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Hebräische Bibel und Altes Testament

Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen

Aus dem Englischen übersetzt von Claus-Jürgen Thornton

Die Deutsche Bibelgesellschaft ist eine kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts. Sie übersetzt die biblischen Schriften, entwickelt und verbreitet innovative Bibelausgaben und eröffnet für alle Menschen Zugänge zur Botschaft der Bibel. International verantwortet sie die wissenschaftlichen Bibelausgaben in den Ursprachen. Durch die Weltbibelhilfe unterstützt sie in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Bibelgesellschaften (United Bible Societies) weltweit die Übersetzung und Verbreitung der Bibel, damit alle Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen können. Weitere Informationen finden Sie unter www.die-bibel.de

ISBN 978-3-438-05494-4

Titel der Originalausgabe: Amy-Jill Levine / Marc Zvi Brettler, The Bible With and Without Jesus: How Jews and Christians Read the Same Stories Differently © 2020 HarperCollins Publishers, New York/USA

Deutsche Erstausgabe (Published by arrangement with HarperOne, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.):

Amy-Jill Levine / Marc Zvi Brettler, Hebräische Bibel und Altes Testament. Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen © 2024 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Gestaltung und Satz: Marion Köster, Stuttgart

Titelbild: Abraham et les trois anges, 1961-66, Musée national Marc Chagall, Nice, (Ausschnitt)

Bildnachweis: bpk / RMN - Grand Palais / Adrien Didierjean, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

All rights reserved

Im Gedenken an unsere Eltern Miriam und Sidney Brettler, Anne und Saul Levine

Die Weisen lehrten: »Drei Partner sind an der Erschaffung des Menschen beteiligt: der Heilige, gepriesen sei Er, der Vater und die Mutter.« (b. Nidda 31a)

Die deutsche Ausgabe dieses Buches wäre nicht ohne finanzielle Unterstützung möglich gewesen. Die Deutsche Bibelgesellschaft dankt herzlich denen, die das Projekt mit einem großzügigen Zuschuss gefördert haben:

Stuttgarter Lehrhaus. Stiftung für interreligiösen Dialog

Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Landeskirchlicher Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog

Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland. Referat für christlich-jüdischen Dialog der Nordkirche

Vorwort zur Originalausgabe

DAS TITELBILD UNSERES BUCHES,  Marc Chagalls Abraham und die drei Engel (1966), lässt den Leserinnen und Lesern die Wahl zwischen mehreren Interpretationen. Manche sehen darin eine Anspielung auf Genesis 18, die Geschichte von den drei Engeln oder Boten, die Abraham und Sara erscheinen und ankündigen, dass Sara, die schon in den Wechseljahren ist, bald auf wundersame Weise einen Sohn gebären wird. Für diese Leser und Leserinnen mag das Bild an ein Hauptthema der Bibel erinnern, das in der eindringlichen Frage des Textes zum Ausdruck kommt: »Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?« (Gen 18,14) Wer sich mit jüdischer Bibelauslegung auskennt, fühlt sich vielleicht an die Tradition von Abraham als Vorbild der Gastfreundschaft erinnert, der täglich »an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war« (Gen 18,1), um die Passanten zu begrüßen und ihnen Wasser und Essen zu bieten, damit sie sich erfrischen konnten, ehe sie ihre Reise fortsetzten. Christliche Leser könnten sich auf das Mahl konzentrieren, das die Eucharistie darstellt, oder auf die Heiligenscheine der Engel, eine typische Darstellung in der christlichen Kunst, und dieses Gemälde als Erinnerung an frühere christliche Darstellungen dieser Szene betrachten, in denen die Heiligenscheine darauf hinweisen, dass diese drei engelhaften Besucher die Heilige Dreifaltigkeit sind. Um die Sache noch komplizierter zu machen: Was bedeutet es, dass der Jude Chagall diese Szene aus der Hebräischen Bibel unter Verwendung von Bildern gemalt hat, die für orthodoxe Ikonen charakteristisch sind, insbesondere für Andrei Rubljows Dreifaltigkeitsikone?

Wir sind der Meinung, dass alle diese Perspektiven – die biblische, die jüdische und die christliche – wichtig sind, und alle sind notwendigerweise partiell. Die Antworten, die wir erhalten, die Interpretationen, die wir entwickeln, hängen alle von den Fragen ab, die wir stellen, von den Erfahrungen, die wir mitbringen, und von den Vorlieben, die wir haben.

Die vielfältigen Interpretationen des Bildes von Chagall unterstreichen die Absicht dieses Buches. Der Titel lautet nicht Die Bibel mit oder ohne Jesus, sondern Die Bibel mit und ohne Jesus. 1 Dieser Titel bietet drei Themen, die uns gleichermaßen am Herzen liegen: Bibel, mit Jesus und ohne Jesus. Wir behaupten nicht, dass nur eine Lesart der Genesis oder eines anderen Textes in der Hebräischen Bibel, dem Tanach oder dem Alten Testament richtig sei. Die Fragen, die wir an den Text stellen, werden mehrere Antworten hervorbringen, die sich manchmal gegenseitig ausschließen, manchmal einander ergänzen und sogar wechselseitig verstärken. Wir fragen nicht nur: ›Was bedeutete dieser Text in seinem ursprünglichen Kontext – zur Zeit, als der Autor der Genesis die Geschichte schrieb?‹ Wir fragen auch nicht nur: ›Was bedeutet Genesis 18 in einem christlichen Kontext – mit Jesus?‹ Auch konzentrieren wir uns nicht nur auf die verschiedenen Lesarten der alten Schriften im nachbiblischen jüdischen Kontext – ohne Jesus. Vielmehr versuchen wir, diese verschiedenen Interpretationen in einen Dialog zu bringen; denn ein solcher Dialog hilft uns zu verstehen, warum wir beim Lesen desselben Textes oder beim Betrachten desselben Gemäldes zu so unterschiedlichen Ansichten kommen. Je besser wir mit den Augen unserer Nachbarn sehen können, desto besser sind wir in der Lage, gute Nachbarn zu sein. Je besser wir den historischen Rahmen der Originaltexte kennen, so gut wir ihn bestimmen können, desto besser können wir erkennen, wie die Texte von dem antiken Publikum, das sie zuerst hörte, interpretiert worden sein könnten. Und je mehr wir über das historische Umfeld derjenigen wissen, die die biblischen Texte interpretiert haben, desto besser verstehen wir unsere eigenen religiösen Traditionen und die unserer Nachbarn.

1 [Der englische Originaltitel des Buches lautet: The Bible with and without Jesus.]

Diese vielschichtige Perspektive ergibt sich aus unserer Unterrichtserfahrung. Sowohl in unseren Lehrveranstaltungen als auch bei unseren verschiedenen Weiterbildungskursen in Kirchen und Synagogen sind wir auf Menschen gestoßen, die nur eine begrenzte Sicht auf ihre eigenen Traditionen und eine noch begrenztere auf die Interpretationen in anderen Religionsgemeinschaften haben. Wir haben nicht nur Ignoranz, sondern auch Antipathie gegenüber den Ansichten ihrer Nachbarn festgestellt. Wir sind vielen Christen begegnet, die sich über den Wert des ›Alten‹ Testaments wundern, das ihrer Meinung nach einen ›alttestamentlichen Gott des Zorns‹ im Gegensatz zum ›neutestamentlichen Gott der Liebe‹ verkündet oder das ihrer Meinung nach eher das Gesetz (das sie als negativ ansehen) als die Gnade (die sie als Inbegriff des Positiven ansehen) darstellt. Und wir sind häufig auf ein jüdisches Publikum gestoßen, das das ›Neue‹ Testament bestenfalls als irrelevant, wenn nicht gar als Vereinnahmung, ja Entstellung des von Juden für Juden geschriebenen Tanach empfindet. Beide Haltungen sind bedauerlich: Ignoranz gegenüber der Tradition des Anderen ist kein Segen. Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der wir es uns nicht leisten können, die Perspektive der anderen zu ignorieren oder sie gar als ›anders‹ wahrzunehmen.

Wir haben uns daher zusammengetan, um zehn bekannte Textabschnitte oder Themen aus den Schriften Israels zu untersuchen, die für das Neue Testament wichtig sind. Wir, das sind ein Wissenschaftler, der vorwiegend die Hebräische Bibel/das Alte Testament/den Tanach erforscht (Brettler), und eine Wissenschaftlerin, die vorwiegend das Neue Testament erforscht (Levine). Beide beschäftigen wir uns mit der ›Rezeptionsgeschichte‹ – der Interpretation dieser Texte durch die Gemeinschaften, denen sie heilig sind. Jedes unserer zentralen Kapitel stellt drei Fragen: Was hat der Text in seinem ursprünglichen Kontext im alten Israel bedeutet? Wie interpretieren die neutestamentlichen Autoren diesen Text? Und wie werden dieselben Texte später verstanden – von den nachbiblischen Juden zur Zeit Jesu (z.B. die Schriftrollen vom Toten Meer, der Historiker Josephus aus dem ersten Jahrhundert und der Philosoph Philo aus dem ersten Jahrhundert) über die rabbinische und mittelalterlich-jüdische Tradition und die späteren christlichen Traditionen?

In unseren Kapiteln wird deutlich, wie unterschiedlich verschiedene Gemeinschaften ein und denselben Stoff interpretieren. Für Juden zum Beispiel geht es im Buch Jona (hauptsächlich) um die Kraft der Umkehr, und die nachbiblische Tradition findet in dem kurzen Buch auch viel Humor; für Christen hingegen ist es ein Buch (hauptsächlich) über die Auferstehung Jesu am dritten Tag, und daran ist nichts Lustiges. In anderen Fällen ist ein bestimmtes Thema oder ein bestimmter Text für eine Gemeinschaft wichtig und für eine andere relativ unwichtig. So sind beispielsweise Jesajas Darstellungen des Gottesknechts, der manchmal auch als ›leidender Knecht‹ bezeichnet wird, für das Christentum von zentraler Bedeutung, was sich bereits im Neuen Testament widerspiegelt; doch die meisten Juden kennen dieses Bild nicht. Tatsächlich sind eine Reihe von Versen, die für das Neue Testament und die aktuelle christliche Theologie von enormer Bedeutung sind, den jüdischen Lesern praktisch unbekannt, ebenso wie die jüdischen Auslegungen (und es gibt in der Regel mehrere Auslegungen desselben Verses oder Abschnitts) den Christen im Allgemeinen unbekannt sind. So ist das vorliegende Buch zum Teil ein Akt der Neugewinnung, damit wir alle besser mit Bibelstellen vertraut werden, die Juden und Christen gemeinsam haben, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung.

Als Bibelwissenschaftler betrachten wir es als unsere Pflicht, diese Texte und ihre Deutungen sorgsam zu erläutern und in einem verständnisvollen Licht darzustellen. Es geht uns nicht darum vorzuführen, inwiefern die eine Lesart richtig und die andere falsch sei. Vielmehr wollen wir aufzeigen, wie sich diese Auslegungen entwickelt haben, welchen Sinn sie angesichts der theologischen Voraussetzungen ihrer Autoren und ihres ursprünglichen Publikums haben und dass sie notwendigerweise unvollständig/partiell sind.

Wir wollen auch veranschaulichen, inwiefern Übersetzung eine Rolle spielt: Die Lektüre des hebräischen Originals, der vorchristlichen griechischen Übersetzung (der Septuaginta) und verschiedener englischer Fassungen vermittelt ganz unterschiedliche Eindrücke. Die Übersetzer wählen – manchmal bewusst und oft unbewusst – Lesarten, die den Bedürfnissen ihrer eigenen Religionsgemeinschaft entsprechen. Beispielsweise werden wir bei der Untersuchung der allerersten Geschichte der Bibel erläutern, wie in Genesis 1,2 sowohl von

einem ›mächtigen Wind‹ als auch vom ›Geist Gottes‹, der über der Tiefe schwebt, die Rede sein kann. Wir werden sehen, dass Jesaja 7 von einer schwangeren jungen Frau, einer bald (auf dem üblichen Wege) schwanger werdenden jungen Frau oder einer Jungfrau, die zugleich schwanger ist, sprechen könnte.

Schließlich fragen wir, in Anerkennung der polemischen Implikationen einiger jüdischer und christlicher Interpretationen, für jeden Text oder jedes Thema: ›Was können wir, angesichts unseres Wissens über Geschichte und Theologie, unseres Engagements für unterschiedliche Traditionen und unseres Respekts vor ihnen, heute darüber sagen?‹ Mit diesem Ansatz zeigen wir dann, wie sich Polemik in Möglichkeit verwandeln lässt.

Wir haben bereits bei der Herausgabe der ersten (2011) und der zweiten (2017) Auflage von The Jewish Annotated New Testament zusammengearbeitet, einem Band, der häufig darauf aufmerksam macht, wie die Anhänger Jesu ältere jüdische Texte rekontextualisiert und neu interpretiert haben. Beide Male hätten wir uns gewünscht, mehr Raum zur Verfügung zu haben, um diese Lesarten zu entwickeln. Wir sind daher dankbar für die Möglichkeit, an diesem Band zusammenzuarbeiten.

Sowohl bei der Herausgabe von Jewish Annotated als auch insbesondere beim Schreiben dieses Buches haben wir gelernt zu kooperieren, unsere Argumente zu schärfen und zu entdecken, wie wir beide unterschiedliche Aspekte desselben Textes sehen. Wir haben aus erster Hand erfahren, wie die Art des gemeinschaftlichen Studiums (hebräisch chevruta), die das Markenzeichen des traditionellen jüdischen Lernens ist, tatsächlich zu Verständnis, Klarheit und Schärfe führt, und wir sind beide dankbar für die Erfahrung, dass wir uns manchmal über fast jede Interpretation, jedes Wort auf den folgenden Seiten gestritten, aber meistens darüber gestaunt, ja sogar darüber gelacht haben.

Vorbemerkung des Übersetzers zu den Quellenübersetzungen

HEBRÄISCHE BIBEL/ALTES TESTAMENT, APOKRYPHEN, NEUES TESTAMENT

Als Standardübersetzung für die biblischen Schriften und die sogenannten Apokryphen wurde die Lutherübersetzung in der Revision von 2017 zugrunde gelegt: Die Bibel. Nach Martin Luthers Übersetzung. Revidiert 2017, herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland, Stuttgart 2016. Musste die Position des Verbs im Zitat durch Einbau in einen übergeordneten Satz geändert werden, ist dies stillschweigend geschehen. Weitergehende Eingriffe in die Lutherübersetzung, die durch die abweichende Interpretation der Autoren erforderlich sind, sind durch die Hinzufügung »Text angepasst« kenntlich gemacht. In Einzelfällen musste auf die Einheitsübersetzung bzw. die Zürcher Bibel ausgewichen werden, ausgewiesen durch den Zusatz eü bzw. zb.

Die Septuaginta wird zitiert nach: Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, herausgegeben von Wolfgang Kraus und Martin Karrer, Stuttgart 2009.

ALTORIENTALISCHE QUELLENSCHRIFTEN

Altorientalische Quellen in deutscher Übersetzung sind gesammelt in der zunächst von Otto Kaiser und in neuer Folge von Bernd Janowski

Vorbemerkung des Übersetzers zu den Quellenübersetzungen

und Gernot Wilhelm herausgegebenen Reihe »Texte aus der Umwelt des Alten Testaments«. Ihr sind hier entnommen die Zitate aus dem Codex Hammurapi (Rykle Borger, »Der Codex Hammurapi«, in Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Lieferung 1, Gütersloh 1982, 39–80) und aus dem Enuma Elisch (Wilfred G. Lambert, »Enuma Elisch«, in Bd. III: Weisheitstexte, Mythen und Epen, Lieferung 4, Gütersloh 1994, 565–602).

QUMRAN

Von den Qumranschriften gibt es eine dreibändige deutsche Ausgabe von Johann Maier, Die Qumran-Essener. Die Texte vom Toten Meer, Paderborn 1995–1996 (hieraus die Zitate aus den Hodajot, der Psalmenrolle 11Q5 und dem Genesis-Apokryphon). Eine Auswahl der wichtigsten Schriften sind in einer zweibändigen hebräisch-deutschen Ausgabe erschienen: Eduard Lohse, Die Texte aus Qumran. Hebräisch und deutsch. Mit masoretischer Punktation, Übersetzung, Einführung und Anmerkungen herausgegeben, München 41986 (hieraus die Zitate aus der Gemeinderegel, dem Habakuk-Pescher und dem Psalmen-Pescher) und Annette Steudel, Die Texte aus Qumran II. Hebräisch und deutsch. Mit masoretischer Punktation, Übersetzung, Einführung und Anmerkungen herausgegeben, Darmstadt 2001 (hieraus die Zitate aus der Tempelrolle und aus 11QMelchizedek).

JÜDISCHE SCHRIFTEN AUS HELLENISTISCH-RÖMISCHER ZEIT

Der von Werner Georg Kümmel und Hermann Lichtenberger herausgegebenen Reihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit« (5 Bände, Gütersloh 1973–1995) sind entnommen die Übersetzungen aus der Apokalypse des Mose (Otto Merk, »Das Leben Adams und Evas«, in Bd. II: Unterweisung in erzählender Form, Lieferung 5, Gütersloh 1998, 739–870), dem 2. (Syrischen) Baruch (Albertus F. J. Klijn, Bd. V: Apokalypsen, Lieferung 5, Gütersloh 1976, 105–191), dem 4. Esrabuch (Josef Schreiner, Bd. V: Apokalypsen, Lieferung 4, Gütersloh 1981, 289–412), dem 1. (Äthiopischen) Henochbuch (Siegbert Uhlig, Bd. V: Apokalypsen, Lieferung 6, Gütersloh 1984, 461–780), dem 2. (Slawischen) Henochbuch (Christfried Böttrich, Bd. V: Apokalypsen, Lieferung 7, Gütersloh 1995, 783–1040) und dem Jubiläenbuch (Klaus Ber-

ger, Bd. II: Unterweisung in erzählender Form, Lieferung 3, Gütersloh 1981, 275–575).

Das Zitat aus den Sibyllinen nach: Sibyllinische Weissagungen. Urtext und Übersetzung, herausgegeben von Alfons Kurfess (Tusculum), München 1951.

PHILO VON ALEXANDRIEN UND FLAVIUS JOSEPHUS

Die meisten Werke Philos von Alexandrien sind in der sechsbändigen, von Leopold Cohn und anderen herausgegebenen Werkausgabe enthalten: Philo von Alexandria, Die Werke in deutscher Übersetzung, Berlin 21962. Die Übersetzungen aus dieser erstmals ab 1909 erschienenen Ausgabe wurden teilweise stilistisch und orthografisch behutsam modernisiert. Nicht in dieser Werkausgabe enthalten sind »Die Apologie der Juden« und »Fragen und Antworten zur Genesis«, das Zitat aus letzterer Schrift wurde aus dem Englischen übersetzt.

Die Josephus-Zitate sind entnommen: Flavius Josephus, Jüdische Altertümer. Übersetzt und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Dr. Heinrich Clementz [zuerst 1899]. Mit Paragraphenzählung nach Flavii Josephi Opera recognovit Benedictus Niese (Editio minor), Berlin 1888–1895, Wiesbaden 22006 (stilistisch und orthografisch teilweise modernisiert) bzw. Flavius Josephus, De bello Judaico – Der jüdische Krieg. Griechisch und deutsch. Herausgegeben und mit einer Einleitung sowie mit Anmerkungen versehen von Otto Michel und Otto Bauernfeind, 3 Bände, Darmstadt 1959–1969.

NEUTESTAMENTLICHE APOKRYPHEN

Apokryphen und Pseudepigraphen zum Neuen Testament liegen in deutscher Ausgabe vor in: Wilhelm Schneemelcher (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen, Band 1: Evangelien und Verwandtes, Tübingen 61999, und Band 2: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen 61997. Eine erweiterte Neuausgabe dieser Sammlung ist im Entstehen begriffen: Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, herausgegeben von Christoph Markschies und Jens Schröter, Band I: Evangelien und Verwandtes, 2 Teilbände, Tübingen 2012. Ihr ist das Zitat aus dem Protevangelium des Jakobus entnommen: Silvie Pellegrini, »Protevangelium des Jakobus«, in Teilband 2, 903–929.

Vorbemerkung des Übersetzers zu den Quellenübersetzungen

MISCHNA UND TALMUD

Zitate aus der Mischna sind der sechsbändigen kommentierten Ausgabe von Michael Krupp entnommen: Die Mischna. Aus dem Hebräischen übersetzt und herausgegeben, Frankfurt am Main und Leipzig bzw. Berlin 2007–2017.

Zitate aus dem Babylonischen Talmud basieren auf: Lazarus Goldschmidt, Der Babylonische Talmud. Übersetzt nach der ersten, zensurfreien Ausgabe Venedig 1520–23 unter Berücksichtigung der neueren Ausgaben und handschriftlichen Materials, 12 Bände, Berlin 21967 (= Frankfurt am Main 41996), deren Text stilistisch und orthografisch behutsam modernisiert wurde.

MIDRASCHIM

Aus der Mekhilta wird zitiert nach: Mekhilta de-Rabbi Jishmaʿ el. Ein früher Midrasch zum Buch Exodus. Aus dem Hebräischen übersetzt und herausgegeben von Günter Stemberger, Berlin 2010.

Eine Reihe von jüngeren Midraschim hat August Wünsche im 19. Jahrhundert in deutscher Übersetzung herausgebracht: August Wünsche, Bibliotheca rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim, 5 Bände, Leipzig 1880 (Nachdruck Hildesheim 1993) – daraus (gegebenenfalls leicht modernisiert) die Zitate aus Genesis Rabba, Exodus Rabba und Levitikus Rabba. Auch den Midrasch zu den Psalmen hat Wünsche übersetzt: Midrasch Tehillim oder Haggadische Erklärung der Psalmen. Nach der Textausgabe von Salomon Buber zum ersten Male ins Deutsche übersetzt und mit Noten und Quellenangaben versehen, 2 Bände, Trier 1892–1893 (Nachdruck in einem Band: Hildesheim 2013).

Tanchuma Buber wird zitiert nach: Hans Bietenhard (Hg.), Midrasch Tanh . uma B. R. Tanh . uma über die Tora, genannt Midrasch Jelammedenu (Judaica et Christiana 5–6), 2 Bände, Bern 1980–1982.

Der Jalkut wird zitiert nach: Jalkut Schimoni zum Zwölfprophetenbuch. Übersetzung und Kommentar von Farina Marx (Rabbinische Bibelauslegung im Mittelalter, hg. von Dagmar Börner-Klein), Berlin und Boston 2020.

Pirke de Rabbi Elieser wird zitiert nach: Dagmar Börner-Klein, Pirke de-Rabbi Elieser. Nach der Edition Venedig 1544 unter Berücksichtigung der

Edition Warschau 1852 aufbereitet und übersetzt (Studia Judaica 26), Berlin und New York 2004.

KIRCHENVÄTER

Für viele Schriften von Kirchenvätern und frühchristlichen Autoren existieren zweisprachige Ausgaben in der seit 1990 erscheinenden Reihe »Fontes Christiani«. Ihr sind hier entnommen die Zitate aus Origenes’ Schrift gegen den Platoniker Kelsus (Origenes, Contra Celsum. Gegen Celsus. Eingeleitet und kommentiert von Michael Fiedrowicz. Übersetzt von Claudia Barthold, 5 Bände [Fontes Christiani 50], Freiburg im Breisgau u.a. 2011–2012) sowie Tertullian, Gegen Praxeas (Tertullian, Adversus Praxean – Gegen Praxeas. Übersetzt und eingeleitet von Hermann-Josef Sieben [Fontes Christiani 34], Freiburg im Breisgau u.a. 2001) und Gegen die Juden (Tertullian, Adversus Iudaeos – Gegen die Juden. Übersetzt und eingeleitet von Regina Hauses [Fontes Christiani 75], Turnhout 2007).

Johannes Chrysostomus wird zitiert nach: Johannes Chrysostomus, Acht Reden gegen Juden. Eingeleitet und erläutert von Rudolf Brändle. Übersetzt von Verena Jegher-Bucher, Stuttgart 1995.

In der älteren Reihe »Bibliothek der Kirchenväter« sind zwischen 1869 und 1938 161 Bände erschienen, deren Texte teilweise online zugänglich sind (https://bkv.unifr.ch/de) und die vereinzelt in Neusatz wiederaufgelegt werden. Aus dieser Reihe stammen die Übersetzungen von Justins Dialog mit Trypho (Justinus, Dialog mit dem Juden Tryphon. Übersetzt von Philipp Häuser. Neu gesetzte und überarbeitete Auflage herausgegeben von Katharina Greschat und Michael Tilly, Wiesbaden 2005), ferner das Zitat aus den Apostolischen Konstitutionen (Die sogenannten Apostolischen Constitutionen u. Canonen. Aus dem Urtext übersetzt von Ferdinand Boxler, Kempten 1874).

MITTELALTERLICH-JÜDISCHE QUELLEN

Von den jüdischen Exegeten des Mittelalters liegt nur ein geringer Teil auf Deutsch vor. Es konnte zurückgegriffen werden auf: Mose ben Maimon, Führer der Unschlüssigen. Übersetzung und Kommentar von Adolf Weiss, 2 Bände, Hamburg 21995. Aus Maimonides’ Werk Mischne Torah ist das Kapitel »Könige und ihre Kriege« auf der Basis von Leon

Vorbemerkung des Übersetzers zu den Quellenübersetzungen

Mandelstamms Übersetzung bearbeitet und (am 27.9.2018) online

veröffentlicht worden von Igor Itkin: https://www.talmud.de/tlmd/ melachim/#ELFTES_KAPITEL_Der_Koenig_Messias (letzter Zugriff 19.1.2024).

Raschis Kommentar zum Pentateuch wird zitiert nach: Raschis Pentateuchkommentar. Vollständig ins Deutsche übertragen und mit einer Einleitung versehen von Rabb. Dr. Selig Bamberger, Hamburg 1922.

MODERNE LITERATUR

Das Zitat aus Herman Melvilles Roman Moby Dick stammt aus der deutschen Übersetzung von Alice und Hans Seiffert, zuletzt erschienen als Insel-Taschenbuch (Berlin 2013).

VERWENDETE ABKÜRZUNGEN:

ABD The Anchor Bible Dictionary, herausgegeben von David Noel Freedman, 5 Bände, New York 1992

DDD Dictionary of Deities and Demons in the Bible, herausgegeben von Karel van der Toorn, Bob Becking und Pieter W. van der Horst, Grand Rapids 21999

EBR Encyclopedia of the Bible and Its Reception, herausgegeben von Hans-Josef Klauck u.a., bislang (2023) 21 Bände, Berlin 2009ff

EDEJ The Eerdmans Dictionary of Early Judaism, herausgegeben von John J. Collins und Daniel C. Harlow, Grand Rapids 2010

EDSS Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls, 2 Bände, herausgegeben von Lawrence H. Schiffman und James C. VanderKam, New York 2000

eü Einheitsübersetzung

JSHRZ Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, herausgegeben von Werner Georg Kümmel und Hermann Lichtenberger, 5 Bände, Gütersloh 1973–1995

kjv King James Version

lu Lutherübersetzung 2017

lxx Septuaginta

mt Masoretischer Text

njps Tanakh. A New Translation of the Holy Scriptures according to the Traditional Hebrew Text (Jewish Publication Society), Philadelphia 1985 (letzte Revision 1999)

nrsv New Revised Standard Version

NTJE Das Neue Testament – jüdisch erklärt. Lutherübersetzung. Herausgegeben von Wolfgang Kraus, Michael Tilly und Axel Töllner. Unter Mitarbeit von Jan Raithel und Florian Voss. Übersetzung von Monika Müller und Jan Raithel. Englische Ausgabe herausgegeben von Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler, Stuttgart 2021 (korrigierter Druck 2022)

OTB Outside the Bible: Ancient Jewish Writings Related to Scripture, herausgegeben von Louis H. Feldman, James L. Kugel und Lawrence H. Schiffman, Philadelphia 2013

ThWAT Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, herausgegeben von G. Johannes Botterweck und Helmer Ringgren, 10 Bände, Stuttgart 1973–2000

zb Zürcher Bibel

KAPITEL 1

Über Bibeln und ihre Ausleger

Dieselben Geschichten, unterschiedliche Bibeln

DIE BIBEL IM SINGULAR  gibt es nicht; die verschiedenen Religionsgemeinschaften haben unterschiedliche Bibeln. Damit meinen wir nicht, dass jede eine andere Übersetzung bevorzugen würde, sondern dass sie Bibeln haben, die aus unterschiedlichen Büchern in unterschiedlicher Reihenfolge und in unterschiedlichen Sprachen bestehen. Die größte Abweichung besteht zwischen der jüdischen und der christlichen Gemeinschaft; denn allein die Christen haben ein Neues Testament. Tatsächlich haben auch nur die Christen ein ›Altes Testament‹, das wiederum von einer christlichen Gemeinschaft zur anderen variieren kann. Juden haben den Tanach, und obwohl es Übereinstimmungen zwischen ihm und dem Alten Testament gibt, legen die Religionsgemeinschaften die gemeinsamen Verse unterschiedlich aus. Das Alte Testament und der Tanach stehen heute für Christen und Juden nicht isoliert je für sich. Christen lesen ihr Altes Testament durch die Brille des Neuen Testaments, und Juden lesen den Tanach durch die Brille der nachbiblischen jüdischen Kommentarliteratur. Diese Unterschiede werfen wichtige Auslegungsfragen auf. Wer ist zum Beispiel die Hauptfigur der Bibel? Ist es Gott? Ist es Jesus? Gibt es gar keine? Was ist ihre Kernaussage, bzw. gibt es eine solche? Hat der ›ursprüngliche‹ Sinn eines Textabschnitts, wenn man von seiner christlichen oder späteren jüdischen Ausdeutung absieht, uns noch etwas zu sagen?

Jede Auslegungsgemeinschaft beantwortet diese Fragen anders –und darum geht es in diesem Buch. Was bedeutet es, Abschnitte der Bibel mit und ohne Jesus zu lesen und zu interpretieren? Was wird gewonnen, was geht verloren? Wir verfechten hier nicht die eine richtige Lesart, sondern hoffen erstens, dass unser Buch allen Leserinnen und Lesern zu verstehen hilft, inwiefern und warum die Bibel ein so umkämpftes Werk ist. Zweitens hoffen wir, dass Menschen mit abweichenden Auslegungen – mit und ohne Jesus – miteinander ins Gespräch kommen und einander besser verstehen werden. Ziel der Bibelwissenschaft sollte nicht sein, sich gegenseitig zu bekehren oder gegeneinander zu polemisieren. Bekehrung ist eine Sache des Herzens, nicht des Hörsaals; Polemik dient eher dazu, ›offene Türen einzurennen‹ und die innere Einheit zu festigen, als das Verständnis zu fördern, geschweige denn Nächstenliebe zu üben. Bibelwissenschaft, wie wir sie begreifen, kann vielmehr dazu beitragen, dass wir einander besser verstehen und immer mehr zu würdigen lernen, wie kraftvoll und bedeutsam die Bibel ist.

Als sich die ersten Anhänger Jesu im Nachdenken über die Verkündigung seiner Auferstehung Büchern wie Jesaja, Jeremia und dem Psalter zuwandten, um ihren auferstandenen Herrn tiefer zu ergründen, fanden sie in den alten Quellen durchgehend neuen Sinn. Anstatt zu fragen, was die Texte in ihrem ursprünglichen Kontext sagen wollten, überlegten sie sich, was die Texte für sie selbst, in ihrem eigenen Leben Jahrhunderte später, bedeuteten. Die Juden haben seit jeher Gleiches getan. Sie schauten in ihre alten Schriften, um Bräuche und Gepflogenheiten wie die Sabbatheiligung und die Armenfürsorge, aber auch nachbiblische Geschehnisse wie die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Rom im Jahr 70 u.Z. und später ihre Verfolgung durch die Christen zu begreifen. Bei dieser Hinwendung zur Schrift stritten sich Juden und Christen auch wie Familienmitglieder um die Aufteilung des elterlichen Erbes. Jeder beanspruchte die heiligen Schriften für sich, und dabei lasen sie die Texte nicht nur als Quellen des Trostes und der Inspiration, sondern auch als Bühne des Streits und der Polemik. Das vorliegende Buch will dazu helfen, eine andere Zukunft herbeizuführen, in der Juden und Christen die Positionen und Überzeu-

Kapitel 1: Über Bibeln und ihre Ausleger

gungen des anderen verstehen und sich zumindest darin respektvoll einig sind, dass sie sich uneinig sind.

Dies ist keine leichte Aufgabe. Dazu gehört die Einschätzung, was die Texte der Bibel jeweils in ihrem frühesten Kontext 2 sagen wollten, und dann zu erklären, wie im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Gemeinschaften mit unterschiedlichen Anliegen ihre je eigenen Interpretationen entwickelten. Es bedeutet auch nachzuvollziehen, wie diese alten Schriften zu Waffen wurden – auf Papyrus, Pergament, Vellum, Papier und jetzt online – im Kampf um die ›Anrechte‹ auf ihren wahren Sinn. Diese Fehde geht auch heute noch weiter, wenn ein Christ einem Juden sagt: ›Du verstehst offensichtlich deine Bibel nicht; denn tätest du es, würdest du erkennen, wie sie den Messias Jesus vorhersagt‹ und ein Jude antwortet: ›Ihr Christen seht nicht nur Dinge im Text, die da nicht stehen, ihr übersetzt auch falsch und reißt Verse aus dem Zusammenhang.‹ Keiner dieser beiden Standpunkte ist hilfreich; denn keiner von ihnen würdigt, wie Juden und Christen ihre eigenen Texte verstehen und warum das so ist. Durch die christliche Brille gelesen, verweist das, was die Kirche ›Altes Testament‹ nennt, auf Jesus. Durch die jüdische Brille betrachtet, spricht das, was die Synagoge ›Tanach‹ nennt, zu jüdischer Erfahrung, ohne Jesus. Aus Sicht der Geschichtswissenschaft ergeben diese ursprünglichen Texte einen Sinn, der sowohl der Kirche als auch der Synagoge oft entgangen ist. Sogar die Begriffe ›Altes Testament‹ und ›Tanach‹ schaffen Probleme, wie wir noch sehen werden.

In diesem Buch konzentrieren wir uns auf Texte aus dem alten Israel, die im Neuen Testament eine zentrale Rolle spielen. Wir können nicht alles abdecken; denn von den ersten Versen des Matthäusevangeliums bis zu den letzten Versen der Johannesoffenbarung zitiert das Neue Testament diese Vorgängerschrift entweder wörtlich oder spielt auf sie an. Deshalb haben wir Texte und Vorstellungskomplexe ausgewählt, die den meisten bekannt sind, wie beispielsweise die Rede Gottes in Genesis 1,26: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei«; den Sinn von Jesaja 7,14: »eine Jungfrau wird schwanger

2 Weder das Auffinden des eindeutigen Kontexts für die Auslegung noch die Übertragung von einem Kontext in einen anderen ist ein einfacher Vorgang; siehe Ben-Ami Scharfstein, The Dilemma of Context, New York 1989. Was die Bibel betrifft, siehe Ed Greenstein, »Peshat, Derash, and the Question of Context« (hebr.), Ressling 5 (1998): 31–34.

sein« oder »eine junge Frau ist schwanger«; und die zentrale Bedeutung von Blut für die Sühne.

Jedes unserer zehn Hauptkapitel (Kapitel 3–12) behandelt einen bestimmten Text oder ein bestimmtes Thema und ist nach demselben Schema aufgebaut. In den meisten Fällen beginnen wir mit einem Zitat aus dem Neuen Testament und gehen dann zurück, um den zitierten Text in seinem ursprünglichen Kontext zu untersuchen. Wir geben uns alle Mühe festzustellen, wann und weshalb dieser Ausgangstext geschrieben wurde und wie der hebräische Wortlaut zu übersetzen ist (was oft ein Problem darstellt). Anschließend wenden wir uns der Bedeutung der Verse in denjenigen jüdischen Quellen zu, die vor dem Neuen Testament und gleichzeitig mit ihm entstanden sind, wie der Septuaginta (der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibeltexte) und den Schriftrollen vom Toten Meer (Schriftrollen und Fragmente biblischer und außerbiblischer Texte aus dem vierten oder dritten Jahrhundert v.u.Z. bis zum zweiten Jahrhundert u.Z., die unweit des Toten Meeres gefunden wurden). Hier zeigen wir zweierlei: wie das Neue Testament aus jüdischen Reflexionen schöpft und wo es eigenständige Deutungen bietet. Im nächsten Schritt betrachten wir ausgewählte jüdische Texte aus späterer Zeit, von denen einige sich mit diesen neutestamentlichen Lesarten auseinandersetzen, und dies in der Regel nicht wohlwollend. In einigen Fällen schauen wir uns an, wie der Text in der frühchristlichen Tradition nach dem Neuen Testament ausgelegt wurde. Jedes Kapitel beschließen wir mit Überlegungen, was Juden, Christen, ja alle Leser und Leserinnen heute aus diesen alten Versen lernen könnten. Wir spannen einen weiten chronologischen Bogen vom Beginn des ersten Jahrtausends v.u.Z. über das erste Jahrhundert u.Z. bis zum 21. Jahrhundert. 3

3 Wir verwenden die neutralen Bezeichnungen ›v.u.Z.‹ (›vor unserer Zeitrechnung‹) und ›u.Z.‹ (›unserer Zeitrechnung‹) anstelle von ›v.Chr.‹ (›vor Christus‹) und ›n.Chr.‹ (›nach Christus‹) bzw. A.D. (Anno Domini, lateinisch für ›im Jahr des Herrn‹). Eine alternative jüdische Datierungsform beginnt mit der Schöpfung und ist durch Zählung ab Genesis 1 bestimmt. Folgt man diesem System des anno mundi (lateinisch für ›im Jahr der Welt‹, abgekürzt als A.M.), so ist das Jahr 2020 u.Z. = A.M. 5780.

Kapitel 1: Über Bibeln und ihre Ausleger

Wir halten uns in etwa an die kanonische Reihenfolge in der Bibel, aber ganz konsequent lässt sich das nicht durchführen, da sich die Anordnung der Bücher im Alten Testament von der im Tanach unterscheidet, und wir wollen keinem von beiden den Vorzug geben.

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