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BasisBibel Altes und Neues Testament

Deutsche Bibelgesellschaft


www.basisbibel.de

Empfehlung der EKD zur BasisBibel Die Lutherbibel 2017 ist die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD ) für den kirchlichen Gebrauch empfohlene ­Übersetzung. In Ergänzung dazu empfiehlt der Rat der EKD die B ­ asisBibel als gut lesbare Bibelübersetzung insbesondere zur Erstbegegnung mit der Bibel und im Bereich der Arbeit mit Kindern, Konfirmanden und Jugendlichen. Über die Deutsche Bibelgesellschaft Die Deutsche Bibelgesellschaft ist eine kirchliche Stiftung des öffent­lichen Rechts. Sie übersetzt die biblischen Schriften, ­entwickelt und verbreitet innovative Bibelausgaben und eröffnet für alle Menschen Zugänge zur Botschaft der Bibel. International verantwortet sie die wissenschaftlichen Bibelausgaben in den U ­ rsprachen. Durch die Weltbibelhilfe unterstützt sie in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Bibelgesellschaften (United Bible Societies) weltweit die Übersetzung und Verbreitung der Bibel, d ­ amit alle Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen können. Weitere Informationen finden Sie unter www.die-bibel.de

BasisBibel. Die Komfortable. Altes und Neues Testament ISBN 978-3-438-00900-5 Lila ISBN 978-3-438-00901-2 Rot ISBN 978-3-438-00909-8 Vorzugsausgabe (Nummeriert und Limitiert)

Aus diesem Buchblock hergestellte Sonderausgaben sind auf dem Einband gekennzeichnet und nicht im Buchhandel erhältlich. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Innentypografie: Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg Satz: pagina GmbH, Tübingen Druck- und Bindearbeiten: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen Bindearbeiten der Vorzugsausgabe: Buchbinderei Richard Mayer, Esslingen Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten 01.2021


Inhalt

Altes Testament

Neues Testament

Die geschichtlichen Bücher 13 Das erste Buch Mose/Genesis 15 Das zweite Buch Mose/Exodus 141 Das dritte Buch Mose/Levitikus 243 Das vierte Buch Mose/Numeri 329 Das fünfte Buch Mose/ Deuteronomium 435 Das Buch Josua 533 Das Buch der Richter 595 Das Buch Rut 661 Das erste Buch Samuel 671 Das zweite Buch Samuel 757 Das erste Buch der Könige 827 Das zweite Buch der Könige 907 Das erste Buch der Chronik 983 Das zweite Buch der Chronik 1053 Das Buch Esra 1139 Das Buch Nehemia 1165 Das Buch Ester 1203

Die Evangelien 2149 Die Gute Nachricht nach Matthäus 2151 Die Gute Nachricht nach Markus 2247 Die Gute Nachricht nach Lukas 2309 Die Gute Nachricht nach Johannes 2411

Die poetischen Bücher 1223 Das Buch Hiob 1225 Die Psalmen 1289 Das Buch der Sprichwörter 1455 Das Buch Kohelet/Prediger 1511 Das Hohelied 1533 Die prophetischen Bücher 1545 Das Buch Jesaja 1547 Das Buch Jeremia 1679 Die Klagelieder 1833 Das Buch Ezechiel 1849 Das Buch Daniel 1977 Das Buch Hosea 2017 Das Buch Joel 2039 Das Buch Amos 2049 Das Buch Obadja 2065 Das Buch Jona 2069 Das Buch Micha 2075 Das Buch Nahum 2087 Das Buch Habakuk 2093 Das Buch Zefanja 2101 Das Buch Haggai 2109 Das Buch Sacharja 2115 Das Buch Maleachi 2139

Die Geschichte der Apostel 2485 Die Briefe 2581 Der Brief an die Römer 2583 Der erste Brief an die Korinther 2627 Der zweite Brief an die Korinther 2669 Der Brief an die Galater 2697 Der Brief an die Epheser 2713 Der Brief an die Philipper 2729 Der Brief an die Kolosser 2741 Der erste Brief an die Thessalonicher 2751 Der zweite Brief an die Thessalonicher 2761 Der erste Brief an Timotheus 2767 Der zweite Brief an Timotheus 2779 Der Brief an Titus 2789 Der Brief an Philemon 2795 Der Brief an die Hebräer 2799 Der Brief von Jakobus 2831 Der erste Brief von Petrus 2843 Der zweite Brief von Petrus 2855 Der erste Brief von Johannes 2863 Der zweite Brief von Johannes 2875 Der dritte Brief von Johannes 2879 Der Brief von Judas 2883 Das Buch der Offenbarung 2887

Vorspann Die Bibel 7 Anhang Zu dieser Ausgabe 2935 Beteiligte 2943 Förderer 2944 Partner 2947 Zeittafel und Karten 2949


Die Bibel Das Buch von Gottes Zuwendung zu den Menschen Die Bibel ist das Buch, das die Christen der Welt miteinander verbindet. Für alle christlichen Kirchen ist sie die Grundlage des Glaubens und der Maßstab für das Handeln der Menschen. Denn die Bibel erzählt von Gott: von seiner Zuwendung zu der Welt und den Menschen, davon, wie er sie erschaffen hat, sie durch die Geschichte begleitet und sie zuletzt zu ihrem Ziel führen wird. Die Geschichte von Gott und seiner Schöpfung lässt sich auch als eine Liebesgeschichte verstehen, bei der Gott unbeirrbar an seinem Gegenüber festhält. Das gilt selbst dann, wenn dieses Gegenüber sich immer wieder gegen Gott auflehnt, seine Liebe missachtet und nicht merkt, dass es ohne sie gar nicht leben kann. Wer sich auf die Botschaft der Bibel einlässt, erfährt, dass durch ihre Worte hindurch Gott selbst zu ihm spricht. Von ihm weiß sich ein Mensch im Leid getröstet, in Angst und Zweifel ermutigt oder gewarnt und ermahnt, wenn das Ziel des Lebens aus dem Blick zu geraten droht. Hier findet er Halt und Sinn für das eigene Leben. So gesehen, ist die Bibel Gottes Wort. Niedergeschrieben wurde dieses Wort von Menschen, die in ihrem Leben selbst Gutes und Befreiendes von Gott erfahren haben. Gottes Wort begegnet in der Bibel in menschlichen Worten.

Eine Bibliothek Die Bibel ist ein sehr umfangreiches Buch. Das hat seinen Grund darin, dass sie genau genommen aus einer ganzen Anzahl von Büchern besteht. Diese sind in einem Zeitraum von ca. 1000 Jahren entstanden – zwischen 800 v. Chr. und 200 n. Chr. Insgesamt sind es 66 einzelne Schriften. Sie gliedern sich in zwei große Teile: das Alten Testament mit 39 Schriften und das Neuen Testament mit 27 Schriften. Die Bibel ist auch ein Stück Weltliteratur, und ihre einzelnen Schriften gehören verschiedenen Literaturgattungen an. Weite Teile der Bibel sind als Prosatexte geschrieben: Erzählungen, Novellen und Geschichtsdarstellungen. Es gibt aber auch zahlreiche poetische Texte: Gebete, Lieder und die entsprechenden Sammlungen, dazu weisheitliche Sinnsprüche und Lehrreden, die das Wissen ihrer Zeit ebenfalls in poetische Form kleiden. Die dritte große Literaturgattung umfasst die prophetischen Texte mit den besonderen Formen der prophetischen Rede, in der Menschen ihren Zeitgenossen Botschaften von Gott ausrichten. 7


Die Bibel

Altes Testament Das Alte Testament ist zugleich die Heilige Schrift des Judentums, die in diesem Zusammenhang nach der Sprache, in der sie verfasst ist, »Hebräische Bibel« genannt wird. Dass sie in unserer Bibel vor dem Neuen Testament steht, zeigt auch, dass das Neue Testament auf ihr als Grundlage aufbaut. Das Alte Testament lässt sich in drei Teile gliedern, die den verschie­ denen Literaturgattungen entsprechen: Die erzählenden Bücher handeln von der Geschichte Gottes mit Israel, die sie in den Rahmen der Geschich­te Gottes mit der Welt und der Menschheit stellen. Sie werden deshalb auch »geschichtliche Bücher« genannt. Unter ihnen haben die fünf Mosebücher (1. Mose/Genesis bis 5. Mose/Deuteronomium) einen besonderen Platz. Da dort Gesetze einen breiten Raum einnehmen, bezeichnet man sie auch als »Gesetz« (Hebräisch: Tora, das bedeutet »Weisung«). Die sich anschließenden Darstellungen der Geschichte Israels reichen bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. In den poetischen Büchern tritt der Mensch in das Gespräch mit Gott ein: Im Buch Hiob ringt er um das Verstehen von Gottes oft unbegreif­ lichem Willen. Im Buch der Psalmen sind Gebete zusammengestellt, die aus allen erdenklichen Lebenssituationen heraus an Gott gerichtet werden. Dazu kommen die weisheitlichen Sammlungen der Sprichwörter und des Buchs Kohelet. Den letzten Teil des Alten Testaments bilden die prophetischen Bücher. Die Propheten sollen in Gottes Auftrag Israel daran erinnern, dass es zu Gott gehört und deshalb zum Gehorsam gegenüber seinen Geboten verpflichtet ist. Oft sehen die Propheten sich zur Kritik an den bestehenden ungerechten Verhältnissen gezwungen. Aber sie tun dies, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen, damit Gott ihnen seine Gnade erweisen kann.

Neues Testament Die Botschaft von der Gnade Gottes steht auch im Zentrum des Neuen Testaments. In Jesus Christus hat Gottes Liebe zu seiner Schöpfung die Gestalt eines Menschen angenommen, der sich selbst nun der Welt und den Menschen in Liebe zuwendet. Mit seinem Kommen beginnt Gott, sein Reich in dieser Welt zu errichten. Der Weg der Liebe, den Jesus geht, führt ihn bis in den Tod – und darüber hinaus: Seine Auferweckung vom Tod ist die Grundlage für die Hoffnung, dass alle, die zu ihm gehören, auferweckt werden und in einer Welt leben dürfen, in der es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt. Wie das Alte Testament gliedert sich das Neue Testament in drei Teile. Auch hier gibt es wieder geschichtliche Bücher: die vier Evangelien und die Apostelgeschichte. Sie erzählen die Geschichte von Jesus Christus, 8


Die Bibel

seinem Tod am Kreuz und seiner Auferweckung sowie von der Entstehung der e ­ rsten christlichen Gemeinden in Kleinasien und Europa. Es folgen 21 Briefe, die teils von Jüngern von Jesus, teils unter ihrem ­Namen an verschiedene christliche Gemeinden geschrieben wurden. Die größte und wichtigste Gruppe unter ihnen ist die Sammlung von Briefen des Paulus, in denen er die Bedeutung von Jesus, seinem Tod und seiner Auferweckung für die Menschen entfaltet. Daran schließt sich eine Reihe von Briefen an, die an die Kirche insgesamt gerichtet sind und ihr helfen sollen, die Probleme und grundsätzlichen Fragen zu bewältigen, mit denen sie sich auseinandersetzen musste. Das letzte Buch des Neuen Testaments schaut in die Zukunft: die Offenbarung an Johannes. In einer Zeit, als die Gemeinde sich schweren Bedrohungen und Verfolgung ausgesetzt sah, tröstet sie der Seher Johannes und zeigt ihr das Bild von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, wo Gott bei den Menschen wohnen und allem Leid ein Ende bereiten wird. Auch im Neuen Testament gibt es Lieder und Gebete, darunter so bekannte wie der Lobgesang der Maria, der untrennbar zur Weihnachtszeit gehört, oder das Vaterunser, das Jesus seinen Jüngern gab und das heute von Christen überall auf der Welt gebetet wird. Das Neue Testament enthält jedoch keine eigene Sammlung von poetischen Texten, sondern sie finden sich immer wieder in den erzählenden Schriften und auch in der Offenbarung.

Basis des Lebens Es kann anstrengend sein, die Bibel zu lesen. Es ist aber auch sehr lohnend. Die Bibel erzählt von Ereignissen, die lange vor unserer Zeit statt­ gefunden haben. Aber wer sich darauf einlässt, merkt schnell, dass ihre Botschaft auch heute gilt: Auch wir sind von Gott angesprochen, heraus­ gerufen aus unserem Alltag, gefragt, wer wir sind und wie wir das Leben bestehen und gestalten wollen. Die Bibel will dabei ein verlässlicher Begleiter sein, das Fundament, auf dessen Grundlage das Leben gelingt. Deshalb heißt diese Bibelübersetzung BasisBibel. Sie erschließt die ­Botschaft der Bibel durch ihre besondere Sprache, die leicht zu lesen und im Schriftbild unmittelbar umgesetzt ist. Es erinnert an ein Gedicht, bei dem jede Zeile eine eigene Sinneinheit bildet und in sich selbst steht. Wenn ein Begriff eine Erklärung braucht, findet sich diese direkt auf dem Rand der Seite. Wer mehr wissen will, kann in der BasisBibel im Internet (www.basisbibel.de) weiterführende Informationen und Lesehilfen be­kommen. So ist dieses Buch eine einzige Einladung zum Lesen, zum Sich-Einlassen auf das lebendige Wort Gottes.

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Altes Testament


Die geschichtlichen Bücher: Einführung

Einführung

Die geschichtlichen Bücher Die ge­schicht­lichen Bü­cher er­zäh­len die Ge­schich­te von Got­tes Wir­ ken in der Welt. Die Dar­stel­lung be­ginnt mit einem wei­ten Ho­ri­zont: der Er­schaf­fung der Welt (1. Mose/Ge­ne­sis 1,1–3,24) und den Ge­ schich­ten vom An­fang der Mensch­heit (1. Mose/Ge­ne­sis 4,1–11,32). Sie kon­zent­riert sich je­doch bald auf die Ge­schich­te der Is­ra­e­liten. Die letz­ten Er­eig­nisse, die er­zählt wer­den, hän­gen mit der Rück­kehr aus Ba­by­lo­ni­en zu­sam­men, wo ein Teil der Is­ra­e­liten in der Ver­ban­ nung lebte. Die ge­schicht­lichen Bü­cher las­sen sich in drei Grup­pen ein­tei­len. Die erste Gruppe sind die »fünf Bü­cher Mose« (1. Mose/Ge­ne­sis bis 5. Mose/Deu­te­ro­no­mi­um). Sie sind über weite Stre­cken als Mit­tei­ lung Got­tes an Mose ge­stal­tet, der lange Zeit als Ver­fas­ser die­ser Bü­cher galt. Da­her kommt ihre Be­zeich­nung als »Bü­cher Mose«. Die zweite Gruppe der ge­schicht­lichen Bü­cher (Jo­sua bis 2. Kö­ni­ge) er­ zählt von den Is­ra­e­liten im Land Ka­naan, das ih­nen von Gott zu­ge­ sagt wurde. Sie ver­wen­det das 5. Buch Mose/Deu­te­ro­no­mi­um als Maß­stab für die Be­wer­tung des Ver­hal­tens der Is­ra­e­liten im Land. Die dritte Gruppe (1. Chro­nik bis Es­ter) er­zählt eben­falls vor al­lem von den Is­ra­el­iten in ih­rem Land. Sie setzt aber einen an­de­ren Schwer­ punkt: Hier rückt das Ver­hält­nis ein­zel­ner Herr­scher zu Gott in den Blick, und die Dar­stel­lung reicht ge­schicht­lich wei­ter als die der zwei­ ten Gruppe. Die ge­schicht­lichen Bü­cher sind im Al­ten Tes­ta­ment zu­nächst chro­ no­lo­gisch an­ge­ord­net, nach dem Zeit­raum, von dem sie er­zäh­len. Da­zu kommt ein zwei­tes, in­halt­liches Ord­nung­sprin­zip, das sich aus ih­rer »Gat­tung« er­gibt: Die fünf Bü­cher Mose hei­ßen im Ju­ den­tum »Tora«. Das be­deu­tet »Wei­sung« und meint die schrift­liche und münd­liche Mit­tei­lung von Got­tes Wil­len. Die­se fünf Bü­cher ent­hal­ten grund­le­gende In­hal­te, die in der ge­sam­ten Bi­bel auf­ge­ grif­fen wer­den. In ih­ren Dar­stel­lun­gen wech­seln sich Er­zäh­lun­gen mit Ge­set­zes­te­xten ab. Die Ge­set­zes­te­xte bie­ten eine Ori­en­tie­rung, wie Men­schen mit Gott in Kon­takt tre­ten und auf sein Han­deln re­ a­gie­ren kön­nen. Sie wer­den von Gott zu­erst den Is­ra­e­liten ge­ge­ben, aber durch die Er­zäh­lun­gen wird auch deut­lich, dass sie zur Ori­en­ tie­rung für alle Men­schen die­nen kön­nen. Sie las­sen sich als »Ge­bot der Lie­be zu Gott« (5. Mose/Deu­te­ro­no­mi­um 6,4‑5) und »Ge­bot der Lie­be zum Nächs­ten« (3. Mose/Le­vi­ti­kus 19,18; vgl. Mar­kus 12,28‑31) 13


Die geschichtlichen Bücher: Einführung

zu­sam­men­fas­sen. Es ist Mose, der nach die­sen Tex­ten den Wil­len Got­tes an die Is­ra­e­liten über­mit­telt. Die Fi­gur des Mose ist in­ner­halb des Al­ten Tes­ta­ments ein­zig­ar­tig. 5. Mose/Deu­te­ro­no­mi­um 34,10 sagt, dass seine Nä­he zu Gott von nie­man­dem über­trof­fen wird. Selbst die Pro­phe­ten, die ver­kün­den, was Gott in be­stimm­ten Si­tu­ a­ti­o­nen zu sa­gen hat, be­geg­nen Gott nicht so di­rekt wie Mose. Pro­ phe­ten wie Eli­ja und Elischa (bei­spiels­wei­se 1. Kö­ni­ge 17–18) spie­len dann in der Dar­stel­lung der zwei­ten Buch­grup­pe eine wich­tige Rolle. Dort zeigt sich an der Ge­schich­te des Vol­kes Is­ra­el, wie das Le­ben mit der grund­le­gen­den »Wei­sung« aus den fünf Bü­chern Mose, ge­lingt – oder miss­lingt. So ma­chen diese Bü­cher bis heute an­schau­lich, wie Gott in der Welt wirkt. Das gilt, mit et­was an­de­ren Ak­zent­set­zun­gen, auch für die dritte Gruppe von Bü­chern (1. Chro­nik bis Es­ter). Wenn es darin um eine Be­wer­tung der Ge­schich­te geht, wird die Vor­ stel­lung von einem »Bund« zwi­schen Gott und Men­schen wich­tig. Die­ser »Bund« ist am An­fang eine Zu­sa­ge, ein Ver­spre­chen Got­tes. Er gibt es Noah (1. Mose/Ge­ne­sis 9,1‑17), Abra­ham und Sara (1. Mose/ Ge­ne­sis 15) und Ja­kob (1. Mose/Ge­ne­sis 32,23‑33). Das 5. Buch Mose/ Deu­te­ro­no­mi­um be­schreibt den »Bund« dann als eine wech­sel­sei­tige Ver­pflich­tung zwi­schen Gott und den Is­ra­e­liten (5. Mose/ Deu­te­ro­no­mi­um 7,6‑10). Von da an gilt: Wenn die Is­ra­e­liten die Re­ geln des Bun­des be­fol­gen, geht es ih­nen gut. Wenn sie da­von ab­wei­ chen, geht es ih­nen schlecht. Am En­de bleibt Gott sei­nem Volk Is­ra­el aber selbst dann noch zu­ge­wandt, wenn es den Bund im­mer wie­der bricht: Nach­dem ihr Kö­nig­reich, ihre Haupt­stadt und der von Sa­lomo ge­bau­te Tem­pel zer­stört wor­den sind, müs­sen viele Is­ra­e­liten zwar in die Ver­ban­nung nach Ba­by­lo­ni­en. Aber nach eini­ger Zeit dür­fen sie in ihre Hei­mat zu­rück­keh­ren und neu be­gin­nen. Den ver­schie­de­nen Er­zähl­bö­gen, die die ge­schicht­lichen Bü­cher mit­ein­an­der ver­bin­den, ent­spre­chen un­ter­schied­liche Schwer­punk­ te. Im Zu­sam­men­hang mit die­sen Schwer­punk­ten än­dert sich die Be­zeich­nung für die Is­ra­e­liten: Durch die Be­frei­ung aus Ägyp­ten (2. Mose/Exo­dus 7,8–15,21) wer­den sie zum »Volk Got­tes«. Mit der Grün­dung eines Kö­nig­reichs (1. Sa­mu­el und 2. Sa­mu­el) wird die po­ liti­sche Ab­gren­zung re­le­vant, und die Is­ra­e­liten er­schei­nen als »Volk Is­ra­el« in­mit­ten ih­rer Nach­barn. Die­ses Kö­nig­reich wird ge­teilt, und die bei­den Tei­le er­hal­ten die Na­men »Is­ra­el« (Nord­reich) und »Juda« (Süd­reich). Als Kö­nig Ne­bu­kad­nez­zar II. von Ba­by­lo­ni­en die Stadt Je­ ru­sa­lem im Süd­reich Juda und den Tem­pel zer­stört und einen Teil der Be­woh­ner, die nach dem Na­men des Lan­des »Ju­däer« hei­ßen, in die Ver­ban­nung ver­schleppt, wird ihr reli­giö­ser Zu­sam­men­halt wich­ti­ ger: Die Men­schen, die aus Ba­by­lo­ni­en nach Je­ru­sa­lem zu­rück­keh­ ren, sind von nun an die Glau­bens­ge­mein­schaft der »Ju­den«. Aus die­ser Ge­mein­schaft kom­men im Neu­en Tes­ta­ment dann auch Je­sus Chris­tus und die ers­ten Men­schen, die an ihn glau­ben. 14


Das erste Buch Mose/Genesis

Das erste Buch Mose/Genesis In der grie­chi­schen und la­tei­ni­schen Über­set­zung der Bi­bel trägt das 1. Buch Mose den Na­men »Ge­ne­sis«. Das Wort be­deu­tet »Ur­sprung« oder »Ent­ste­hung«. Die ers­ten Wor­te des Bu­ches, zu­gleich die ers­ten Wor­te der Bi­bel, sind Pro­gramm: »am An­fang« (1,1). Denn das 1. Buch Mose/Ge­ne­sis er­zählt von zwei An­fän­gen: von der Ent­ste­hung der gan­zen Welt als Schöp­fung Got­tes und von der Her­kunft des Vol­kes Is­ra­el. Das 1. Buch Mose/Ge­ne­sis glie­dert sich nach sei­nen gro­ßen The­men. In den Ka­pi­teln 1–11 ist von der Schöp­fung und der »Ur­ge­schich­te« der Mensch­heit die Rede. Ab Ka­pi­tel 12 geht es um die Vor­fah­ren der Is­ra­e­liten: Ka­pi­tel 12–26 er­zäh­len die Ge­schich­te von Abra­ham, Sara und ih­ren Kin­dern. Ka­pi­tel 27–36 han­deln von Ja­kob, der dann den Na­men »Is­ra­el« er­hält (32,23‑33), und die Ka­pi­tel 37–50 er­zäh­len die Ge­schich­te von Ja­kobs Söh­nen: Jo­sef und sei­nen Brü­dern. Die Er­zäh­lun­gen von der Schöp­fung be­schrei­ben die An­fänge der Welt und der Mensch­heit. Sie ver­mit­teln ein grund­le­gen­des Be­ kennt­nis des Glau­bens: Die ganze Welt, so wie sie ist, ist Got­tes Werk. Gott hat die Welt in einer be­stimm­ten Ord­nung ge­schaf­fen, und ohne diese Ord­nung ist kein Le­ben mög­lich. Be­son­ders deut­lich wird das in der ers­ten Schöp­fungs­er­zählung (1,1–2,4). Gott schafft durch sein Wort die Ord­nung von Zeit (Tag und Nacht) und Raum (Land und Meer). Ent­spre­chend sind auch die vie­len Na­mens­lis­ten zu ver­ste­hen, die ne­ben den Er­zäh­lun­gen im 1. Buch Mose/Ge­ne­sis ent­hal­ten sind (bei­spiels­wei­se 1. Mose/Ge­ne­sis 10): Die Lis­ten glie­ dern und ord­nen die Ge­schich­te der Men­schen und füh­ren sie so auf Gott zu­rück. Schon in der zwei­ten Schö­pfungs­er­zäh­lung (2,4–3,24) zeigt sich aber auch ein an­de­rer Ge­sichts­punkt: eine grund­le­gende Span­nung zwi­schen der von Gott ge­schaf­fe­nen Ord­nung und der Frei­heit des Men­schen, diese Ord­nung zu miss­ach­ten. Die üb­ri­gen Ge­schich­ten im ers­ten Teil des Buches er­zäh­len vom Le­ben in die­ser Span­nung und da­von, dass Gott den Men­schen trotz­dem bei­steht. Gott gibt den Men­schen selbst dann nicht auf, wenn er seine Ord­ nung ver­lässt. Die Ge­schich­te von Noah und der Sint­flut (6,5–9,29) ent­hält Got­tes Ver­spre­chen: »Nie wie­der will ich al­les Le­ben­di­ge so schwer be­stra­fen« (1. Mose/Ge­ne­sis 8,21). »Ver­spre­chen« (oder Ver­hei­ßung) ist dann das große Thema der Erzeltern-Ge­schich­ten. »Er­zel­tern« wer­den die Vor­fah­ren der Is­ra­ e­liten ge­nannt. Ver­schie­de­ne Er­zäh­lun­gen von den An­fän­gen des Vol­kes Is­ra­el sind darin zu einer »Fa­mi­li­en­ge­schich­te« zu­sam­men­ge­ stellt. Ih­nen ge­mein­sam ist die Er­fah­rung, dass Gott Zu­sa­gen macht 15


Das erste Buch Mose/Genesis

und diese er­füllt. Abra­ham und Sara er­hal­ten von Gott das Ver­spre­ chen, Vor­fah­ren eines gro­ßen Volkes zu wer­den, das ein eige­nes Land be­sitzt. We­gen die­ses Ver­spre­chens ver­las­sen sie ihre Hei­mat (12,1‑9). Gott wei­tet das Ver­spre­chen zu einem Bund aus: Er ver­pflich­tet sich selbst dazu, den Nach­kom­men von Abra­ham und Sara Si­cher­heit zu ver­schaf­fen (15). Abra­ham und Sara müs­sen nichts da­für tun, außer den Zu­sa­gen Got­tes zu ver­trauen. In den Ge­schich­ten um Ja­kob, den En­kel von Abra­ham, kommt der Ge­danke hinzu, dass Got­tes Schutz und Bei­stand, sein »Se­gen«, als ma­te­ri­el­ler Wohl­stand, Ge­sund­heit und Frucht­bar­keit sicht­bar wer­den. Ja­kob for­dert die­sen »Se­gen« aktiv ein und er­hält auch des­we­gen den neuen Na­men »Is­ra­el« (32,23‑33). Schließ­lich wird Ja­kob oder »Is­ra­el« Va­ter von zwölf Söh­ nen, die als »Stamm­vä­ter« des Vol­kes Is­ra­el gel­ten (35,21‑26), das sich als Ver­band aus zwölf Stäm­men ver­steht. Der Ge­gen­satz zwi­schen mensch­lichen Plä­nen und gött­lichem Wil­ len be­stimmt wie­derum die Ge­schich­te von Jo­sef, einem von Jakobs Söh­ nen. Seine Ge­ schich­ te be­ ginnt mit dem Neid sei­ ner Brü­ der (37,12‑36), der dazu führt, dass Ja­kob und seine Fa­mi­lie nach Ägyp­ten ge­lan­gen (46). Dort wird die Er­zäh­lung des 2. Buch Mose/Exo­dus ih­ ren An­fang neh­men. Jo­sef ret­tet seine Fa­mi­lie durch seine Klug­heit vor einer Hun­gers­not (41,47‑57). Das 1. Buch Mose/Ge­ne­sis en­det mit der Ein­sicht, dass Gott das Ge­sche­hen nach sei­nem Wil­len zum Gu­ ten führt: »Ihr hat­tet Bö­ses für mich ge­plant. Aber Gott hat es zum Gu­ten ge­wen­det«, sagt Jo­sef am Schluss des Bu­ches zu sei­nen Brü­ dern (50,20). Wann und wie ge­nau das Buch ent­stan­den ist, lässt sich nicht fest­ stel­len. Si­cher scheint nur, dass der Text nicht am Stück ge­schrie­ ben, son­dern aus ver­schie­de­nen Ge­schich­ten und Bei­trä­gen zu einer Erzähl­fol­ge zu­sam­men­ge­stellt wurde. An eini­gen Stel­len ist das noch gut er­kenn­bar: Die Schöp­fung durch Gott wird zwei Mal er­zählt (1,1–2,4 und 2,4–3,24), ebenso der Bun­des­schluss zwi­schen Gott und Abra­ham (15 und 17). Die The­men des 1. Buch Mose/Ge­ne­sis sind so grund­le­gend, dass sie im­mer wie­der auf­ge­grif­fen und ver­ar­bei­tet wur­den, so­wohl inner­ halb als auch außer­halb der Bi­bel. Die Ver­spre­chen (oder Ver­hei­ ßun­gen), die Gott Abra­ham, Sara und spä­ter ih­ren Nach­kom­men gibt, wer­den im Ver­lauf der Er­zäh­lun­gen der ge­schicht­lichen Bü­cher schritt­wei­se ein­ge­löst: Die Is­ra­e­liten als »Nach­kom­men« Ab­ra­hams und Ja­kobs wer­den ein gro­ßes Volk (2. Mose/Exo­dus) und er­obern ein Land, in dem sie le­ben kön­nen (Jo­sua). Im Neu­en Tes­ta­ment sieht Pau­lus in Abra­ham ein Vor­bild im Glau­ben (Rö­mer 4).

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Die Urgeschichte 1,1‒11,32 Von der Erschaffung der Welt und der Menschen 1,1‒3,24

Die Erschaffung der Welt

1

Am An­fang er­schuf Gott Him­mel und Er­de⁠. 2 Die Er­de war wüst und leer, und Fins­ter­nis lag über dem Ur­meer⁠. Über dem Was­ser schwebte Got­tes Geist⁠. 3 Gott sprach: »Es soll Licht wer­den!« Und es wurde Licht. 4 Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott trennte das Licht von der Fins­ter­nis. 5 Er nannte das Licht »Tag« und die Fins­ter­nis »Nacht«. Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der erste Tag. 1

1. Mose/Genesis 1 Himmel und Erde: Be-​ zeichnet die ganze Welt. Urmeer: Wasser, das am ​ Anfang die ganze Erde ​ bedeckte. Es steht für ​ das Chaos, das Gott ​ bei der Erschaffung der ​ Welt in seine Schranken ​ weist. Geist Gottes: Kraft, durch ​ die Gott in der Welt ​ wirkt. Dach: Meint eine Art ​ Platte, die auf den Ber-​ gen am äußeren Rand ​ der Erde aufliegt. Sie ​ bildet den Boden des ​ Himmels und gleichzei-​ tig das Dach der Erde.

Gott sprach: »Ein Dach⁠ soll sich wöl­ben mit­ten im Ur­meer! Es soll das Was­ser dar­un­ter von dem Was­ser da­rüber tren­nen.« Und so ge­schah es. 7 Gott machte das Dach und trennte das Was­ser un­ter dem Dach von dem Was­ser über dem Dach. 8 Gott nannte das Dach »Him­mel«. Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der zweite Tag. 6

Gott sprach: »Das Was­ser un­ter dem Him­mel soll sich an einem Ort sam­meln, da­mit das Land sicht­bar wird!« Und so ge­schah es. 10 Gott nannte das Land »Er­de« und das ge­sam­mel­te Was­ser »Meer«. Und Gott sah, dass es gut war. 9

Gott sprach: »Die Er­de soll fri­sches Grün sprie­ßen las­sen und Pflan­zen, die Sa­men tra­gen! Sie soll auch Bäume her­vor­brin­gen mit eige­nen Früch­ten und Sa­men darin!« Und so ge­schah es. 12 Die Er­de brachte fri­sches Grün her­vor und Pflan­zen, die Sa­men tra­gen. Sie ließ auch Bäume wach­sen mit eige­nen Früch­ten und Sa­men darin. 11

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1. Mose/Genesis 1 zwei große Lichter: Meint ​ Sonne und Mond. Vögel: Meint alle fliegen-​ den Lebewesen, von ​ Insekten bis hin zu ​ Fledermäusen. Segen, segnen: Beson-​ dere Zuwendung Gottes ​ zu seinen Geschöpfen. ​ Gott schenkt durch sei-​ nen Segen Leben, Kraft ​ und Wohlergehen. uns: Gott bespricht sich ​ mit der himmlischen ​ Ratsversammlung. Ebenbild: Damit wird ge-​ sagt, dass die Menschen ​ als Gottes Stellvertreter ​ auf der Erde geschaffen ​ sind.

13

Und Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der dritte Tag.

Gott sprach: »Lich­ter sol­len am Him­mels­dach ent­ste­hen, um Tag und Nacht von­ein­an­der zu tren­nen! Sie sol­len als Zei­chen die­nen, um die Fes­te, die Ta­ge und Jahre zu be­stim­men. 15 Als Leuch­ten sol­len sie am Him­mels­dach ste­hen und der Er­de Licht ge­ben.« Und so ge­schah es. 16 Gott machte zwei große Lich­ter⁠. Das grö­ßere Licht sollte den Tag be­herr­schen und das klei­nere die Nacht. Da­zu ka­men noch die Sterne. 17 Gott setzte sie an das Him­mels­dach, um der Er­de Licht zu ge­ben. 18 Sie soll­ten am Tag und in der Nacht herr­schen und das Licht von der Fins­ter­nis tren­nen. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der vierte Tag. 14

Gott sprach: »Das Was­ser soll von Le­be­we­sen wim­meln, und Vö­gel⁠ sol­len flie­gen über der Er­de und am Him­mel!« 21 Gott schuf die gro­ßen See­un­ge­heuer und alle Ar­ten von Le­be­we­sen, von de­nen das Was­ser wim­melt. Er schuf auch alle Ar­ten von Vö­geln. Und Gott sah, dass es gut war. 22 Gott seg­nete⁠ sie und sprach: »Seid frucht­bar, ver­mehrt euch und füllt das ganze Meer! Auch die Vö­gel sol­len sich ver­meh­ren auf der Er­de!« 23 Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der fünfte Tag. 20

Gott sprach: »Die Er­de soll Le­be­we­sen al­ler Art her­vor­brin­gen: Vieh, Kriech­tie­re und wilde Tiere!« Und so ge­schah es. 25 Gott machte die wil­den Tiere und das Vieh und alle Kriech­tie­re auf dem Bo­den. Er machte sie alle nach ih­rer eige­nen Art. Und Gott sah, dass es gut war. 24

26

Gott sprach: »Lasst uns⁠ Men­schen ma­chen – un­ser Eben­bild⁠, uns gleich sol­len sie sein!

18


Sie sol­len herr­schen über die Fi­sche im Meer und die Vö­gel am Him­mel, über das Vieh und die ganze Er­de, und über alle Kriech­tie­re auf dem Bo­den.« 27 Gott schuf den Men­schen nach sei­nem Bild. Als Got­tes Eben­bild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. 28 Gott seg­nete sie und sprach zu ih­nen: »Seid frucht­bar und ver­mehrt euch! Be­völ­kert die Er­de und nehmt sie in Be­sitz! Herrscht über die Fi­sche im Meer und die Vö­gel am Him­mel und über alle Tiere, die auf dem Bo­den krie­chen!«

1. Mose/Genesis 1​.​2 Himmel und Erde: Be-​ zeichnet die ganze Welt. er ruhte: Mit dieser Aus-​ sage wird in den Zehn ​ Geboten das Gebot ​ begründet, den Ruhe-​ tag einzuhalten; vgl. ​ 2. Mose/‍Exodus 20,8‑11.

Gott sprach: »Als Nah­rung gebe ich euch alle Pflan­zen auf der Er­de, die Sa­men her­vor­brin­gen – dazu alle Bäume mit Früch­ten und Sa­men darin. 30 Die grü­nen Pflan­zen sol­len Fut­ter für die Tiere sein: für die Tiere auf der Er­de, die Vö­gel am Him­mel und alle Kriech­tie­re auf dem Bo­den.« Und so ge­schah es. 31 Gott sah al­les an, was er ge­macht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und wie­der Mor­gen – der sechste Tag. 29

2

1 So wur­den Him­mel und Er­de⁠ voll­en­det mit al­lem, was darin ist. 2 Am sieb­ten Tag voll­en­dete Gott sein Werk, das er ge­macht hatte. An die­sem Tag ruhte er⁠ aus von all sei­ner Ar­beit, die er ge­tan hatte. 3 Gott seg­nete den sieb­ten Tag und er­klärte ihn zu einem hei­ligen Tag. Denn an die­sem Tag ruhte Gott aus von all sei­nen Wer­ken, die er ge­schaf­fen und ge­macht hatte. 4 Das ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te von Him­mel und Er­de: So wur­den sie ge­schaf­fen.

Die Menschen im Paradies

5

Zu der Zeit, als Gott der Herr Er­de und Him­mel machte, wuchs noch nichts auf der Er­de. Es gab keine Sträu­cher auf dem Feld und auch sonst keine Pflan­zen. Denn Gott der Herr hatte noch kei­nen Re­gen auf die Er­de fal­len las­sen.

19


1. Mose/Genesis 2 Erdboden: Im Hebräi-​ schen klingen die Worte ​ für Mensch (adam) ​ und Erdboden (adama) ​ ähnlich. Baum des Lebens: Steht ​ im Paradies. Wer von ​ seinen Früchten isst, ​ wird niemals sterben. vier Flüsse: Bild dafür, ​ dass das Leben spen-​ dende Wasser aus ​ Eden die ganze Welt ​ bewässert.

Es gab auch kei­nen Men­schen, der den Erd­bo­den be­ar­bei­te­te. 6 Was­ser stieg aus der Er­de auf und tränkte den gan­zen Erd­bo­den. 7 Da formte Gott der Herr den Men­schen aus Staub vom Erd­bo­den⁠. Er blies ihm den Le­bens­atem in die Na­se, und so wurde der Mensch ein le­ben­di­ges We­sen. Dann legte Gott der Herr einen Gar­ten an – im Os­ten, in der Land­schaft Eden. Dort­hin brachte er den Men­schen, den er ge­formt hatte. 9 Gott der Herr ließ aus dem Erd­bo­den alle Ar­ten von Bäu­men em­por­wach­sen. Sie sa­hen ver­lo­ckend aus, und ihre Früchte schmeck­ten gut. In der Mitte des Gar­tens aber wuch­sen zwei be­son­dere Bäume: der Baum des Le­bens⁠ und der Baum der Er­kennt­nis von Gut und Bö­se. 8

In Eden ent­springt ein Strom, der den Gar­ten be­wäs­sert. Von dort teilt er sich in vier Flüsse⁠: 11 Der erste heißt Pi­schon. Er fließt um das ganze Land Ha­wila her­um, wo es Gold gibt. 12 Das Gold die­ses Lan­des ist be­son­ders rein. Dort gibt es auch kost­ba­res Harz und den Edel­stein Kar­ne­ol. 13 Der zweite Strom heißt Gi­hon. Er fließt um das ganze Land Kusch her­um. 14 Der dritte Strom heißt Tig­ris. Er fließt öst­lich von As­sur. Der vierte Strom ist der Eu­frat. 10

Gott der Herr nahm den Men­schen und brachte ihn in den Gar­ten Eden. Er sollte ihn be­ar­bei­ten und be­wah­ren. 16 Und Gott der Herr ge­bot dem Men­schen: »Von je­dem Baum im Gar­ten darfst du es­sen. 17 Aber vom Baum der Er­kennt­nis von Gut und Bö­se darfst du nicht es­sen. So­bald du da­von isst, wirst du ster­ben.« 15

18

Gott der Herr sprach: »Es ist nicht gut, dass der Mensch al­lein ist.

20


Ich will ihm eine Hilfe ma­chen – ein Ge­gen­über, das ihm ent­spricht.« 19 Gott der Herr formte aus dem Erd­bo­den alle Tiere auf dem Feld und alle Vö­gel am Him­mel. Dann brachte er sie zu dem Men­schen, um zu se­hen, wie er sie nen­nen würde. Je­des Le­be­we­sen sollte so hei­ßen, wie der Mensch es nannte. 20 Also gab der Mensch ih­nen Na­men: al­lem Vieh, den Vö­geln am Him­mel und al­len Tie­ren auf dem Feld. Aber es war keine Hilfe für den Men­schen da­bei – kein Ge­gen­über, das ihm ent­sprach. Da ver­setzte Gott der Herr den Men­schen in einen tie­fen Schlaf. Er nahm eine von sei­nen Rip­pen⁠ und ver­schloss die Stel­le mit Fleisch. 22 Aus der Rippe, die er vom Men­schen ge­nom­men hatte, bil­dete Gott der Herr eine Frau. Die brachte er zum Men­schen. 23 Da sagte der Mensch: »Sie ist es! Sie ist von mei­nem Fleisch und Blut. ›Frau‹⁠ soll sie hei­ßen und ich ›Mann‹. Von mir ist sie ge­nom­men, wir ge­hö­ren zu­sam­men.« 24 Dar­um ver­lässt ein Mann sei­nen Va­ter und seine Mut­ter und ver­bin­det sich mit sei­ner Frau. Sie sind dann eins mit Leib und Seele. 25 Der Mann und seine Frau wa­ren beide nackt, doch sie schäm­ten sich nicht vor­ein­an­der. 21

1. Mose/Genesis 2​.​3 seine Rippe: Wörtlich ​ »seine Seite«. Mit die-​ sen Worten wird die ​ einzigartige Zusam-​ mengehörigkeit und ​ ursprüngliche Verbun-​ denheit von Mann und ​ Frau zum Ausdruck ​ gebracht. Frau, Mann: Im Hebräi-​ schen klingen die ​ Worte für Frau (ischa) ​ und Mann (isch) sehr ​ ähnlich. Garten Eden: Name für ​ das Paradies. Eden be-​ zeichnet die fruchtbare ​ und wasserreiche Land-​ schaft, in der die ersten ​ Menschen lebten.

Die Verbannung aus dem Paradies

3

Die Schlange war schlau­er als alle an­de­ren Tiere des Fel­des, die Gott der Herr ge­macht hatte. Sie sagte zu der Frau: »Hat Gott wirk­lich ge­sagt, dass ihr von kei­nem der Bäume im Gar­ten⁠ es­sen dürft?« 2 Die Frau er­wi­derte der Schlange: »Von den Früch­ten der Bäume im Gar­ten dür­fen wir es­sen. 3 Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gar­tens steht, hat Gott uns ver­bo­ten. Er hat ge­sagt: ›Esst nicht da­von, be­rührt sie nicht ein­mal, sonst müsst ihr ster­ben!‹ « 1

21


1. Mose/Genesis 3 Fluch: Ein Unheil bringen-​ des Wort, durch das ​ die Lebenskraft oder ​ das Wohlergehen des ​ Verfluchten gemindert ​ werden soll.

Die Schlange ent­geg­nete der Frau: »Ihr wer­det ganz be­stimmt nicht ster­ben. 5 Denn Gott weiß: So­bald ihr da­von esst, ge­hen euch die Au­gen auf. Ihr wer­det wie Gott sein und wis­sen, was Gut und Bö­se ist.« 6 Da sah die Frau, dass die­ser Baum zum Es­sen ein­lud. Er war eine Au­gen­wei­de und ver­lo­ckend, weil er Klug­heit ver­sprach. Sie nahm eine Frucht und biss hin­ein. Dann gab sie ih­rem Mann da­von, und auch er aß. 7 Da gin­gen den bei­den die Au­gen auf, und sie er­kann­ten, dass sie nackt wa­ren. Sie ban­den Fei­gen­blät­ter zu­sam­men und mach­ten sich Len­den­schur­ze. 4

Als am Abend ein küh­ler Wind blies, ging Gott der Herr im Gar­ten um­her. Der Mann und seine Frau hör­ten ihn kom­men. Da ver­steck­ten sie sich vor Gott dem Herrn zwi­schen den Bäu­men im Gar­ten. 9 Gott der Herr rief den Men­schen und fragte: »Wo bist du?« 10 Der Mensch ant­wor­tete: »Ich habe dich im Gar­ten ge­hört und Angst be­kom­men. Ich habe mich ver­steckt, weil ich nackt bin.« 11 Gott fragte: »Wer hat dir ge­sagt, dass du nackt bist? Hast du von dem ver­bo­te­nen Baum ge­ges­sen?« 12 Der Mensch ent­geg­nete: »Die Frau, die du mir zur Seite ge­stellt hast, hat mir da­von ge­ge­ben, und ich habe ge­ges­sen.« 13 Da fragte Gott der Herr die Frau: »Was hast du ge­tan?« Die Frau er­wi­derte: »Die Schlange hat mich dazu ver­führt, und ich habe ge­ges­sen.« 8

Da sagte Gott der Herr zur Schlange: »Weil du das ge­tan hast, sollst du ver­flucht⁠ sein – un­ter al­lem Vieh und al­len Tie­ren auf dem Feld! Auf dem Bauch wirst du krie­chen und Staub fres­sen dein Le­ben lang. 15 Ich stif­te Feind­schaft zwi­schen dir und der Frau, zwi­schen ih­rem und dei­nem Nach­wuchs. Er wird dir den Kopf zer­tre­ten, und du wirst ihn in die Ferse bei­ßen.« 14

22


Neues Testament


Die Evangelien: Einführung

Einführung

Die Evangelien Am An­fang des Neu­en Tes­ta­ments ste­hen die vier Evan­ge­lien. Das Wort »Evan­ge­lium« kommt aus dem Grie­chi­schen und be­deu­tet »Gu­te Nach­richt«. Ge­meint ist die Gu­te Nach­richt, dass Je­sus Chris­ tus, der Sohn Got­tes, in die Welt ge­kom­men ist. Durch sei­nen Tod und seine Auf­er­ste­hung hat er den Men­schen Ret­tung vom Tod und von den Sün­den ge­bracht (1. Ko­rin­ther 15,1‑5). Die vier Evan­ge­lien er­ zäh­len von der Ge­burt von Je­sus, sei­nem Wir­ken, sei­nem Tod und sei­ner Auf­er­ste­hung. Doch auch in den an­de­ren Bü­chern des Neu­ en Tes­ta­ments geht es um diese Gu­te Nach­richt. Sie ist das Zen­trum al­ler Ver­kün­di­gung von Je­sus Chris­tus. Für Pau­lus ist sie »eine Kraft Got­tes, die je­den ret­tet, der glaubt« (Rö­mer 1,16). Die Ver­fas­ser der vier Evan­ge­lien wer­den im Bi­bel­text nicht na­ment­ lich ge­nannt. Sie tre­ten ganz hin­ter der Bot­schaft zu­rück, die sie ver­ kün­den. Die Über­schrif­ten der Evan­ge­lien stam­men aus der Zeit zwi­ schen 100 und 200 n. Chr. Man ging da­mals da­von aus, dass Jün­ger von Je­sus oder de­ren Mit­ar­bei­ter die Evan­ge­lien ge­schrie­ben ha­ben: Mat­thä­us und Jo­han­nes wa­ren Jün­ger von Je­sus (Mat­thä­us 10,2‑3), Mar­kus ein Mit­ar­bei­ter von Pe­trus (1. Pe­trus 5,13) und Lu­kas ein Mit­ar­ bei­ter von Pau­lus (Ko­los­ser 4,14). Wir kön­nen heute nicht mit Si­cher­heit sa­gen, ob diese An­nah­men stim­men. Trotz­dem ver­wen­det man diese Na­men, wenn man von den Ver­fas­sern der Evan­ge­lien spricht. Wahr­schein­lich war es Mar­kus, der als Ers­ter sei­nen Be­richt über das Le­ben von Je­sus als »Evan­ge­lium«, also als »Gu­te Nach­richt«, be­zeich­net hat (Mar­kus 1,1). Der Be­griff wurde spä­ter auch für die Be­richte von Mat­thä­us, Lu­kas und Jo­han­nes über­nom­men. So wurde »Evan­ge­lium« zu einer Be­zeich­nung für eine be­son­dere Li­ter­a­tur­gat­ tung: die Evan­ge­lien. Alle Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments wur­den ur­sprüng­lich auf Grie­ chisch ab­ge­fasst. Die­se Spra­che war in der an­ti­ken Welt so weit ver­ brei­tet wie Eng­lisch in un­se­rer Zeit. So konnte sich die Gu­te Nach­ richt im ge­sam­ten Mit­tel­meer­raum aus­brei­ten. Die Evan­ge­lien äh­neln sich in ih­rem Auf­bau. Alle be­rich­ten aus­ führ­lich über das öf­fent­liche Wir­ken von Je­sus: über seine Pre­digt, seine Ta­ten, aber auch den Kon­flikt mit den Pha­ri­sä­ern und Schrift­ ge­lehr­ten. Die­ser Kon­flikt gip­fel­te darin, dass Je­sus ver­ur­teilt und 2149


Die Evangelien: Einführung

ge­kreu­zigt wurde. In den letz­ten Ka­pi­teln wird je­weils be­rich­tet, dass Je­sus von den To­ten auf­er­stan­den ist und sich sei­nen Jün­gern ge­zeigt hat. Mat­thä­us und Lu­kas un­ter­schei­den sich von den an­de­ ren bei­den Evan­ge­lien da­durch, dass sie ih­ren Be­richt schon mit der Ge­burt und Kind­heit von Je­sus be­gin­nen las­sen. Mat­thä­us, Mar­kus und Lu­kas stim­men an vie­len Stel­len so­gar in der Rei­hen­folge der Dar­stel­lung ge­nau über­ein. An eini­gen Stel­len sind sie bis in den Wort­laut hin­ein gleich. Des­halb wird zu­meist an­ge­ nom­men, dass Mat­thä­us und Lu­kas das Mar­kus­evan­ge­lium ge­kannt und als Grund­lage ver­wen­det ha­ben. Doch Mat­thä­us und Lu­kas ha­ ben auch einige Tei­le ge­mein­sam, die im Mar­kus­evan­ge­lium nicht vor­kom­men. Des­we­gen geht man außer­dem da­von aus, dass Mat­ thä­us und Lu­kas ne­ben dem Mar­kus­evan­ge­lium eine zweite ge­mein­ same Quelle hat­ten. Die­se wird meist als »Spru­chqu­el­le« be­zeich­net, denn sie ent­hielt wohl vor al­lem Re­den und Aus­sprü­che von Je­sus. Die Berg­pre­digt in Mat­thä­us 4,23–7,29 ent­hält bei­spiels­wei­se sehr ähn­liche Tex­te wie die Rede auf dem Feld in Lu­kas 6,17‑49. Sie könnte in Tei­len aus die­ser Spru­chqu­el­le stam­men. Mat­thä­us und Lu­kas kann­ten je­weils noch wei­tere Wor­te und Ta­ten von Je­sus, die sie in ihr Evan­ge­lium auf­ge­nom­men ha­ben. Das Evan­ge­lium nach Jo­han­nes un­ter­schei­det sich deut­lich von den drei an­de­ren Evan­ge­lien. Das be­trifft so­wohl den Auf­bau und Wort­ laut des Evan­ge­liums als auch sei­nen theo­lo­gi­schen Cha­rak­ter. Ver­ mut­lich ist das Jo­han­nes­evan­ge­lium spä­ter ent­stan­den als die an­de­ ren drei Evan­ge­lien. Ob­wohl alle vier Evan­ge­lien von Je­sus han­deln, stellt je­des die Er­ eig­nisse aus einem et­was an­de­ren Blick­win­kel dar. Doch al­len ist ge­ mein­sam, dass sie ihre Le­se­r­in­nen und Le­ser zum Glau­ben an Je­sus Chris­tus füh­ren wol­len. Es geht also im­mer um die eine Gu­te Nach­ richt, die in un­ter­schied­licher Wei­se er­zählt wird.

2150


Die Gute Nachricht nach Matthäus

Die Gute Nachricht nach Matthäus Das Evan­ge­lium nach Mat­thä­us ist das erste der vier Evan­ge­lien. Es war in der Kir­che von Be­ginn an sehr be­liebt und schon bald nach 100 n. Chr. weit ver­brei­tet. Das Wort »Evan­ge­lium« kommt aus dem Grie­chi­schen und be­deu­tet »Gu­te Nach­richt«. Es meint die Gu­te Nach­richt, dass Je­sus Chris­tus, der Sohn Got­tes, in die Welt ge­kom­ men ist, um die Men­schen vom Tod zu ret­ten und von al­ler Schuld zu be­freien (1,21). Über den Ver­fas­ser des Evan­ge­liums wis­sen wir nicht viel. In der Schrift selbst wird keine An­gabe über ihn ge­macht. Dass wir ihn heute »Mat­thä­us« nen­nen, geht auf die Zeit ab 100 n. Chr. zu­rück: Da­mals nahm man an, dass das Evan­ge­lium von dem Zoll­ein­neh­ mer Mat­thä­us stammt, der zu den zwölf Jün­gern ge­hörte (10,3). Ver­gleicht man die Be­richte über die Be­ru­fung des Zol­lein­neh­mers in Mar­kus 2,14 und Mat­thä­us 9,9, fällt auf, dass der Ver­fas­ser des Matthäus­evan­ge­liums den Na­men »Levi« in »Mat­thä­us« ge­än­dert hat. Des­halb ver­mu­te­te man, dass sich der Ver­fas­ser auf diese Wei­se zu er­ken­nen ge­ben wollte. So be­kam das Evan­ge­lium sei­nen Na­men: Die Gu­te Nach­richt nach Mat­thä­us. Der Ver­fas­ser des Evan­ge­liums be­herrschte die grie­chi­sche Spra­che und war mit den Schrif­ten des Al­ten Tes­ta­ments sehr ver­traut. Man nimmt da­her an, dass er selbst jü­di­scher Her­kunft war und das Evan­ ge­lium für eine Ge­mein­de ge­schrie­ben hat, die eben­falls eine enge Ver­bin­dung zum Ju­den­tum hatte. Wahr­schein­lich ist das Mat­thä­us­ evan­ge­lium zwi­schen 80 und 90 n. Chr. in Sy­rien ent­stan­den. Mat­thä­us war nicht der Erste, der über das Le­ben und Wir­ken von Je­sus be­rich­tet hat. Er konnte be­reits auf das Mar­kus­evan­ge­lium zu­ rück­grei­fen und hat die­ses fast voll­stän­dig in seine Dar­stel­lung über­ nom­men. Da­ne­ben stan­den ihm ver­mut­lich eine wei­tere schrift­liche Quelle – die so­ge­nann­te Spruch­qu­el­le – und ver­schie­dene mündliche Über­lie­fe­run­gen zur Ver­fü­gung. Das Mat­thä­us­evan­ge­lium be­ginnt mit der Vor­ge­schich­te des Wirkens von Je­sus (1,1–4,22): mit sei­nem Stamm­baum, der Ge­schich­te sei­ner Ge­burt und dem Auf­tre­ten von Jo­han­nes dem Täu­fer. Es folgt eine Be­schrei­bung über das öf­fent­liche Wir­ken von Je­sus (4,23–16,12), den Weg nach Je­ru­sa­lem (16,13–20,34) und sein Wir­ken in Je­ru­sa­lem (21–25). Über das Lei­den, Ster­ben und die Auf­er­ste­hung von Je­sus wird im letz­ten Teil (26–28) be­rich­tet. 2151


Die Gute Nachricht nach Matthäus

Eine Be­son­der­heit im Auf­bau des Mat­thäus­evan­ge­liums sind die fünf gro­ßen Re­den, in de­nen Wor­te von Je­sus zu­sam­men­ge­stellt sind: die Berg­pre­digt (4,23–7,29), der Auf­trag an die Apos­tel (9,35–11,1), die Gleich­nisse (13,1‑53), An­wei­sun­gen für die Ge­mein­schaft der Jün­ger (18) und die Rede über die Pha­ri­säer und das Welt­ge­richt (23–25). So tritt Je­sus als Leh­rer in Er­schei­nung, den Gott mit be­son­de­rer Voll­ macht aus­ge­stat­tet hat. Er ver­kün­det den Men­schen, was Got­tes Wille ist. Nach der Dar­stel­lung des Mat­thäus­evan­ge­liums er­füllt sich in der Ge­burt von Je­sus und in sei­nem Wir­ken das, was im Al­ten Tes­ta­ ment be­reits an­ge­kün­digt wurde. Vor al­lem in den ers­ten Ka­pi­teln wird mehr­fach aus dem Al­ten Tes­ta­ment zi­tiert. Die­se Zi­ta­te las­sen sich gut er­ken­nen an For­mu­lie­run­gen wie: »So ging in Er­fül­lung, was durch den Pro­phe­ten ge­sagt wor­den ist« (1,22; 2,17; 8,17 und öf­ter). Je­sus wird zu­dem schon am Be­ginn des Evan­ge­liums als Sohn Davids be­zeich­net (1,1). Das macht deut­lich: Je­sus ist der Ret­ter, auf den das Volk Is­ra­el ge­war­tet hat und der im Al­ten Tes­ta­ment an­ge­kün­ digt wurde (2. Sa­mu­el 7,12‑16). Gleich­zei­tig ist Je­sus ein Nach­komme von Abra­ham. Abra­ham ist nicht nur der Stamm­va­ter Is­ra­els, son­ dern gilt auch als der, durch den alle Völ­ker der Er­de Se­gen emp­fan­ gen (1. Mose/Ge­ne­sis 12,3). Die Gu­te Nach­richt ist also an alle Völ­ker ge­rich­tet. Das wird auch am En­de des Evan­ge­liums im Auf­trag von Jesus an seine Jün­ger deut­lich: Sie sol­len al­len Men­schen von Je­sus er­zäh­len und sie ein­la­den, seine Jün­ge­rin­nen und Jün­ger zu wer­den (28,19‑20). Je­sus ist nicht nur der Ret­ter Is­ra­els, son­dern auch der Retter der gan­zen Welt. Nach der Dar­stel­lung von Mat­thä­us steht die Er­fül­lung des Ge­set­ zes im Zen­trum des­sen, was Je­sus den Men­schen ge­pre­digt hat: Wer tut, was die Ge­bo­te des Al­ten Tes­ta­ments for­dern, der han­ delt nach dem Wil­len Got­tes (5,17‑20). Eine be­son­dere Rolle neh­ men da­bei die Ge­bo­te ein, Gott und die Mit­men­schen zu lie­ben wie sich selbst (22,34‑40). Sie ste­hen schon im Al­ten Tes­ta­ment (5. Mose/Deu­te­ro­no­mi­um 6,5; 3. Mose/Le­vi­ti­kus 19,18) und fas­sen alles zu­sam­men, was Gott von den Men­schen ver­langt. Beim Be­fol­ gen der Ge­bo­te geht es also vor al­lem um Barm­her­zig­keit ge­gen­über den Mit­men­schen (9,13; 12,7). Im Le­ben der Ge­mein­de zeigt sich die Barm­her­zig­keit un­ter an­de­rem in der Be­reit­schaft, ein­an­der zu ver­ ge­ben (18,21‑35).

2152


Die Vorgeschichte und der Beginn des Wirkens von Jesus 1,1‒4,22 Die Geburt und Kindheit von Jesus 1,1‒2,23 Der Stammbaum von Jesus → Lukas 3,23‑38

1

Das Buch vom Ur­sprung und der Ge­schich­te von Je­sus Chris­tus, der ein Sohn Da­vids⁠ und ein Nach­komme Ab­ra­hams⁠ war. 1

Abra­ham war der Va­ter von Isaak, Isaak von Ja­kob, Ja­kob von Juda und sei­nen Brü­dern. 3 Juda war der Va­ter von Pe­rez und Se­rach – ihre Mut­ter war Ta­mar –, Pe­rez von Hez­ron, Hez­ron von Ram. 4 Ram war der Va­ter von Ammi­na­dab, Ammi­na­dab von Nach­schon, Nach­schon von Sal­mon. 5 Sal­mon war der Va­ter von Boas – seine Mut­ter war Ra­hab –, Boas war der Va­ter von Obed – seine Mut­ter war Rut –, Obed der Va­ter von Isai. 2

Matthäus 1 Sohn Davids: David ist ​ ein bedeutender König ​ von Israel. Nachdem ​ das Königreich unterge-​ gangen war, hoffte man ​ auf einen Nachkommen ​ Davids als Retter und ​ Erlöser Israels; vgl. 2. Sa-​ muel 7,12‑16. Nachkomme Abrahams: ​ Ausdruck für die Zuge-​ hörigkeit zum Volk ​ Israel, als dessen Stamm-​ vater Abraham gilt. Verbannung: Meint die ​ Zeit zwischen 586 und ​ 538 v. Chr., in der ein ​ Teil des Volkes Israel ​ gezwungen war, in ​ Babylonien zu leben.

Isai war der Va­ter von Da­vid, dem Kö­nig, Da­vid von Sa­lomo – seine Mut­ter war die Frau von Urija. 7 Sa­lomo war der Va­ter von Re­ha­beam, Re­ha­beam von Abija, Abija von Asa, 8 Asa von Jo­scha­fat, Jo­scha­fat von Jo­ram, Jo­ram von Usija, 9 Usija von Jo­tam, Jo­tam von Ahas, Ahas von His­kija, 10 His­kija von Ma­nasse, Ma­nasse von Amos, Amos von Jo­schija. 11 Jo­schija war der Va­ter von Jo­ja­chin und sei­nen Brü­dern. Dann kam die Ver­ban­nung nach Ba­by­lo­ni­en⁠. 6

Als die Ver­ban­nung nach Ba­by­lo­ni­en vor­über war, wurde Jo­ja­chin Va­ter von Sche­al­ti­el, Sche­al­ti­el von Se­rub­ba­bel, 13 Se­rub­ba­bel von Abi­hud, Abi­hud von El­ja­kim, El­ja­kim von Azor, 12

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Matthäus 1 Verlobung: Macht die ​ Verbindung zwischen ​ Mann und Frau rechts-​ gültig, ohne dass diese ​ bereits zusammen-​ leben. aus dem Heiligen Geist: ​ Die ungewöhnliche ​ Formulierung weist ​ auf die besonderen Um-​ stände des Schwanger-​ Werdens hin. Der Hei-​ lige Geist ist die Kraft, ​ durch die Gott in der ​ Welt wirkt.

Azor von Za­dok, Za­dok von Achim, Achim von Eliud, 15 Eliud von Ele­asar, Ele­asar von Mat­tan, Mat­tan von Ja­kob, 16 Ja­kob von Jo­sef. Jo­sef war der Mann von Ma­ria. Ma­ria war die Mut­ter von Je­sus, der Chris­tus ge­nannt wird. 14

17

Alle Ge­ne­ra­ti­o­nen zu­sam­men sind: von Abra­ham bis Da­vid vier­zehn Ge­ne­ra­ti­o­nen, von Da­vid bis zur Ver­ban­nung nach Ba­by­lonien vier­zehn Ge­ne­ra­ti­o­nen, von der Ver­ban­nung nach Ba­by­lo­ni­en bis zu Chris­tus vier­zehn Ge­ne­ra­ti­o­nen.

18

Zur Ge­burt von Je­sus Chris­tus kam es so: Seine Mut­ter Ma­ria war mit Jo­sef ver­lobt⁠. Sie hat­ten noch nicht mit­ein­an­der ge­schla­fen. Da stellte sich her­aus, dass Ma­ria schwan­ger war – aus dem Hei­li­gen Geist⁠.

Jesus: Der Name bedeu-​ tet übersetzt »der Herr ​ rettet«. sein Volk: Gemeint ist ​ das Volk Israel.

Jesus wird geboren

durch den Propheten ​ gesagt: Zitat aus der ​ griechischen Überset-​ zung von Jesaja 7,14.

Ihr Mann Jo­sef lebte nach Got­tes Wil­len, aber er wollte Ma­ria nicht bloß­stel­len. Des­halb wollte er sich von ihr tren­nen, ohne Auf­se­hen zu er­re­gen. 20 Da­zu war er ent­schlos­sen. Doch im Traum er­schien ihm ein En­gel des Herrn und sagte: »Jo­sef, du Nach­komme Da­vids, fürchte dich nicht, Ma­ria als deine Frau zu dir zu neh­men. Denn das Kind, das sie er­war­tet, ist aus dem Hei­li­gen Geist. 21 Sie wird einen Sohn zur Welt brin­gen. Dem sollst du den Na­men Je­sus⁠ ge­ben. Denn er wird sein Volk⁠ ret­ten: Er be­freit es von al­ler Schuld.« 19

Das al­les ge­schah, da­mit in Er­fül­lung ging, was der Herr durch den Pro­phe­ten ge­sagt⁠ hat: 23 »Ihr wer­det se­hen: Die Jung­frau wird schwan­ger wer­den und einen Sohn zur Welt brin­gen. Dem wer­den sie den Na­men Im­ma­nu­el ge­ben«, das heißt: Gott ist mit uns. 22

2154


Matthäus 1​.​2

Jo­sef wachte auf und tat, was ihm der En­gel des Herrn be­foh­len hatte: Er nahm seine Frau zu sich. 25 Aber er schlief nicht mit Ma­ria, bis sie ih­ren Sohn zur Welt brachte. Und er gab ihm den Na­men Je­sus.

Herodes der Große: König ​ über Judäa, Samarien, ​ Galiläa und die an-​ grenzenden Gebiete ​ (37‒4 v. Chr.).

24

Die Sterndeuter aus dem Osten

2

Je­sus wurde in Bet­le­hem in Ju­däa ge­bo­ren. Zu die­ser Zeit war He­ro­des⁠ Kö­nig. Da ka­men Stern­deu­ter aus dem Os­ten nach Je­ru­sa­lem. 2 Sie frag­ten: »Wo ist der neu­ge­bo­rene Kö­nig der Ju­den⁠? Denn wir ha­ben sei­nen Stern im Os­ten ge­se­hen und sind ge­kom­men, um ihn an­zu­be­ten.« 3 Als Kö­nig He­ro­des das hörte, er­schrak er und mit ihm alle in Je­ru­sa­lem. 4 Er rief zu sich alle füh­ren­den Pries­ter und Schrift­ge­lehr­ten⁠ des Vol­kes. Er fragte sie: »Wo soll der Chris­tus⁠ ge­bo­ren wer­den?« 5 Sie ant­wor­te­ten ihm: »In Bet­le­hem in Ju­däa! Denn im Buch des Pro­phe­ten steht⁠: 6 ›Du, Bet­le­hem im Land Juda, du bist kei­nes­wegs die un­be­deu­tends­te un­ter den Städ­ten in Juda. Denn aus dir wird der Herr­scher kom­men, der mein Volk Is­ra­el wie ein Hirte füh­ren soll.‹ « 7 Spä­ter rief He­ro­des die Stern­deu­ter heim­lich zu sich. Er er­kun­dig­te sich bei ih­nen ge­nau nach der Zeit, wann der Stern er­schie­nen war. 8 Dann schickte er sie nach Bet­le­hem und sagte: »Geht und sucht über­all nach dem Kind! Wenn ihr es fin­det, gebt mir Be­scheid! Dann will auch ich kom­men und es an­be­ten.« 1

König der Juden: Nach-​ dem das Königreich ​ Israel untergegangen ​ war, hoffte man darauf, ​ dass Gott einen Nach-​ kommen von König ​ David als Retter und ​ Erlöser Israels senden ​ würde. Schriftgelehrte: Menschen, ​ deren Aufgabe das Stu-​ dium und die Auslegung ​ der Heiligen Schrift ist. Christus: Bedeutet über-​ setzt »der Gesalbte«. Im ​ Alten Testament wer-​ den Könige, aber auch ​ Propheten und Priester ​ bei Amtsantritt gesalbt. ​ Später wird der von ​ Gott zum Herrscher der ​ Welt bestimmte Retter ​ so genannt. Im Neuen ​ Testament ist das Jesus. im Buch des Propheten ​ steht: Das Zitat nimmt ​ Worte aus Micha 5,1; 5,3 ​ und 2. Samuel 5,2 auf. Myrrhe: Kostbares duf-​ tendes Harz eines ​ immergrünen Baums.

Nach­dem die Stern­deu­ter den Kö­nig ge­hört hat­ten, mach­ten sie sich auf den Weg. Der­sel­be Stern, den sie im Os­ten ge­se­hen hat­ten, ging vor ih­nen her. Dann blieb er ste­hen, ge­nau über der Stel­le, wo das Kind war. 10 Als sie den Stern sa­hen, wa­ren sie außer sich vor Freude. 11 Sie gin­gen in das Haus und sa­hen das Kind mit Ma­ria, sei­ner Mut­ter. Sie war­fen sich vor ihm nie­der und be­te­ten es an. Dann hol­ten sie ihre Schät­ze her­vor und ga­ben ihm Ge­schenke: Gold, Weih­rauch und Myr­rhe⁠. 9

2155


Matthäus 2 Herodes der Große: König ​ über Judäa, Samarien, ​ Galiläa und die an-​ grenzenden Gebiete ​ (37‒4 v. Chr.). durch den Propheten ​ gesagt: Zitat aus Ho-​ sea 11,1. Der Vers bezieht ​ sich ursprünglich auf ​ den Auszug des Volkes ​ Israel aus Ägypten. durch den Propheten ​ Jeremia gesagt: Zitat ​ aus Jeremia 31,15‑16. Rahel: Frau von Jakob, ​ dem Stammvater des ​ Volkes Israel. Sie steht ​ hier für die Frauen der ​ Stadt.

12

Gott be­fahl ih­nen im Traum: »Geht nicht wie­der zu He­ro­des!« Des­halb kehr­ten sie auf einem an­de­ren Weg in ihr Land zu­rück.

Die Flucht nach Ägypten

Die Stern­deu­ter wa­ren ge­gan­gen. Da er­schien Jo­sef ein En­gel des Herrn im Traum. Er sagte: »Steh auf! Nimm das Kind und seine Mut­ter und flieh nach Ägyp­ten! Blei­be dort, bis ich es dir sage! Denn He­ro­des⁠ wird das Kind su­chen, um es zu tö­ten.« 14 Dar­auf­hin stand Jo­sef mit­ten in der Nacht auf. Er nahm das Kind und seine Mut­ter und zog mit ih­nen nach Ägyp­ten. 15 Dort blieb er bis zum Tod von He­ro­des. Da­durch ging in Er­fül­lung, was Gott durch den Pro­phe­ten ge­sagt⁠ hat: »Aus Ägyp­ten habe ich mei­nen Sohn ge­ru­fen.« 13

Herodes tötet die Kinder in Betlehem

He­ro­des merkte bald, dass ihn die Stern­deu­ter ge­täuscht hat­ten. Da wurde er sehr zor­nig. Er ließ in Bet­le­hem und der Um­ge­bung alle Kin­der tö­ten, die zwei Jahre und jün­ger wa­ren. Das ent­sprach dem Zeit­raum, den er von den Stern­deu­tern er­fragt hatte. 17 Da­mals er­füllte sich, was Gott durch den Pro­phe­ten Je­re­mia ge­sagt⁠ hat: 18 »Ge­schrei ist in Rama zu hö­ren, Wei­nen und lau­tes Kla­gen. Ra­hel⁠ weint um ihre Kin­der. Sie will sich nicht trös­ten las­sen, denn die Kin­der sind nicht mehr da.« 16

Die Rückkehr nach Nazaret

He­ro­des war ge­stor­ben. Da er­schien Jo­sef in Ägyp­ten im Traum ein En­gel des Herrn. 20 Der sagte: »Steh auf! Nimm das Kind und seine Mut­ter und geh in das Land Is­ra­el! Denn alle, die das Kind um­brin­gen woll­ten, sind tot.« 21 Jo­sef stand auf, nahm das Kind und seine Mut­ter und kehrte in das Land Is­ra­el zu­rück. 22 Er hörte, dass nun Ar­che­laus Kö­nig über Ju­däa war – an­stelle sei­nes Va­ters He­ro­des. 19

2156


Des­halb fürch­tete sich Jo­sef, dort­hin zu ge­hen. Im Traum be­kam er neue An­wei­sung von Gott. Dar­auf­hin zog er in das Ge­biet von Ga­li­läa. 23 Dort ließ er sich in der Stadt Na­za­ret nie­der. So ging in Er­fül­lung, was Gott durch die Pro­phe­ten ge­sagt⁠ hat: »Er wird Na­zo­räer ge­nannt.«

Johannes der Täufer, Jesus und seine Jünger 3,1‒4,22 Johannes der Täufer → Markus 1,2‑6; Lukas 3,1‑6; Johannes 1,19‑23

3

Zu die­ser Zeit trat Jo­han­nes der Täu­fer⁠ auf und ver­kün­dete in der Wüs­te von Ju­däa: 2 »Än­dert euer Le­ben! Denn das Him­mel­reich⁠ kommt jetzt den Men­schen nahe!« 3 Die­ser Jo­han­nes ist es, von dem es bei dem Pro­phe­ten Je­sa­ja heißt⁠: »Eine Stim­me ruft in der Wüs­te: ›Macht den Weg be­reit für den Herrn, eb­net ihm die Straße!‹ «

durch die Propheten ​ gesagt: Ein Propheten-​ wort mit diesem Wort-​ laut ist nicht bekannt. ​ Möglicherweise bezieht ​ sich das Zitat auf Je-​ saja 11,1, wo von einem ​ »Spross« (hebräisch: ​ nezer) die Rede ist, der ​ als Friedensherrscher in ​ die Welt kommt. Johannes der Täufer: ​ Bereitet die Menschen ​ auf das Kommen von ​ Jesus vor.

1

Jo­han­nes trug einen Man­tel aus Ka­mel­haar und um seine Hüfte einen Le­der­gür­tel. Seine Nah­rung be­stand aus Heu­schre­cken und Ho­nig von Wild­bie­nen. 5 Die Men­schen ström­ten zu ihm aus Je­ru­sa­lem, aus ganz Ju­däa und aus der gan­zen Ge­gend am Jor­dan. 6 Sie lie­ßen sich von ihm im Fluss Jor­dan tau­fen und be­kann­ten ihre Sün­den. 4

Johannes fordert dazu auf, das Leben zu ändern → Lukas 3,7‑9

Jo­han­nes sah, dass viele Pha­ri­säer⁠ und Sad­du­zäer⁠ ka­men. Sie woll­ten sich von ihm tau­fen las­sen. Er sagte zu ih­nen: »Ihr Schlan­gen­brut! Wer hat euch auf den Ge­dan­ken ge­bracht, dass ihr dem be­vor­ste­hen­den Ge­richt Got­tes ent­geht? 8 Zeigt durch euer Ver­hal­ten, dass ihr euer Le­ben wirk­lich än­dern wollt! 9 Und denkt ja nicht, ihr könnt sa­gen: ›Abra­ham⁠ ist un­ser Va­ter!‹ Denn ich sage euch: Gott kann diese Steine hier zu Kin­dern Ab­ra­hams ma­chen. 7

Matthäus 2​.​3

Himmelreich: Wörtlich ​ »Königsherrschaft der ​ Himmel«. Bezeichnet ​ den Herrschaftsbereich, ​ in dem sich Gottes ​ Wille durchsetzt. es heißt beim Propheten ​ Jesaja: Zitat aus der ​ griechischen Überset-​ zung von Jesaja 40,3. Pharisäer: Angehöriger ​ einer jüdischen Glau-​ bensgruppe, die die ​ biblischen Vorschriften ​ und Gesetze sehr streng ​ auslegte. Sadduzäer: Angehörige ​ einer jüdischen Glau-​ bensgruppe, in der ​ Priester eine bedeu-​ tende Rolle spielten. ​ Neben den vornehmen ​ Priesterfamilien gehör-​ ten ihr auch andere ​ Vertreter der führenden ​ Gesellschaftsschicht an. Abraham: Stammvater ​ des Volkes Israel, vgl. ​ 1. Mose/‍Genesis 12‒25.

2157


Matthäus 3​. ​4 taufen: Wörtlich »(in ​ Wasser) eintauchen«. ​ Religiöse Handlung, ​ die den Willen zum ​ Ausdruck bringt, sein ​ Leben ganz auf Gott ​ auszurichten. mit Feuer taufen: Bild ​ für eine umfassende ​ Reinigung: Jesus wird ​ die Menschen von ​ Grund auf verändern. Worfschaufel, worfeln: ​ Mit einer Worfschaufel ​ wurde das gedroschene ​ Getreide in die Luft ​ geworfen, um Getreide-​ körner von Stroh und ​ Spreu zu trennen. mein geliebter Sohn: ​ Im Titel »Sohn Gottes« ​ kommt das besondere ​ Vertrauensverhältnis ​ eines Menschen zu ​ Gott zum Ausdruck. ​ Im Neuen Testament ​ wird der Titel nur für ​ Jesus verwendet. Satan, Teufel: Gegen-​ spieler Gottes. Er ver-​ sucht, die Menschen ​ zu einem Verhalten zu ​ bewegen, das Gottes ​ Willen widerspricht.

10

Die Axt ist schon an die Baum­wur­zel ge­setzt: Je­der Baum, der keine gute Frucht bringt, wird um­ge­hauen und ins Feuer ge­wor­fen.«

Johannes weist auf Christus hin → Markus 1,7‑8; Lukas 3,15‑18; Johannes 1,24‑28

Jo­han­nes sagte: »Ich taufe⁠ euch mit Was­ser, denn ihr wollt euer Le­ben än­dern. Aber nach mir kommt einer, der ist mäch­ti­ger als ich. Ich bin es nicht ein­mal wert, ihm die San­da­len aus­zu­zie­hen: Er wird euch mit Hei­li­gem Geist und mit Feuer tau­fen⁠. 12 Er hat die Worf­schau­fel⁠ in sei­ner Hand. Da­mit wird er sein Ge­treide gründ­lich aus­sie­ben. Sei­nen Wei­zen wird er in die Scheune brin­gen. Aber das Stroh wird er in einem Feuer ver­bren­nen, das nicht aus­geht.« 11

Jesus lässt sich von Johannes taufen → Markus 1,9‑11; Lukas 3,21‑22; Johannes 1,32‑34

Da­mals kam Je­sus aus Ga­li­läa an den Jor­dan zu Jo­han­nes. Er wollte sich von ihm tau­fen las­sen. 14 Jo­han­nes ver­suchte, ihn da­von ab­zu­hal­ten. Er sagte: »Ich müsste doch eigent­lich von dir ge­tauft wer­den! Und du kommst zu mir?« 15 Je­sus ant­wor­tete: »Das müs­sen wir jetzt tun. So er­fül­len wir, was Got­tes Ge­rech­tig­keit for­dert.« Da gab Jo­han­nes nach. 13

Als Je­sus ge­tauft war, stieg er so­fort aus dem Was­ser. In die­sem Mom­ent öff­nete sich der Him­mel über ihm. Er sah den Geist Got­tes, der wie eine Taube auf ihn her­ab­kam. 17 Da er­klang eine Stim­me aus dem Him­mel: »Das ist mein ge­lieb­ter Sohn⁠, an ihm habe ich Freude.« 16

Jesus wird auf die Probe gestellt → Markus 1,12‑13; Lukas 4,1‑13

4

1 Da­nach wurde Je­sus vom Geist in die Wüs­te ge­führt. Dort sollte er vom Teu­fel⁠ auf die Probe ge­stellt wer­den. 2 Je­sus fas­tete 40 Ta­ge und 40 Nächte lang. Dann war er sehr hung­rig. 3 Da kam der Ver­su­cher und sagte zu ihm: 2158


Anhang


Zu dieser Ausgabe Das Übersetzungsprofil der BasisBibel Die Bibel ist das am häufigsten übersetzte Buch der Welt. Dabei gibt es nicht nur Übersetzungen in verschiedene Sprachen, sondern auch unterschiedliche Fassungen innerhalb einer Sprache. Seit Martin Luther (1483–1546) hat die Übersetzung der Bibel in Deutschland einen besonderen Stellenwert. Heute gibt es zahlreiche Bibelübersetzungen in die deutsche Sprache. Und noch immer kommen neue hinzu – so auch die BasisBibel. Jede Übersetzung steht vor der Herausforderung, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Ausgangstext und den heutigen Leserinnen und Lesern. Daraus ergeben sich zwei Arten von Bibelübersetzungen. Die erste Art, die wörtliche Übersetzung, bleibt möglichst nah am Ausgangstext. Gleiche Vokabeln werden möglichst gleich übersetzt. Der Aufbau der Sätze folgt, wenn möglich, der Struktur der Ausgangssprache. Das, was den Leserinnen und Lesern der Bibel vor 2000 Jahren bekannt war, wird auch heute als bekannt vorausgesetzt. Erklärende Zusätze im Text gibt es deshalb nicht. Die zweite Art, die kommunikative Übersetzung, legt dagegen besonderen Wert darauf, für Leserinnen und Leser heute verständlich zu sein. Sie orientiert sich stärker am Sinn des Ausgangstextes und versucht, diesen Sinn heute verständlich zu vermitteln. Hintergrundwissen zu bestimmten Sachverhalten kann hier als Teil der Übersetzung in den Text einbezogen werden. Das können Informationen zum Alltagsleben der damaligen Zeit sein, aber auch zu religiös oder theologisch komplexen Sachverhalten. Kommunikative Übersetzungen sind deshalb in der Regel etwas umfangreicher als wörtliche Übersetzungen. Für nicht so mit der Bibel vertraute Leserinnen und Leser sind sie oft leichter zu verstehen. Zwischen diesen beiden Arten von Übersetzungen schlägt die BasisBibel ­einen neuen Weg ein. Sie findet innovative Lösungen, um die Treue zum Ausgangstext mit einer möglichst guten Verständlichkeit zu verbinden. In ihrer Wortwahl bleibt sie dichter beim Ausgangstext als andere kommunikative Übersetzungen. Theologische Grundbegriffe bleiben damit besser erkennbar. Sie verzichtet auch auf breite Erläuterungen direkt im Text. Stattdessen hat sie viele Anmerkungen am Rand oder in den digitalen Ausgaben als Link. Unbekannte Sachverhalte oder schwierige Begriffe werden so erklärt. Besonders wichtig ist der BasisBibel der einfache und leicht verständ­liche Aufbau der Sätze. Ein Satz in der BasisBibel hat in der Regel nicht mehr als 16 Wörter und höchstens einen Nebensatz. Darüber hinaus sind die Sätze in Sinneinheiten gegliedert, die das Lesen zusätzlich erleichtern. In manchen Druckausgaben und in 2935


Zu dieser Ausgabe

den digitalen Fassungen werden diese Sinneinheiten jeweils in einer eigenen Zeile wiedergegeben. Die BasisBibel ist also eine neue Übersetzung aus den biblischen Ursprachen Hebräisch, Aramäisch und Griechisch, die gut zu lesen und leicht zu verstehen ist. Lies selbst!

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