugsquelle).18 Die Empfehlung des Paulus war klar: »Nichts ist von sich aus unrein. Unrein ist es nur für den, der es dafür hält« (Röm 14,14). Hier lässt sich eine faszinierende Beobachtung machen: In der markinischen Fassung der Lehre Jesu von der Reinheit der Speisen scheint sich die deutliche Bekräftigung durch Paulus widerzuspiegeln. Mit anderen Worten: Gerade an dieser Stelle können wir beobachten, wie die Prioritäten, die Jesus gesetzt hatte, von Paulus weiter bedacht wurden – und wie dann die Schlussfolgerungen, die Paulus daraus zog, wiederum auf die Erinnerung an Jesu Lehre zurückwirkten.

DAS LETZTE ABENDMAHL ODER HERRENMAHL Wir wollten uns einen Überblick darüber verschaffen, was die Christen von Jesus gelernt haben. Abschließend sollten wir nicht die zentrale Bedeutung übersehen, die das letzte Mahl, das Jesus vor seinem Tod mit seinen Jüngern gefeiert hat, in der Erinnerung und im Leben der ersten Christen gewann. Die ersten drei Evangelien zeigen, wie wichtig dieses besondere Zusammensein mit Jesus für seine Jünger war (Mk 14,22–25 parr.). Wir wissen nicht, wie oft das Herrenmahl in den ersten Jahrzehnten der Christenheit gefeiert wurde. Aber auch Paulus macht klar, dass die gemeinsame Mahl17 Matthäus und Lukas (Q) erinnern sich auch daran, dass Jesus Pharisäern vorgeworfen hat, dass sie äußere Reinheit für wichtiger halten als innere (Mt 23,25–26 // ​ Lk 11,39–41). 18 Röm 14,1–15,6; 1. Kor 8–10.

6023_Jesus_03korr.indd 21

06.04.20 07:25


22 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

zeit, die mit dem Brechen des Brotes begann (»Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird«) und mit dem Trinken aus dem Kelch abgeschlossen wurde (»Dieser Becher steht für den neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Er kommt zustande durch mein Blut«), ausdrücklich als eine heilige Erinnerung festgehalten wurde, die Jesus selbst begründet hatte (1. Kor 11,23–26). Darin ist wie nirgends sonst zusammengefasst, wie tief der christliche Glaube in Jesu eigenem Wirken verwurzelt ist, das zu seinem Tod führte. Erstaunlich viel von dem, was den ersten Christen wichtig war, kann man unmittelbar auf den Einfluss von Jesu eigenem Wirken und Lehren zurückführen.

BESONDERE MERKMALE DES WIRKENS JESU Die Aufmerksamkeit der Jesusforschung galt während großer Teile des zwanzigsten Jahrhunderts – im Grunde sogar während des ganz überwiegenden Teils – in erster Linie der Frage, was die ersten Christen über Jesus dachten. Überraschend wenig Aufmerksamkeit und Interesse galt dagegen der Wirkung, die Jesus selbst ausgelöst hat. Und das führte so weit, dass man ohne weiteres meinte schließen zu dürfen, man könne heute nur noch wenig über den historischen Jesus und seine Lehre erkennen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass Jesus auf seine frühesten Jünger eine Wirkung ausgeübt hat und dass diese Wirkung in der Jesustradition deutlich fassbar ist. Diese Überlegung bietet sich der historischen Rückfrage als ein so naheliegender Ausgangspunkt an, dass eine Forschung, die unsere Fähigkeit abstreitet, glaubwürdig von Jesu Lehre und seinem Wirken zu sprechen, als übermäßig skeptisch und voreingenommen gelten muss. Wir haben schon angemerkt, dass vieles von dem, was wir im frühesten Christentum beobachten, zuversichtlich auf den Einfluss des Verhaltens und der Lehre Jesu zurückgeführt werden kann. Dem ist jetzt die nicht unwichtige Tatsache hinzuzufügen, dass das Wirken Jesu besondere Merkmale aufweist, die in den Berichten deutlich hervortreten und von denen man plausiblerweise nicht sagen kann, sie seien erst aus der rückblickenden Beurteilung seines Wirkens erwachsen.

6023_Jesus_03korr.indd 22

06.04.20 07:25


Jesus

23

DAS REICH GOTTES Liest man die drei ersten Evangelien, dann legt sich ganz selbstverständlich die Schlussfolgerung nahe, dass die Verkündigung des Reiches Gottes das wichtigste Merkmal der Botschaft Jesu war. Markus leitet die Predigt Jesu mit eben dieser Begrifflichkeit ein und fasst sie damit zugleich zusammen: »Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich wird sichtbar in der Welt. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht« (Mk 1,15). Matthäus und Lukas fassen die Predigt Jesu mit denselben Begriffen zusammen: Jesus »zog durch ganz Galiläa … und verkündete die Gute Nachricht vom Reich« (Mt 4,23). Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Ich muss auch den anderen Städten die Gute Nachricht vom Reich Gottes verkünden« (Lk 4,43). Als Jesus seine Jünger aussandte, sollten sie die gleiche Botschaft verkünden: »Das Himmelreich wird sichtbar in der Welt!« (Mt 10,7 // ​Lk 10,9). Ein bemerkenswertes Beispiel für Jesu Predigt vom Reich Gottes ist die erste Seligpreisung: »Glückselig seid ihr, die ihr arm seid. Denn euch gehört das Reich Gottes« (Lk 6,20 // ​Mt 5,3). Auffallend ist auch Jesu Behauptung, dass seine Heilungen selbst schon ein Ausdruck des Reiches Gottes sind: »Wenn mir aber Gottes Geist hilft, die Dämonen auszutreiben: Dann ist das Reich Gottes doch schon zu euch gekommen!« (Mt 12,28 // ​Lk 11,20). Die Gleichnisse Jesu von der Königsherrschaft Gottes sind ebenfalls erwähnenswert, etwa »das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn« (Mk 4,31 parr.). Es ist also ohne weiteres zu erkennen, dass der Inhalt der Botschaft Jesu in der Rede vom Reich Gottes zusammengefasst werden kann. Das Reich Gottes ist nicht nur in Zukunft zu erwarten, sondern es tritt in Jesu Wirken schon gegenwärtig in Erscheinung. Das Reich Gottes (oder das Himmelreich, wie Matthäus es gern nennt) wird über 50 Mal in der Tradition erwähnt, die den ersten drei schriftlich vorliegenden Evangelien gemeinsam ist. Umso erstaunlicher ist, dass die Rede vom Reich Gottes in den späteren Schriften nur noch ganz selten vorkommt. Paulus greift z. B. das Motiv des »Erbens« des Reiches Gottes auf.19 Dass seine Verkündigung aber vom Gedanken des gegenwärtig lebendigen Reiches Gottes geprägt ist, kann man – anders als bei der Verkündigung Jesu – nicht behaupten.20 Und im Johannesevangelium verweist Jesus nur in einer Perikope (Joh 3,3.5) auf das Reich Gottes, was im Vergleich mit den anderen Evangelien überrascht. Allerdings berichtet Johannes auch davon, dass Jesus sich im Prozess vor Pilatus auf »mein Reich« bezieht (Joh 18,36). Aus diesen Beobachtungen er19 1. Kor 6,9; 15,10; Gal 5,21; Eph 5,5. 20 Röm 14,7; 1. Kor 4,20; Kol 1,13.

6023_Jesus_03korr.indd 23

06.04.20 07:25


24 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

gibt sich die Schlussfolgerung: Es muss als höchst unwahrscheinlich gelten, dass die Betonung des Reiches Gottes erst in der Erinnerung und späteren Überarbeitung in die Jesustradition eingetragen wurde, weil in jener späteren Zeit ein ausgeprägtes Interesse an diesem Thema bestanden hätte. Viel plausibler ist die Annahme, dass die Betonung, die Jesus auf die Rede vom Reich Gottes gelegt hatte, sich später bei seinen Jüngern abschwächte. Ein Grund dafür ist möglicherweise, dass es im Römischen Reich als bedrohlich betrachtet werden konnte, wenn jemand ein anderes Reich propagierte – denn das Römische Reich reagierte empfindlich, wenn es seine Autorität bedroht sah. Jesu Verkündigung des Reiches Gottes war ein Thema, das im Reich Caesars nicht entfaltet werden durfte.

LEHRER In der Jesustradition ist »Lehrer« die verbreitetste Bezeichnung Jesu. Sie begegnet fast 50 Mal. Die Parallele zwischen Jesus und seinen Jüngern einerseits und Rabbinen und deren Schülern andererseits ist allerdings begrenzt. Schon allein die Tatsache, dass Jesu unmittelbare Nachfolger als seine »Schüler« (mathētēs, von manthanein, »lernen«) bezeichnet wurden, verweist eindeutig darauf, dass Jesus weithin als Lehrer galt, dessen Jünger ihm nachfolgten, um von ihm zu lernen.21 Und tatsächlich blieb in Erinnerung, dass Jesus gelegentlich als »Rabbi« oder »Rabbuni« angeredet worden war.22 Matthäus erinnert sich darüber hinaus, dass auch Jesus selbst sein Verhältnis zu seinen Jüngern in diesen Kategorien verstanden hat (Mt 10,24–25 // ​ Lk 6,40). Von seinem Auftreten als Lehrer war unter anderem die erstaunliche Autorität in Erinnerung geblieben, mit der Jesus lehrte. Gerade mit der Autorität seiner Lehre, so erinnerte man sich, hatte er Verwunderung und Infragestellung provoziert. Bezeichnenderweise verbindet etwa Markus Jesu Lehre mit seinen Exorzismen und machtvollen Taten: »Was geschieht hier? Seine Lehre ist neu. In ihr zeigt sich Gottes Macht. Er gibt den bösen Geistern Befehle und sie gehorchen ihm« (Mk 1,27). »Wo hat er das her? Woher hat er solche Weisheit bekommen? Und wieso geschehen durch seine Hände solche Wunder?« (Mk 6,2). Die Abgesandten des Hohen Priesters fragten

21 Mathētēs (Jünger) ist ein in den Evangelien häufig verwendetes Wort – dreiundsiebzig Vorkommen bei Matthäus, sechsundvierzig bei Markus, siebenunddreißig bei Lukas und achtundsiebzig bei Johannes. 22 Mk 9,5; 10,51; 11,21; 14,45; Mt 26,25; Joh 1,38.49; 3,2; 4,31; 6,25; 9,2; 11,8.

6023_Jesus_03korr.indd 24

06.04.20 07:25


Jesus

25

ihn: »Mit welchem Recht trittst du so auf ? Oder wer hat dir die Vollmacht gegeben, so aufzutreten?« (Mk 11,28 parr.). Diese Überraschung, ja selbst Skepsis wird verständlich, wenn man bedenkt, dass Jesus keine regelrechte Schulung genossen hatte, was vermutlich auch weithin bekannt war. Es ist daher umso erstaunlicher, dass in den frühesten Gemeinden die Hochschätzung Jesu als Lehrer nicht in gleichem Maße beibehalten wurde. Gewiss, Jesus war den frühesten Gemeinden als weit mehr in Erinnerung geblieben als ein bloßer Lehrer. Gerade deshalb ist aber die Behauptung umso unglaubwürdiger, die Hinweise auf Jesus als »Lehrer« seien erst im Nachhinein in die Jesustradition eingetragen worden. Dass Jesus zur Zeit seines Wirkens weithin als Lehrer bekannt war, gehört zu den historisch am besten gesicherten Zügen der Jesustradition.

JESUS LEHRT IN GLEICHNISSEN Dass Jesus Gleichnisse erzählte, war für sein Wirken besonders charakteristisch. Es war im damaligen Judentum nicht allgemein üblich, die Lehrtradition mit Hilfe von Geschichten, Beispielen oder Gleichnissen weiterzugeben. Deshalb fällt es besonders auf, dass Markus am Ende seiner Gleichnissammlung (Mk 4,1–32) seine Darstellung so zusammenfasst: »In vielen solchen Gleichnissen verkündete Jesus seine Botschaft, damit die Menschen sie verstehen konnten. Ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen. Aber wenn er mit seinen Jüngern alleine war, erklärte er ihnen alles.« (Mk 4,33–34 // ​Mt 13,34). Nicht weniger als vierundsechzig Gleichnisse werden Jesus in der Tradition, die den synoptischen Evangelien gemeinsam ist, zugeschrieben – manche kommen in allen synoptischen Evangelien vor, z. B. die vom Sämann (Mk 4,1–9.13–20 parr.) und von den bösen Weinbauern (Mk 12,1–12 parr.); manche kommen vermutlich in der Tradition vor, die Matthäus und Lukas zugrunde liegt, z. B. das Gleichnis vom anvertrautem Geld (Mt 25,14–30 // ​Lk 19,11–27); manche sind matthäisches Sondergut, z. B. das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1– 16) und das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1– 13); mehr als ein Drittel ist nur bei Lukas belegt. Dazu gehören einige der bekanntesten wie die vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37), vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Silbergroschen, vom verlorenen Sohn (Lk 15,1–32), vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31) und vom Pharisäer und Zolleinnehmer (Lk 18,9–14). Man kann also mit guten Gründen davon ausgehen, dass Jesus ein Gleichniserzähler war.

6023_Jesus_03korr.indd 25

06.04.20 07:25


26 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

Keiner seiner Jünger und auch keine andere Gestalt der frühesten Kirchengeschichte ist neben Jesus als Gleichniserzähler in Erinnerung geblieben. Das ist im Vergleich auffällig. Man erinnert sich z. B. an die plastischen Analogien des Paulus – der Olivenbaum mit den aufgepfropften Zweigen ist ein Beispiel (Röm 11,17–24) –, aber als Gleichniserzähler ist er nicht in die Geschichte des frühen Christentums eingegangen. Johannes zeigt bemerkenswerterweise kein Bemühen, Jesus als Gleichniserzähler darzustellen; die »Ich-bin«-Worte, besonders »Ich bin der wahre Weinstock« (Joh 15,1), kommen Gleichnissen noch am nächsten. Man kann also schwerlich behaupten, die Darstellung Jesu als Gleichniserzähler sei ein Anachronismus, den die ersten Christen oder die drei ersten Evangelisten in die Jesustradition eingetragen hätten. Naheliegend ist vielmehr nur die Annahme, dass man sich an Jesus gern als jemand erinnerte, der in seiner Lehre typischerweise mit Gleichnissen arbeitete. Seine Gleichnisse machten auf seine Jünger einen bleibenden Eindruck – auch wenn Jesus damit kein Lehrmodell entwickelt hat, das seine Jünger später beibehielten.

JESUS TREIBT BÖSE GEISTER AUS Offenkundig gehörten Exorzismen zu den herausragendsten Merkmalen des Wirkens Jesu. Wir können z. B. beobachten, dass Jesus beschuldigt wurde, dass der »Höchste der Dämonen [ihm] hilft …, andere Dämonen auszutreiben« (Mk 3,22 parr.). Darauf antwortete Jesus: »Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn die Machthaber eines Staates miteinander im Streit liegen, kann dieser Staat nicht bestehen. Und wenn eine Familie miteinander im Streit liegt, kann diese Familie nicht bestehen. Wenn sich also der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich im Streit liegt, kann er nicht bestehen und es ist aus mit ihm. Ebenso kann kein Einbrecher einem kräftigen Mann seinen Besitz rauben, wenn er ihn nicht vorher fesselt. Dann kann er ihm das ganze Haus ausrauben« (Mk 3,23–27 parr.). Hier fügen sowohl Matthäus als auch Lukas sehr passend eine Stelle aus der von beiden benutzten Quelle ein: »Und wenn Beelzebul mir hilft, die Dämonen auszutreiben: Wer hilft dann eigentlich euren Anhängern, sie auszutreiben? Deshalb werden eure eigenen Leute eure Richter sein. Wenn mir aber Gottes Geist hilft, die Dämonen auszutreiben: Dann ist das Reich Gottes doch schon zu euch gekommen!« (Mt 12,27–28 // ​Lk 11,19–20). Hier ist also deutlich belegt, dass Jesus weithin als Exorzist angesehen wurde.23 23 Mt 9,32–34; 17,18; Mk 1,34.39; 7,26–30; Lk 4,33–35.41; 8,27–38; 9,42; 11,14–15; 13,32.

6023_Jesus_03korr.indd 26

06.04.20 07:25


Jesus

27

Die ersten drei Evangelien berichten auch, dass Jesus seine Jünger ausgesandt hat, um zu predigen und Dämonen auszutreiben. 24 Überraschenderweise25 waren sie bei dieser Mission anscheinend ebenso erfolgreich wie Jesus selbst (Lk 10,17). Umso erstaunlicher ist es also, dass Exorzismen in der frühen Kirche überhaupt nicht mehr vorkommen. Das Wort daimonion (»Dämon« oder »böser Geist«) kommt 67 Mal in der Markus, Matthäus und Lukas gemeinsamen Tradition vor, aber nur sechsmal bei Johannes, danach nur mehr gelegentlich; Exorzismen als solche werden dagegen nicht mehr erwähnt.26 Offenbar haben die ersten Christen entweder gar keine Exorzismen vollzogen, obwohl Jesus ihnen dabei als Vorbild hätte dienen können, oder sie trieben Dämonen aus, hielten es aber nicht für wichtig, das auch zu dokumentieren. So oder so – man kann schlicht nicht behaupten, Jesu Wirken als Exorzist sei zur Gänze nachträglich in die Jesustradition eingetragen worden. Auch hier dürfen wir uns sicher sein, dass Jesus als erfolgreicher Exorzist bekannt war und dass man sich auch später an ihn als erfolgreichen Exorzisten erinnerte.

BESCHRÄNKUNG AUF GALILÄA Beim Vergleich des Johannesevangeliums mit den drei ersten Evangelien fällt eine Reihe von merkwürdigen Unterschieden auf. Nahezu unübersehbar ist dabei etwa, dass große Teile der johanneischen Darstellung des Wirkens Jesu im Süden spielen, in Judäa und Jerusalem. Markus, Matthäus und Lukas erzählen die Geschichte des Wirkens Jesu klar und folgerichtig: Jesus wird von Johannes in Judäa getauft; als Johannes verhaftet und ins Gefängnis gebracht wird, zieht Jesus sich in den Norden, nach Galiläa, zurück (Mk 1,14 parr.). Während des größten Teils seiner Wirksamkeit hält er sich dort auf. Erst nach dem Bekenntnis des Petrus, dass Jesus der Messias ist,27 »begann Jesus seinen Jüngern zu erklären: ›Ich muss nach Jerusalem gehen. Dort muss ich viel erleiden‹« (Mt 16,21). Lukas erzählt die gleiche Geschichte: »Die Tage kamen näher, an denen Jesus die Welt verlassen und in den Himmel aufgenommen werden sollte. Da nahm Jesus sein Ziel fest in den Blick und machte sich auf den Weg nach Jerusalem« (Lk 9,51). Und ge24 Mk 3,15; 6,7–13 parr. 25 Vgl. Mk 9,18 parr. 26 Außerhalb der ersten drei Evangelien ist (als alternative Formulierung) die Rede von Personen, die von »unreinen Geistern« besessen waren; das kommt jedoch nur in Apg 5,16; 8,7 vor. 27 »Messias« (griechisch christos) ist der Titel des ersehnten Erlösers Israels.

6023_Jesus_03korr.indd 27

06.04.20 07:25


28 JESUS, WIE DAS NEUE TESTAMENT IHN SIEHT

meinhin besteht Einigkeit darüber, dass der Anfang der Passionserzählung beim Einzug Jesu in Jerusalem anzusetzen ist (Mk 11,1–10 parr.). Dagegen lässt Johannes Jesus mehrere Male während seines Wirkens hinauf nach Jerusalem ziehen. Johannes erzählt, dass Jesus schon in einer frühen Phase seines Wirkens »den Tempel gereinigt« hat (Joh 2,13–22). Darauf folgt sein Gespräch mit Nikodemus. Zu dieser Zeit hält Jesus sich noch in Jerusalem auf (Joh 2,23–3,10). Jesus verweilt einige Zeit in Judäa und wirkt auch erfolgreich in Samarien (Joh 3,22–4,42). Darauf folgt eine offenbar kurze Episode in Galiläa (Joh 4,43–54). Im fünften Kapitel ist Jesus wieder in Jerusalem, aber im sechsten Kapitel ist er dann plötzlich wieder in Galiläa und hält die lange Rede über das Brot des Lebens. Kurz danach geht er allerdings wiederum hinauf nach Jerusalem (Joh 7,10) und kehrt danach erstaunlicherweise nicht wieder nach Galiläa zurück. Diese Darstellung überrascht; Johannes betont das noch, indem er erwähnt, dass sich die Menge in Jerusalem nicht vorstellen konnte, dass aus Galiläa etwas Gutes kommen sollte (Joh 7,41.52). Es ist nicht schwer zu erkennen, wie die Unterschiede zwischen den ersten drei Evangelien und Johannes entstanden sind. Markus hat als erster ein »Evangelium« verfasst (Mk 1,1) und – aus welchem Grund auch immer – beschlossen, sich dabei auf Jesu Wirken in Galiläa zu konzentrieren und seine Reise nach Jerusalem mit dem Verrat durch Judas, Jesu Kreuzigung und seiner Auferstehung als Höhepunkt darzustellen. Darin sind ihm Matthäus und Lukas gefolgt, die beide Markus als Vorlage benutzt haben. Johannes gibt dagegen zu erkennen, dass Jesus in Wirklichkeit schon früher nach Jerusalem gereist war, um die jährlichen Feste mitzufeiern, und das noch vor seiner letzten Reise nach Jerusalem, die dann in seiner Passion gipfelte. Die Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass Johannes die Tempelreinigung an den Anfang des Wirkens Jesu legt – vermutlich als eines der »Zeichen«, mit denen er das Wirken Jesu charakterisieren will (Joh 2,18– 22). Vielleicht dürfen wir das als einen Hinweis auf die eigenständige Darstellung des Johannesevangeliums werten: In seinem Bestreben, die Bedeutung des Wirkens Jesu herauszuarbeiten, geht der vierte Evangelist bewusst anders vor als die früheren Evangelisten; er weiß sich weniger als sie an historische Details gebunden. Wie dem auch sei – jede der beiden Darstellungsweisen arbeitet charakteristische Merkmale des Wirkens Jesu heraus, wie sie in je unterschiedlicher Weise in Erinnerung geblieben waren.

6023_Jesus_03korr.indd 28

06.04.20 07:25


Jesus

29

UNTERWERFUNG UNTER DIE AUTORITÄT DES HOHENPRIESTERS UND DES HOHEN RATES Halten wir hier zunächst einfach fest: Jesus hat sich, de facto aus freien Stücken, von den Machthabern in Jerusalem gefangen nehmen lassen – so haben es seine Nachfolger in Erinnerung behalten. Schon im vorigen Abschnitt haben wir uns ja eine wichtige Gemeinsamkeit im Aufbau der drei ersten Evangelien vor Augen geführt: Sie alle machen Jesu Entscheidung, nach Jerusalem zu ziehen, zum Wendepunkt ihrer Erzählungen seiner Geschichte. Markus bereitet das erzählerisch vor. Er bietet eine Reihe von aufeinander folgenden Leidensweissagungen Jesu, die sich durch mehrere Kapitel hindurchziehen 28 (die Kapiteleinteilung ist natürlich ein späterer Zusatz). Die dritte Ankündigung ist besonders deutlich: »Dort wird der Menschensohn den führenden Priestern und Schriftgelehrten ausgeliefert. Sie werden ihn zum Tod verurteilen und ihn an die Heiden ausliefern … Die werden ihn verspotten und anspucken, ihn auspeitschen und töten. Aber nach drei Tagen wird er vom Tod auferstehen« (Mk 10,33–34). Es ist auffällig und kann als weitere charakteristische Besonderheit des Wirkens Jesu gewertet werden, dass er freiwillig und bewusst auf Verrat und Tod zuging. Deutlich anders hatte er sich noch nach der Hinrichtung Johannes des Täufers durch Herodes verhalten: Damals war er der drohenden Gefahr ausgewichen (Mt 14,13 parr.). Die Evangelisten lassen ihre Darstellung der Guten Nachricht mit der Taufe Jesu durch Johannes beginnen, der bald darauf hingerichtet wurde; schon früh streuen sie warnende Hinweise ein (so z.B. Mk 3,6). So kündigen sie schon zu Beginn den Höhepunkt an, auf den ihre Berichte zulaufen: Jesus unterwarf sich den römischen und jüdischen Behörden in Jerusalem. Die Evangelien geben Jesu Weg und Geschick damit zutreffend wieder. Man hat sie daher mit Recht als »Passionserzählungen mit erweiterter Einleitung«29 bezeichnet. Wir können unschwer erkennen, dass die beschriebenen Aspekte tatsächlich bezeichnende, unterscheidende Merkmale des Wirkens Jesu darstellen. Keines dieser Merkmale wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Jesustradition eingetragen; vielmehr hatten die Jünger sie tatsächlich in Erinnerung behalten, weil sie eine bleibende Wirkung bei ihnen hervorgerufen hatten. Damit standen die wesentlichen Elemente bereit, auf die die Jünger in ihren Erzählungen über das Wirken Jesu zurückgreifen ­konnten. 28 Mk 8,31; 9,31; 10,33–34. 29 Vgl. die Ausführungen zu Martin Kähler im nächsten Kapitel.

6023_Jesus_03korr.indd 29

06.04.20 07:25


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
086023 by Fontis-Shop - Issuu