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Ausgabe 04/2025 Hamburg

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AUSGABE HAMBURG 04/2025

Raymonds Weg zum Pflegefachhelfer GOOD NEWS Seite 2

Parlamentswahlen in Syrien LEBEN Seite 3

Vorsorgen für Krisenzeiten

Soziale Ungleichheit TEXT TIM GRIESMEIER

In Deutschland heißt es oft: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Das bedeutet so viel wie: Jede*r, der*die hart arbeitet, wird dafür fair belohnt. Doch stimmt das wirklich? Aktuelle Studien zeigen: Dieser Satz stimmt für viele Menschen nicht. In Deutschland haben Menschen nicht die gleichen Chancen im Leben. Das liegt daran, dass sie unterschiedlich viel Geld, Bildung oder Unterstützung haben. So entsteht soziale Ungleichheit.

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oziale Ungleichheit heißt also: Menschen haben nicht alle die gleichen Möglichkeiten im Leben, um ihre Ziele zu erreichen. Und das hat verschiedene Gründe. Welche Möglichkeiten Menschen haben, wird beeinflusst von Geld, Bildung, Macht oder sozialem Status. Das ist sehr unterschiedlich in Deutschland. Jede*r 6. Mensch lebt in Armut, jeder 15. Arbeitende lebt in Armut. Reiche Menschen werden noch reicher und arme Menschen noch ärmer. Die Forscherin Martyna Linartas sagt: Das ist eine der größten Probleme für unser Zusammenleben heute und in der Zukunft. Unterschiede vs. Ungleichheit Unterschiede gibt es überall – und sie sind nicht immer schlecht. Zum Beispiel kann es sinnvoll sein, dass Menschen mit unterschiedlicher Bildung verschiedene Berufe ausüben. Oder, dass jemand, der mehr arbeitet, auch mehr verdient. Solche Unterschiede gehören zur Demo-

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kratie und können Menschen motivieren, sich anzustrengen. Aber wenn diese Unterschiede dazu führen, dass manche Menschen mehr Vorteile haben und andere benachteiligt werden, entsteht Ungleichheit. Manche Kinder bekommen viel Unterstützung zu Hause, andere kaum. In manchen Familien wird viel über Schulthemen oder Wissenschaft gesprochen. Manche Kinder leben in Familien, in denen andere Themen wichtig sind. Solche Unterschiede beeinflussen dann besonders, wie es weitergeht mit: Schule, Beruf, Gesundheit und sogar Lebenserwartung. • Frauen mit wenig Geld leben im Schnitt 5 Jahre kürzer als reiche Frauen. • Männer mit wenig Geld leben 9 Jahre kürzer als reiche Männer. Bildung – ein Schlüssel zum Erfolg, der nicht für alle offen ist Oft hört man: Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Aber nicht alle bekommen den selben “Schlüssel”, also die Möglichkeit dazu. Zum Beispiel: Alexander lebt in einer Arbeiterfamilie und möchte Lehrer werden. In der Schule bekommt er aber nicht genug Unterstützung. Zuhause ist oft viel los und er hat kein eigenes Zimmer zum Lernen. Seine Eltern arbeiten beide in Vollzeit, kennen sich mit dem Schulsystem nicht gut aus und können keine Nachhilfe bezahlen.

Zimmer. Sie schafft die Schule und das Studium leichter – nicht, weil sie klüger ist, sondern weil sie bessere Voraussetzungen hat. Dies zeigt auch eine Untersuchung vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V.: Von 100 Kindern mit Eltern mit Hochschulabschluss starten 79 ein Studium, 64 schaffen einen Bachelor-, 43 einen Master-Abschluss. Von 100 Kindern mit Eltern ohne Hochschulabschluss starten 27 ein Studium, 20 schaffen einen Bachelor-, 11 einen Master-Abschluss.

Diese Beispiele zeigen: Unterschiede entstehen nicht nur, weil Wille oder Anstrengung fehlt, sondern durch ungleiche Startbedingungen. Das betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern unsere ganze Gesellschaft. Denn wenn Chancen ungleich verteilt sind, geht nicht nur Gerechtigkeit verloren – sondern auch Potenzial. Warum das Thema für alle wichtig ist

Naima dagegen kommt aus einer Akademikerfamilie. Ihre Eltern haben studiert und genug Geld für Nachhilfe, sowie genug Platz in der Wohnung für ein eigenes

 

ner „Klasse“ sind, weil sie nur die eigene kennen. Das Wort “Klasse” klingt alt. Aber Unterschiede zwischen Menschen gibt es weiterhin, sie sind nur oft unsichtbar. Bei sozialer Gerechtigkeit geht es nicht nur um Geld und Chancen, sondern auch um Menschenwürde. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, ein gutes Leben zu führen – egal, woher er*sie kommt oder wer er*sie ist. Wege zu mehr Gerechtigkeit

Ungleichheit im Alltag Soziale Ungleichheit zeigt sich nicht nur in Zahlen oder Statistiken, sondern im täglichen Leben. Zum Beispiel im Ausbildungsmarkt. 2 Menschen bewerben sich für denselben Ausbildungsplatz. Eine Studie zeigt: Bewerber*innen mit einem migrantisch klingenden Namen erhalten bei identischen Qualifikationen 50 % seltener eine Antwort, als solche mit deutschen Namen. Das heißt: Herkunft und Name wirken sich direkt auf Lebenschancen aus – noch bevor es um Leistung geht. So entstehen Unterschiede, egal ob man sich anstrengt oder nicht.

Es ist wichtig, offen über soziale Klassen und Ungleichheit zu reden. Viele Menschen merken gar nicht, dass sie Teil ei-

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WIR ZUSAMMEN Seite 8

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Reiche stärker besteuern: Besteuerung von großem Vermögen hilft, Ungleichheit zu verringern. Das findet die Forscherin Martyna Linartas auch wichtig. Faire Bildung: Kostenlose Kitas, gute Schulen überall, gute Unterstützung für Kinder aus allen Familien. Faire Löhne: Wer arbeitet, soll gut davon leben können.

Fazit Nicht nur Fleiß und Anstrengung entscheiden über die eigene Entwicklung. Sehr viele verschiedene Dinge beeinflussen die eigene Zukunft. Soziale Ungleichheit ist dabei ein wichtiges Thema. Sie betrifft das Herz unserer Gesellschaft. Bis vor 10 Jahren war Ungleichheit für Forschung und Debatten noch ein kleines Thema. Jetzt ist es ein sehr wichtiger Teil der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDG´s) der Vereinten Nationen. 2023 wurde von den mächtigsten Menschen der Wirtschaftswissenschaften an die Weltbank verkündet: Ungleichheit abbauen soll als übergeordnetes Ziel aller wirtschafts-, finanz-, und sozialpolitischen Maßnahmen gelten. Also keine Sorge: Wenn wir hinschauen, zuhören und solidarisch handeln, kann sich etwas verändern.

die Studie, -n

Untersuchungen, bei denen Forscher etwas genau beobachten oder befragen, um Neues zu lernen

der soziale Status

der Platz einer Person in der Gesellschaft und zeigt, wie hoch oder niedrig sie angesehen wird; er hängt oft von Geld, Bildung oder Macht ab

die Arbeiterfamilie, -n eine Familie, in der die Eltern meist handwerkliche oder körperliche Arbeiten machen und oft weniger Geld verdienen die Akademikerfamilie, -n

eine Familie, in der die Eltern studiert haben und Berufe mit höherer Bildung ausüben

die Startbedingung, -en

die Voraussetzungen, mit denen jemand ins Leben startet

das Potenzial, Potenziale

die Fähigkeiten und Möglichkeiten, die in einer Person stecken und was sie erreichen könnte

die soziale Klasse, -n eine Gruppen von Menschen, die ähnlich viel Geld, Bildung und Ansehen haben mächtig

einflussreich; mächtig sind die Menschen, die am meisten Einfluss haben und Entscheidungen treffen können, die viele betreffen

solidarisch

bedeutet, dass Menschen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen, besonders dann, wenn es anderen schlechter geht

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