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Ausgabe 04/2022 überregional

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Ruths Geschichte

einfach besser verstehen WWW.ARRIVALNEWS.DE

Eine Erfolgsgeschichte

AUSGABE 04/2022

GOOD NEWS Seite 2

Energiekrise! Wie können wir gemeinsam sparen? DOSSIER Seite 4

Pflegefachfrau*mann Die neue Pflegeausbildung

Auf dem Weg zu einer Revolution? TEXT Djeir an Malek-Hofmann

Für mich, als iranische Frau, sind die Proteste im Iran eine sehr persönliche, emotionale Angelegenheit.

I

ch wurde in Europa geboren und hatte das Privileg, von liberalen Eltern erzogen zu werden. Sie haben mich immer ermutigt, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Daher ist der Gedanke an die Menschen im Iran für mich nicht nur schmerzhaft, sondern auch unerträglich. Denn sie leiden unter totaler Unterdrückung. Was derzeit im Iran passiert, braucht unsere volle Aufmerksamkeit. Die Menschen, die für ihre grundlegenden Menschenrechte kämpfen, leiden und sterben, brauchen unsere Stimmen. Denn es reicht nicht einfach auf die Straßen zu gehen und zu protestieren. Die ganze Welt muss Bescheid wissen, was in diesem Regime geschieht. Was ist passiert? Am 16. September 2022 starb die 22-jährige Mahsa Amini im Gefängnis der iranischen Sittenpolizei. Sie wurde wegen ihres lose sitzendenden Hijabs verhaftet. Sie habe ihr Kopftuch nicht vorschriftsmäßig getragen. Die genauen Umstände ihres Todes sind unklar. Die iranischen Behörden behaupten, dass Mahsa unter einer Vorerkrankung litt. Das ist umstritten. Es ist davon auszugehen, dass ihr in der Haft Gewalt zugefügt wurde. Und dass sie an ihren Verletzungen gestorben ist. Dieser grausame Vorfall hat im Iran eine Protestbewegung ausgelöst. Die Aufstände richten sich gegen das diktatorische Regime. Seither wurde die Liste der Namen der jungen Frauen, die ihren Mut mit dem Tod bezahlen mussten, täglich länger: Sarina Esmailzadeh, Nika Shakarami, Arnica Kaem Maqami, Hadis Najafi und unfassbar viele mehr. Der brutale Tod von Mahsa Amini war das Zünglein an der Waage Die Menschen im Iran leiden schon lange

I L L U S T R A T I O N M ARION B LO M E Y ER

unter der Willkür des Regimes und unter der Einschränkung ihrer Menschenrechte. Dazu kommt eine wirtschaftliche Notlage. Schon seit Jahrzehnten werden Verstöße gegen die islamischen Gebote und Verbote mit aller Brutalität bestraft – Inhaftierungen und Folter gehören zum Alltag. Mein eigener Onkel ist beispielsweise seit vielen Jahren im Evin-Gefängnis inhaftiert, weil er politisch oppositionell aktiv ist. Der Vater lieber Freundinnen aus meiner Kindheit wurde vor einigen Jahren bei einer Reise mit einer österreichisch-iranischen

Die Menschen fordern mehr Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung. Diese Generation geht daher mutig auf die Straßen. Im ganzen Iran kämpfen sie für ihre Freiheit. Und gefährden damit ihr Leben. Wir können ihre Stimme sein Iraner*innen auf der ganzen Welt, die in der Diaspora leben, leiden und fühlen mit. Wir können einen Beitrag leisten: Wir können über die sozialen Medien und durch Berichterstattung auf die schrecklichen Umstände aufmerksam machen. Jeden Tag werden aktuell bei

Frau. Leben. Freiheit. Zan. Zendegi. Azadi. Jin. Jiyan. Azadi. Woman. Life. Freedom.

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 

stritten. Oder es wird von einer internationalen Verschwörung gesprochen. Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass jeden Tag die grundlegenden Menschenrechte verletzt werden. Vor den Augen der ganzen Welt. Ein wesentlicher Punkt, den ich hier ansprechen möchte: Den Frauen, den Menschen im Iran geht es nicht darum, dass der Hijab als Symbol der islamischen „Zwänge“ abgeschafft werden soll. Freiheit bedeutet in diesem Kontext nämlich auch, frei entscheiden zu können, ob man den Hijab tragen möchte oder nicht. Es geht um das Recht frei zu wählen wie man sich kleidet, wie man lebt, mit wem man lebt, wen man liebt. Das sollte selbstverständlich sein, doch für die Menschen im Iran ist es das nicht. Daher wünsche ich unseren im Iran lebenden Mitmenschen, dass ihr Mut und ihr Kampfgeist zum Erfolg führen. Dabei können wir sie mit unseren Stimmen mit aller Kraft unterstützen. Auf dass wir alle bald jubelnd mit ihnen rufen: „Zan. Zendegi. Azadi.“! – Frau. Leben. Freiheit.

liberal

ist eine politische Richtung die meint, dass Menschen Freiheit haben sollen in dem was sie tun

das Regime, Regime

eine Regierung, die nicht sonderlich demokratisch ist

der Hijab, -s

eine religiöse Kopfbedeckung

umstritten

problematisch, anfechtbar

die Protestbewegung, Aufstand, Widerstand, Wider-en spruch gegen Maßnahmen das Zünglein an der Waage

Redewendung; eine kleine Ursache mit großer Wirkung; eine Handlung ist ausschlaggebend für eine Entscheidung/Veränderung

die Willkür

Verhaltensweise nach eigenen Wünschen und Interessen ohne Rücksicht auf andere

das Evin-Gefängnis

bekanntes iranisches Gefängnis

oppositionell

zum Widerspruch neigend

die Delegation, -en

hier: Eine Gruppe von Personen (Delegierte), die zur Repräsentation und Verhandlung in ein anderes Land gehen

die Diaspora

ein Gebiet, in dem eine religiöse oder nationale Minderheit lebt

die Berichterstattung, das Weitergeben von -en Informationen abstreiten

Delegation verhaftet. Wegen Spionageverdacht. Er sitzt als 80-jähriger, kranker Mann ebenfalls seit Jahren im Evin-Gefängnis fest. Die österreichischen Behörden konnten ihm bislang auf diplomatischer Ebene nicht helfen. Jetzt sagen die Menschen im Iran: Genug ist genug! Jahrzehnte der Wut und Frustration zeigen sich jetzt in den Protesten. Im Iran leben rund 85 Millionen Menschen. Ein Großteil von ihnen ist jung. Die junge Generation hat die Revolution Ende der 70er Jahre nicht miterlebt.

den Protesten Menschen verprügelt, erschossen und verhaftet. Die inhaftierten Frauen werden in den Gefängnissen teils brutal vergewaltigt, um sie zu quälen und um andere einzuschüchtern. Das Internet im Iran wird laufend gedrosselt oder ganz gekappt, damit die schrecklichen Bilder nicht in der ganzen Welt zu sehen sind. Damit das wahre Gesicht des Regimes und seiner Protagonisten nicht zu sehen ist. Wenn diese Bilder doch in den Medien zu sehen sind, werden die Taten seitens des Regimes abge-

Djeiran Malek-Hofmann ist als Prokuristin im MuseumsQuartier Wien tätig. Zu den Herzensanliegen der 41-jährigen Iranerin gehören ihr soziales Engagement und die Förderung weiblicher Nachwuchstalente. Bei allen ihren Aufgaben versucht sie mit Mut voran zu gehen und neue Wege zu bestreiten.

bestreiten, leugnen

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Foto PETER RIGAUD GRAFIK FLATICON

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