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Stuttgarter Erklärungsbibel Lutherbibel mit Einführungen und Erklärungen

DEUTSCHE BIBELGESELLSCHAF T


Bibeltext in der revidierten Fassung von 2017 Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland Die Lutherbibel wurde in den Jahren 2010 bis 2015 über­­arbeitet. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat den revidierten Text angenommen und als maßgeblichen Text zum kirchlichen Gebrauch empfohlen. Die Deutsche Bibelgesellschaft ist eine kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts. Sie übersetzt die biblischen ­Schriften, entwickelt und verbreitet innovative Bibelausgaben und eröffnet für alle Menschen Zugänge zur Botschaft der Bibel. International verantwortet sie die wissenschaftlichen Bibel­ausgaben in den Ursprachen. Durch die Weltbibelhilfe unterstützt sie in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Bibelgesellschaften (United Bible Societies) weltweit die Übersetzung und Verbreitung der Bibel, damit alle Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen können. Weitere Informationen finden Sie unter www.die-bibel.

IMPRESSUM

ISBN 978‑3-438-03333‑8 ISBN 978‑3-438-03334‑5

Standardausgabe Vorzugsausgabe im Schuber

Stuttgarter Erklärungsbibel 2023 © 2023 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Einbandgestaltung, Lutherrose und Innentypografie: Cornelia Feyll und Friedrich Forssman, Kassel Satz: Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Landkarten in Farbe bearbeitet von Jens Kamlah, Tübingen, und Wolfgang Zwickel, Mainz Jerusalem-Pläne und Texte: Konzeption und Copyright 2023 Klaus Bieberstein, Bamberg Kartografie: Richard Szydlak, Tübingen Hesekiel-Tempel: Bearbeitung Deutsche Bibelgesellschaft, in Anlehnung an »Das Alte Testament Deutsch Band 22 / 2, Der Prophet Hesekiel, Göttingen 1969, S. 375. Copyright Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.« Druck und Bindearbeiten: Druckerei C.H. Beck, Nördlingen Das Holz zur Herstellung des Papiers für diese Ausgabe stammt nachweislich aus nachhaltig und vorbildlich bewirtschafteten Wäldern. Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten 09.2023


Vorwort der Herausgeber Rechtzeitig zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation wurde im Oktober 2016 die revidierte ­Lutherbibel 2017 veröffentlicht. Durch diese Revision wurde auch eine Überarbeitung der Stuttgarter Erklärungsbibel notwendig, die sich seit ihrem ersten Erscheinen 1992 in Studium, theologisch-religionspädagogischer Praxis und persönlicher Bibellektüre fest etabliert hat. Wir freuen uns sehr, dass diese Studienbibel jetzt in einer vollständig neu bearbeiteten Ausgabe vorliegt. Die bewährten Qualitätskriterien der Stuttgarter Erklärungsbibel wurden beibehalten und fortgeführt. Sie bietet fundierte historische und theologische Einführungen zur Entstehung der Bibel, zum Schriftverständnis und zu den einzelnen Büchern sowie Kommentare zum kompletten Bibeltext, einschließlich der Apokryphen, und passt doch in einen Band. Sie ist auf dem aktuellen Stand der Bibelwissenschaft und präsentiert die relevanten Ergebnisse allgemeinverständlich und theologisch ausgewogen. Sie konzentriert sich auf Wesentliches und wird gerade dadurch zu einem wertvollen und gerne verwendeten Hilfsmittel. Bibeltext und Kommentar sind durch unter­ schiedliche Schriftgrößen und Schriftarten deutlich voneinander unterschieden. Einführungen und Inhaltsübersichten zu allen biblischen Büchern so­­wie ein Anhang mit ausführlichen Sach- und Worterklärungen, Landkarten, Zeittafel u.a.m. sorgen für zusätzliche Orientierung.

Im Rahmen der jetzt vorgelegten Überarbeitung der Stuttgarter Erklärungsbibel wurden die Erklärungen nicht nur an den revidierten Text der Lutherbibel 2017 angepasst, sondern von Fachleuten aus der deutschsprachigen Bibelwissenschaft (vgl. die Übersicht S. 9) gründlich durchgesehen und an vielen Stellen völlig neu erarbeitet. Auch die Erklärungen, die übernommen wurden, entsprechen dem Stand der Wissenschaft. Allen, die an der Überarbeitung mitgewirkt haben, sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt. Widmungen in Bibelausgaben enthalten häufig die Wendung »Zum gesegneten Gebrauch«. Das ist es, was wir auch der Stuttgarter Erklärungsbibel wünschen. Wer sie zur Hand nimmt, soll dadurch den biblischen Text und seine Botschaft besser verstehen und erschließen können. So soll sie dazu beitragen, dass das Evangelium von Jesus Christus auch heute Menschen bewegt und verändert.

Stuttgart, am 31. Oktober 2022 Die Herausgeber Beate Ego, Bochum Ulrich Heckel, Stuttgart Christoph Rösel, Stuttgart


DAS ALTE TESTAMENT

DIE APOKRYPHEN

Einführung in das Alte Testament 31

Einführung in die Apokryphen 1263

GESCHICHTSBÜCHER

Einführung in die Geschichtsbücher des Alten Testaments 33 Das erste Buch Mose (Genesis) 42 Das zweite Buch Mose (Exodus) 116 Das dritte Buch Mose (Levitikus) 175 Das vierte Buch Mose (Numeri) 213 Das fünfte Buch Mose (Deuteronomium) 261 Das Buch Josua 310 Das Buch der Richter 342 Das Buch Rut 375 Das erste Buch Samuel 381 Das zweite Buch Samuel 428 Das erste Buch der Könige 468 Das zweite Buch der Könige 515 Das erste Buch der Chronik 560 Das zweite Buch der Chronik 596 Das Buch Esra 640 Das Buch Nehemia 653 Das Buch Ester 671 LEHRBÜCHER UND PSALMEN

Einführung in die Lehrbücher und Psalmen 683 Das Buch Hiob (Ijob) 684 Der Psalter 724 Die Sprüche Salomos (Proverbia) 850 Der Prediger Salomo (Kohelet) 883 Das Hohelied Salomos 896 PROPHETENBÜCHER

Einführung in die Prophetenbücher 904 Der Prophet Jesaja 907 Der Prophet Jeremia 997 Die Klagelieder Jeremias 1073 Der Prophet Hesekiel (Ezechiel) 1080 Das Buch Daniel 1148 Der Prophet Hosea 1171 Der Prophet Joel 1186 Der Prophet Amos 1192 Der Prophet Obadja 1204 Der Prophet Jona 1206 Der Prophet Micha 1211 Der Prophet Nahum 1220 Der Prophet Habakuk 1224 Der Prophet Zefanja 1229 Der Prophet Haggai 1234 Der Prophet Sacharja 1238 Der Prophet Maleachi 1255

Das Buch Judit 1265 Die Weisheit Salomos 1291 Das Buch Tobias (Tobit) 1323 Das Buch Jesus Sirach 1340 Das Buch Baruch 1401 Das erste Buch der Makkabäer 1414 Das zweite Buch der Makkabäer 1463 Stücke zum Buch Ester 1502 Stücke zum Buch Daniel 1509 Das Gebet Manasses 1521


DAS NEUE TESTAMENT

DIE BIBEL

Einführung in das Neue Testament 1525

Einführung in die Bibel 19

GESCHICHTSBÜCHER

VORSPANN

Einführung in die Geschichtsbücher des Neuen Testaments 1527 Das Evangelium nach Matthäus 1529 Das Evangelium nach Markus 1591 Das Evangelium nach Lukas 1627 Das Evangelium nach Johannes 1697 Die Apostelgeschichte des Lukas 1748 BRIEFE

Einführung in die Briefe des Neuen Testaments 1810 Der Brief des Paulus an die Römer 1813 Der erste Brief des Paulus an die Korinther 1842 Der zweite Brief des Paulus an die Korinther 1870 Der Brief des Paulus an die Galater 1885 Der Brief des Paulus an die Epheser 1896 Der Brief des Paulus an die Philipper 1907 Der Brief des Paulus an die Kolosser 1914 Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher 1921 Der zweite Brief des Paulus an die Thessalonicher 1927 Der erste Brief des Paulus an Timotheus 1931 Der zweite Brief des Paulus an Timotheus 1941 Der Brief des Paulus an Titus 1946 Der Brief des Paulus an Philemon 1949 Der erste Brief des Petrus 1951 Der zweite Brief des Petrus 1961 Der erste Brief des Johannes 1967 Der zweite Brief des Johannes 1974 Der dritte Brief des Johannes 1975 Der Brief an die Hebräer 1977 Der Brief des Jakobus 1997 Der Brief des Judas 2007 PROPHETISCHES BUCH

Die Offenbarung des Johannes 2011

Die Stuttgarter Erklärungsbibel 8 Hinweise zum Gebraucht 10 Alphabetisches Inhaltsverzeichnis und Abkürzungsverzeichnis 15

ANHANG Zeittafel zur biblischen Geschichte 2041 Maße, Gewichte, Geldwerte 2049 Sach- und Worterklärungen 2052 Zur Textüberlieferung der Bibel 2150 Archäologie und Bibelwissenschaft 2153 Wo finde ich was? 2155 Stichwortverzeichnis 2160 Zur Schreibung der Eigennamen 2179 Kartenskizzen 2181 Baugeschichte Jerusalems 2190 Tempelskizzen 2200 Ortsregister zu den farbigen Landkarten 2208


Die Stuttgarter Erklärungsbibel DER BIBELTEX T

DIE ERKLÄRUNGEN

Der in der Stuttgarter Erklärungsbibel abgedruckte Bibeltext ist die zum Reformationsjubiläum 2017 überarbeitete (revidierte) Fassung der Bibelübersetzung Martin Luthers. Nach den großen kirchenamtlichen Revisionen des letzten Jahrhunderts (1912 und 1984) wurde der Text der Lutherbibel in den Jahren 2010 bis 2015 einer erneuten Überprüfung unterzogen. Dies geschah durch einen Kreis von Fachleuten, die die Evangelische Kirche in Deutschland berief, und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft. Im Unterschied zur letzten Revision, die für die verschiedenen Bibelteile in mehreren Schritten erfolgte (Altes Testament 1964, Apokryphen 1970, Neues Testament 1984), wurden bei der aktuellen Revision alle Kanonteile gemeinsam bearbeitet. Grundanliegen der Revision 2017 war es, die Übersetzung Martin Luthers anhand der hebräischen und griechischen Ausgangstexte auf exegetische und sachliche Richtigkeit zu überprüfen. Auf sprachliche Modernisierungen wurde weitestgehend verzichtet. Nur dort, wo Worte oder Ausdrücke nicht mehr oder falsch verstanden werden können, kam es zu einer sprachlichen Anpassung. So wurde zum Beispiel der Begriff »Wehmutter« durch das heute gebräuchliche Synonym »Hebamme« ersetzt (1. Mose 35,17). An etlichen anderen Stellen kehrte man aber auch zum Wortlaut der Übersetzung Martin Luthers zurück. In Röm 10,10 heißt es jetzt wieder wie bei Luther selbst: »Wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.« Die vorhergehende Revision hatte – sachlich durchaus richtig – hier den Begriff »gerettet« eingesetzt, damit aber einen zentralen theologischen Begriff preisgegeben, der einen festen Bestandteil der evangelisch-lutherischen Tradition darstellt. Besonders umfangreich sind die Veränderungen, die die Apokryphen im Rahmen der Revision erfahren haben. Die lateinischen und griechischen Texte, die Luther und seine Mitarbeiter ihrer Übersetzung zugrunde legten, sind zum Teil kaum zu identifizieren und entsprechen aus heutiger Sicht nicht mehr den wissenschaftlichen Anforderungen. So verlor die Lutherbibel im akademischen Bereich, aber auch im Vergleich mit anderen deutschen Übersetzungen immer mehr an Bedeutung. Für die Revision 2017 wurde nun durchgängig der älteste grie­ chische Text, die Septuaginta, als Textgrundlage für die Apokryphen verwendet. Weiterführende Informationen zur Revision 2017 finden sich in dem Band »Die Revision der Lutherbibel 2017. Hintergründe – Kontroversen – Entscheidungen«, Stuttgart 2019.

Die Stuttgarter Erklärungsbibel steht in der Tradition der Jubiläumsbibel von 1912. Diese Ausgabe »mit erklärenden Anmerkungen« direkt beim Bibeltext erschien zum 100-jährigen Jubiläum der Württembergischen Bibelanstalt. Im Vorwort wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass die Schrift »ohne uns durch sich selbst vermögend (ist), zur Seligkeit weise zu machen«. Die Erläuterungen sollen denjenigen helfen, die »weiter und tiefer in die Kenntnis und in das Verständnis des ganzen Schriftinhalts« eindringen wollen. In den folgenden Jahrzehnten fand diese Ausgabe weite Verbreitung und wurde vielfach nachgedruckt. Nach Abschluss der Revision der Lutherbibel im Jahr 1984 begann eine vollständige Überarbeitung des Erklärungsteils der Jubiläumsbibel. Die Erklärungen, die Einführungen in die biblischen Bücher sowie die weiterführenden Informationen im Anhang orientierten sich stärker am Stand der Bibelwissenschaften, als dies bisher der Fall gewesen war. Das Ziel einer kompakten Ausgabe wurde jedoch beibehalten. So erschien im Jahr 1992 die 1. Auflage der Stuttgarter Erklärungsbibel mit Altem und Neuem Testament erneut als einbändiges Werk. Auch diese Ausgabe hat sich rasch etabliert. Daraufhin entstand der Wunsch, auch die Apokryphen, die bei der Jubiläumsbibel in einem Sonderband erhältlich waren, in die Stuttgarter Erklärungsbibel aufzunehmen. Im Jahr 2005 konnte eine erweiterte Neuausgabe einschließlich Apokryphen veröffentlicht werden. Damit lag zum ersten Mal ein Kommentar zur gesamten Lutherbibel in einem Band vor. Um einem veränderten Nutzungsverhalten Rechnung zu tragen, erscheint die Stuttgarter Erklärungsbibel seit 2005 zudem auf CD-Rom und in weiteren digitalen Ausgaben. Mit der Revision der Lutherbibel 2017 wurde auch eine Überarbeitung der Stuttgarter Erklärungsbibel notwendig. Es wurde v. a. geprüft, inwieweit die bisherigen Erläuterungen und weiteren Lese- und Verstehenshilfen für den revidierten Text der Luther­ bibel dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entsprechen. Je nach Bedarf wurden die Texte unterschiedlich stark überarbeitet und an vielen Stellen durch neue Erklärungen ersetzt. Dies gilt vor allem für die historischen und theologischen Einführungen zu den einzelnen Schriften sowie zu den Teilsammlungen des Kanons. Aus den oben genannten Gründen sind hier zudem die Texte zu den Apokryphen zu nennen. Neu hinzugekommen ist eine Einführung zur Entstehung der Bibel, zu ihren Übersetzungen und zum Schriftverständnis. Auch die Anhänge wurden gegenüber der Ausgabe von 2005


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grundlegend überarbeitet. Dabei wurde der Textbestand der Lutherbibel 2017 vor allem im Bereich der Sach- und Worterklärungen und im Abschnitt Karten und Kartenskizzen deutlich erweitert. Die kompakte Ausgabe des Werkes in einem Band wird weiterhin beibehalten, da viele weitere Inhalte auf den Webseiten der Deutschen Bibelgesellschaft allen Interessierten zur Verfügung stehen: www.bibelwissenschaft.de www.die-bibel.de DIE BEARBEITERINNEN UND BEARBEITER

Ausgabe 1992 / 2005 Altes Testament: Dr. Helmut Flender, Dr. Hellmut Haug, Prof. Dr. Dr. Siegfried Herrmann, Rudolf Kassühlke DD. Apokryphen: Prof. Dr. Beate Ego, Prof. Dr. Jutta Hausmann, Prof. Dr. Reinhard G. Kratz, Dr. ­Joachim Lange, Prof. Dr. Hermann Lichtenberger, Prof. Dr. Manfred Oeming, Prof. Dr. KlausDietrich Schunck, PD Dr. Anna Maria Schwemer, Prof. Dr. Odil Hannes Steck, Prof. Dr. Oda Wischmeyer, Prof. Dr. Erich Zenger. Neues Testament: Dr. Ako Haarbeck, Prof. Dr. Gisela Kittel, Dr. Walter Klaiber, Prof. Dr. Hans Joachim Kraus, Dr. Joachim Lange, D. Dr. Eduard Lohse, Dr. Dietrich Mann, Prof. D. Dr. Eduard Schweizer, Prof. Dr. Hans Weder. Gesamtredaktion: Dr. Hellmut Haug, Dr. Joachim Lange, Dr. Rolf Schäfer, Dr. Florian Voss. Ausgabe 2023 Altes Testament: Prof. Dr. Klaus-Peter Adam (Einführung Geschichtsbücher [Josua bis Ester], Einführungen Josua bis Ester) Dr. Veronika Bachmann (Ester) Prof. Dr. Achim Behrens (Einführung Altes Testament, Einführung Propheten, Einführungen Jesaja bis Maleachi) PD Dr. Michael Emmendörffer (Einführung Geschichtsbücher [1. Mose bis 5. Mose], ­Einführungen 1. Mose bis 5. Mose, Einführung Lehrbücher und Psalmen, ­Einführung Hiob, ­Einführungen Sprüche bis Hoheslied) PD Dr. Alexander Fischer (1./ 2. Samuel, Jesaja) Prof. Dr. Georg Fischer SJ (Jeremia) PD Dr. Stefan Fischer (Hiob, Hoheslied) Dr. Matthias Jendrek (Esra, Nehemia) Prof. Dr. Rainer Kessler (Micha) Prof. Dr. Melanie Köhlmoos (Rut) Prof. Dr. Stefan Kürle (2. Mose) PD Dr. Antje Labahn (1./ 2. Chronik) Prof. Dr. Thomas Naumann (1. Mose) Prof. Dr. Heinz-Dieter Neef (Josua, Richter) Dr. Sven Petry (5. Mose) Prof. Dr. Michael Pietsch (1./ 2. Könige)

bearbeiter

Dr. Gregor Reichenbach (Sprüche) Dr. Christoph Rösel (Hesekiel) Prof. Dr. Aaron Schart (Jona, Nahum) Prof. Dr. Uta Schmidt (Daniel) Claus-Dieter Stoll (Prediger, Klagelieder) Prof. Dr. Torsten Uhlig (4. Mose) Dr. Johannes Wachowski (3. Mose) PD Dr. Thomas Wagner (Joel, Amos, Obadja, ­Habakuk, Zefanja, Maleachi) Dr. Beat Weber (Einführung Psalmen, Psalmen) Dr. Kay Weißflog (Hosea, Haggai, Sacharja) Apokryphen: Prof. Dr. Christfried Böttrich (Judit) Prof. Dr. Beate Ego (Tobit, Stücke zu Ester) PD Dr. Alexander Fischer (Einführung Stücke zu Ester, Einführung Stücke zu Daniel, Gebet Manasses) Dr. Gerhard Karner (Sirach) Dr. Martina Kepper (Einführung Apokryphen, Einführung Judit bis 2. Makkabäer, Einführung Gebet Manasses, Weisheit, Baruch) Prof. Dr. Stefan Krauter (1./ 2. Makkabäer) Prof. Dr. Martin Rösel (Stücke zu Daniel) Neues Testament: Prof. Dr. Carsten Claußen (Johannes; 1. bis 3. Johannes) Julian Elschenbroich (2. Korinther) Prof. Dr. Michael Gese (Kolosser, Philemon) Dr. Eckhard Hagedorn (Hebräer) Prof. Dr. Ulrich Heckel (Einführung Neues Testa­ment, Einführung Geschichtsbücher, Einführung Briefe, Ein­führungen Matthäus bis Offenbarung) Ulrich Mack (Markus, Apostelgeschichte, Philipper) PD Dr. Rainer Metzner (Matthäus, 1. Korinther, ­Jakobus, 1./ 2. Petrus, Judas) Prof. Dr. Bernhard Mutschler (1./ 2. Timotheus, Titus) Dr. Fritz Röcker (Lukas, Epheser, 1./ 2. Thessa­ lonicher, Offenbarung) Prof. Dr. Axel Wiemer (Römer, Galater) Begleitmaterial: Prof. Dr. Klaus Bieberstein (Erläuterungen und Karten zur Baugeschichte Jerusalems) PD Dr. Alexander Fischer (Anhänge »Zur Textüberlieferung der Bibel« und »Archäologie und Bibelwissenschaft«) Prof. Dr. Ulrich Heckel (Einführung Bibel) Eine inhaltliche Gesamtdurchsicht der Texte erfolgte durch die Herausgeber Prof. Dr. Beate Ego (Apo­kryphen), Prof. Dr. Ulrich Heckel (Neues Testa­ ment) und Dr. Christoph Rösel (Altes Testament). Die Projektkoordination lag bei Annette Graeber und Andrea Häuser.


Hinweise zum Gebrauch DER BIBELTEX T

Der Bibeltext stellt die zum Reformationsjubiläum 2017 überarbeitete Fassung der Bibelübersetzung Martin Luthers dar. Schriftarten und Hervorhebungen

Bibeltext

In dieser Bibelausgabe werden zwei verschiedene Schriftarten verwendet. Die Serifenschrift (Documenta; vgl. die Schriftprobe links) wird für den eigent­lichen Bibeltext gebraucht.

redaktionelle Hinzufügungen

In der serifenlosen Schrift (Caspari; vgl. die Schriftprobe links) sind die redaktionellen Beigaben wie z. B. Überschriften, Verweisstellen, Anmer­ kungen und Kommentare zum Bibeltext gesetzt; weitere Informationen s. u. »Zusätze und Erklärungen zum Bibeltext«.

Kernstellen

Auf Luther selbst geht der Brauch zurück, wichtige Bibelworte (sog. Kern­ stellen) hervorzuheben. Im Nachwort zu der letzten von Luther selbst herausgebrachten Bibelausgabe von 1545 heißt es dazu, »dass erstlich von Anfang der Bibel bis ans Ende die vornehmsten Sprüche, darin Christus verheißen ist und [die] im Neuen Testament [her]angezogen werden, mit großer Schrift gedruckt sind, dass sie der Leser leicht und bald finden könne.« Auch wenn sich der Bestand der Kernstellen im Lauf der Jahrhunderte ver­ändert hat, gehören sie doch bis heute als unverzichtbarer Bestandteil zum Text. Bei der Revision wurden die Kernstellen noch einmal kritisch überprüft. In dieser Ausgabe der Lutherbibel sind sie durch halbfette Schrift her­vorgehoben.

betonte Einzelwörter

Besonders betonte Einzelwörter sind als Lesehilfe kursiv gesetzt. Das betrifft v. a. das Zahlwort »ein« (im Gegensatz zum unbestimmten Artikel »ein«; vgl. Lk 15,7: »So wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut«).

Herr

Das Wort »Herr« hat immer dann die Form Herr, wenn im hebräischen Grundtext der Gottesname, geschrieben »Jhwh«, gebraucht wird (–› Herr).

Sonderzeichen und Ergänzungen im Bibeltext

[ ... ]

Manche Texte, die erst sehr spät in der handschriftlichen Überlieferung nachweisbar sind, zugleich aber so bekannt sind, dass sie im Haupttext stehen, sind mit eckigen Klammern gekennzeichnet (vgl. Mt 6,13; s. »Zur Textüberlieferung der Bibel«).

wie geschrieben steht (Habakuk 2,4) :

Im Neuen Testament werden alttestamentliche Schriften zum Teil wörtlich zitiert. Die Stellenangaben, die im griechischen Text nicht vorhanden sind, sondern zum besseren Verständnis ergänzt wurden, lassen sich durch die andere Schriftart leicht als solche erkennen.

ab

Hochgestellte Kleinbuchstaben im Bibeltext verweisen auf den Verweis­ stellenapparat; weitere Informationen s. u. »Zusätze und Erklärungen zum Bibeltext«.

6,9 a (9‑13) Lk 11,2‑4 b Kap 23,9; Jes 29,23


11 hinweise zum gebr auch

Besonderheiten in den Psalmen und poetischen Texten

Die Psalmen und andere poetische Texte sind im Hebräischen nach dem Grundprinzip des Parallelismus in sinnparallele Halbverse gegliedert. Der jeweils zweite Halbvers ist in dieser Ausgabe durch Einrückung gekennzeichnet. Poetische Texte und Gebete, die nicht nach dem Grundprinzip des Parallelismus gegliedert sind, aber dennoch in ihrem besonderen Charakter erkennbar sein sollen (vgl. Mt 6,9‑13; Phil 2,5‑11), sind in Sinnzeilen gesetzt. Über das bereits Beschriebene hinaus werden in den Psalmen folgende besondere Schriften und Symbole verwendet: kapitälchen

Den Psalmen ist im Hebräischen meist eine kurze Einleitung vorangestellt (vgl. Ps 3,1). Diese Psalmeneinleitungen sind in dieser Ausgabe durch Kapitälchen markiert. Außerdem wird das Hebräische –› »Sela« (vgl. Ps 3,3) durch Kapitälchen gekennzeichnet.

|

Absätze sind innerhalb der Psalmen und poetischen Stücke durch Leerzeilen oder den Kommentar gekennzeichnet. Wenn eine Leerzeile durch den Seitenwechsel nicht mehr zu erkennen ist, wird sie durch einen senkrechten Strich am Ende der letzten Zeile vor dem Seitenwechsel markiert.

kursiv

Kehrverse, also Verse oder Versteile, die sich innerhalb eines Psalms wiederholen, sind in kursiver Schrift gesetzt.

Besonderheiten in den Apokryphen 13 [16]

Für die Apokryphen wurde bei der Revision 2017 konsequent die griechische Septuaginta als Textgrundlage verwendet. Im Vergleich zu den früheren Lutherbibeln hat sich dadurch an einigen Stellen auch die Verszählung ge­ ändert. Damit die Vergleichbarkeit mit älteren Ausgaben der Lutherbibel gewährleistet ist, werden die ursprünglichen Versangaben an den meisten Stellen in eckigen Klammern mitgeteilt. In den Büchern Judit und Tobias sind die Unterschiede zur bisherigen Textfassung so groß, dass es nicht möglich ist, die ursprünglichen Versziffern im Einzelnen anzugeben.

[ ... ]

Das Buch Jesus Sirach ist in der handschriftlichen Überlieferung in unter­ schiedlichen Textfassungen erhalten. Die später zugewachsenen Texte (»Langtexte«), die nur in einem Teil der Handschriften enthalten sind, werden in dieser Ausgabe durch eckige Klammern gekennzeichnet; vgl. Sir 1,5; s. Einf. Sirach.

Überschrift

An einigen wenigen Stellen im Buch Jesus Sirach sind die Abschnittsüber­ schriften bereits in den griechischen Handschriften enthalten (vgl. Sir 30,1). Um dies kenntlich zu machen, werden sie in der Schriftart des Bibeltextes (Documenta, s. o.) gesetzt; zu den sonstigen Überschriften s. u. »Zusätze und Erklärungen zum Bibeltext«.

ABC

Das griechische Esterbuch weist im Vergleich zum hebräischen Esterbuch einige Ergänzungen auf. Diese sind in der Lutherbibel als »Stücke zu Ester« in den Apokryphen enthalten. Die Kapitel innerhalb dieses Buches wer­den in dieser Ausgabe – entsprechend dem wissenschaftlichen Gebrauch – nicht mit Ziffern angegeben, sondern mit Buchstaben, weil sie keinen durchgehenden Text darstellen; s. Einf. Stücke zu Ester.


hinweise zum gebr auch

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ZUSÄTZE UND ERKLÄRUNGEN ZUM BIBELTEX T

Einführungen in die Teile der Bibel und in die biblischen Bücher

Am Beginn eines jeden biblischen Buches steht eine allgemeine Einführung, die jeweils über die histo­ rischen Zusammenhänge und Hintergründe des Buches, über wichtige Themen und theologische Akzentsetzungen, den Buchaufbau, die Entstehung und die Verfasserschaft informiert. Weitere Einführungen zu übergreifenden Fragestellungen finden sich am Beginn der verschiedenen Buchgruppen (z. B. am Beginn des Alten Testaments oder der Geschichtsbücher). Überschriften und Übersichten

Der Bibeltext ist ergänzt durch eine Reihe von zusätzlichen Lese- und Verstehenshilfen. Dazu gehören zunächst die Überschriften und Übersichten: ABSCHNIT TS ÜBERSCHRIF TEN

Den einzelnen Abschnitten des Textes (Perikopen) sind Überschriften vorangestellt, die über den Inhalt des jeweiligen Abschnitts informieren.

B U CH T E I LÜ B E R SCH R I F T E N

Gelegentlich lassen sich mehrere kleinere Abschnitte unter eine größere Buchteilüberschrift zusammenfassen (vgl. Mt 26–28).

Kapitel 20,22–23,19

Die Angaben unter den Buchteilüberschriften nennen den Bereich, den diese umfassen.

Inhaltsübersichten

Eine rasche Orientierung über den Inhalt der biblischen Bücher bieten die Inhaltsübersichten, die auf die Einführungen zum Buch folgen.

Sinnverwandte Abschnitte und biblische Verweisstellen

(Parallelstellen)

Direkt unter den Abschnittsüberschriften finden sich v. a. in den Evangelien, aber auch in anderen Büchern Angaben zu Parallelstellen. Das sind Texte, die an anderer Stelle ähnlich oder gleichlautend überliefert sind.

ab

Um die vielfältigen Textbezüge innerhalb der Bibel zu erschließen, finden sich zusätzlich zu den im Kommentar genannten Bibelstellen über 20 000 Verweisstellen in der jeweils rechten Spalte am Fuß jeder Seite. Hochgestellte kleine Buchstaben im Bibeltext stellen die Verbindung zu den Stellenangaben her. Wenn sich die angeführte Verweisstelle auf ein Einzelwort oder eine Wortgruppe bezieht, steht der Verweisbuchstabe unmittelbar davor; bezieht sie sich auf einen ganzen Vers, so steht er an dessen Ende; wenn sie mehrere Verse umfasst, folgt er auf die erste Versziffer.

6,9 a (9‑13) Lk 11,2‑4 b Kap 23,9; Jes 29,23

Besonderheiten im Kommentar und in den Einführungen

Schlüsselbegriff

In den Einführungen sind Schlüsselbegriffe zur leichteren Orientierung halbfett gesetzt.

–› Name (Gottes).

Vor einem Wort kennzeichnet der Pfeil wiederkehrende Begriffe und Sach­ verhalte (wie Bund, Kanaan, Wunder), die in den Sach- und Wort­erklärungen im Anhang erläutert werden.


13 hinweise zum gebr auch

–› 2. Mose 3,13‑15

Vor einer Bibelstelle zeigt der Pfeil an, dass es im Kommentar zu dieser Stelle weiterführende Informationen gibt. Die Bibelstellenangaben in den Kommentaren ergänzen dabei den Verweisstellenapparat, s. o. »Sinnverwandte Abschnitte und biblische Verweisstellen«.

Ich werde sein, der ich sein werde.

Worte und Passagen aus dem direkt vorangehenden biblischen Text wer­den im Kommentar halbfett und kursiv dargestellt. Alternative Über­setzungen oder Zitate anderer biblischer Texte stehen dagegen in »Anführungszeichen«.

tohu wavohu

Transliterationen fremdsprachiger Worte sind kursiv gesetzt; zu tohu wavohu –› 1. Mose 1,2.

Abkürzungen

Ein Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen findet sich im Anschluss an das alphabetische Inhalts­ verzeichnis ab S. 16 im Vorspann.

ANHÄNGE

Zeittafel zur biblischen Geschichte

Ab S. 2041 ist im Anhang eine Zeittafel zur biblischen Geschichte zu finden. Sie bietet einen Überblick über die Zusammenhänge und Entwicklungen in der biblischen Geschichte ab der Königszeit, indem sie der biblischen Geschichte wichtige Ereignisse aus den umliegenden Reichen an die Seite stellt. So hilft sie, die biblische Geschichte in ihrem historischen Kontext zu begreifen und damit die Botschaft der ­biblischen Texte besser zu verstehen. Maße, Gewichte und Geldwerte

Die Übersicht zu Maßen, Gewichten und Geldwerten in der Bibel findet sich ab S. 2049. Sie informiert über die Umrechnung der Mengen- bzw. Größenangaben, die in den biblischen Texten verwendet werden, in heute gebräuchliche Einheiten, und bietet knappe Informationen zum Umgang mit Messgeräten und Zahlungsmitteln in biblischer Zeit . Sach- und Worterklärungen

Die Sach- und Worterklärungen bieten ab S. 2052 ergänzend zu den Kommentaren zum biblischen Text weiterführende Informationen zum geschichtlichen Hintergrund, zu Personen- oder Personengruppen, religiösen Vorstellungen, gottesdienstlichen und kulturellen Einrichtungen etc. In den Kommentaren wird mit einem Pfeil (–›) vor einem Wort auf sie verwiesen. Die Sach- und Worterklärungen der Stuttgarter Erklärungsbibel sind umfangreicher als in anderen Ausgaben der Lutherbibel 2017. Sie können auch als kleines Lexikon zur Bibel eigenständig verwendet werden. Zur Textüberlieferung der Bibel

­ ie Überlieferung der biblischen Texte war ein langer und komplexer Prozess. Das zeigt sich u.a. daran, D dass es für manche Verse verschiedene Fassungen und damit auch verschiedene Möglichkeiten für die Übersetzung gibt (z. B. 5. Mose 27,4). Ab S. 2150 findet sich ein knapper Überblick über diesen Prozess.


hinweise zum gebr auch Archäologie und Bibelwissenschaft

Die biblische Archäologie beschäftigt sich mit den materiellen Hinterlassenschaften in den für die Bibel relevanten Regionen. Sie hilft, die historischen Zusammenhänge und kulturellen Hintergründe der biblischen Texte besser zu verstehen. Ab S. 2153 gibt es einen knappen Überblick über Geschichte, Ziele und Methoden dieser Disziplin. Wo finde ich was?

Unter der Überschrift »Wo finde ich was?« sind ab S. 2155 zentrale biblische Texte zu wichtigen christlichen Festen, Personen, Ereignissen und Themen zusammengestellt. Stichwortverzeichnis

Das Stichwortverzeichnis führt ab S. 2160 eine Auswahl der wichtigsten Texte zu über 400 Namen, Orten und zentralen Themen der Bibel in alphabetischer Reihenfolge auf. Es kann als kleine Konkordanz zur Lutherbibel verwendet werden. Zur Schreibung der Eigennamen

Die Schreibung der Personen- und Ortsnamen folgt in der Lutherbibel seit 1984 weitgehend den »­Loccumer Richtlinien zur einheitlichen Schreibung biblischer Eigennamen«, die im Interesse einer öku­menischen Vereinheitlichung der Namensformen von einer evangelisch-katholischen K ­ ommission erarbeitet worden sind. Lediglich bei Namen, die in der evangelischen Tradition einen besonde­ren Stellenwert haben, wurde von dieser ökumenischen Regelung abgewichen und die lange vertraute ­Lutherschreibweise beibehalten. Über die Ausnahmen, die für die Lutherbibel gelten, informiert ab S. 2179 die Liste »Zur Schreibung der Eigennamen«. Die Schreibung nicht-biblischer Eigennamen, die sich in den Kommentaren finden, orientiert sich an den vereinfachten Transliterationsregeln des Online-Lexikons www.wibilex.de. Landkarten und Kartenskizzen

Der Kartenteil gliedert sich in siebzehn schwarz-weiße Karten und Kartenskizzen und vier farbige Landkarten. Die farbigen Landkarten werden ab S. 2202 durch ein Ortsregister erschlossen. Dort werden auch die bei Kartenverweisen innerhalb der Erklärungen verwendeten Abkürzungen aufgeschlüsselt. Besonders hervorzuheben ist der Essay zur Baugeschichte Jerusalems (ab S. 2190), der die Karten zur Stadt­entwicklung begleitet, da er die wechselhafte Geschichte der Region am Beispiel Jerusalems plastisch nachvollziehbar macht.

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ALPHABETISCHES INHALTSVERZEICHNIS UND ABKÜRZUNGEN DER BIBLISCHEN BÜCHER Am Apg Bar 1. Chr 2. Chr Dan Eph Esra Est Gal Geb. Man Hab Hag Hebr Hes Hiob Hld Hos Jak Jdt Jer Jes Joel Joh 1. Joh 2. Joh 3. Joh Jona Jos Jud Klgl Kol 1. Kön 2. Kön 1. Kor 2. Kor Lk 1. Makk

Amos 1192 Apostelgeschichte 1748 Baruch 1401 1. Chronik 560 2. Chronik 596 Daniel 1148 Epheser 1896 Esra 640 Ester 671 Galater 1885 Gebet Manasses 1521 Habakuk 1224 Haggai 1234 Hebräer 1977 Hesekiel (Ezechiel) 1080 Hiob (Ijob) 684 Hoheslied 896 Hosea 1171 Jakobus 1997 Judit 1265 Jeremia 997 Jesaja 907 Joel 1186 Johannes 1697 1. Johannes 1967 2. Johannes 1974 3. Johannes 1975 Jona 1206 Josua 310 Judas 2007 Klagelieder 1073 Kolosser 1914 1. Könige 468 2. Könige 515 1. Korinther 1842 2. Korinther 1870 Lukas 1627 1. Makkabäer 1414

In Verweisen und Bibelstellenangaben bezeich­ nen die Ziffern hinter der Abkürzung für das Buch die jeweiligen Kapitel. Durch Komma abgetrennt folgen die Versangaben. Mehrere Verse werden durch einen Bindestrich oder einen Punkt

2. Makk Mal Mi Mk 1. Mose 2. Mose 3. Mose 4. Mose 5. Mose Mt Nah Neh Obd Offb 1. Petr 2. Petr Phil Phlm Pred Ps Ri Röm Rut Sach 1. Sam 2. Sam Sir Spr St zu Dan St zu Est 1. Thess 2. Thess 1. Tim 2. Tim Tit Tob Weish Zef

2. Makkabäer 1463 Maleachi 1255 Micha 1211 Markus 1591 1. Mose (Genesis) 42 2. Mose (Exodus) 116 3. Mose (Levitikus) 175 4. Mose (Numeri) 213 5. Mose (Deuteronomium) 261 Matthäus 1529 Nahum 1220 Nehemia 653 Obadja 1204 Offenbarung 2011 1. Petrus 1951 2. Petrus 1961 Philipper 1907 Philemon 1949 Prediger (Kohelet) 883 Psalm(en) 724 Richter 342 Römer 1813 Rut 375 Sacharja 1238 1. Samuel 381 2. Samuel 428 Sirach 1340 Sprüche (Proverbia) 850 Stücke zu Daniel 1509 Stücke zu Ester 1502 1. Thessalonicher 1921 2. Thessalonicher 1927 1. Timotheus 1931 2. Timotheus 1941 Titus 1946 Tobias (Tobit) 1323 Weisheit 1291 Zefanja 1229

getrennt, mehrere Kapitel durch einen etwas längeren Strich oder ein Semikolon. So bedeu­ tet die Angabe Jes 6,1-4.12; 18–20 beispielsweise: Im Buch Jesaja, ­K apitel 6, Verse 1 bis 4 und Vers 12, und Kapitel 18 bis 20.


abkürzungen

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WEITERE ABKÜRZUNGEN Die bei Kartenverweisen innerhalb der Erklärungen verwendeten Abkürzungen werden im Zusammenhang mit dem Ortsregister zu den farbigen Land-

karten auf S. 2202 aufgeschlüsselt. In der Stuttgarter Erklärungsbibel werden darüber hinaus folgende Abkürzungen verwendet:

ägypt. ägyptisch ähnl. ähnlich allg. allgemein arab. arabisch AT Altes Testament arab. arabisch assyr. assyrisch babyl. babylonisch bes. besonders, besondere bibl. biblisch bzw. beziehungsweise ca. circa christl. christlich d. h. das heißt dt. deutsch eigtl. eigentlich Einf. Einführung entspr. entsprechend etc. et cetera ev. evangelisch evtl. eventuell geistl. geistlich gem. gemeinsam gen. genannt geschichtl. geschichtlich ggf. gegebenenfalls ggü. gegenüber göttl. göttlich griech. griechisch Handschr. Handschrift hebr. hebräisch heidn. heidnisch hell. hellenistisch himml. himmlisch hist. historisch inkl. inklusive insb. insbesondere insg. insgesamt inzw. inzwischen ird. irdisch israelit. israelitisch Jh. Jahrhundert jüd. jüdisch kanaanit. kanaanitisch

Kap kath. kirchl. lat. menschl. milit. mögl. nördl. NT o. ä. o. Ä. östl. pol. proph. rel. röm. s. s. o. s. u. schließl. sog. südl. syr. teilw. theol. u. a. u. ö. u. U. Übers. urspr. usw. V. v. a. Verf. versch. vgl. vmtl. wahrsch. westl. wörtl. z. B. z. T. zw.

Kapitel katholisch kirchlich lateinisch menschlich militärisch möglich nördlich Neues Testament oder ähnlich oder Ähnliches östlich politisch prophetisch religiös römisch siehe siehe oben siehe unten schließlich sogenannt südlich syrisch teilweise theologisch unter anderem und öfter unter Umständen Übersetzung ursprünglich und so weiter Vers vor allem Verfasser verschieden vergleiche vermutlich wahrscheinlich westlich wörtlich zum Beispiel zum Teil zwischen


Das Alte Testament


Das Alte Testament NAME UND ENTSTEHUNG

Was ist das Alte Testament? Die Antwort auf diese scheinbar einfache Frage versteht sich nicht von selbst. Die Bezeichnung dieser Textsammlung als »Altes Testament« ist nur aus christl. Perspektive sinnvoll, wo es auch ein Neues Testament gibt. Andere Bezeichnungen sind »Hebräische Bibel«, »Jüdische Bibel« oder »Tanach«. Letzteres ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der hebr. Bezeichnungen für die Kanonteile torah = Weisung (Mosebücher), nevi’im = Propheten und ketuvim = Schriften. Der Begriff »Altes Testament« stammt aus dem zweiten Korintherbrief des Paulus (2. Kor 3,14: »alter Bund«). Dort benennt er aber noch nicht die Schriftensammlung, die sich heute in der Bibel findet. Es geht auch nicht darum, diese Texte als veraltet und damit theol. als unerheblich zu kennzeichnen. Für Jesus und die neutestamentlichen Autoren waren die Texte des später sog. Alten Testaments selbstverständlich »die (heilige) Schrift« (vgl. z. B. Röm 1,2; Lk 24,27.32.45 u. ö.; s. Einf. Bibel). Das Alte Testament (AT) ist mehr als ein einzelnes Buch, es ist eine Sammlung von Einzelschriften. Diese Schriften haben jeweils eine längere, teilweise auch gem., Entstehungs-, Fortschreibungsund Überlieferungsgeschichte. Sie sind im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden. Eine umfangreichere literarische Produktion gab es in den Königreichen Israel und Juda wahrsch. erst nach 800 v. Chr., obwohl manche der im AT aufgenom­ menen Erzählstoffe deutlich älter sind. Im Verlauf ihrer Entstehungsgeschichte haben die bibl. ­Bücher immer wieder neu zu den Menschen gesprochen. Und auch durch die Sammlung, Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Schriften zu größeren Kompositionen ergeben sich neue Verstehens­möglichkeiten. So erhält z. B. ein Psalm durch seine Nachbartexte im Psalter einen zusätzlichen Sinn (s. Einf. Psalter); oder die zwölf »kleinen« Propheten (Hosea bis Maleachi) interpretieren sich durch ihre Abfolge gegenseitig etc. (s. Einf. zu den Propheten). UMFANG UND ANORDNUNG

Die alttestamentlichen Schriften wurden urspr. in Hebräisch und einzelne Passagen (in Daniel und Esra) in Aramäisch verfasst. Etwa ab 500 v. Chr. wird Hebr. durch Aramäisch als Umgangssprache abgelöst. Ab 350 v. Chr. wird Griechisch zur Weltsprache. Auch die Juden, die außerhalb Israels leben, etwa in Ägypten oder in Mesopotamien, sprechen im Alltag nicht mehr Hebr. So entsteht zuerst im ägypt. Alexan­drien eine Übers. der Hebr. Bibel ins Griech., die sog. ­Septuaginta. Die Septuaginta war dann

auch diejenige Textfassung des »Alten Testaments«, die die Verf. der neutestamentlichen Schriften und der ersten christl. Gemeinden verwendeten (s. Einf. Bibel). Die Septuaginta enthält zusätzlich zu den hebr. Büchern eine Reihe von Schriften, die zum größten Teil schon urspr. auf Griech. verfasst wurden, also jünger sind als die hebr. Texte. Darunter sind z. B. die Bücher der Makkabäer, Judit oder die Weisheit Salomos. Aber nicht nur der Umfang, auch die Reihen­ folge der Bücher war in der Septuaginta anders als in der Hebr. Bibel. Die hebr. Überlieferung ordnet die B ­ ücher in den Gruppen Tora (»Weisung«, die fünf Bücher Mose), Propheten (Josua bis Könige als »frühere Propheten«, Jesaja bis Maleachi als »spätere Propheten«) und Schriften (die Psalmen und die Weisheitsbücher, aber auch die Chronik und Esra / Nehemia). Dies beinhaltet auch eine theol. Gewichtung: Die Weisung Gottes an Israel in der Tora ist das Wichtigste. Diese Tora wird von den Propheten ausgelegt (vgl. Mal 3,22‑23 als Abschluss der Prophe­ ten), worauf eine erneute – weniger bedeutsame – Auslegung durch die Gruppe der Schriften folgt (vgl. Ps 1 als Torapsalm zur Eröffnung der Schriften). Die Septuaginta dagegen ordnet die Bücher in die Kategorien Geschichtsbücher (Mose bis einschließlich Makkabäer); Lehrbücher und Psalmen (Psalmen und Weisheitsbücher) und Propheten (Jesaja bis Maleachi). Damit ergibt sich eine Abfolge nach dem Muster Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. So konnten die ersten Christinnen und Christen die Propheten leicht als Verheißung auf Christus lesen. Und der Verweis auf das Kommen Elias in Mal 3,23 wird nur wenige Seiten später in Mt 11,14 aufgegriffen. In der Christenheit blieb diese Lesart des AT das ganze Mittelalter über bestimmend. Martin Luther griff dann für seine Übers. der Bibel ins Dt. auf die hebr. Texte zurück. Er folgte damit dem humanistischen Grundsatz »Zu den Quel­len« (lat. ad fontes). Dies gilt allerdings nur für den Umfang des AT: Die griech. Spätschriften sammelte er als »Apokryphen« in einer Art Anhang zum AT. Für die Anordnung blieb er bei der Abfolge der Septuaginta und Vulgata, sodass sich in der Lutherbibel (und in allen christl. Bibelübers. danach) für das AT die Reihenfolge Geschichtsbücher – Lehrbücher und Psalmen – Propheten ergibt. DAS ALTE TESTAMENT VERSTEHEN

Die Reihenfolge der Schriften gibt also bereits ein gewisses Verständnis des AT vor. Dabei wird deutlich: Unterschiedliche Abfolgen eröffnen auch ­unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe


das alte testament

Textsammlung. Dazu kommt die Frage, ob eine Sammlung von Texten, die im Laufe einer so langen Zeit entstanden sind, überhaupt ein gem. Thema haben kann. Man kann dieses Thema als die Ge­ schichte Gottes mit der Menschheit und v. a. mit seinem Volk Israel bezeichnen. Dabei ist das Stichwort »Geschichte« entscheidend. Die alttestamentlichen Schriften bezeugen den Glauben an den einen Gott durch sehr wechselvolle Zeiten. Scheint dies zunächst der Gott einer Gruppe nomadischer Großfamilien zu sein (vgl. die Erzeltern in 1. Mose 12–50), so wird derselbe Gott später der Staatsgott der beiden Königreiche Israel und Juda. Aber auch mit dem Verlust der staatlichen Souveränität und sogar der wichtigsten Institutionen wie Königtum und Tempel in Folge der Eroberungen durch die Assy­rer und Babylonier bleibt der Glaube an diesen Gott erhalten. Im babyl. –› Exil ab 586 v. Chr. wird »Israel« von

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einer pol. Gemeinschaft zu einer Gemeinde, die v. a. durch den Glauben an den einen Gott verbunden ist. Diese Zeit leitet eine neue Phase für die Sammlung, Niederschrift und Komposition der bisherigen rel. Überlieferung ein. Wo es keinen Tempel und keinen Opfergottesdienst mehr gibt, werden Geschichten, Prophetenworte und Psalmen umso wichtiger. Durch die Höhen und Tiefen der Geschichte erweist sich Gott im wahrsten Sinn des Wortes als glaub-würdig. Der Glaube an diesen Gott ist das Kontinuum, das eine wechselvolle Geschichte als Einheit erscheinen lässt. Dieser Gott lässt im Exil verkünden, dass er »ein Neues schaffen« will (Jes 43,19). So weist die Geschichte mit diesem Gott über sich selbst hinaus in eine Zukunft. Judentum und Christentum knüpfen auf je unterschiedliche Weise an diese Geschichte des Glaubens an (s. Einf. Bibel). In jedem Fall aber geht der Glaube an diesen Gott über das AT hinaus.


Das erste Buch Mose (Genesis) Einführung Das 1. Buch Mose trägt in der griech. und lat. Übers. den Namen Genesis (»Entstehung, Ursprung«), im Hebr. bereschit (»Am Anfang«), und bildet damit den ersten Teil der Tora (s. Einf. Geschichtsbücher AT). Als Buch der Ursprünge handelt es von einem doppelten Anfang: dem der gegenwärtigen Welt und dem des Volkes Israel. Für die Welt wird dies in den beiden sog. Schöpfungsberichten klargestellt, mit denen das erste Buch der Bibel beginnt. Für das Volk Israel wird es anschaulich an der Geschichte der Erzeltern Abraham und Sara, aus denen Gott nach seiner Verheißung ein großes Volk machen will. Zum Zeichen, dass sich dieses Volk allein der göttl. Schöpferkraft verdankt, bekommen die beiden gegen alle natürliche Erwartung erst im höchsten Alter den ersten und einzigen gem. Sohn. Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile: • Kap 1–11: Die Erschaffung der Welt und die ­Urgeschichte der Menschheit • Kap 12–36: Die Geschichte der Erzeltern Israels von Abraham bis Jakob • Kap 37–50: Die Geschichte Josefs und seiner Brüder DIE ERSCHAFFUNG DER WELT UND DIE URGESCHICHTE DER MENSCHHEIT (KAPITEL 1–11)

Obwohl die Bibel im AT überwiegend von der Geschichte eines einzelnen, kleinen Volkes handelt, beginnt sie mit der Erschaffung der Welt und mit einer Urgeschichte, die alle Völker betrifft. Damit stellt sie die Geschichte dieses Volkes in den Rahmen der gesamten Menschheit. So macht sie deutlich, dass das, was hier geschieht, für alle Menschen von Bedeutung ist. Diese universale Sicht ist nicht selbstverständlich, und auch in Israel hat sie sich erst in exilisch-nachexilischer Zeit, nachdem die Sammlung der Erzelterngeschichten sich formiert hatte, herausgebildet. Der Abschnitt Kap 1–11, den wir als Urgeschichte bezeichnen, wurde den Erzeltern­ geschichten in späterer Zeit vorangestellt. Die eigtl. Geschichte des Volkes Israel beginnt dann mit der Befreiung aus Ägypten und der Errettung am Schilfmeer (2. Mose 1–15). Sein Urbekenntnis ist deshalb nicht das Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer der Welt, sondern zu Gott als dem Retter, der sein Volk aus Ägypten geführt und in das Land gebracht hat, in dem »Milch und Honig fließt« (2. Mose 3,8). Alles andere ist von hier aus gesehen Vorgeschichte: zuerst die Geschichte der Erzeltern, in der sich die Erinnerung an die nomadische Herkunft der Stämme Israels spiegelt, und – ihr noch vorausgehend – die Urgeschichte der gesamten Menschheit, als deren

Glied sich Israel in nachexilischer Zeit, als ein Volk unter Völkern, zu begreifen beginnt. Aus diesem Entstehungsprozess heraus ist es zu verstehen, dass hier nicht einfach uralte, seit Urzeiten feststehende Kenntnisse überliefert werden, sondern unter Aufnahme von Überlieferung der unterschiedlichsten Art (Stammbäume, Listen, Sprüche, Sagen) ein Bild der Urzeit entworfen wird, das aus einem theol. Grundverständnis von Gott und Mensch heraus die Voraussetzungen aller Geschichte aufdeckt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass wir in Kap 1–11 nicht eine einzige einheitliche Urgeschichte, sondern gleich zwei Darstellungen vor uns haben. So fällt schnell auf, dass nach einem ersten Schöpfungsbericht die Schöpfung ab 2,4b noch einmal in mythologischer Form und Reihenfolge geschildert wird. Auch danach begegnen immer wieder Doppelungen und Widersprüche (so etwa in den Geschlechterreihen 4,17‑26; 5,1‑32 oder 10,21‑31; 11,10‑26). Die Verheißung am Ende der Sintflut wird zweifach erzählt (8,20‑22; 9,1‑17), und aufgrund bestimmter Anzeichen lässt sich erschließen, dass auch Ankündigung und Verlauf der Flut in mindestens zwei urspr. selbstständigen Fassungen vorlagen, jetzt aber zu einem einzigen Bericht verwoben sind, der seinerseits weiter ergänzt worden ist. Der Redaktor bzw. die Redaktionen, die die beiden urgeschichtlichen Darstellungen in dieser Weise zu einer spannungsvollen Einheit verbunden haben, lassen beide Schöpfungserzählungen mit ihrer jeweiligen Eigenart nebeneinander stehen, sodass wir zwei vom Glauben Israels geprägte Erzählungen vom Anfang der Schöpfung haben. Die erste ist priesterschriftlich geprägt (s. Einf. Geschichtsbücher AT) und zeichnet sich durch ein 7-Tage-Schema und bestimmte Formelhaftigkeit aus. Der –› Sabbat ist hier der Höhepunkt der Schöpfung. Neben der Welt, Pflanzen und Tieren wird der Mensch als Mann und Frau als –› Ebenbild Gottes geschaffen. Der zweite Schöpfungsbericht (nichtpriesterschriftlich; früher dem sog. Jahwisten zugeschrieben) atmet den Geist eines mythologischen Berichts und setzt den Menschen (hebr. adam) in den Ur-Garten. Die Frau wird hier als Gegenüber des Mannes in einem weiteren Schöpfungsakt geschaffen. Man wird nun aber nicht sagen können, dass die beiden Darstellungen darauf angelegt sind, einander zu ergänzen. Das hängt damit zusammen, dass jede dieser Darstellungen ihren ganz bestimmten geschichtl. Ort hat. Das Zeugnis vom Urgeschehen wird nicht als allg. Wahrheit vorgetragen, sondern wendet sich an die jeweiligen Zeitgenossen; es bleibt bezogen auf ihren Erfahrungshorizont und antwortet


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auf ihre bes. Fragen. Das heißt nicht, dass dieses Zeugnis für spätere Zeiten keine Bedeutung mehr hätte; aber um diese Bedeutung zu erfassen, muss man die Situation berücksichtigen, in der die betreffenden Aussagen urspr. gemacht worden sind. Das gilt bes. für die weltbildlichen Vorstellungen, die dazu dienen, das Zeugnis von Gott als dem Schöpfer der Welt und des Menschen zum Ausdruck zu bringen. Sie spiegeln ganz offenkundig den Wissensstand einer bestimmten Menschheitsepoche. Daher muss man zunächst einmal die Aussageabsicht der bibl. Zeugnisse so klar wie mögl. erfassen. Dabei hilft u. a. der Vergleich mit urgeschichtlichen Schilderungen aus der bibl. Umwelt (Kanaan, Mesopotamien, Ägypten), mit denen sich die bibl. Darstellungen oft berühren, von denen sie sich aber auch wieder bewusst abheben. In ihrem eigenständigen Profil am leichtesten zu fassen ist die jüngere der beiden urgeschicht­ lichen Darstellungen, die nach allg. Einschätzung der sog. –› Priesterschrift zugewiesen wird (s. Einf. Geschichtsbücher AT). Der ganze Zeitraum der Urgeschichte wird hier durch Abstammungsreihen der Urväter umfasst und gegliedert, in Aufzählung der Lebensdaten (5,1‑31; 11,10‑26), und auch die Verzweigung der Völker nach der Sintflut wird in Form einer Völkerliste dargestellt (Kap 10 ohne 10,8‑19.24‑30, die aus dem Parallelbericht stammen). Davon heben sich die beiden erzählerischen Einheiten deutlich ab: Schöpfung (1,1–2,4a) und Sintflut (6,9–9,17 mit Einsprengseln aus dem Parallelbericht u. a. in 7,1‑9; 8,6‑12.20‑22). Auch in diesen Erzählungen findet sich die listenmäßige Aufzählung als charakteristisches Stilmerkmal (1,11‑12.21.24‑25.28‑29; 6,20; 7,14.21.23; 8,16‑19; 9,2.10), und der Aufbau des Schöpfungsberichts lässt in seiner systematischen Gliederung, in der geordneten Auflistung der Schöpfungswerke, dasselbe Interesse erkennen. Der Verf. will nicht nur zeigen, dass die Natur in ihrem gesamten Umfang Gottes Schöpfungswerk ist; er will zugleich auf die Ordnung hinweisen, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat – eine Ordnung, ohne die kein Leben mögl. ist und die eine wesentliche Voraussetzung darstellt für das Urteil: »Es war sehr gut« (1,31). Niedergeschrieben wurde dieser Schöpfungsbericht in exilisch-nachexilischer Zeit (–› Exil), als Israel sich nach der nationalen Katastrophe auf die Grundlagen seines Glaubens besann. Es ist ein Hoffnungstext, der Gottes Nähe zu seiner Welt und zum Menschen in die Geschichte der Schöpfung einschreibt. Gottes Geist schwebt über den Wassern und über dem Chaos und greift ordnend, schöpfend ein. Aus dieser Niederschrift spricht die unerschütterliche Glaubensüberzeugung: Der Gott dieses kleinen, geschlagenen Volkes ist der Schöpfer und Herr der Welt! In den sumerisch-babyl. Schöpfungsmythen schaffen die großen und kleinen Götter den

1. mose

Menschen, damit er die Arbeit der Götter übernimmt und diese versorgt. Demgegenüber sieht der erste bibl. Bericht die Schöpfung als geordnetes Werk eines einzigen Gottes, der keine anderen Götter neben sich hat. Sonne und Mond, ehemals orientalische große Gottheiten, werden durch die Funktion als bloße Lichter entmachtet. Gott schafft die Welt als sinnvolle Ordnung durch sein Befehlswort (–› 1,3) und bestimmt den Menschen zu seinem Ebenbild, zu seinem verantwortlichen Stellvertreter (1,27‑28) auf Erden. Der Mensch, der den Segen Gottes erhält, soll über die Erde bewahrend und hütend herrschen. Tiere und Vegetation sind ihm untertan. Auch der Bericht über die Sintflut zielt hier auf die lebenserhaltende Ordnung (9,1‑17) und lässt den Zusammenhang zum ersten Schöpfungsbericht durch allerlei Bezüge erkennen. Der priesterliche Sintflutbericht endet mit dem Bundeszeichen (–› Bund) des »Kriegsbogens« Gottes (Regenbogen), der in die Wolken gesetzt wird und Gott an sein schöpfungserhaltendes Wirken gemahnt (–› 9,16). Eine ältere Fassung der Urgeschichte stammt evtl. aus vorexilischer Zeit und wurde nach der klassischen Vorstellung des –› Pentateuchs der jahwis­ tischen Schicht zugeschrieben (s. Einf. Geschichtsbücher AT); da dieser sog. Jahwist in der neueren Forschung umstritten ist, sollte man sich mit der Zuschreibung zu einer nichtpriesterschriftlichen Schicht begnügen. Diese nichtpriesterschriftliche Schicht besteht aus einer Kette von Erzählungen, die vom Wesen des Menschen, seinen Grenzen und ihrer schuldhaften Überschreitung, aber auch von der unverbrüchlichen Treue Gottes zu seinem Geschöpf sprechen. Sie tun es in einer oftmals mythologisch narrativ erscheinenden Form. Der Bericht über die Erschaffung des Menschen und seiner vertrauten Umwelt – gesehen aus der begrenzten Perspektive einer kleinbäuerlichen Welt (im Hebr. ein Wortspiel mit dem Namen Adam und dem Wort adama = »Ackerland«) – ist hier nur die Einleitung zur Geschichte vom Paradies und von dessen Verlust. Darin wird der Riss sichtbar, der die gegenwärtige Welt von der urspr. Schöpfung trennt (Kap 2–3). Die Auflehnung des Geschöpfs gegen den Schöpfer bestimmt auch die folgenden Stationen dieser Urgeschichte, vom Brudermord Kains (4,1‑16) bis zum himmelstürmenden Turmbau (11,1‑9). Die Menschheit möchte sich einen Namen machen, doch Gott schreitet sprachverwirrend ein. Wirklich einmalig ist allein die große Flut, die auch in dieser Fassung der Urgeschichte eine zentrale Stellung einnimmt und von der ausdrücklich gesagt wird, dass sie sich nicht wiederholen soll (8,21). Das gilt, obwohl der Anlass, die Verderbtheit der Menschen, nach wie vor besteht und weiterhin bestehen wird (8,20‑22). Gott empfindet Reue (6,6) ggü. seiner Schöpfung und hat gelernt, dass der Mensch und seine Schöpfung verdorben sind.


genesis

Vernichtend ergeht das Urteil, dass das Sinnen und Trachten des Menschen böse von Jugend auf sei (6,5; 8,21). Dies ist die Botschaft dieser Urgeschichte, die ein so deutliches Bewusstsein davon bekundet, dass der Mensch für sich selbst die größte Gefahr darstellt: Gott steht zu seinen Geschöpfen, trotz ihrer Auflehnung; er weist sie in ihre Grenzen (3,22; 6,3; 11,6‑7), aber er schenkt ihnen das verwirkte Leben und bleibt ihnen als Schöpfer zugewandt (beispielhaft 3,21). DIE GESCHICHTE DER ERZELTERN ISRAELS VON ABRAHAM BIS JAKOB (KAPITEL 12–36)

Der zweite Teil des 1. Mosebuches ist eine Sammlung von Geschichten über die Erzeltern Israels. Sie schlägt die Brücke von der Vielfalt der Völkerwelt (Kap 10) zur Geschichte des Volkes Israel, das in der Person Abrahams und seiner Frau Sara von Gott aus dem Kreis der Semiten (11,10.27‑32) herausgerufen wird. Die Geschichten gliedern sich in drei Teile: Abrahamgeschichten (Kap 12–25), J­ akobgeschichten (Kap 25–36) und Josefserzählung (Kap 37–50). Zw. Abraham und Jakob steht in der Ordnung nach Generationen Isaak, aber von ihm wird fast nur in der Zuordnung zu Abraham oder Jakob erzählt. Ein Thema zieht sich durch das Ganze hindurch, vom Aufbruch Abrahams über das wechselvolle Ergehen seiner Nachfahren bis zum feierlichen Begräbnis Jakobs / Israels in der Erde des verheißenen Landes: die Verheißung Gottes an die Väter, dass ihre Nachkommen zu einem großen Volk werden und ein eigenes Land besitzen sollen. Deshalb sind diese Geschichten in Israel immer neu erzählt worden, nicht nur als Erinnerung an die eigenen Ursprünge, sondern zugleich als Bestätigung und Vergewisserung, dass Gott seine Zusagen einlöst. V. a. aber erkennt Israel darin ein Grundmerkmal seiner eigenen Geschichte. Herausgenommen aus der Gemeinschaft der Völker (4. Mose 23,9), auch in Kanaan nie recht bodenständig, sondern auch da ein Fremdling (vgl. 3. Mose 25,23; Ps 39,13), sah es sich einen bes. Weg geführt, dessen Plan und Ziel ganz in der Hand seines Gottes lag und auf dessen Verheißung beruhte. Dieses Ziel war für Israel auch nach der Inbesitznahme des Landes nicht ein für alle Mal erreicht, sondern im Lauf seiner Geschichte stets aufs Neue durch wechselnde Gefahren – nicht zuletzt auch von innen – bedroht. So findet Israel in den Erzeltern Urbilder der eigenen Berufung und Gefährdung und in den von ihnen überlieferten Geschichten Zuspruch und Ermutigung in seinen Glaubensprüfungen. Was es heißt, ganz von Gottes Zusage zu leben und auf die von ihm gesetzte Stunde der Erfüllung zu warten, wird anschaulich an der Gestalt Abra­ hams. Erzwingen lässt sich hier nichts (Kap 16). Der spät geborene, einzige gem. Sohn mit Sara muss als Unterpfand für das künftige »große Volk« genügen,

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und auch er wird von Gott in einer Gehorsamsprobe noch einmal zurückgefordert (Kap 22). Von dem verheißenen Land erhält Abraham nur eine – von ihm selbst gekaufte – Grabstätte zum Eigentum. Durch die Verheißung in Bewegung gesetzt, muss er das ganze Spannungsfeld zw. Hoffen und Verzagen, zw. Glauben und Zweifel, zw. Geführtwerden und eigenmächtigem Tun durchleben. Bis ins NT hinein wird Abraham so zum »Vater des Glaubens« (Röm 4; Hebr 11). In noch größere Tiefen der Anfechtung führt die Jakobsgeschichte. Was geschieht, wenn der Verheißungsträger sich der Berufung unwürdig erweist – wie im Grunde die rivalisierenden Brüder alle beide (25,29‑34; 27,1‑29)? Wie wird Gott reagieren, wenn Menschen durch eigene Machenschaften Segen und Verheißung zu zerstören drohen? Gottes Heilswille kann durch Lug und Trug der Menschen nicht zerstört werden. Aber er äußert sich anders, als Menschen es je erwarten können: als bedingungslose Zusage Gottes, wo Jakob durch seine Schuld eigtl. alles verspielt hat (28,10‑22); oder als schwer erkämpfter Segen, der Gott am Jabbok abgerungen werden muss, wo die eigene Vergangenheit den äußerlich Erfolgreichen einholt (32,23‑33). Die Erzelterngeschichten sollen die nomadische Vergangenheit Israels widerspiegeln, ohne dass die Traditionsstücke, die über Jahrhunderte gesammelt und angereichert wurden, einem bestimmten hist. Ort zugewiesen werden könnten. Den Kern dieser Erzählungen bildeten zunächst wohl die Jakob­erzählungen, wobei auch die Abraham- und Isaaküber­lieferung auf eigene Textgrundlagen zurückgehen können. Möglicherweise bildeten die Erzelterngeschichten (ohne die Josefsgeschichte) zunächst auch eine eigenständige Ursprungstradition Israels, ohne von sich aus schon auf einen Exodus aus Ägypten hinzuweisen. Kap 12–36 stellen exemplarische Geschichten für die Glaubensstärke und die jeweiligen Verheißungen dar, die den Erzeltern und somit auch Israel mitgegeben sind. Es sind Glaubensgeschichten, die Gottes Führung für sein Volk auch in dunklen Zeiten erfahrbar und glaubbar machen. DIE GESCHICHTE JOSEFS UND SEINER BRÜDER (KAPITEL 37– 50)

Die Erzählung von Josef und seinen Brüdern bildet im jetzigen Kontext die redaktionelle Brücke von der Geschichte der Erzeltern zur Volksgeschichte, von der dann das 2. Mosebuch handeln wird. Die Jakobsfamilie und mit ihr das Volk Israel kommt nach Ägypten, das »Land der Knechtschaft«, und wird hier groß – das ist das entscheidend Neue und Wichtige, was vor Augen geführt werden soll. Kap 37–50 ist nicht wie Kap 12–36 eine Sammlung relativ selbstständiger Einzelgeschichten, sondern eine zusammenhängende, kunstvoll gestaltete weisheitliche Komposition mit eigener Dramatik,


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die im Nachhinein mit Kap 12–36 redaktionell verbunden wurde. Damit haben die Verf. der Josefs­ geschichte ihr die jetzige Gestalt gegeben, die sie in den Rang großer Weltliteratur erhebt. Bestimmte Motive (–› Träume und ihre Deutung; Entzweiung und V ­ ersöhnung; Hungersnot) halten sich durch und verleihen der Josefsnovelle ihr Gerüst. Von den Träumen des jungen Josef bis zu ihrer Erfüllung, vom Zerwürfnis zw. den Brüdern bis zu ihrer Wiederversöhnung, vom Verlust des Lieblingssohnes bis zu seinem Wiederfinden im fremden Land spannt sich der Bogen; durch die Tiefen von Irrungen, Prüfungen und Leiden müssen alle Beteiligten hindurch, bevor sie zum glücklichen Ende zusammenfinden. Göttl. Fügung und Führung walten in diesem Geschehen. Die Jakobsfamilie wird vor dem drohenden Hungertod bewahrt; aber auch die Ägypter verdanken dem göttl. Plan, der Josef an die Seite des Pharao bringt, ihr Überleben. Sogar die bösen Absichten der Menschen müssen dazu dienen, dass Gott sein Ziel erreicht: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk« (50,20). Entstehungszeit und -ort dieser weisheitlich geprägten Josefserzählung lassen sich nicht weiter erhellen. Grundsätzlich scheint der Erzählstoff aber eine diasporaähnliche Situation für Israel vorauszusetzen (–› Diaspora). Frühere Zuweisungen in eine sog. aufgeklärte Epoche zur Zeit Salomos lassen sich jedenfalls nicht mehr aufrechterhalten.

1. mose 1

Die Josefsgeschichte zeigt die heilsame, Leben schützende und erhaltende Bedeutung des König­ tums (des Pharao), aber zugleich die Grenzen königlicher Macht. Es überrascht das positive Ägyptenbild dieser Erzählung, das im jetzigen Großzusammenhang im Kontrast zu den Erfahrungen in 2. Mose steht. Zugleich spiegelt sie auch eine gewisse Vorrangstellung der Josefsstämme (Ephraim und Manasse). Nicht zuletzt wird die Josefsgeschichte geprägt von dem Ideal menschlicher Bildung, das in der bibl. Weisheitsliteratur zum Ausdruck kommt (s. Einf. Sprüche). Lebens- und Staatsklugheit gehen in der weisheitlichen Erziehung mit der –› Gottesfurcht eine unlösbare Verbindung ein. Das zeigt sich in der Person Josefs, der dem Pharao staatsmännisch zu raten versteht und seine Gedanken in eindrucksvoller Redekunst vorträgt (Kap 41) oder auch seinen Brüdern souverän und ohne Rachsucht begegnet und dabei in allem mit Gott als dem Lenker der menschl. Geschicke rechnet (Kap 42–45; 50,15‑21). Zu den weisheitlichen Themen gehört auch Josefs Standfestigkeit ggü. den Verführungskünsten der »fremden Frau« (39,7‑10), die ausdrücklich mit seiner Gottesfurcht begründet wird (vgl. Spr 5; 6,20–7,27). Demgegenüber scheinen sich Grundkonstanten weisheitlichen Denkens (–› Tun-Ergehen-Zusammenhang) am Schicksal der Brüder nicht zu erfüllen. Diese werden für ihre Taten (Tun) eben nicht bestraft (Ergehen). Gottes Fügung und Josefs Vergebung stehen darüber und ermöglichen letztendlich ein segensvolles Überleben des Volkes Israel im fremden Land.

Inhaltsübersicht 1  Die Erschaffung der Welt 2  Der Garten Eden 3  Sünde und Leid kommen in die Welt 4  Kain und Abel 6–9  Noah und die Sintflut 5 u. 10–11  Die Völker und der Turmbau zu Babel 12–26  Abraham und Isaak 27–36  Jakob und Esau 37–50  Josef und seine Brüder

DIE SCHÖPFUNG (vgl. Kap 2,4‑25 ; Ps 104,1‑35)

1 A m Anfang schuf Gott Himmel und Erde. a

2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

Der erste Satz der Bibel formuliert ein Grundbekenntnis des Glaubens: Alles, was es gibt (Himmel und Erde), kommt von Gott. Das folgende liturgische Gedicht lobt den Schöpfer durch die Beschreibung eines SechsTagewerks, das am siebten Tag in den Sabbat mündet. Schaffen steht für Gottes souveränes Handeln. Anders als in Kap 2 ist kein handwerkliches Herstellen gemeint. V. 2 setzt einen chaotischen Urzustand als »Vorwelt« voraus (wüst und leer; im Hebr. lautmalerisch tohu wavohu, davon als Lehnwort »Tohuwabohu«). Tiefe ist die gefährliche, chaotische Urflut. Aus der Ordnung, die Gott diesem Chaos abgewinnt, entstehen der

Kosmos und die Welt als Lebensraum für Tiere und Menschen. Gottes –› Geist meint hier einen Wind, der die Urflut bewegt, ja aufwühlt, und später in 8,1 die Wassermassen der Sintflut zurückdrängt. 3 Und Gott a sprach: Es werde Licht! Und es

ward Licht. b 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Gottes schöpferisches Wort hat kosmische Kraft (Jes 55,10‑12) und wird in Joh 1,1‑3 mit Jesus Christus verbunden. Bevor die Räume geordnet werden, geschieht die Ordnung der Zeit und der Ablauf von 1,1 a Hiob 38,4 ; Ps 90,2 ; Joh 1,1‑3 ; Offb 4,11 1,3 a Ps 33,9 ; Hebr 11,3 b Jes 45,7


genesis 1 Tag und Nacht beginnt. Inmitten der Finsternis wird das Licht ins Dasein gerufen. Es gilt als eigenständiges Naturphänomen, unabhängig von der Sonne (V. 16), und ist die grundlegende Voraussetzung für alles Leben (Hiob 33,28; Ps 27,1; 36,10). Nach bibl. Tradition beginnt der Tag mit dem Abend (V. 5), wie noch heute der jüd. –› Sabbat. 6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwi-

schen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. 7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. a 8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. In der unmittelbaren Wahrnehmung erscheint der blaue Himmel als festes Gewölbe (–› Feste). Darüber befinden sich zurückgedrängte Wassermassen, aus denen u. a. die Regenwolken gespeist werden (7,11; Mal 3,10; vgl. Ps 104,3). 9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. a 10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. 11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde. Und es geschah so. 12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Die Urflut (V. 2) wird zum Meer und gibt den Lebensraum Erde frei. Die Erde wird als Mitschöpferin von Gott beauftragt und als Mutter aller Pflanzen (nach V. 24 auch der Tiere) bes. gewürdigt.

46 20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. 21 Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. a 22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. 23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

Die Tierwelt ist nach Lebensräumen gegliedert: Nach Wasser und Luft folgt in V. 24 noch die Erde. Jedes nach seiner Art zeigt Freude an Artenvielfalt und naturkundlicher Klassifikation. Anders als die Pflanzen werden Tiere und Menschen als lebendige Wesen zusammen betrachtet und mit Fortpflanzungskraft begabt, die Gottes Schöpferkraft weitergibt (–› Segen). Die großen Seeungeheuer sind mythische Drachen (ähnl. wie der –› Leviatan; vgl. auch –› Meer), die noch in der geschaffenen Welt das Chaotische der Urflut repräsentieren, hier aber als Gottes erste Geschöpfe unter den Tieren genannt werden (Ps 104,26). 24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor

lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. 25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Die Landtiere werden unterteilt in das gezähmte Vieh, wild lebende Tiere des Feldes (Feld meint hier das freie Feld, nicht den Acker) und alles, was sich direkt am Boden fortbewegt, vom Käfer bis zur Schlange (Gewürm). Die Beauftragung der Erde als Mitschöpferin in V. 24 scheint in V. 25 zurückgenommen. – Indem Gott seine Werke gutheißt, stiftet er eine bleibende Beziehung zu ihnen.

14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der

26 Und

Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre a 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. a 17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde 18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, a das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. b 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, a zum Bilde Gottes schuf er ihn; und b schuf sie als Mann und Frau⁠. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Nachbarvölker Israels sahen in den Gestirnen Gottheiten, die das menschl. Schicksal bestimmen. Hier jedoch sind sie ihrer Göttlichkeit entkleidete Lichter (Lampen) am Himmelsgewölbe.

1,7 a Ps 19,2 ; 136,6 ; 148,4 1,9 a Hiob 38,8‑11 ; Ps 24,2 ; 2. Petr 3,5 1,14 a 5. Mose 4,19 ; Ps 74,16 ; Jes 47,13 1,16 a Ps 136,7‑9 1,21 a Ps 74,13‑14 ; 148,7 1,26 a Kap 5,1 b Ps 8,6‑9 ; Eph 4,24 ; Kol 1,15 ; 3,10 ; Jak 3,9 1,27 a Kap 9,6 b Mt 19,4


47 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch ge-

geben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. a 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. a 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, a es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. Gott spricht im Wir-Stil königlicher Majestäten. Andere deuten die Selbstaufforderung Lasset uns als Hinweis auf ein himml. Gefolge (–› Engel) oder auf die Mitbeteiligung von »Frau Weisheit« (Spr 8,22‑31) oder von Christus (Joh 1,1‑3). – Am sechsten Tag werden die Landtiere und die Menschen gem. erschaffen. Sie teilen sich einen Lebensraum und werden sich pflanzlich ernähren. Dennoch wird der Mensch als letztes Schöpfungswerk deutlich hervorgehoben. Die Besonderheit des Menschen ggü. Tieren und Pflanzen wird durch die Gottebenbildlichkeit (–› Ebenbild) und den Herrschaftsauftrag herausgestellt. Gottes Bild bezieht sich nicht auf äußere Merkmale der Menschen, sondern funktional auf ihre Ansprechbarkeit durch Gott und ihre Beziehungsfähigkeit mit Gott. Darin liegt ihre Würde, die Frauen und Männern gleichermaßen gilt. Ebenbild Gottes zu sein wird im NT vielfach allein mit Christus verbunden (2. Kor 4,4; Kol 1,15; Hebr 1,3). Der Herrschaftsbefehl ist versch. deutbar: entweder als fürsorgliches Herrschen, wie es von altorientalischen Königen als »Bild Gottes« und »guter Hirte« (Ps 23; Hes 34) erwartet wird; oder als gewaltsame Kolonisation der nichtmenschl. Lebenswelt, die es Menschen ermöglicht, in einer menschenarmen und gefährlichen Umwelt zu überleben. Für Letzteres spricht, dass ein Segen für die Landtiere (als Konkurrenten des Menschen im selben Lebensraum) unterbleibt. Zum göttl. Schöpfungsplan gehört aber, dass sich Menschen und Tiere vegan ernähren (V. 29‑30), was die Gewalt gegeneinander minimiert. Der Fleischverzehr wird erst nach der Sintflut ermöglicht (9,2‑3). Nur hier und in Ps 8,6‑8 wird der Mensch den Tieren (und seiner Mitwelt) als Herrscher gegenübergestellt. Andere Schöpfungstexte betrachten ihn ohne Sonderrechte als Teil einer vielgestaltigen Schöpfung (Ps 104; 148; Hiob 38–41).

2 So wurden vollendet Himmel und Erde mit

ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und a ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. a 4 Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Die Schöpfung als »Haus für alles Leben« wird mit Gottes Ruhe vollendet, d. h. abgeschlossen. Bei der

1. mose 1​. ​2 Ruhe Gottes geht es nicht um seine Ruhebedürftigkeit, sondern es wird der –› Sabbat als wöchentlicher Ruhetag für Mensch und Tier vorbereitet, den Israel am Berg Sinai kennenlernen wird (2. Mose 20,8‑10; 31,16‑17; Hebr 4,4‑10). Die Heiligung dieses Tages macht den Sabbat zum eigtl. Ziel der Schöpfung. Darauf weist auch die Aufteilung von insg. acht Schöpfungswerken auf sechs Tage hin, sodass der siebte Tag frei wird für den Sabbat. DER GARTEN EDEN

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch⁠ war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles Land. 7 Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der a Erde und blies ihm den b Odem des Lebens in seine Nase. Und so c ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Ab V. 4 setzt die Paradieserzählung neu ein mit der Erschaffung von Mensch und Tier, in einer gegenüber Kap 1 eigenständigen und konkreteren Weise. Werden dort Lebensräume und Lebewesen als Teile eines »Himmel und Erde« (1,1) umfassenden Kosmos gesehen, so ist hier alles auf Menschen bezogen, die in einem bäuerlichen Umfeld leben. Auch der Wechsel beim Gottesnamen zeigt, dass hier eine andere Person erzählt (s. Einf. Geschichtsbücher AT). Die Verbindung des göttl. Eigennamens (–› Herr) mit der allg. Gottesbezeichnung zu Gott der Herr findet sich nur hier. Die Bewässerung (V. 6) bereitet die künftige Vege­ tation vor. Das mit Strom übersetzte Wort meint wahrsch. das aufsteigende Grundwasser. Die Erschaffung des Menschen aus Staub (V. 7) entspricht der Erfahrung des Sterbens: Wenn ein Mensch stirbt, tut er seinen letzten Atemzug und zerfällt zu Erde und Staub (3,19). Die Erschaffung des Menschen kehrt diesen Vorgang um. – Gott macht lebendig, indem er die Fähigkeit zum Atmen verleiht. Im Atem, der durch die Kehle geht (–› Seele), liegt die Lebenskraft. Für diese von Gott verliehene Atemfähigkeit fand Martin Luther das Wort Odem. Ohne Odem kann ein Mensch nicht leben (Ps 104,29). Der Mensch (hebr. adam) wird von der roten (hebr. adom) Erde (hebr. adamah) des Ackers genommen, zu der er im Tod zurückkehrt. 8 Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in

Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den a Baum des Lebens mitten im 1,29 a Mt 6,25‑34 1,30 a Ps 145,16 1,31 a Mt 19,17 ; 1. Tim 4,4 2,2 a Hebr 4,4 2,3 a 2. Mose 20,11 ; Ps 95,11 ; Hes 20,12 ; Hebr 4,9‑10 2,7 a Kap 3,19 ; Hiob 10,9 b Hiob 33,4 ; Ps 104,29‑30 c 1. Kor 15,45.47 2,9 a Kap 3,22 ; Offb 2,7 ; 22,2


genesis 2

Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Im Hebr. ist –› Eden gleichlautend mit dem Wort für »Wonne«; in V. 8 ist es der Name einer unbestimmten Landschaft gegen Osten hin, später der Name des Gartens selbst (V. 15; 3,23; vgl. Hes 28,13). Zum Baum der Erkenntnis –› V. 17. 10 Und es geht aus von Eden ein Strom, den

Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. a 11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. 13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. 14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Ein Stück mythische Geografie unterbricht den Zusammenhang der Erzählung: Von Eden, dem Ort der Gegenwart Gottes, geht ein Lebensstrom aus (vgl. Hes 47,1‑12). Die beiden ersten Ströme sind nicht sicher zu bestimmen: Gihon meint sonst jene Quelle, die Jerusalem mit Wasser versorgt, während –› Kusch nach Afrika (Nubien bzw. Äthiopien) weist. Hawila ist in Arabien zu suchen. Gemeint ist wohl, dass vier Hauptströme, die der ganzen Erde Fruchtbarkeit bringen, ihr Wasser aus dem Garten Eden bekommen. Die Vierzahl entspricht den vier Himmelsrichtungen und bringt das Weltumspannende zum Ausdruck (vgl. Sach 6,1‑7). Die Bedeutung des hebr. Begriffes, der in V. 12 mit Bedolachharz übersetzt ist, ist umstritten; meist geht man davon aus, dass es sich um das wohlriechende Harz der in Südarabien heimischen Balsamstaude handelt, das als Duftstoff, zum –› Räuchern und als Wundmittel verwendet wurde. 15 Und Gott der Herr nahm den Menschen

und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. a Das Paradies ist kein Schlaraffenland, sondern ein Garten, den der Mensch bebauen und bewahren soll. Der Gedanke der »Bewahrung der Schöpfung« hat hier seinen bibl. Hintergrund. Alle Früchte des Gartens stehen dem Menschen als Wohltat zur Verfügung – mit einer einzigen Ausnahme. Mit der Erkenntnis des Guten und Bösen ist wahrsch. ein Wissen gemeint, das der praktischen Lebensbewältigung (Was ist nützlich, was schädlich?) dient. Es würde dem Menschen erlauben, sein Leben in eigener Regie zu führen, ohne die stetige Verbindung mit seinem Schöpfer, der ihn davor bewahrt, dass er seine Grenzen überschreitet und sich selbst und seine Umwelt zerstört. Zu musst du des Todes sterben –› 3,19.

48 18 Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut,

a dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine

Hilfe machen, die b ihm entspricht. 19 Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. Weil Menschen soziale Wesen sind, tut Einsamkeit nicht gut. Tiere werden hier als Hilfe Gottes gegen die Einsamkeit erschaffen, weil sie wie Menschen »lebendige Wesen« sind (–› 1,20). Die Namengebung drückt die enge Beziehung der Menschen zu den Tieren aus. Aber sie sind noch nicht das passende Gegenüber. Dies wird erst die Frau sein. Mit Hilfe ist die göttl. Lebenshilfe für den einsamen Menschen gemeint (Ps 121,1), keine »Gehilfin« in Haus und Garten. 21 Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf

­fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.⁠ 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. a 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. Für den hebr. Menschen ist Nacktheit schambehaftet und wird verborgen (vgl. 2. Sam 10,4‑5; Hes 16,7‑8), während die Kleidung das gesellschaftliche Ansehen zum Ausdruck bringt (–› Kleidung). In der schönen Gegenwelt des Garten Eden gilt Nacktheit als etwas unverschämt Natürliches, das erst durch die Über­ tretung ins Zwielicht gerät (vgl. 3,7). Die Erschaffung der Frau aus der Rippe (oder »Seite«) des Menschen bringt die einzigartige Zusammengehörigkeit und urspr. Verbundenheit der beiden zum Ausdruck, die füreinander geschaffen sind; ein Fleisch werden verweist auf die in der sexuellen Vereinigung erfahrene Ganzheit zweier Menschen. Der Jubelruf in V. 23 ist ein unmittelbares Echo auf den Anblick der Frau: »Endlich ein Wesen, wie ich es bin!« Die Frau wird aus dem Menschen erschaffen, nicht aus dem Mann (anders Paulus in 1. Kor 11,8). Erst durch die Erschaffung der Frau aus einem Teil des Menschen (hebr. adam) entsteht der Mann (hebr. isch). Mit der Übers. Männin (eigtl. »Frau«; hebr. ischah) und Mann will Luther ein hebr. Wortspiel wiedergeben. – Dass ein Mann für seine Frau Vater und Mutter verlässt, ist paradiesisches 2,10 a Hes 47,1‑12 2,17 a Röm 6,23 2,18 a Pred 4,10 b Vers 23 2,24 a Mt 19,5‑6 ; 1. Kor 6,16 ; Eph 5,31


49

Gegenbild der patriarchalen sozialen Realität im antiken Israel, in der eine Frau durch Heirat in die Familie ihres Mannes eintritt. DER SÜNDENFALL

3 Und die a Schlange war listiger als alle

Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; a 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! a 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, a 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Gott hatte dem Menschen fürsorglich eine Grenze gesetzt, um ihn vor dem Missbrauch der in ihn gelegten Möglichkeiten zu bewahren (wissen, was gut und böse ist; –› 2,17). Doch gerade das Verbotene verlockt unwider­stehlich. Die Schlange bringt den Prozess in Gang; aber die Versuchung kommt auch aus dem Menschen selbst (V. 6). Dabei ist Neugier ebenso im Spiel wie die Anfälligkeit für Misstrauen und Zweifel: Sollte Gott uns etwas missgönnen? Ihr werden sein wie Gott (vgl. auch V. 22) meint hier das Wissen darüber, was für das Leben förderlich oder schädlich ist. Es geht um die Aufkündigung der fürsorglichen Vormundschaft Gottes im Garten Eden (vgl. 2,17). – In der frühjüd. ­Auslegung und daher auch im NT wird die Schlange als Bild für den Teufel verstanden (Weish 2,24; Offb 12,9; 20,2). Die Erzählung dagegen rechnet sie ausdrücklich zu den Tieren und sieht sie nur mit bes. Klugheit ausgestattet (listig bedeutet hier »lebensklug«). Die Menschen sollen ihre Verantwortung nicht auf eine übermenschl. Macht des Bösen abschieben können. 6 Und die Frau a sah, dass von dem Baum gut zu

essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie b nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie a nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Die beiden werden in ihren Erwartungen enttäuscht; statt Einsicht erleben sie nun ihre Nacktheit als Be­­ schämung voreinander (vgl. das Gegenbild in 2,25). Der »Sündenfall« wird als »Fall in die Scham« geschildert. Dabei geht es nicht um Sexualität, sondern um soziale Entfremdung. Von »Sünde« als Begriff ist erstmals bei Kain die Rede (4,7). Eine Abwertung der Sexualität oder ein Bild der Frau als »Verführerin« findet sich in Kap 3 selbst nicht, anders dagegen bereits in frühjüd. Zeit (Sir 25,24; 1. Tim 2,14).

1. mose 3 8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam a versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du ­solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: a Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Die mythologisch konkrete Erzählweise lässt Gott in der Abendkühle spazieren gehen, wo er von Menschen gesehen werden kann (vgl. 16,14; 18,1‑15; 2. Mose 33,11) Gottes Frage Wo bist du? gilt in Adam allen Menschen, die auf ihre Verantwortung vor Gott angesprochen werden (vgl. ähnl. in 4,9). Adam ist bis einschließlich 4,1 v. a. das Gattungswesen (»der Mensch«; hebr. ha-adam). Erst in 4,25 wird Adam ohne den bestimmten Artikel und damit als Eigenname gebraucht. 14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange:

Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15 Und ich will a Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. V. 15 spricht von der gegenseitigen Feindschaft zw. Menschen und (giftigen) Schlangen. Da Same (wörtl. für »Nachkommen«) im Hebr. in der Einzahl steht, fand die christl. Auslegung hier schon früh einen ersten Hinweis auf die Überwindung des Bösen durch den einen Nachkommen Evas: Jesus Christus. Die Erzählung erklärt hier und in den folgenden Bestimmungen negative Begleiterscheinungen des bäuerlichen Lebens in Israel als Folge des »Sündenfalls«. Es sind keine Strafen, die Gott nach Belieben zumessen würde, sondern Tat-Folge-Bestimmungen, die die Menschen mit den unvermeidbaren Folgen ihrer Übertretungen konfrontieren. Diese wirken sich auch auf das Verhältnis zu den Tieren aus. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Müh-

sal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber a er soll dein Herr sein. 3,1 a Offb 12,9 ; 20,2 3,2 a Kap 2,16 3,3 a Kap 2,17 3,4 a Joh 8,44 3,6 a Jak 1,14‑15 b 1. Tim 2,14 3,7 a Kap 2,25 3,8 a Ps 139,7‑10 ; Jer 23,24 3,13 a 2. Kor 11,3 3,15 a Offb 12,4‑5.15‑17 3,16 a Eph 5,22‑23 ; 1. Tim 2,12


genesis 3​. ​4 Für den Erzähler gehört die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht zu Gottes Schöpfungsordnung, in der die Gleichwertigkeit von Mann und Frau betont wird (2,23‑24; vgl. auch 1,26‑28). Sie wird als Folge des »Sündenfalls« und als Gewaltverhältnis »jenseits von Eden« aufgefasst. Für Paulus findet dieser Fluch der Sünde durch Jesus Christus sein Ende (Gal 3,28; 1. Kor 11,11‑12; –› Frau). Das Hohelied besingt indes, dass sich in den Wonnen der Liebe der hier verschlossene Garten wieder öffnet: »Mein Freund ist mein und nach mir steht sein Verlangen« (Hld 7,11). 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, a verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. a

Gottes Fluch trifft die Schlange und den bäuerlichen Acker, nicht aber die Menschen. Die mühselige Feldarbeit ist ein Gegenbild zur Arbeit im Garten Eden, die nicht als Last empfunden wird (2,15). Der entscheidende Unterschied liegt im Verhältnis von Arbeit und Ertrag, sodass manches Mühen vergeblich sein wird. V. 19 zeigt, dass Sterblichkeit von jeher zum Menschenlos gehört (–› 2,7). Der Tod gilt hier nicht als Folge des Sündenfalls (anders in Weish 2,23‑24; Röm 5,12; 6,23). Gott hat demnach die in 2,17 angedrohte Todes­ strafe nicht vollstreckt, was die kluge Schlange wusste (V. 4). Der Schöpfer gewährt dem schuldigen Menschen trotz Todesdrohung das Leben (so später auch ggü. Kain); das ist ein Erweis göttl. Zuwendung in aller Verschuldung. 20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie

wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. a 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. Der Name Eva klingt ähnlich wie das hebr. Wort für »Leben«. – Der Mensch, der sein wollte wie Gott (V. 5) und das Wissen über Gut und Böse auch erreicht hat (V. 21), muss nun die Folgen seiner Übertretung tragen. Er bleibt aber von Gottes Fürsorge umschlossen. Dieser Dreiklang aus menschl.

50

Verschuldung, göttl. verhängter Tatfolge und Gottes Fürsorge findet sich auch in den weiteren Episoden der Urgeschichte (Kain; Sintflut; Turmbau). – Neben den –› Cherubim (V. 24) steht als weiterer Wächter der als selbstständiges Wesen vorgestellte Blitz (mit dem … Schwert; wörtl.: »und das … Schwert«). – Der Grund für die Vertreibung aus dem Garten Eden ist der Schutz des Baumes des Lebens vor dem menschl. Verlangen nach Unsterblichkeit; ewig zu leben bleibt den göttl. Wesen vorbehalten (unsereiner). Die Grenze zwischen Gott und Mensch bleibt gewahrt. – Nach neutestamentlicher Auffassung werden die Folgen des »Sündenfalls« durch Christus, den »zweiten Adam« (Röm 5,12‑19), überwunden, damit wird auch der Zugang zum Baum des Lebens wieder eröffnet (Offb 2,7; 22,2). KAINS BRUDERMORD

4 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie

ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Von Evas erster Geburt wird weder Schmerz noch Mühsal (3,16), vielmehr der Ausruf einer stolzen Mutter festgehalten. Erkennen (kennenlernen, vertraut werden mit) ist bibl. Sprache für den sexuellen Umgang, der als volle persönliche Zuwendung aufgefasst wird. Der Name Kain enthält einen Anklang an das hebr. Wort für »gewinnen«. Der Name Abel bedeutet »Windhauch, Flüchtigkeit« und nimmt das Schicksal seines Trägers vorweg. Ackerbau und Kleinviehzucht (Schafe und Ziegen) in familiärer Arbeitsteilung sind die Grundsäulen bäuerlicher Wirtschaft im Alten Orient. – In der Geschichte Kains, der seinen Bruder erschlug, wird die Austreibung aus dem Paradies in gewisser Weise wiederholt. An Kain wird sichtbar, wie sich »Adams Fall« im menschl. Miteinander fortsetzt (–› 3,20‑24). 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain

dem Herrn Opfer brachte von den a Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den a Erstlingen seiner Herde und von ihrem b Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer a sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so a lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber b herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu ­seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, 3,17 a Kap 8,21‑22 ; Hiob 31,38‑39 3,19 a Kap 2,7 ; Ps 90,10 ; 104,29 ; Pred 12,7 ; 2. Thess 3,10 3,23 a Kap 2,15 4,3 a 2. Mose 23,19 4,4 a 2. Mose 34,19 b 3. Mose 3,16 4,5 a 2. Mose 33,19 ; Hebr 11,4 4,7 a Gal 5,17 b Röm 6,12


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erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. a Gottes Zurückweisung betrifft zuerst Kain als Person, dann sein Opfer. Ein Grund wird nicht genannt. Weder ist Kains Opfer minderwertig noch seine Gesinnung (anders Hebr 11,4). Woran erkennt Kain, dass Gott sein Opfer nicht annimmt? Nach hebr. Denken am ehesten an dem ausbleibenden Ernteertrag (vgl. 5. Mose 28,3‑6). Das Opfer ist eine Dankesgabe, mit der sich die Bitte um künftigen Segen verbindet (–› Erstling). Das Fett gilt als der wertvollste, nach der Opfergesetzgebung für Gott vorbehaltene Teil des Opfertieres (3. Mose 3,16‑17). Gott scheint Kain auf die Probe zu stellen. Er muss mit einer für ihn unbegreiflichen Verweigerung von Anerkennung und Benachteiligung fertig werden – ein menschliches Schicksal, das sich vielfältig wiederholt. Das gelingt Kain nicht. Missachtung wird als Beschämung erlebt, die zu Neid, Zorn und endlich zur Gewalt gegen den unbeteiligten Bruder führt. Auch Gottes Eingreifen in V. 7 kann daran nichts ändern. Der hebr. Text von V. 7 ist im Einzelnen schwer verständlich, aber der Sinn ist eindeutig: Jetzt kommt es auf dich an! Das Wort fromm hat für Luther noch die Bedeutung »gut, tüchtig«. In diesem Vers wird erstmals in der Bibel der Begriff Sünde verwendet. Lass uns aufs Feld gehen! (V. 8) fehlt im –› masore­ tischen Text, findet sich aber in alten Textzeugen und Übers. Mit diesem Satz wird aus einem Totschlag (evtl. im Affekt) ein Mord aus Vorsatz. Ging es in Kap 3 um das Verhältnis der Menschen zu Gott, so geht es jetzt um das Verhältnis zum Nächsten. Wie Adam und Eva scheitern, so scheitert auch Kain. 9 Da sprach der Herr zu Kain: a Wo ist dein

Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die a Stimme des Blutes ­deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. a 12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Gottes Frage erinnert an 3,9. Mit einem frechen Wortspiel entzieht sich Kain der Verantwortung ggü. dem Bruder, indem er auf Abels Beruf anspielt: »Bin ich der Hirte meines Bruders, des Hirten?« Aber dessen Blut verklagt ihn, schreit zum Himmel, wo Gott wohnt und richtet (vgl. 9,5‑6). Wer die Ackererde, von der er lebt, mit Bruderblut befleckt, dem verweigert sie ihren Ertrag. Diesen Zusammenhang von böser Tat und ihren Unheilsfolgen bringt Gott mit seinem Fluch auf den Punkt. Kain wird heimatlos und vogelfrei. Aber selbst er muss nicht sterben, obwohl er zum Mörder wurde. 13 Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Schuld ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.⁠ 14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und a ich muss mich vor deinem Ange-

1. mose 4

sicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15 Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein a Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod⁠, jenseits von Eden, gegen Osten. Obwohl vom Tod verschont, beklagt Kain sein schwe­ res Los (V. 13; Luther übersetzte: »Meine Sünde ist größer, denn dass sie mir vergeben werden möge.«), und Gott geht sogar darauf ein. Es wird nicht gesagt, worin das Zeichen bestand und wo es angebracht wurde. Das »Kainsmal« ist (entgegen unserem Sprachgebrauch) gerade kein Schandmal, sondern ein Zeichen des göttl. Schutzes. Damit respektiert Gott die Würde, die ein an seiner Aufgabe gescheiterter Mensch selbst als Brudermörder noch hat. – Ein Land Nod (der Name bedeutet »flüchtig, ruhelos«) ist geografisch nicht bekannt. Es ist eher Sinnbild von Kains unstetem Leben (V. 14). Der Verlust von Gottes –› Angesicht (V. 16) als Symbol der Gottesferne verweist zurück auf V. 5. – In der Erzählung rechnet Kain bereits mit Menschen, die ihn töten können (V. 15). Das kann dadurch erklärt werden, dass die Kainüberlieferung wie auch der folgende Stammbaum erst nachträglich in den Zusammenhang der Urgeschichte gebracht wurden. KAINS NACHKOMMEN 17 Und

Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch. 18 Dem Henoch aber wurde Irad geboren, Irad zeugte Mehujaël, Mehujaël zeugte Metuschaël, Metuschaël zeugte Lamech. 19 Lamech aber nahm zwei Frauen, eine hieß Ada, die andere Zilla. 20 Und Ada gebar Jabal; von dem sind hergekommen, die in Zelten wohnen und Vieh halten. 21 Und sein Bruder hieß Jubal; von dem sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler. 22 Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; der machte die Werkzeuge für alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama. 23 Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. 24 Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal. a In Form eines Stammbaums wird die Entwicklung und Verzweigung der Menschheit dargestellt. Kain 4,8 a 1. Joh 3,12.15 4,9 a Kap 3,9 4,10 a Ps 9,13 ; Mt 23,35 ; Hebr 12,24 4,11 a 4. Mose 35,33 4,14 a Hiob 15,20‑24 4,15 a Hes 9,6 ; Offb 7,3‑4 4,24 a Vers 15 ; 3. Mose 19,18 ; 5. Mose 32,35 ; Mt 18,22


genesis 4 ​. ​5 ist in diesem Zusammenhang der Vater aller Kultur und Gründer der ersten Stadt. Von den Söhnen Lamechs werden Hirten, Musikanten und Schmiede hergeleitet (Erz meint hier –› Bronze). Flöte und Zither (Leier) werden hier als älteste –› Musikinstrumente der Menschheit gerühmt. Die in V. 17‑22 angedeutete Kulturentwicklung bleibt ambivalent. Sie liegt einerseits in der Linie des Auftrags von 1,28. Andererseits vollzieht sie sich unter dem Vorzeichen der Entfremdung von Gott. So trägt sie Züge des menschl. Bestrebens, sich ohne Gott in der Welt zu behaupten und sich rücksichtslos durchzusetzen. Lamech ist dafür ein herausragendes Beispiel: Aus eigener Machtvollkommenheit und in Selbstjustiz überbietet er drastisch das Maß, das Gott mit dem Schutz für Kain (V. 15) gesetzt hat. SET UND ENOSCH

25 Adam erkannte abermals seine Frau, und sie

gebar einen Sohn, den nannte sie Set: »Denn Gott hat mir einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.« 26 Und auch dem Set wurde ein Sohn geboren, den nannte er Enosch. Zu der Zeit fing man an, a den Namen des Herrn anzurufen. Neben die Kainslinie tritt eine zweite, die – so kurz sie ist – zu einem entgegengesetzten Zielpunkt führt: Dem selbstherrlichen Lamech tritt der Mensch ggü., der Gott die Ehre gibt. Der Name Enosch bedeutet »Mensch« (wie auch »Adam«). Mit diesem beginnt die Menschheitsgeschichte neu (vgl. auch 5,3). Und auch die Anrufung des Gottes Israels im Gebet soll bereits in dieser Urzeit begonnen haben. Obgleich er erst von Abraham (12,1) und später von Mose am Sinai neu entdeckt wurde, so gehört die Anrufung seines Namens doch bereits hier der ganzen Menschheit. Zum Gottesnamen –› Herr und –› 2. Mose 3,13‑15. GESCHLECHTSREGISTER VON ADAM BIS NOAH (vgl. 1. Chr 1,1‑4)

5 D ies ist das Buch von a Adams Geschlecht.

Als Gott den Menschen schuf, b machte er ihn nach dem Bilde Gottes 2 und schuf sie als Mann und Frau und segnete sie und gab ihnen den Namen »Mensch«⁠ zur Zeit, da sie geschaffen wurden. Der Abschnitt schließt direkt an die Schöpfungsgeschichte von Kap 1 an (vgl. bes. 1,27‑28). Hier kommt wieder der priesterliche Erzähler zu Wort (s. Einf.). Es scheint, dass er keine eigene Geschichte vom »Sündenfall« gekannt bzw. überliefert hat. Auf die Erschaffung des Menschen folgt unmittelbar die Entfaltung des Menschengeschlechts in der Geschichte. Sie ist eine Folge des Segens, den der Schöpfer seinen Geschöpfen zugesprochen hat (1,28). Adam und Mensch (V. 2) stehen für dasselbe hebr. Wort (–› 3,8‑13). Die Bezeichnung gilt in V. 1 (als Gott den Menschen schuf) für –› Männer und –› Frauen, in V. 3 aber dem ersten Mann. Die Menschheit wird

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sich vielfältig entwickeln; allen Menschen bleibt gemeinsam, als Bild Gottes erschaffen zu sein (–› 1,27). 3 Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen

Sohn, ihm gleich und a nach seinem Bilde, und nannte ihn Set; 4 und lebte danach 800 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 5 dass sein ganzes Alter ward 930 Jahre, und starb. Der Stammbaum nennt nur Väter, keine Mütter. Das entspricht patriarchalem Denken und der realen Erbfolge, die über den Sohn weitergegeben wird. Eine Besonderheit liegt darin, dass Töchter wenigstens erwähnt werden. Die hohen Lebensalter entsprechen einem mythologischen Epochenschema, wonach den Menschen vor der Sintflut unvergleichlich hohe Lebensalter, danach den Erzeltern Israels und Mose noch deutlich über hundert Jahre Lebenszeit zugeschrieben wurde (vgl. 6,3). Andererseits wusste man in Israel sehr wohl, dass ein Lebensalter von 70 bis 80 Jahren bereits eine große Gnade war, das die Menschen angesichts hoher Sterblichkeit nur äußerst selten erreichten (Ps 90,10). Ob die einzelnen Altersangaben noch weiter­gehende symbolische Bedeutungen tragen, bleibt unklar. 6 Set war 105 Jahre alt und zeugte Enosch 7 und

lebte danach 807 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 8 dass sein ganzes Alter ward 912 Jahre, und starb. 9 Enosch war 90 Jahre alt und zeugte Kenan 10 und lebte danach 815 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 11 dass sein ganzes Alter ward 905 Jahre, und starb. 12 Kenan war 70 Jahre alt und zeugte Mahalalel 13 und lebte danach 840 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 14 dass sein ganzes Alter ward 910 Jahre, und starb. 15 Mahalalel war 65 Jahre alt und zeugte Jered 16 und lebte danach 830 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 17 dass sein ganzes Alter ward 895 Jahre, und starb. 18 Jered war 162 Jahre alt und zeugte Henoch 19 und lebte danach 800 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 20 dass sein ganzes Alter ward 962 Jahre, und starb. 21 Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Metu­ schelach. 22 Und Henoch a wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 23 dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre. 24 Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt. a Henoch (V. 21) hat eine vergleichsweise kurze, aber prägnante Lebensdauer (die Zahl der Tage eines Sonnenjahres). Er wird durch seine enge Beziehung zu Gott herausgehoben (so wie Noah in 6,9). Sein 4,26 a Kap 12,8 5,1 a Lk 3,37‑38 b Kap 1,26‑27 5,3 a Ps 51,7 ; 1. Kor 15,49 5,22 a Kap 6,9 5,24 a 2. Kön 2,11 ; Hebr 11,5


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Ende ist geheimnisvoll: Er stirbt nicht, sondern wird in die himml. Welt entrückt (vgl. Elia in 2. Kön 2,11). In frühjüd. Zeit wurde Henoch eine prominente Gestalt. Ihm wurde im 2. / 1. Jh. v. Chr. eine Offenbarungsschrift zugeschrieben, aus der in Jud 14 zitiert wird. – Henochs Sohn Metuschelach erreicht das höchste in der Bibel genannte Lebensalter; in der Namensform »Methusalem« ist er für seine Langlebigkeit sprichwörtlich geworden. 25 Metuschelach war 187 Jahre alt und zeugte

­L amech 26 und lebte danach 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 27 dass sein ganzes Alter ward 969 Jahre, und starb. 28 Lamech war 182 Jahre alt und zeugte einen Sohn 29 und nannte ihn Noah und sprach: Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der Herr a verflucht hat. 30 Danach lebte er 595 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, 31 dass sein ganzes Alter ward 777 Jahre, und starb. 32 Noah war 500 Jahre alt und zeugte Sem, Ham und Jafet. Mit Lamech und Henoch wiederholen sich zwei Namen aus der Liste der Nachkommen von Kain (4,17‑19), doch mit völlig abweichender Charakterisierung ihrer Träger. – Der Name –› Noah (hebr. Noach) erinnert an das hebr. Wort für »trösten«, dessen Grundbedeutung darin liegt, jemanden wieder »aufatmen« zu lassen, ihm »Ruhe zu verschaffen«. Diese schöne Namensdeutung lässt Noah in Kap 9 zum Erfinder des Weinbaus werden, der dem Menschen Trost schafft (9,20; Ps 104,15). Zur Mühsal der Feldarbeit auf der Ackererde (V. 29) vgl. 3,17‑19. GOT TESSÖHNE UND MENSCHENTÖCHTER

6 A ls aber die Menschen sich zu mehren be-

gannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, 2 da sahen die a Gottessöhne⁠, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. 3 Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre. 4 Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind a die Helden der Vorzeit, die hochberühmten. Diese Episode bleibt rätselhaft. Sie hat in nachbibl. Zeit zahlreiche Spekulationen ausgelöst. –› Gottessöhne sind keine leiblichen Söhne Gottes, sondern himml. Wesen von göttl. Art. Im AT begegnen sie als Teil des himml. Hofstaats (Hiob 1,6; 2,1; Ps 82,1). Von ihrer Verbindung mit Menschenfrauen, aus der Halbgötter oder –› Riesen hervorgehen, wird in Göttersagen vieler Völker erzählt. Hier sind Riesen Heroen der Urzeit, die auch in später erzählten Zusammenhängen auftreten (4. Mose 13,33; 5. Mose 3,11; 1. Chr 20,4;

1. mose 5​. 6 ​ Hes 32,27). Mit diesem Erzählstoff wird gezeigt: Gott setzt dem Menschen Grenzen, die er nicht überschreiten darf. Dazu gehört auch die Begrenzung des göttl. Lebensgeistes (vgl. den Odem in 2,7) und eine erste Reduktion des Lebensalters (–› 5,3). ANKÜNDIGUNG DER SINTFLUT

5 Als aber der Herr sah, dass der Menschen

­ osheit groß war auf Erden und a alles DichB ten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, 6 da a reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, 7 und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. a 8 Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn. a Die Sintfluterzählung ist die bibl. Variation älterer Sint­flutsagen aus Mesopotamien. Sie erzählt die dramatische Rettung Noahs, seiner Familie und aller Tierarten aus der großen Flut, durch welche Gott seine Schöpfung aus Enttäuschung über die Bosheit seiner Geschöpfe wieder zu vernichten sucht. Doch inmitten des Chaos der Flut ändert Gott seinen Sinn (8,1) und gibt den Überlebenden eine Bestandsgarantie, dass eine solche Katastrophe nie wieder geschehen wird, obwohl sich die Fähigkeit des Menschen zum Bösen nicht geändert hat (vgl. 6,5 mit 8,21). – Am Anfang der Erzählung steht ein Selbstgespräch Gottes; es zeigt den Schmerz des Schöpfers über die Bosheit seiner Geschöpfe. Daraus folgt der Beschluss, alle Geschöpfe zu vernichten. Indem Gott aber Noah verschont, deutet sich bereits eine Inkonsequenz Gottes zugunsten des Lebens an (–› 8,1). Von einer Bosheit, die eine solche Vernichtung verständlich macht, war bisher nicht die Rede. Da Adam, Eva und Kain die Folgen ihrer Übertretung bereits zu tragen hatten, wäre an Lamechs Rachsucht und an die mythischen Ehen der Menschentöchter (6,1‑4) zu denken, die aber nicht explizit als Bosheit geschildert werden. In der Erzählung lassen sich zwei Textebenen unterscheiden, die sich an zahlreichen Doppelungen (z. B. der Vernichtungsentschluss in V. 7 und V. 13) leicht ­erkennen lassen. Auf der einen Textebene wird die Sintflut als vierzigtägiger Regen dargestellt, ihr Ende durch ausgesandte Vögel erkannt und mit einem Brandopfer (8,20‑22) abgeschlossen. In der priesterlichen Variante dagegen wird die Sintflut als 150-tägiger gigantischer Wassereinbruch von oben und unten dargestellt, die Arche als eine Art Tempel geschildert und die Sintflut mit Gottes ewigem Bund (Kap 9) abgeschlossen, dessen Zeichen der Regenbogen ist (s. Einf.). 9 Dies ist die Geschichte von Noahs Geschlecht.

Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er a wandelte mit Gott. 10 Und 5,29 a Kap 3,17‑19 6,2 a Hiob 1,6 ; 2. Petr 2,4 ; Jud 6 6,4 a Hes 32,27 6,5 a Kap 8,21 6,6 a 1. Sam 15,11.35 ; Jer 18,7‑10 6,7 a 4. Mose 23,19 ; Röm 3,3‑4 ; 2. Tim 2,13 6,8 a Hebr 11,7 6,9 a Kap 5,22


genesis 6​. ​7

Noah zeugte drei Söhne: Sem, Ham und ­Jafet. 11 Aber die Erde war verderbt vor Gott und voller Frevel. 12 Da a sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden. Mit V. 9 setzt die (priesterliche) Erzählung neu ein. Noah wird vorgestellt als frommer (wörtl. »gerechter«) Mann in enger Bindung an Gott (vgl. Henoch in 5,22). Alles Fleisch schließt wie in V. 17 auch die Tiere ein. Das »Siehe, es war sehr gut« aus 1,31 hat sich in sein Ge­­gen­ teil verkehrt (V. 12). 13 Da sprach Gott zu Noah: Das a Ende allen Flei-

sches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde. 14 Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen. 15 Und mache ihn so: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. 16 Ein Fenster sollst du für den Kasten machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben. 17 Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin Odem des Lebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. 18 Aber mit dir will ich meinen a Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen mit deinen Söhnen, mit deiner Frau und mit den Frauen deiner Söhne. 19 Und du sollst in die Arche bringen von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie leben bleiben mit dir. 20 Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allem Gewürm auf Erden nach seiner Art: Von den allen soll je ein Paar zu dir hineingehen, dass sie leben bleiben. 21 Und du sollst dir von jeder Speise nehmen, die gegessen wird, und sollst sie bei dir sammeln, dass sie dir und ihnen zur Nahrung diene. 22 Und Noah tat alles, was ihm Gott gebot. a Die Maße der Arche sind nicht die eines Schiffes, sondern eines Tempels, dem bibl. Realsymbol eines »geschützten Raums«. Noahs Arche ist eine vergrößerte Stiftshütte (2. Mose 26). Das hebr. Wort für Arche (von lat. arca = »Kasten«) begegnet in der Bibel nur noch als das Kästchen, in dem das Mosekind im Wasser ausgesetzt und gerettet wird (2. Mose 2,3). –› Sintflut bedeutet »große Flut«, nicht »Sündflut«. Gottes Versprechen eines –› Bundes soll Noah Trost und Ermutigung bieten und ist ein Ausblick auf 9,9. DIE SINTFLUT

7 Und der Herr sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn a dich habe ich für gerecht befunden vor mir zu dieser

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Zeit. 2 Von allen a reinen Tieren nimm zu dir

je sieben, das Männchen und sein Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, das ­M ännchen und sein Weibchen. 3 Desgleichen von den Vögeln unter dem Himmel je sieben, Männchen und Weibchen, um Nachkommen am Leben zu erhalten auf der ganzen Erde. 4 Denn von heute an in sieben Tagen will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles Lebendige, das ich gemacht habe. Abweichend von der Anweisung in 6,19‑20 sollen von den reinen Tieren je sieben (wahrsch. ebenfalls Paare) gerettet werden. Es sind die für den Menschen als Nahrung geeigneten und zum Opfer zugelassenen Tiere (vgl. 8,20; –› rein). 5 Und Noah tat alles, was ihm der Herr gebot. 6 Er war aber sechshundert Jahre alt, als die Sint-

flut auf Erden kam. 7 Und er ging in die Arche mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne vor den Wassern der Sintflut. a 8 Von den reinen Tieren und von den unreinen, von den Vögeln und von allem Gewürm auf ­E rden 9 gingen sie zu ihm in die Arche a paarweise, je ein Männchen und Weibchen, wie ihm Gott geboten hatte. 10 Und als die sieben Tage vergangen waren, kamen die Wasser der Sintflut auf Erden. 11 In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle a Brunnen der großen Tiefe auf und taten sich die Fenster des Himmels auf, 12 und ein Regen kam auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte. 13 An ebendiesem Tage ging Noah in die Arche mit Sem, Ham und Jafet, seinen Söhnen, und mit seiner Frau und den drei Frauen seiner Söhne; 14 dazu alles wilde Getier nach seiner Art, alles Vieh nach seiner Art, alles Gewürm, das auf Erden kriecht, nach seiner Art und alle Vögel nach ihrer Art, alles, was fliegen konnte, alles, was Fittiche hatte; 15 das ging alles zu Noah in die Arche paarweise, von allem Fleisch, darin Odem des Lebens war. 16 Und das waren a Männchen und Weibchen von allem Fleisch, und sie gingen hinein, wie denn Gott ihm geboten hatte. Und der Herr schloss hinter ihm zu. Derselbe Erzähler, der in 1,6‑10 die Zurückdrängung der Chaosflut (1,2) aus dem Lebensraum des ­Menschen geschildert hat, sieht nun die zerstörenden Chaoswasser zurückkehren. Sie kommen aus der Tiefe (vgl. Hiob 38,8‑11) und unmittelbar vom Himmel (V. 11; –› Meer). Die Chaosflut verschlingt wieder die geschaffene Weltordnung. Der Erzähler, von dem Kap 2–4 stammen, spricht dagegen einfach von einem 6,12 a Ps 14,2‑3 6,13 a Am 8,2 6,18 a Kap 9,9 6,22 a Hebr 11,7 7,1 a Kap 6,8 7,2 a Kap 8,20 ; 3. Mose 11,1‑47 7,7 a 1. Petr 3,20 7,9 a Kap 6,19‑20 7,11 a Offb 9,1 7,16 a Kap 6,19


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vierzigtägigen Regen (V. 12). So wie Gott nach der mythologisch konkreten Erzählweise im Garten Eden spazieren ging (vgl. 3,8), so schließt er nun selbst die Tür der Arche zu (V. 16). Zu Odem in V. 15 –› 2,7. 17 Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. 18 Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden, und die Arche fuhr auf den Wassern. 19 Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. 20 Fünfzehn Ellen hoch gingen die Wasser über die Berge, sodass sie ganz bedeckt wurden. 21 Da ging alles Fleisch unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden, und alle Menschen. a 22 Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. 23 So vertilgte er alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel. Sie wurden von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war. 24 Und die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertfünfzig Tage.

Was Gott angekündigt hatte, vollzieht er. Das Straf­ gericht trifft als großes Sterben alle atmenden Wesen: Landtiere, Vögel und Menschen. ENDE DER SINTFLUT. NOAHS OPFER . VERHEISSUNG DES HERRN

8 D a gedachte Gott an Noah und an alles

wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war; und Gott ließ Wind auf Erden ­kommen, und die Wasser fielen. 2 Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. 3 Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen immer mehr ab nach hundertfünfzig Tagen. 4 Am a siebzehnten Tag des siebenten Monats setzte die Arche auf dem Gebirge Ararat auf. 5 Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats ­sahen die Spitzen der Berge hervor. Gott gedenkt an Noah und alle Tiere, d. h., er ändert seinen Sinn und rettet seine Schöpfung (vgl. 30,22; 2. Mose 2,24). V. 1 ist der Wendepunkt der Erzählung. Die Vernichtungsflut hat Gott gezeigt, dass selbst ein gerechtes Gericht ohne Barmherzigkeit die Welt zerstören würde (Hos 11,8‑9; Jona 4,11). Als Ort des Aufsetzens der Arche wird kein bestimmter Berg (»der Ararat«) genannt, sondern allg. das Gebirge Ararat (»die Berge des Landes Ararat«) im Norden Mesopotamiens (akkadisch »Urartu«; s. Karte AO, E2–F2).

1. mose 7​. ​8 6 Nach a vierzig Tagen tat Noah an der Arche

das Fenster auf, das er gemacht hatte, 7 und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. 8 Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. 9 Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche. 10 Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals die Taube fliegen aus der Arche. 11 Sie kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden. 12 Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ die Taube ausfliegen; sie kam nicht wieder zu ihm. Die Arche (–› 6,13‑22) ist ein bergender »Kasten«, kein Passagierschiff; deshalb hat sie nur eine Dachluke, kein echtes Fenster (6,16). Weil Noah also nicht auf die Erde schauen kann, sendet er Vögel aus. Der Rabe gibt kein deutliches Zeichen, aber am Verhalten der Taube lässt sich die schrittweise Freilegung des Erdbodens ablesen. Mit dem Blatt eines Olivenbaums im Schnabel bringt sie die sehnlich erwartete Botschaft, dass die Erde lebt. Auch wegen dieses einprägsamen Bildes ist die Taube (mit oder ohne Ölzweig) zum Sinnbild des Friedens in einer von Katastrophen und Kriegen bedrohten Welt geworden. 13 Im a sechshundertundersten Jahr Noahs am

ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden ­t rocken war. 14 Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken. 15 Da redete Gott mit Noah und sprach: 16 Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. 17 Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das lass mit dir herausgehen, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden. 18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, a 19 dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. Der Erzähler von V. 17 knüpft deutlich an das Segenswort des Schöpfers in 1,22.28 an (fruchtbar, sich mehren). Gott erneuert die Schöpfung. Auch das Interesse an einer Datierung der Ereignisse ist charakteristisch für die (priesterliche) Stimme, die in V. 13‑19 zu Wort kommt. Der Zeitraum zw. 7,11 7,21 a 2. Petr 3,5‑6 8,4 a Kap 7,11 8,6 a Kap 7,12.17 8,13 a Kap 7,11 8,18 a 2. Petr 2,5


genesis 8​. ​9 und 8,14 ergibt, wenn man den Mondmonat von 28 Tagen zugrunde legt, für die Dauer der Flut etwa ein Jahr (während die andere Variante mit 2 mal 40 und einigen Tagen rechnet: 7,4.12.17; 8,6‑12). Der erste Tag des ersten Monats (V. 13) könnte darauf hinweisen, dass die Sintfluterzählung mit dem Neujahrsfest in Verbindung gebracht wurde, das man auch im antiken Mesopotamien als ein »Fest der Welterneuerung« erlebt und begangen hat. 20 Noah aber baute dem Herrn einen Altar

und nahm von allem a reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. 21 Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das a Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. a Noahs erste Handlung ist ein Dankopfer für die Rettung. Der besänftigende Duft des –› Opfers ist bibl. oft bezeugt (2. Mose 29,18; 3. Mose 1,9.13.17; 6,8 u. ö.) und begegnet auch in der altbabyl. Fluterzählung. Wieder in einem Selbstgespräch begründet Gott nun sein Verschonen: Der Mensch ist zwar geblieben, wie er ist. Das Urteil, das vor der Flut die Vernichtung begründete, wird nach der Flut wiederholt (vgl. V. 21 mit 6,5). Aber unter dem Eindruck der vernichtenden Flut will Gott sein die Welt erhaltendes Handeln nicht mehr vom Menschen abhängig machen. Was immer die Menschen tun werden, Gott bleibt seiner Erde treu. In dieser göttl. Bestandsgarantie solange die Erde steht wird die tröstende Absicht dieser schauerlichen Geschichte sichtbar. Wer sie erzählt, lebt bereits im Licht dieser göttl. Zusage. GOT TES BUND MIT NOAH

9 Und Gott segnete Noah und seine Söhne

und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. a 2 Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. 3 Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie a das grüne Kraut habe ich’s euch b alles gegeben. 4 Allein das Fleisch mit seinem Leben, seinem Blut, esst nicht! a 5 Euer eigenes Blut jedoch will ich einfordern. a Von jedem Tier will ich es einfordern. Und das Leben des Menschen will ich einfordern von einem jeden anderen Menschen. 6 Wer a Menschenblut vergießt, dessen Blut soll um des Menschen willen vergossen werden; b denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht. 7 Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden, dass euer viel darauf werden.

56

Der (priesterliche) Schluss wiederholt den Segen aus 1,28 unter den Bedingungen einer von Bosheit und ­Gewalt geprägten Welt (6,11‑13). Das Herrschaftsver­ hältnis des Menschen ggü. den Tieren wird neu bestimmt. Jetzt wird dem Menschen der Fleischgenuss erlaubt, allerdings an Bedingungen geknüpft. Tiere werden in Furcht und Schrecken vor dem Zugriff des Menschen zurückweichen, um sich zu schützen. Die kriegerische Sprache macht ein mögl. Gewaltverhältnis zw. Menschen und Tieren realistisch sichtbar. Gewalt soll aber nicht bestimmend sein, denn auch die Tiere gehören zum Gottesbund (V. 10). Völliger Friede zw. Mensch und Tier wird aber erst für eine künftige Heilszeit verheißen (Jes 11). Nach bibl. Verständnis ist das Blut Träger der Lebenskraft und darf deshalb nicht gegessen wer­ den; es gehört dem Schöpfer. Diese Vorstellung begründet im Judentum bis heute eine bes. Form des Schlachtens, das Schächten (–› 5. Mose 12,16). Nur die Tötung von Menschen wird unbedingt untersagt; Gott selbst erklärt sich für diesen Fall zum –› Bluträcher; die konkrete Verfolgung der Tat ist dann Aufgabe der menschl. Gerichtsbarkeit (auch ggü. Tieren; vgl. 2. Mose 21,28‑32). Das leitende Interesse in V. 6‑7 ist der Schutz des Menschenlebens und seiner Würde. In dieser Linie liegen auch moderne Alternativen zur Todesstrafe. In der jüd. Tradition werden von hier aus sieben noachitische Gebote (–› Noah) formuliert, die als Gottes Setzung für alle Menschen Geltung haben. 8 Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen

mit ihm: 9 Siehe, a ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen 10 und a mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. 11 Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass ­h infort nicht mehr alles Fleisch ausgerottet werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. 12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen a Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. a 16 Darum soll mein Bogen in 8,20 a Kap 7,2 8,21 a Kap 6,5 ; Hiob 14,4 ; Ps 14,3 ; Mt 15,19 ; Röm 3,23 8,22 a Jer 33,20.25 9,1 a Kap 1,28 9,3 a Kap 1,29 b Kol 2,16 9,4 a 3. Mose 3,17 ; 17,10‑14 ; 5. Mose 12,23 9,5 a 2. Mose 21,28‑29 9,6 a 2. Mose 21,12 ; 3. Mose 24,17 ; 4. Mose 35,33 ; Mt 26,52 ; Röm 13,4 ; Offb 13,10 b Kap 1,26‑28 9,9 a Kap 6,18 9,10 a Hos 2,20 9,13 a Sach 9,10 9,15 a Jes 54,7‑10


57

den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden. Gottes rettendes Gedenken (V. 16) nimmt 8,1 auf. Der –› Bund wird hier nicht wie am Sinai als gegenseitiger Vertrag betrachtet, der auch gebrochen werden kann; er ist eine göttl. Zusicherung, die an keine Bedingungen geknüpft wird und deshalb dauerhaft (ewig) bleibt. Dieser Bund schließt die Tiere ausdrücklich ein. Im Unterschied zum –› Bund mit Abraham (Kap 17) wird den Menschen kein Bundeszeichen als Verpflichtung auferlegt. Das Zeichen des Bundes ist hier ein (nicht mehr gespannter) Kriegsbogen in den Wolken als Zeichen des Friedens. Gott will sich selbst daran erinnern: So sicher wie der Regenbogen nach dem Regen ist Gottes »Ja« zur seiner Schöpfung. Wie in 8,21‑22 steht die tröstliche Vergewisserung eines »nie wieder« am Schluss der Sintfluterzählung. NOAHS FLUCH UND SEGEN ÜBER SEINE SÖHNE

18 Die Söhne Noahs, die aus der Arche gingen, sind diese: a Sem, Ham und Jafet. Ham aber ist der Vater Kanaans. 19 Das sind die drei Söhne Noahs; von ihnen kommen her alle Menschen auf Erden. 20 Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg. 21 Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. 22 Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen. a 23 Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.

Noah, der den Trost im Namen trägt (–› 5,32), ist Bauer wie Adam und Kain. Nun entdeckt er den –› Wein – die kostbarste Gabe des Ackerbodens, ein bewährter Seelentröster und Realsymbol des Friedens (Ps 104,15; 1. Kön 5,5; Mi 4,4). Die Szene wird allerdings dazu genutzt, um Noahs Sohn Ham, von dem die Kanaaniter abstammen sollen, herabzusetzen. Der schwere Rausch ist aus Sicht der Erzählung nicht verwerflich, aber die Nacktheit des Vaters verlangt entschlossenes Handeln, um seine Entehrung zu vermeiden. Dieser Sohnespflicht in einer ausgeprägten Schamkultur kommen nur Sem und Jafet nach. 24 Als nun Noah erwachte von seinem Rausch

und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte, 25 sprach er: Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte! 26 Und sprach weiter: Gelobt sei der Herr, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht! 27 Gott schaffe Jafet weiten Raum und lasse ihn wohnen in den Zelten Sems und Kanaan sei sein Knecht!

1. mose 9​. ​1 0 28 Noah aber lebte nach der Sintflut dreihundertfünfzig Jahre, 29 dass sein ganzes Alter ward neunhundertfünfzig Jahre, und starb.

Der Fluch Noahs gilt direkt den Kanaanitern, also den Nachfahren Hams. Hinter der Familienszene soll das spätere Völkerverhältnis sichtbar werden. Sem steht für Israel, Ham für Kanaan, dessen Bevölkerung bei Israels –› Landnahme bekämpft und z. T. fronpflichtig wurde (Ri 1,28‑35; –› Kanaan). Welche Völker mit Jafet gemeint sind, bleibt unklar (vgl. 10,2‑5; zu Ham vgl. 10,6). DIE VÖLKERTAFEL (vgl. 1. Chr 1,5‑23)

10 D ies ist das Geschlecht der Söhne Noahs: Sem, Ham und Jafet. Und es wurden ihnen Söhne geboren nach der Sintflut. 2 a Die Söhne Jafets sind diese: Gomer, Magog, Madai, Jawan, Tubal, Meschech und Tiras. b 3 Die Söhne Gomers sind diese: Aschkenas, ­R ifat und Togarma. 4 Die Söhne Jawans sind diese: Elischa, Tarsis, die Kittäer und die Rodaniter. 5 Von diesen trennten sich die Völker der Inseln in ihren Ländern, ein jedes nach seiner Sprache, nach seinen Geschlechtern in ihren Völkern. Die Vielgestaltigkeit der Menschheit wird durch Genealogien dargestellt (vgl. 25,1‑8; 36), in denen die verwandtschaftliche Nähe und Ferne einzelner Völker ausgedrückt werden kann. Die ganze Menschheit bildet eine Familie, in der Feindschaften naturgemäß nicht ausgeschlossen sind. Völkernamen erscheinen als Personennamen. Die Zuordnung zu Sem, Ham und Jafet folgt geografischen und geopol. Gesichtspunkten (Sprache, Sippe, Nation in V. 5.20.32). Nicht alle Namen können erklärt oder lokalisiert werden. Insg. siedeln die Jafet-Völker – von Israel aus gesehen – im Norden, in einem breiten Gürtel, der von Medien im Osten (Madai) bis zu den Griechen im Westen reicht (Jawan bezeichnet die Ionier, wohl die Griechen überhaupt). Die meisten der in V. 2‑3 genannten Völker sind in –› Kleinasien zu suchen (s. Karte AO). Gomer bezeichnet die Kimmerier; Magog, Tubal und Meschech werden auch in Hes 38,2, Togarma in Hes 38,6 genannt. Tiras meint eines der »Seevölker« auf den Ägäischen Inseln. Elischa (V. 4‑5) ist vielleicht ein alter Name für Zypern oder einen Teil davon; auch die Kittäer sind Bewohner Zyperns (der Name ist abgeleitet von der Stadt Kition; Kittim bezeichnet ganz Zypern in 4. Mose 24,24; Jes 23,12; Dan 11,30). Tarsis ist die phönizische Kolonie Tartessus in Spanien; Rodaniter sind die Bewohner der Insel Rhodos (»Rodaniter« ist die wahrsch. Lesart mit 1. Chr 1,7 und antiken Textzeugen, während der hebr. Text »Dodaniter« liest). 6 Die Söhne Hams sind diese: Kusch, Mizrajim,

Put und Kanaan. 7 Und die Söhne des Kusch sind diese: Seba, Hawila, Sabta, Ragma und 9,18 a Kap 5,32 9,22 a 2. Mose 20,12 ; Spr 30,17 10,2 a (2‑31) Hes 27,13‑22 b Hes 38,2 ; 39,1.6


genesis 10

Sabtecha. Aber die Söhne Ragmas sind diese: Saba und Dedan. Das Gebiet der Hamiten reicht von –› Kusch im Süden (Nubien / Äthiopien) bis Kanaan (einschl. Phönizien), das in der frühen Zeit bis zum 12. Jh. v. Chr. unter dem Einfluss Ägyptens (Mizrajim) stand. Put meint Libyen. Seba liegt im Umkreis Äthiopiens (Jes 43,3; 45,14); Hawila (vgl. 2,11) und Sabta sind in Arabien, Saba in Südwest-Arabien (1. Kön 10,1‑10) zu suchen; zu Dedan (Jer 25,23; 49,8) s. Karte AO, D5 / E5. 8 Kusch aber zeugte Nimrod. Der war der Erste,

der Gewalt übte auf Erden, 9 und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn. Daher spricht man: Das ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn wie a Nimrod. 10 Und der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Lande Schinar. 11 Von diesem Lande ist er nach Assur gekommen und baute Ninive und Rehobot-Ir und Kelach, 12 dazu Resen zwischen Ninive und Kelach. Das ist die große Stadt. Ein erzählender Einschub bietet eine Nimrodlegende mesopotamischer Herkunft, auf die ein Sprichwort in Israel anspielt. Nimrod (zu seiner Abstammung –› Kusch) gilt als Prototyp des assyr.-babyl. Königtums (Mi 5,5), das hier als weltweit früheste pol. Herrschaft erwähnt wird. Die Jagd (auf Raubtiere) war Königsprivileg und hatte rel. Dimensionen. Nimrods überragende Kraft (vor dem Herrn) wird gewürdigt, nicht negativ bewertet. Ninive ist eine der berühmten assyr. Königsstädte (vgl. Jona 3,1‑3; Nah 1–3). Zu den Städten s. Karte AO, F 3–4. Die Lesart Kalne (V. 10) ist unsicher; Kalne ist eine Stadt in Nordwest-Syrien (Jes 10,9; Am 6,2), die hier eigtl. nicht passt. Wenn man den Text mit anderen Vokalen liest, kann man dagegen übersetzen: »die alle (im Lande Schinar) liegen«. Schinar ist –› Babylonien, Rehobot-Ir ist nicht zu lokalisieren. 13 Mizrajim zeugte die Luditer, die Anamiter,

die Lehabiter, die Naftuhiter, 14 die Patrositer, die Kasluhiter; von denen sind gekommen die Philister und die Kaftoriter. Die Liste der Söhne Hams wird fortgesetzt. Von den Völkernamen, die Ägypten (Mizrajim) zugeordnet werden, sind bekannt: Lehabiter = Libyer; Patrositer = Oberägypter; Kaftoriter = Kreter. 15 Kanaan

aber zeugte Sidon, seinen ersten Sohn, und Het 16 und den Jebusiter, den Amoriter, den Girgaschiter, 17 den Hiwiter, den Arkiter, den Siniter, 18 den Arwaditer, den Zemariter und den Hamatiter. Nachher haben sich die Geschlechter der Kanaaniter weiter ausgebreitet, 19 und ihre Grenzen waren von Sidon in der Richtung auf Gerar bis nach Gaza, in der Richtung auf Sodom, Gomorra, Adma, Zebojim bis nach Lescha. 20 Das sind die Söhne Hams nach ihren Geschlechtern, Sprachen, Ländern und Völkern.

58

Im Bereich –› Kanaans gilt Phönizien (Sidon; V. 15) als Ursprung der Kanaaniter im Norden und Süden. Dazu gehört auch die Inselstadt Arwad (s. Karte AO, D3). Zu Het –› Hetiter; Jebusiter sind die vorisraelitischen Bewohner Jerusalems (Kap 14; 23); Amoriter, Girgaschiter, Hiwiter sind weitere vorisraelit. Bewohner Kanaans (–› 5. Mose 7,1). Bei den Grenzen in V. 19 ist von Sidon aus nur die Ausdehnung nach Süden im Blick, wo Gerar und Gaza als Städte der –› Philister (s. Karte LA, A7) genannt werden. Zu Sodom und Gomorra –› 19,24; Adma und ­Zebojim gehören zur Region südl. des Toten Meeres (vgl. 14,2; 5. Mose 29,22). 21 Und auch Sem, dem Vater aller Söhne Ebers und älteren Bruder Jafets, wurden Söhne geboren: a 22 Und dies sind seine Söhne: Elam, Assur, Arpachschad, Lud und Aram. 23 Aber die Söhne Arams sind diese: Uz, Hul, Geter und Masch. a

Sem wird als Vater aller Söhne Ebers eingeführt, weil von Eber (vgl. 11,16) auch die Israeliten (Hebräer) abstammen. Doch lässt die Abstammungsreihe ab V. 24 keine spezielle Beziehung des Namens auf die –› Hebräer erkennen. Die Namen in V. 22 weisen wieder auf den Umkreis des Zweistromlandes: Elam, Assur (–› Assyrien) und Aram (Syrien) sind bekannte Völker (s. Karte AO). Arpachschad bezeichnet wohl Babylonien, Lud ist vielleicht Lydien in Kleinasien. Mit Uz (22,21) ist wohl die Heimat Hiobs gemeint (Hiob 1,1; Klgl 4,21). Die übrigen Namen der Söhne Arams sind unbekannt. 24 Arpachschad

aber zeugte Schelach, Schelach zeugte Eber. 25 Eber wurden zwei Söhne geboren. Einer hieß Peleg, weil zu seiner Zeit a die Erde zerteilt wurde; und sein Bruder hieß ­Joktan. 26 Und Joktan zeugte Almodad, Schelef, Hazar ­mawet, Jerach, 27 Hadoram, Usal, Dikla, 28 Obal, Abimaël, Saba, 29 Ofir, Hawila und ­Jo­bab. Das sind alles Söhne Joktans. 30 Und ihre Wohnsitze waren von Mescha bis man kommt nach Sefar, an das Gebirge im Osten. 31 Das sind die Söhne Sems nach ihren Geschlechtern, Sprachen, Ländern und Völkern. V. 24‑25 enthält keine Völkernamen und entspricht 11,10‑16. Der Name Peleg wird als Anspielung auf die Zerstreuung der Menschheit gedeutet (vgl. 11,8‑9). Die Namen der Söhne Joktans sind offenbar wieder Ortsoder Gebietsnamen, die jedoch zum größeren Teil unbekannt sind, ebenso die geografischen Begriffe in V. 30. Soweit sich die Namen deuten lassen, weisen sie nach Südarabien: zu Saba –› V. 7; zu Ofir –› 1. Kön 9,28; zu Hawila –› 2,11. Mit Hazarmawet (Hadramaut) ist eine Region an der Südostküste Arabiens (Südjemen) gemeint. 32 Das sind nun die Nachkommen der Söhne

Noahs nach ihren Geschlechtern und Völkern. Von denen her haben sich ausgebreitet die Völker auf Erden nach der Sintflut. 10,9 a Mi 5,5 10,21 a Kap 11,10 10,23 a Kap 22,21 10,25 a Kap 11,8‑9 ; 5. Mose 32,8


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