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Mag_3_2026_ES_digital

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andere zeiten

03 Michaelistag 26 bis Dreikönigsfest

Magazin zum Kirchenjahr

STILLE ZEIT Klagen erlaubt FAMOS! Unser neues Geschichtenbuch DU FEHLST Ein Brief an W.

DER ANDERE ADVENT

Alltagsleuchten


Liebe Leserin, lieber Leser, mit dem Titelbild des Anderen Advent haben wir in diesem Jahr etwas Neues gewagt: Erstmals zeigt es keine Außenaufnahme – keine spektakuläre Landschaft oder ein beeindruckendes Natur­ phänomen –, sondern wir haben es in einer Holzwerkstatt an der Elbe in Hamburg aufgenommen. Das brauchte gute Vorbereitung und Geduld: Knapp acht Stunden dauerte es, bis Fotografin Nicole Malonnek das Bild im Kasten hatte. Mehr zu diesem Fotoshooting und zum Anderen Advent 2026/27 lesen Sie auf Seite 14/15. Doch wir lassen nicht nur Fotos sprechen. Bunt geht es in un­ se­rem neuen Geschichtenbuch Famos! zu. Wir haben dafür alte Legen­den mit Erzählungen von heute kombiniert. Die Illustrationen hat Luisa Jung in kräftigen Farben gestaltet, sie lassen die Texte leuchten. Das kann besonders an grauen Herbsttagen guttun. Denn bevor wir die erste Adventskerze anzünden, gehen wir gemein­ sam durch die Stille Zeit. Die Festtage im Herbst beschäftigen sich mit Verlust, Trauer und Erinnerung – aber auch mit dem, was

Halt geben und aufrich­ten kann. Wir haben die Ordensfrau Nicole Grochowina gebe­ten, zu schildern, was für sie die Seele ist und wie diese sich zeigen kann, auch über den Tod eines geliebten Menschen hinaus. Rund um ihren Beitrag auf Seite 16/17 haben Sie Gelegenheit, selbst zum Stift zu greifen und Text und Illustra­ tion durch Ihre eigenen Farben und Gedanken zu ergänzen. Auch Dunkles, Wut und Klage haben in der Stillen Zeit ihren Raum, wie Georg Magirius ab Seite 6 schreibt. Er selbst leiht sich von den Psalmen Worte für Momente, in denen die eigene Stimme versagt – und findet so zu neuer Kraft. Wir freuen uns, dass wir Sie mit unserem Magazin begleiten dürfen, und wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre!

Inhalt Andere Seiten

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Trauer benennen

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Das neue Anders Handeln

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Famos! Geschichtenbuch 10 Augenblick 12

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Stille Zeit Raus damit!

Famos! Alte Legenden und neue Texte

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Der Andere Advent ist da! 14 Atemberaubend schön 16 Brief an eine Freundin 18 Der Andere Advent für Kinder 20 Endlich! Die Kolumne 21 Bei uns / Impressum 22 Bestellen 23

Allerseelen Inmitten von Quietschtönen

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Auftakt

Ewigkeitssonntag Wo bist du?


n. ö h c s ist n e b Le ist, e »Das m it hlim c m S ‹ n s a ö D ›sch e .« l n e l i e v s s h ec das w r e v ch‹ a f n i e › , a l da maf

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Wir feiern! Zum Auftakt unseres Kalenders Der Andere Advent möchten wir am Vorabend des Ersten Advent wie­ der Gottesdienst mit Ihnen feiern! Wir laden Sie für Samstag, 28. November, um 18 Uhr in die Kirche St. Gertrud in Hamburg (Stadtteil Uhlenhorst, Im­ men­hof 8, U-Bahn Uhlandstraße) herzlich ein. Ein­ lass ist ab 17.30 Uhr. Mit Texten, Musik und Gebet stimmen wir uns auf die Advents- und Weihnachts­ zeit ein. Bei einer anschließenden Wegzehrung ist Zeit für Gespräch und Austausch. Für alle, die nicht nach Hamburg kommen können, bieten wir wie­ der einen Gottesdienst auf unserem Youtube-Kanal an, den Sie ebenfalls am Vorabend des Ersten Advent ab 18 Uhr sehen können und zu dem Sie auch über unsere Homepage gelangen: anderezeiten.de/begegnen Wir freuen uns auf Sie!

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Regenfrieden Schweigend liegen die Straßen. Nur das Tropfen von den Bäumen. »Plitsch, plitsch, plitsch …« Die Spritzer auf meinen Schuhen. Der nasse Film auf dem Asphalt. Regenfrieden. Spiegel­bilder verschwimmen. Keine Schärfe, keine Kanten, alles weichgezeichnet. Kein Dürsten und kein Brennen, Regen fällt und stillt die Welt. Alles kommt zur Ruhe. Bleibt plötzlich bei sich. Kommt mit sich in Frieden. Manchmal blitzt und donnert es, schüttet es aus Eimern. Ich stehe im Regen, nass bis auf die Haut. Kann nichts machen. Warten, dass die Sonne kommt. Hoffen auf das Licht. Am Abend fällt der Regen auf mein Dachfenster. »Tack, tack, tack …« Ich liege müde unter meiner Decke. Was gibt es Schöneres als diese Prasselstimmung. Da freuen sich die Blumen, wurde mir früher immer gesagt. »Tack« heißt auf Schwedisch danke. leo zillmann

Andere Seiten

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Wenn lange Mühe Früchte trägt Andere Zeiten-Journalist:innenpreis 2026 zum Thema »Danken und Ernten«

Für ihre Dokumentation Zu früh erwachsen in der ZDF-Reihe 37 Grad Leben erhält die Journalistin und Filmemacherin Kokute­ keleza Musebeni den Andere Zeiten-Journalist:innenpreis 2026. Der Film erzählt von zwei jungen Frauen, die früh auf eigenen Beinen stehen müssen. Für Musebeni hat dieser Film auch eine persönliche Bedeutung: »Ich bin selbst in der Jugendhilfe groß geworden. Aus dieser Zeit habe ich eine Resilienz entwickelt, die mich bis heute trägt.« Fast 90 Einreichungen waren zum Thema »Danken und Ernten« eingegangen. Den zweiten Preis vergab die Jury an Viktar Vasileuski für seine Ich-Reportage

Wie krass kompliziert es ist, ein Deutscher zu werden (zeit.de). Mit dem dritten Preis wird die GEO-Reportage Die Eine für alle von Reporter Martin Zinggl und Fotografin Anush Babajanyan aus­ gezeichnet. Der Preis ist mit insgesamt 6000 Euro dotiert. Ihre Auszeich­ nung erhielten die Preisträger:innen bei unserem Fest im September. Unter anderezeiten.de/journalistenpreis2026 können Sie die prämierten Beiträge anschauen und lesen.

Das Foto von Anush Babajanyan aus der GEO-Reportage »Die Eine für alle« zeigt Ärztin Dr. Nara, die sich in der Mongolei für den Kampf gegen Hepatitis einsetzt.

------------------------------------------------------------Wofür bist du dankbar? Die Antworten der Ausgezeichneten »Gesund zu sein und schöne Momente mit meinen liebsten Menschen teilen zu können. Diese Zeit gemeinsam zu verbringen, zu lachen und Spaß zu haben, bedeutet mir mehr als alles andere. Genau dafür bin ich jeden Tag von Herzen dankbar.« kokutekeleza musebeni

Journalistin, Autorin, Regisseurin »Besonders dankbar bin ich immer dann, wenn ich nicht damit rechne. Ein beiläufiges Lächeln, eine Gefälligkeit ohne Auffor­ derung, ein spontaner Freundschafts­ beweis. Wenn es bedingungslos statt transaktional wird.« viktar vasileuski Journalist und Redakteur

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Andere Seiten

»Ich bin dankbar, dass ich noch in einer Welt groß werden durfte, in der man sich verirrte, statt das Smart­­­­phone zu befragen, in der Aben­teuer vor der Haustür began­nen und Freundschaften draußen statt­fan­den. Ich habe gelernt, mich ohne Apps, GPS und ständige Erreich­ barkeit zurecht­zufinden, bevor die digitale Welt unse­ren Alltag übernahm. Heute schätze ich die Möglichkeiten moderner Technologie punktuell – aber viel mehr noch die Erfahrung, dass es einmal anders war. Vielleicht ist genau dieser Blick auf beide Welten ein Geschenk meiner Generation.« martin zinggl Autor und Reporter


Danke für nix! Das christliche Lied »Danke« erfuhr Anfang der 60er-Jahre eine erstaunliche Karriere in der Bundes­ republik. 1963 hielt es sich sogar sechs Wochen in den Single-Charts und wurde noch 1998 von der Punkrockband »Die Ärzte« gecovert. Heute steht es zwar noch im Gesangbuch, aber es ist zur Litanei geworden. Denn jeder und jede weiß inzwischen, dass Danken gut ist, gesund, moralisch sinnvoll, sozialer Kitt. Dass es mein Gehirn mit positiver Energie überflutet, mich zu einem besseren, hilfsbereiteren Menschen macht. Ehrlich gesagt: Ich kann es schon lange nicht mehr hören und lesen. Ich mag den Satz »Danke für nix«. Denn wenn ich von meinem Gegenüber nicht die Unterstützung bekommen habe, die ich mir erhofft hatte, dann muss ich das klar sagen dürfen. Und mich und meine Bedürfnisse nicht kleiner machen, als sie sind. Die anderen dürfen wissen, wenn sie mich enttäuscht haben. Sonst ist die Dankbarkeit, die ich äußere, weil es sich so gehört, nur Zuckerguss für die Seele: Ich soll meine inneren Regungen erstarren lassen zugunsten eines schönen Scheins für andere. Wo ist dann Platz für meine Skepsis, meine Wut, meine Auflehnung? Ich bin nicht immer selbst schuld, wenn mich das Leben in die Knie zwingt. Danke für nix! Der Satz entlarvt Scheinheiligkeit. »Danke für meine Arbeitsstelle«? Aber doch nicht so pauschal. Was ist mit den Jobs, in denen Dank als Währung missbraucht wird? Als kostenlose An­ erkennung? Das fördert die Selbstausbeutung und macht am Ende krank. Wie viel gesünder ist es, zu denken und auch zu sagen, wenn Erwartungen nicht erfüllt, Versprechen nicht gehalten, Missstände verschleiert werden.

Wie sehr habe ich das Danksagen als Jugendliche hinterfragt! Warum sollte ich zum Beispiel meinen Eltern dankbar sein, wenn sie sich in meinen Augen unkorrekt verhielten – und was war mit ihren Eltern, die das Morden der Nazis zum Teil mitgetragen hatten? Wir haben kräftig gestritten, diskutiert und uns auch wieder versöhnt. Ich bin ihnen heute dankbar, dass das möglich war. Zusammen haben wir bei manchen Gelegenheiten das Lied »Danke« gesungen, ich stellenweise mit nach oben gerollten Augen. In einem kleinen Nostalgieanfall schaute ich kürz­ lich durch die Schallplatten, die mir meine Eltern vererbt haben. Und entdeckte ein Lied von Manfred Krug von 1972 aus der damaligen DDR: »Danke für diesen Abend«. In dem Track besingt er ein kribbe­ liges Date. Wird es bei dieser einen Nacht bleiben oder werden die beiden sich wiedersehen? »Und du lächelst fromm«, heißt es am Ende. Ob das Lied eine Persiflage auf das bundesdeutsche Lied »Danke« war? Jedenfalls feiert es den Augenblick. Auch mal »Danke für nix« sagen zu dürfen, macht meine Dankbarkeit ehrlicher. Zum Beispiel für das Leben. Denn realistisch betrachtet habe ich zu sehr wenigem Existenziellen beigetragen. Leben ist Geschenk, Leben ist Leid. Leben ist, sich am Zuckergussapfel auf dem Jahrmarkt die Zähne aus­ zubeißen und sich das Blut vom Kinn zu wischen. Wach und nüchtern in die Welt zu blicken, das zu feiern, was gelingt. Jetzt, in diesem Moment. Und hin und wieder staunend zu lächeln.

sabine henning liebt es,

Busfahrer:innen beim Aussteigen ein »Danke« zuzurufen, so wie es in einigen anderen Ländern üblich ist.

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Der beste

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Stille Zeit


Anschreipartner der Welt Zu benennen, was traurig macht und schwer ist, kann helfen, damit umzugehen. Die Stille Zeit öffnet den Raum dafür. Eine Anleitung zu klagen, ohne zu verzweifeln. von georg magirius

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s wird nicht zu viel, sondern zu wenig geklagt. Diese verblüffende Perspektive hilft mir auf dem Weg zu innerer Ruhe. Zu einem Zustand, der trotz allen Schreckens einverstanden sein lässt mit Gott, mit mir und der Welt. Jedenfalls will ich lieber Ja sagen als Nein. Ja klingt nach Anfang. Nein nach Abschluss. Es schließt andere aus. Und ich verschließe mich. Auf dem Weg zum inneren Frieden leitet mich eines der bedeutendsten Ja-Sage-Bücher: die Psalmen. Es ist das älteste Liederbuch der Juden und Christen. Dieses biblische Buch hat ein rauschhaftes Finale. Immer wieder heißt es auf den letzten Seiten: Halleluja! Es ist der Aufruf, Gott anzuhim­ meln. »Alles, was atmet, singe!« Mehr Freude ist nicht möglich. Manchen sind die Psalmen allerdings nicht geheuer. Da sei viel zu viel Klage, Verzweiflung und Gewalt. Doch gerade dadurch schließen sie keinen aus. »Dass in den Psalmen so viel geklagt wird, liegt eben daran, dass es so viel Beklagenswertes gibt.« Das hat der Theologe Erich Zenger gesagt, ein großer Psalmenforscher.

Manchmal bin ich niedergeschlagen, erschrocken, stumm, in stillem Aufruhr Diese Lieder schenken Worte, wenn man nicht weiterweiß. Hin und wieder blättere ich einfach nur in ihnen umher, springe von Wort zu Wort, bleibe an einem Satz hängen, spreche ihn leise vor mich hin. Einige Psalmen habe ich auswendig zu lernen begonnen. Es ist tatsächlich ein stetes Beginnen, weil das Gekonnte sich immer wieder verflüchtigt. Aber gerade in diesem nie Vollendeten habe ich die Stärke dieser Lieder erfahren: Denn durch das dauerhafte, laute Wiederholen ist mir aufgegangen, wie sehr Psalmen in der Lage sind, alle meine Fragen in sich aufzunehmen. Manchmal bin ich niedergeschlagen, erschrocken, stumm, in stillem Aufruhr. Es ist dann vor allem das Bildhafte der Psalmen, in dem ich mich sofort aufgehoben fühle: »Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.« Das stammt aus Psalm 22, dessen Anfang andere zeiten 3_2026

Jesus am Kreuz schreit: »Mein Gott, mein Gott, wa­rum hast du mich verlassen?« Jesus war das Klagen nicht fremd. Trotzdem hat es nicht den besten Ruf. Man soll besser das Gute sehen, heißt es oft: seine Emotionen im Griff haben. Oder auf Abstand zu ihnen gehen und sich vorstellen, sie zögen wie Wolken an einem vorüber. Ich bekomme das selten hin. Mir scheint, es ist etwas für spirituell Fortgeschrittene. Dank der Psalmen darf ich Anfänger sein. Wie ein Kind, das schlicht Ja sagen und gesehen werden will. Eines der wichtigsten spirituellen Bücher der Menschheit erlaubt, sich seiner Gefühle nicht schämen zu müssen. Man hat in den Psalmen mehr als 90 unterschied­ liche Worte für Feinde und Gegner gefunden. Aller­ dings richten sich die Lieder nicht an alle diese Feinde, sondern an Gott. Er scheint mir der beste Anschrei­ partner zu sein, wenn ich wütend bin. Zumal Men­ schen nicht alles Dunkle in der Welt verantworten. Selbst wenn Menschen wirklich jedes Haus auf der Welt erdbebensicher bauen würden: Die Erdbeben mit ihrer oft wahnwitzigen Zerstörungskraft können Menschen nicht verhindern. Und ist eine unheilbar an Krebs erkrankte Mutter von drei kleinen Kindern wirklich selbst daran schuld, nur weil sie angeblich zu wenig Sport getrieben und sich nicht gesund genug ernährt hat?

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ein, die Psalmen trauen Gott Böses zu. Aber deshalb hat er auch die Macht, Böses zu wenden, glauben sie. Die Psalmen sind zutiefst menschlich, rebellisch und radikal laut, weil sie die Welt keinem diffusen Schicksal überlassen wollen. Lieber wenden sie sich an Gott. Er schläft, davon sind manche überzeugt. Sie wollen Stille Zeit

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z e i ta n s a g e

ihn wecken. Denn sie trauen ihm vieles zu. Alles. Auf mich wirkt das auch politisch betrachtet kon­ struktiver, als gebetsmühlenartig auf »die da oben« zu schimpfen. Gott ist weiter oben, glaube ich: der Höchste. Mir nah, immer erreichbar. Klagen macht nicht klein. Es richtet auf und gibt der Seele Raum. Meine Gefühle bekommen Raum, weil ich mich für sie nicht schämen muss. Das Fragliche des Lebens darf sein, ohne dass es mit Fragen, Tipps und Hilfestellungen mundtot gemacht würde. Auf einmal ist da so viel Luft! Die Seele entfaltet sich und findet ihre Flügel wieder. Das ist so viel schöner, als wenn ich höre: »Jetzt sieh doch endlich mal das Positive!« Dann fühle ich mich klein, dumm und ungeschickt. Als ob ich wieder mal die Hausaufgaben vergessen hätte.

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Stille Zeit Wer zur Melancholie neigt, kann an herbstlichen Tagen leicht in einen Blues verfallen: Der Himmel ist grau, es stürmt und regnet, die Bäume stehen kahl da, Nebel nimmt die Sicht. Die Stimmung verdüstert sich. Plötzlich ist der Sommer mit seinen Aufbrüchen und Erlebnissen ganz weit weg. Abends noch bei lauen Temperaturen auf der Wiese zu sitzen und mit lieben Menschen zu plaudern, scheint unvorstellbar. Wer kann, bleibt lieber zuhause und igelt sich ein. Im Kirchenjahr hat die Stille Zeit begonnen. Sie spannt einen Bogen vom Erntedankfest Anfang Oktober über Allerheiligen und Allerseelen bis zum letzten Sonn­­tag vor dem Advent, dem Ewigkeitssonntag beziehungsweise Christ-König-Sonntag. Themen wie Vergänglichkeit, Abschied, Schuld und Ver­ gebung rücken in den Vordergrund. Wir geden­ ken der Verstorbenen. Und wir können das, was bedrängt und bedrückt, ungeschminkt und in dem Bewusstsein betrachten, dass es sein darf und zum Leben dazugehört − wie sonnige Tage. An den Feiertagen kommt der Alltag zur Ruhe und wir können auch wahrnehmen, was gut und heilsam ist. Neben dem Abschied und der Bitte um Vergebung geht es etwa am Buß- und Bettag um die Sehnsucht nach einem neuen Anfang − im Bewusstsein, dass wir umkehren können, und in der Hoffnung, dass das Licht auch durch Lebens­ brüche leuchtet.

Stille Zeit

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ie Psalmen bagatellisieren nicht, was ungut ist. So wird die Seele schließlich still, »wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir« (Psalm 131,2). Das erlebte ich sogar, als gar nichts dafürsprach. Vor 16 Jahren wurde meine Tochter geboren. Still. Sie atmete nicht. Ein wundervoller Mensch lag in meinen Armen. Einige Stunden zuvor, als klar war, dass ihr Herz nicht schlug, war ich ungeheuer wütend. Nicht auf Ärzte, Hebamme, Klinikdirektorin oder auf uns Eltern. Denn sie alle traf keine Schuld. Wütend war ich auf Gott. Welch eine Gewalt! Und doch tat er mir fast schon wieder leid, ein verwaister Papa wie ich, der seinen Sohn verlor. Eine Krankenschwester zündete eine Kerze an und sprach, was sie in diesem Augenblick wahr­ nahm: Hier ist Frieden. Wenn ich daran zurückdenke, spüre ich wieder etwas von dem, was Menschen auf immer zum Klagen berechtigt. Und doch ist es auch ruhig in mir, weil ich eine heilig wirkende Vertrautheit erlebte, als das Ende mit dem Anfang zusammenfiel.

Die Psalmen leihen auch denen Worte, die kaum noch eine Stimme haben Nicht nur am Ende des Psalmenbuchs, sondern fast in jedem dieser Lieder erfährt das Klagen eine Wendung. Welch ein Jubel! Wobei schon das Klagen selbst oft wie Hoffen klingt. Man sagt damit: »Hier stimmt es nicht. Das kann doch nicht alles sein?!« Es klingt anders als das, was einige sagen, wenn es heißt: »Wie geht es dir?« − »Muss ja«, antworten sie. Oder: »Kann nicht klagen.« Die Psalmen können klagen. Und wie! Sie leihen auch denen Worte, die kaum noch eine Stimme haben. Mit ihnen findet sich ein Weg zu Gott: »Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.«

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uch dieses Gott bedrängende Sehnen stammt aus Psalm 22, dessen Anfang Jesus am Kreuz betete. Gegen Ende des Psalms heißt es: »Aufleben soll euer Herz für immer!« Welch eine Aussicht. Die Psalmen helfen, das Leben als Ganzes zu sehen. Als Glück und Unglück. Am Ende des Liederbuchs steht nur noch das Glück. Das aber ist in Wahrheit gar kein Ende. Denn am Ende ist alles auf Anfang gestimmt.

Der Theologe und Autor georg magirius lebt in Frankfurt am Main. Er hat nicht nur Bücher über die Psalmen geschrieben. Begeistert ist er auch von der Region Franken.


Irgendwie dazwischen Übergänge kennt jede und jeder: Wenn etwas vorbei ist und noch nichts anderes angefangen hat, wenn wir zwischen Rollen, Orten, Beziehungen oder Welten stehen. In unserem neuen Themenheft Anders Handeln schauen wir auf dieses Dazwischen, das unser Leben prägt.

Der erste Arbeitstag oder der letzte. Das Jawort zum gemeinsamen Weg oder der Entschluss zur Trennung. Der Tanz durch den Saal beim Abschlussball oder das letzte Geleit. Manchmal sind Übergänge deutlich markiert. Manchmal schleichen sie sich aber auch an: ein Gesundheitszustand, der »irgendwie schlech­ter« wird; eine Liebesbeziehung, die still in etwas anderes hinübergleitet; eine Weltlage, die kippt. Übergänge sind eine Zeit, in der wir abgeben, was war, und nicht sicher wissen, was kommt. Sie können Chance sein oder Zumutung, Abschied oder Aufbruch und sind oft alles zugleich. Für unser neues Themenheft Anders Handeln haben wir uns dieser Dämmerung im Leben gestellt und das Terrain der Übergänge erkundet. Wir sind dabei, wenn Jugendliche ihren Abschlussball feiern. Wir begleiten eine Schäferin in der Lausitz, die mit­ ten im Strukturwandel Landschaften und Landwirt­ schaft neu denkt. Wir treffen eine Frau, die zwischen KI und echter Welt pendelt: Was passiert, wenn Nähe, Zuwendung und Gespräch plötzlich mit Maschinen geteilt werden? Und was macht das mit unserem Bild vom Menschen? Andere Übergangszonen sind radikal analog: Eine Abschiebebeobachterin berichtet, was es heißt, Men­­schen an der Grenze zwischen Bleiben und Gehen zu begleiten. Wir besuchen einen Bestatter, der Verstorbene für den letzten Weg vorbereitet. Und wir sprechen über Behinderung als einen dauer­haften andere zeiten 3_2026

Übergangszustand in einer Welt, die für andere gebaut ist. Wie lassen sich darin Würde, Humor und Gemeinschaft finden? Auch die großen gesellschaftlichen Übergänge kommen in den Blick. Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel erzählt, wie sich ihr Blick auf die Welt verändert hat – von der Ohnmacht ange­ sichts permanenter Krisen hin zu einer Praxis aus kleinen, konkreten Schritten. Ein Gespräch mit dem Philo­sophen und Sterbeforscher Alexander Batthyány führt schließlich an eine der äußersten Schwellen des Lebens: das Sterben. Er erzählt von »terminaler Geistesklarheit«, von letzten Worten, von Momenten großer Stille und über­rasch­en­der Klarheit kurz vor dem Tod. Das Heft lädt auch ein, die eigenen Übergänge neu anzuschauen: Auf unseren »Inseln des Übergangs« können Sie etwa testen, wie Sie typischerweise Neues an­ gehen, oder sich mit heraustrennbaren Kärtchen spielerisch Lösungswege legen. Vielleicht entdecken Sie dabei, dass das Dazwischen nicht nur eine Durststrecke ist, die man möglichst schnell hinter sich bringen will. Sondern ein Ort, an dem sich Leben verwandelt. axel reimann

Alle Infos zum Bestellen von Anders Handeln finden Sie am Ende des Magazins und unter: andershandeln.de

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Warum wir Geschichten

brauchen

von jan frerichs

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ch liebe diese Geschichte, die ich bei Nossrat Peseschkian gefunden habe: Jemand fragt den Propheten Elija, wo der Himmel sei. Der führt ihn zunächst in einen weitläufigen Saal, in dessen Mitte ein riesiger Topf mit heißer Suppe brodelt. Es ist ein schreckliches Bild: Dürre, ausgemergelte Menschen versuchen verzweifelt, von dieser Suppe zu essen. Aber die Löffel sind aus Eisen, sehr heiß und sehr lang. Man kann sie nur an einem Holz­ griff am Ende berühren. Niemandem gelingt daher, etwas von der köstlichen Suppe zu essen. Das ist die Hölle. Danach kommt ein zweiter Saal, in dessen Mitte ebenfalls ein großer Topf mit heißer Suppe brodelt. Der Saal ist erfüllt von einem leisen Summen. Auch hier sitzen Menschen um den Suppentopf mit den gleichen viel zu langen Löffeln. Aber alle sind wohlgenährt, denn diese Menschen füttern einander. Das ist der Himmel. Ich habe mich immer gefragt, was das leise Summen sein mag. Heute würde ich sagen: Es sind die Geschichten, die die Menschen einander erzählen. Denn so, wie heiße Suppe den Körper nährt, vermögen Geschichten die Seele zu nähren. Wir brauchen Geschichten. Denn wir verdanken ihnen, was wir als Mensch­ heit sind: Es beginnt vor vielen Zehntausenden von Jahren mit Menschen um ein Feuer herum, die einander von den Ereignissen des Tages und der Nacht erzählen. Erfahrungen werden geteilt von den Streifzügen durch die äußeren Landschaften. Träume werden geteilt aus der inneren Welt. Die Erinnerungen gerinnen über die Jahre zu den großen Geschichten, die wir bis heute hören. In der Bibel. In Märchen und Mythen. Viele Jahr­ hunderte sind sie mündlich weitererzählt worden – »by heart« heißt es im Englischen. Auswendig – aus dem Herzen heraus.

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nd heute? Sind wir scheinbar zum Zuschauen verdammt. Wir konsu­ mieren Geschichten – im Kino, im Fernsehen, am Smartphone. Und wir erklären Geschichten: Was will der Autor sagen? Was ist die Botschaft? Wir sezieren Geschichten wie einen Frosch im Biologieunterricht – und kennen hinterher jeden Buchstaben. Aber die Geschichte ist tot. Geschichten wollen nicht erklärt werden. Sie wollen erzählt und gehört und geteilt werden. So wie die Suppe in der persischen Geschichte. Oder die fünf Brote und zwei Fische in der biblischen Geschichte von der Brot­ vermehrung. Wir teilen, was wir haben. Das ist die Einladung: die eigene Geschichte zu erzählen. Sie in die Mitte zu legen. Wie einen Holzscheit, der das Feuer nährt, das uns wärmt und verbindet: miteinander und mit der Welt.

Der Theologe und Autor jan frerichs hat als Kind »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende geliebt. Heute begleitet er Menschen dabei, sich neu zu orientieren.

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Aktion


Famos!

Unser neues Geschichtenbuch erzählt von Erstaunlichem

Manchmal liegt die Rettung in einem Honigtropfen. Oder in Gesprächen zwischen Menschen, die sich einmal und nie wieder treffen. Dann wieder im Staunen oder in Fragen, die Selbstverständliches in einem anderen Licht erscheinen lassen. Geschichten verdichten, bringen Ungreifbares auf den Punkt, überraschen. Und deshalb haben wir unserem neuen Geschichtenbuch auch den Titel Famos! gegeben. Es möchte Sie mitnehmen in andere Welten: auf eine abgeschiedene Insel, nach Irland, in eine Dorfgemeinschaft. Dann wieder spielen die Geschichten mitten im Alltag, in einem Wohnhaus, einem Bus, auf der Straße oder im Internet. Was sie verbindet: Sie drehen sich um das Verstehen und die Verständigung – miteinander, aber auch mit sich selbst. Immer scheint etwas Unvorhergesehenes durch die Texte, ob es um eine Kon­ versation mit einer KI geht oder um einen Konzertbesuch. Einige der Geschichten konnten Sie schon in unserem wöchentlichen Newsletter die andere zeit oder in unserem Andere Zeiten-Magazin lesen, ande­ re haben wir für Sie aufgestöbert: Es sind neue oder alte Legenden, Fabeln und Erzählungen. Die Illustratorin Luisa Jung hat die Texte in atmosphärisch dichte Bildwelten gestellt oder sie augenzwinkernd weitergeführt. So er­ zählen die Seiten von den unerwarteten Momenten des Lebens und von der Gewissheit, dass wir verbunden sind – und lassen staunen, schmunzeln und hoffen. Ein Büchlein zum Verschenken oder für Momente, in denen Sie sich Zuspruch und Ermutigung wünschen.

A lle Infos zum Bestellen von Famos! finden Sie am Ende des Magazins und unter: anderezeiten.de/bestellen

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Aktion

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Alles bewegt sich

Stehe auf festem Grund Halte den Korb halte mich

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ernte sabine henning

Augenblick


Wie das Titelfoto für den Anderen Advent entstand

Ein Ensemble aus Holz und

Regenbogen

Wäre das Titelbild unseres Kalenders Der Andere Advent ein Lied, dann würde es von einem vielstimmigen Chor gesun­ gen. Das Thema der Sonntage im Kalender gibt den Takt vor: »Und das habt zum Zeichen«. Erste Stimmprobe in der Redak­ tion: »Wie könnte so ein Zeichen auf dem

Titel aussehen?« – »Ein Regenbogen! Wie bei Noah!« Mit diesem Auftrag machte sich die Bildredakteurin Anja Jöckel auf die Suche. Sie ahnen nicht, wie viele RegenbogenBilder es bei Fotoagenturen gibt: Regen­ bögen über Schnee, über Meer, über Wüste, nur im Himmel, mal halb hinter Wolken, mal eher Nordlicht, ohne oder mit Mensch – leider fanden wir unter all diesen beeindruckenden Bildern nicht unser Titelbild: zu sommerliche Atmo­ sphäre, zu einsam, etwas trostlos, die Wol­ken meist zu dunkel. Also spielte Anja Jöckel das Thema zurück ins Andere Zeiten-Team zum Wechselgesang. Der Sopran: »Ein Leuchtturm könnte auch ein Zeichen sein!« Tenor: »Hatten wir vor vier Jahren.« Alt: »Vielleicht mal

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Advent

ein Naturbild mit mehr Grün? Als Zeichen der Hoffnung?« Mezzosopran: »Aber nicht zu sommerlich, das passt nicht in den Advent!« Bass: »Wie wäre es mit einer Bus­haltestelle? Im Advent warten wir ja auch.« Bariton: »Bushaltestellen sind

für mich voll negativ besetzt. Der Bus kommt zu spät und ich bin genervt.« Tenor: »Und wenn wir mal drinnen was probieren?« Sopran: »Eine Holzwerk­ statt.« – »Zimmermann! Wie die von Josef.« – »Und da fällt besonderes Licht rein, das ist das Zeichen.« – »Atmosphäre muss sie haben!« – »Klingt gut. Holz­ arbeiten haben so was Ehrliches.« – »Wo finden wir diese Werkstatt?«

Mit akrobatischen Verrenkungen Und dann kam der Moment, in dem unser Lied von einer Inspiration getragen wurde, die sich nicht organisieren oder üben lässt. Denn auf unsere Anfrage antwortete die Fotografin Nicole Malonnek: »Witzig.

Ich stehe gerade in so einer Werkstatt. Wäre das was?« Und schickte Fotos, über die wir nur jubilieren konnten. Fertig war das Bild damit noch lange nicht. Was soll darauf zu sehen sein? Engel, Kerzen, Spiegel, Krippenfiguren, Sterne, ein Mini­ atur-Ruderboot, Teetassen, Tannenzweige? Wann ist das Wetter so, dass wir tatsäch­ lich mit Sonnenlicht arbeiten können? Montag, Dienstag, Mittwoch ...? Es wurde erst der Freitag, aber der war dann wirk­ lich strahlend schön! Wie lange brauchen wir wohl so ungefähr? Knappe acht Stun­ den vor Ort und unzählige Varianten. Und der Regenbogen? Bekam doch noch sein Solo: durch eine Spiegelrefle­ xion des Sonnenlichts. Zugegeben – das haben wir per Hand und mit akro­ batischen Verrenkungen direkt auf den Holzstern gelenkt. Jedoch so, dass sich am Ende alle einig waren: Dieses ist das Lied, das wir in diesem Advent gemein­ sam singen wollen. iris macke


Hoffnungszeichen entdecken

Der neue

Andere Advent ist da! Windel, Krippe, Kind – das sind die Zeichen, die der Engel in der biblischen Weih­ nachtsgeschichte nennt. Nahezu Unscheinbares wird zu einem Wegweiser der Hoffnung. »Und das habt zum Zeichen« ist auch das Motto der Sonntagstexte in unserem diesjährigen Kalender Der Andere Advent. Wir fragen, wo solche Hoff­ nungszeichen heute zu entdecken sind und woran wir erkennen, dass wir auf eine besondere Zeit zugehen. Auch die Wochentage vom 28. November bis 6. Januar weisen in vielfältige Richtungen. Da geht es um wunderliche Eigenheiten, um eine »warme List« und darum, wie Menschen ihrer Welt einen ganzen Wald hinter­ lassen können, um ein unvergessenes Treffen mit Jürgen Klinsmann, die Kraft der Sehnsucht – und um ganz viel Vorfreude. Die Texte des Kalenders möchten Sie zum Nachdenken einladen über unsere Zeit, unser Miteinander und unsere Hoffnung. In diesem Jahr reicht die Autorenmischung von Rainer Maria Rilke, Dorothee Sölle, Vincent van Gogh, Mariana Leky und Meister Eckhart bis hin zu bislang un­ent­ deckten Verfasserinnen. Begleitet werden die Texte von Bildern und Illustrationen, die ebenfalls Zeichen setzen und neue Deutungsräume eröffnen, sowie von einem Nikolausgeschenk. Auf anderezeiten.de finden Sie weiterführenden Inhalt zu ver­ schiedenen Tagen des Kalenders. Den Anderen Advent gibt es auch für in ihrer Sehfähigkeit beeinträchtigte Lesende. Per E-Mail an info@pader-braille.de können Sie ihn in einer Brailleausgabe mit Bildbeschreibungen bestellen.

en Kalender können Sie für 11,80 Euro (plus Versand) bestellen: D im Internet unter anderezeiten.de, telefonisch unter 040 / 47 11 27 27, per E-Mail an bestellung@anderezeiten.de oder mit der Bestellkarte auf der hinteren Umschlagseite dieses Magazins. Sie können Ihre Bestellung auch nach telefonischer Absprache persönlich bei uns im Andere ZeitenHaus abholen. Sollten Sie den Kalender aus finanziellen Gründen nicht bestellen können, setzen Sie sich bitte mit uns in Verbindung. Mehr zu unseren Adventsgottesdiensten in der Hamburger Kirche St. Gertrud und auf Youtube erfahren Sie auf Seite 3 in diesem Magazin.

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Advent

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So fern und doch ganz nah Was ist die Seele? Autorin nicole grochowina hat sich anlässlich von Allerseelen an eine Ortsbestimmung gewagt.

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eit gut 35 Jahren habe ich eine Familie in Neuseeland. Alles begann mit einem Briefkontakt und dann reiste ich nach dem Abitur nach »Down Under«. Und da, am anderen Ende der Welt, starteten wir unsere gemeinsame Wegstrecke: Immer wieder ha­ ben wir uns »unten« oder »oben in Europa« besucht. An Silvester rufe ich »Mom« und »Dad« − wie ich sie bis heute nenne − an, will hören, wie das neue Jahr wird, in dem sie dann schon ange­ kommen sind. Vor einigen Jahren ist mein Dad dement geworden. Und als es immer deutlicher wurde, dass er nun ganz in seine Welt hinein­ gehen würde und zudem sehr krank war, bin ich nach Auckland geflogen. Ich wollte noch einmal Zeit mit ihm verbringen – und ich wollte mich von ihm verabschieden. Diese Zeit war schön und schrecklich zugleich. Meinen Namen wusste er nicht mehr, wohl aber, dass uns etwas verband. Meine Mom sprach in dieser Zeit immer davon, wie er entschwinde und nicht mehr derselbe sei. An einem Nachmittag war uns dann klar: Ja, so ist es. Wir erleben sein Ausschleichen aus dem Leben. Aber – und da waren wir uns beide sicher – irgendwo in diesem vergesslichen und ängstlichen Körper steckt immer noch seine Seele. Und damit meinten wir: das zutiefst Eigene, das Innere von ihm. Wir meinten den Ort, an dem sein Humor wohnt und seine Liebe lebt. Und wir meinten den Ort, an dem er immer ganz er selbst ist und wo ihn eine Liebe hält, für die wir keine Sprache haben. Die Seele – der Mittelpunkt allen Seins, der Urfunken des Lebens. Wir wussten beide: Seine Seele lebt und geht nicht weg.

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nd je mehr wir darüber sprachen, desto größer und schöner wurde uns die Seele: Wir erahnten sie als ein freundliches Zunicken des Lebens trotz aller Angst und mitten in aller Verände­ rung. Und wenn ich dann nachts meinen Dad unruhig durch das Haus tappen hörte, habe ich Gott gebeten, eben diese Seele zärt­ lich und sanft zu berühren, sie in seinen Frieden einzuhüllen und mit seiner Liebe alle Angst aufzunehmen und zu tragen. Und:

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Allerseelen


Ich habe dafür gebetet, dass Gott meinen Dad auf seinem unruhi­ gen Weg durch das Leben segnet, einfach nur segnet. Und schützt. Und trägt.

M

ein Dad hatte eine große Kinderseele. Immer wieder ist sie durchgebrochen – auch mitten in der Demenz. Wie oft haben wir dann vor Lachen am Boden gelegen! In einem Drogeriemarkt haben wir ewig vor einem Regal mit Quietscheentchen gestanden, haben alle ausprobiert, sie gedrückt und ihnen die wildesten Quietschtöne abgepresst. Was haben wir gelacht! Und: Gemein­ sam haben wir Marineschiffe geentert, die man ausnahmsweise besuchen durfte, die beleuchtete Hafenbrücke von Auckland be­ staunt oder einfach nur in den Abendhimmel geguckt. Stunden­ lang. In all diesen Seelentropfen hat sich ein Licht gespiegelt, das so voller Leben war – atemberaubend schön! Denn das ist die Seele allemal: Sie ist atemberaubend schön! Vor wenigen Jahren ist mein Dad gestorben. Es war sein großes inneres Aufatmen – und ein Seelenschmerz für meine Mom. Und doch sind sie sich auch heute noch nah. Sie sagt, sie könne seine Seele spüren. Das sei so wie in der Zeit der Demenz, als sie wusste, dass unter all den Kämpfen seine Kinderseele kraftvoll lebte. Und auch ich fühle ihn, vielleicht sogar seine Seele. Manchmal ist das ganz stark – und dann sitzen wir plötzlich wieder zusammen auf der Terrasse und machen Pause mit dem unverzichtbaren Nach­ mittagstee. Und wir lachen. Wir lachen so unfassbar viel und dies mitten in den Quietschtönen dieser Welt.

A

uf unserer Seite der Ewigkeit verabschieden wir Menschen uns irgendwann voneinander. Aber ich bin mir sicher, dass zwischen Himmel und Erde nur ein schmaler Grat besteht. Und manchmal berühren sich beide. Und wenn das geschieht, weht etwas Ewigkeit in unsere Welt, nur einen Augenblick. Manchmal denke ich: Das sind Schlupflöcher für die Seelen. Dann sagen sie uns Menschen kurz Hallo, entschwinden wieder und lassen uns etwas Leuchtstaub von der Liebe da, in der sie geborgen sind. In solchen Momenten drücken mein Dad und ich noch einmal ge­ meinsam auf die Quietscheentchen. Und wir lachen fröhlich. Wie beseelte kleine Kinder.

Wenn Sie mögen, schreiben oder malen Sie Ihre Gedanken und Ideen zur Seele in die unausgefüllten Tropfen, die Illustratorin Ramona Ring gezeichnet hat.

nicole grochowina ist evangelische

Ordensschwester, Historikerin und Mitglied im Rat der EKD. Sie mag es, Zeiten und Welten zu verbinden, »weil Leben gemein­sames Lernen braucht«. andere zeiten 3_2026

Allerseelen

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Ein Brief an die, die bleibt – ein Selbstversuch zum Ewigkeitssonntag von iris macke

Liebe W. , ich habe mich weit aus dem Fenster gelehnt. Vielleicht zu weit. Einen Brief an meine tote Freundin will ich schreiben – an dich. Getrieben hat mich dazu wohl ein irgendwie schlechtes Gewissen. Vor achteinhalb Jahren bist du gestorben und manchmal habe ich das Gefühl, du kommst gar nicht mehr vor in meinem Leben. Dann überfällt mich die Angst, ich könnte dich vergessen. In der Redaktionssitzung ging es neulich um Themenideen für unser Magazin. Und da hörte ich mich sagen: »Ich schreibe einen Brief an W.« Fragende Blicke. »Ein klassisches Trauer­ thema?« – »Nein. Eher ein Lebensthema. Ihr kennt doch den Satz: ›Solange wir an Verstorbene denken, bleiben sie lebendig.‹ Stimmt das eigentlich? Nutzen sich Erinnerungen nicht irgend­ wann ab? Werden Fotos nichtssagend, weil man sie zu oft angeschaut hat und keine neuen hinzukommen?«

N

un sitze ich am Schreibtisch. Habe mir Tee gekocht, habe Zeit nach hinten raus. Perfekt, um einen Brief zu schreiben. Und jetzt? Muss ich etwas recherchieren? Vielleicht neue Trauertheorien einfließen lassen, die sagen: Mit der Zeit wird aus Trauer Dankbarkeit? Ich lese mich durch verschiedene Trauermodelle und bleibe beim »Modell fortbestehender Bindungen« von Klass, Silverman und Nickman hängen: Die Liebe zur verstorbenen Person endet demnach nicht mit ihrem Tod; die Bindung wird lediglich in eine innere, mentale oder soziale Verbindung umgewandelt. Klingt gut. Aber irgendwie auch so technisch. Das Gefühl, dass du mir entgleitest, bleibt. Deine Handynummer ist zwar immer noch eine von insgesamt zweien auf dieser Welt, die ich auswendig kann. Neulich war ich mir aber nicht einmal mehr sicher, an welchem Datum du genau gestorben bist. Den 10. November, deinen Geburtstag, vergesse ich nie. Über zwanzig Jahre lang bin ich am Tag zuvor bis Mitternacht wach geblieben, nur um dir als Erste zu gratulieren. Dein Todestag stand mir in den ersten Jahren immer so bevor. Heute muss ich in den Chatverlauf mit deiner Schwester schauen – wir schreiben uns immer zu deinem Geburts- und Todestag. 11. Februar.

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Ewigkeitssonntag

Ich habe einmal gelesen, wie schräg es eigentlich ist, dass man sein Leben lang an seinem eigenen Todestag vorbeilebt. Ich weiß nicht, ob du und ich uns jemals an einem 11. Februar gesehen haben. Laut den gespeicherten Nachrichten in meinem Handy nicht. Gerade habe ich wieder durchgescrollt. Wie viel wir uns geschrieben haben in deinen letzten Wochen. Die erste Nachricht über den Krebs im Oktober 2017: »Die Untersuchung hat tatsäch­ lich ergeben, dass da was ist, das da nicht hingehört.« Sechzehn Wochen später warst du tot. Unfassbar. Und heute? Bist du ein Teil von mir geblieben. Glaube ich. Um mir dessen ganz sicher zu sein, schreibe ich dir diesen Brief. Und weiß jetzt, was ich tun will. Einen Punkt machen. Mir Zeit nehmen. Nicht zum Schreiben, sondern zum Hinschauen. Vier Wochen, in denen ich jeden Moment festhalten will, in dem du mir nah bist.

Nach vier Wochen Spurensuche Ich habe mir Sprachnachrichten geschickt. Es sind viele, ein Glück. Manchmal nur zwei, drei Wörter. »Nordisch nobel« – das ist ein Zitat aus dem Lied »Der Weg« von Herbert Grönemeyer, bei dem mir sofort die Tränen in die Augen schießen, weil ich dich lachen sehe. Unser Küchen-Radiosender hat das in seiner Playlist. Sofort warst du mit im Raum.


Z

ufällig hab ich von Weitem das »Häschen« gesehen. So haben wir unter uns scherzhaft den Mann genannt, mit dem du in deinen letzten Jahren immer mal wieder zusammen warst. Persönlich begegnet bin ich ihm damals nur einmal zufällig in deinem Krankenhauszimmer. Eigentlich hast du nicht in sein Leben gepasst. Ob er auch noch an dich denkt? Ich gehe essen mit A. und K. Manchmal erinnern wir uns gemeinsam an dich und können herzlich lachen. Dann ist es ein bisschen so, als würdest du mit uns am Tisch sitzen. Heute er­ zählt K. eine kurze Anekdote, wir anderen nicken, schweigen aber danach. Nicht peinlich oder unangenehm – eher so, als sei gerade nicht der richtige Zeitpunkt, um Erinnerungen zu teilen. Ich fahre im Auto über die Landstraße. Das »Achtung! Wild­ wechsel«-Schild erinnert mich überraschend an die Nacht, als du mich weinend angerufen hast, weil dir ein Reh vors Auto gelaufen war. »Wieso ruft sie denn dich an und nicht die Polizei?«, fragte der Mensch, mit dem ich damals unterwegs war. Ich weiß es nicht. Schock? Vielleicht hätte ich es genauso gemacht.

Eine Parfümflasche mit wenig Duft

z e i ta n s a g e

M Ewigkeitssonntag Zur Ruhe kommen, Einkehr halten, sich erinnern und ausrichten auf etwas, das unser Denken übersteigt: Dafür steht der Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die Namen der Menschen, die in den vergangenen zwölf Monaten gestorben sind, werden in evangelischen Gottesdiensten vorgelesen. Angehö­ ri­ge schmücken Gräber und entzünden Kerzen. Wo Weih­ nachtsmärkte schon eröffnet waren, bleiben Stän­de, Buden und Karussells vielerorts geschlossen. Raum für Trauer und Gedenken entsteht. Und für die Frage, was nach dem Tod kommt. Wie lebe ich ohne den oder die geliebten Menschen weiter? Es geht um die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat − vielleicht ist er ein Durchgang zu etwas Neuem. Wer glaubt, erwartet die empfangenden Arme der Liebe Gottes. Die Ewigkeit wird anders sein, als unsere Ord­ nungen und Vorstellungen es sich ausmalen. Auch in der katholischen Kirche wird am letzten Sonntag vor dem Ersten Advent an das ewige Reich Gottes ge­ dacht. Hier heißt das Fest Christ-König-Sonntag.

andere zeiten 3_2026

ein Archiv mit unseren Sprachnachrichten öffne ich sehr selten. Deine Stimme zu hören ist, als würde ich eine Parfümflasche öffnen, in der nur noch ganz wenig Duft ist. Ich habe ein bisschen Sorge, den Duft zu ver­ brauchen, wenn ich zu oft daran schnuppere. Aber es tut gut zu wissen, dass ich es könnte. Es ist viel passiert seit deinem Tod, Darling (was für eine lustige Geschichte, wie es zu diesem Spitznamen kam!). Dein Patenkind, mein Sohn, ist konfirmiert worden. Manchmal denke ich: »Wie gut, dass du die Corona-Pandemie nicht erleben musstest.« Du warst immer so viel unterwegs, hast so viele Menschen getroffen. Nun bist du schon lange nicht mehr da. Aber dieses Festhalten von Erinnerungen, von Augenblicken, in denen du bei mir bist, hat mir gutgetan. Es gab in den letzten vier Wochen noch viel mehr davon, die ich für mich und dich behalte. Sie zeigen mir: Du entgleitest mir nicht. Du bist lebendig in meinem Leben. Und ich freue mich auf viele weitere gemein­ same Momente mit dir.

Deine Iris

Die Freundin von iris macke ist an der Nordsee aufgewachsen. Der Kosename »Darling« bleibt für immer für sie reserviert. Ewigkeitssonntag

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Der Andere Advent für Kinder

Ein Kalender für alle Sinne Der Andere Advent für Kinder ist ein Mitmach-Kalender – und wir freuen uns über die Post unserer jungen Leser­ innen und Leser dazu. Im vergangenen Jahr schickte uns die damals neunjährige Clara aus München ein Bild von den »Adventssängern«, die sie nach der Anleitung im Kalender erstellt hatte, und schrieb: »Die Basteleien mag ich am meisten!« Die damals sechsjährige Anna gestaltete mithilfe des Kalenders Karten mit einem gestempelten Kranz: »Ich hab solche Karten gleich für meine Omas und meine Lehrerin zu Weihnachten gemacht.« Und die Geschwister Theo und Klara malten einen bunten Adventsweg, auf dem jeden Tag bis Heiligabend ein Licht weiterwandert. Was die jungen Leser:innen wohl dieses Jahr entdecken werden? Auch 2026 gibt es im Anderen Advent für Kinder vom Vorabend des Ersten Advent bis zum Dreikönigstag am 6. Januar wieder jeden Tag etwas, das Herz, Kopf und Hände beschäftigt: Geschichten, die zeigen, dass der Advent uns weltweit mit anderen verbindet, knifflige Rätsel und Spiele, Bastelideen wie ein selbst gemachtes Memo-Spiel, Experimente, kleine Aktionen für den Alltag und wie immer ganz viel Witz. Und genau wie im Anderen Advent für Erwachsene begeben sich die Sonn­tage auf die Suche nach besonderen Zeichen in der Advents- und Weih­ nachts­­zeit. Der Andere Advent für Kinder bringt Kinder im Grundschulalter ins Gespräch über den Glauben im Alltag. In kleinen Momenten der Nähe, im Teilen, im Staunen über das Licht. So wird aus jedem Tag im Advent ein kleiner Schritt auf Weihnachten zu.

A lle Infos zum Bestellen des Anderen Advent für Kinder finden Sie am Ende des Magazins und unter: anderezeiten.de/bestellen

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Advent


ENDLICH!

Ohne Worte Wie ein Häufchen Elend lag ich auf der Couch, nachdem mich der erste große Liebes­ kummer dazu gezwungen hatte, wieder bei meinen Eltern auf der Matte zu stehen. Im Kreise meiner Liebsten fühlte ich mich zwar wie in Abrahams Schoß, aber mit mir war nicht gut Kirschen essen. Abwechselnd versuchten meine Fami­lien­ mit­glieder, sich Aufmun­te­ rungs­versuche aus dem Ärmel zu schütteln: Es hat nicht sein sollen. Die Zeit heilt alle Wunden. Wer weiß, wofür es gut ist. In absehbarer Zeit blickst du ganz anders auf die Sache. Aber sie trugen nur Eulen nach Athen. Der wahre Jakob war nicht dabei. Für mich war kein Ende in Sicht. Es war zum Mäusemelken und sowieso alles Jacke wie Hose. Glück ist doch das Einzige, was mehr wird, wenn man es teilt. Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Viel Wasser floss den Rhein hinunter und schließlich war ich über den Berg. Gras wuchs über die Sache. Ich stand auf, richtete meine Krone und ging weiter. Bis andere zeiten 3_2026

sich mein bester Freund bei mir meldete. Die Sorte Freund, mit dem man durch dick und dünn geht und den man um drei Uhr nachts anrufen könnte, um mit ihm Pferde zu stehlen. Seine Beziehung sei den Bach runtergegangen. Der Drops sei gelutscht.

Erst mal abwarten und Tee trinken Hals über Kopf machte ich mich auf den Weg. Ich schwitzte Blut und Wasser: Was soll ich ihm sagen? Wie baue ich ihn auf? Mein Kumpel war völlig neben der Kappe. Mich jetzt bloß nicht wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen. Erst mal abwarten und Tee trinken. Er erzählte lang und breit. Dann lag der Ball in meinem Feld. Würde ich den Elfmeter verwandeln? Ich nahm all meinen Mut zusammen, aber ich hatte ein Brett vor dem Kopf: »Es hat nicht sein sollen.«

Ich verlor den Faden. »Die Zeit heilt alle Wunden.« Das durfte doch wohl nicht wahr sein! »Wer weiß, wofür es gut ist.« War ich von allen guten Geistern verlassen? »In absehbarer Zeit blickst du ganz anders auf die Sache.« Die Büchse der Pandora war geöffnet, aber das machte den Kohl jetzt auch nicht mehr fett. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Und immer­hin: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Und so saßen wir dort wie die Hühner auf der Stange. Das Schweigen war so laut, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann fiel der Groschen. Ich wollte noch etwas sagen wie: Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. Aber ich biss mir auf die Zunge, sah meinen Freund an und nahm ihn in den Arm. Ganz ohne Worte. nele beste

Kolumne

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Neues aus dem Andere Zeiten-Haus

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fisch und donner *

DIE STIMM-FREUNDIN snježana jurić liebt die Doku-Reihe »Lebenslinien« im BR-Fernsehen. Biogra­ fien und Lebenswege faszinieren sie – auch ihr eigenes Leben hat schon unerwar­ tete Wen­dungen genommen. Die ausge­ bildete Verlagskauffrau arbeitete lange als Marketing­expertin und ließ sich zur Coa­ chin ausbilden, bevor sie 2025 zu Andere Zeiten kam. Sie liebt besonders den Kon­ takt mit unseren Leser:innen am Telefon. Denn sie ist überzeugt: »Allein die Stimme kann eine ganze Geschichte erzählen.« Obwohl sie in Hamburg geboren und auf­ gewachsen ist, spürt sie ihre kroatischen Wurzeln. Bei ihren alljährlichen Reisen ins Land an der Adria kann Snježana, wie sie sagt, »die Seele auftanken«. Ihre Familie pflegt kroatische Traditionen, vor allem an Weihnachten. So gibt es an Heiligabend kein Fleisch, sondern Fisch mit Kartoffel­ salat, ehe es zur Mitternachtsmesse in den Hamburger Mari­en­dom geht.

Mit Hand und Fuß Unser Garten in der Fischers Allee ist immer wieder ein Genuss: Kollegin Meike Müggenburg nutzte in diesem Sommer die Wiese hinterm Haus, um in ihren Pausen mit Teamhündin Pina zu spielen. Auch in der Donnerstraße haben wir uns mit Hand und Fuß bewegt. Denn was wir Ihnen, unseren großen und kleinen Leserinnen und Lesern, vorschlagen, testen wir selbstverständlich zuerst selbst. So war es auch bei der Body-Percussion, die sich im diesjährigen Anderen Advent für Kinder findet. Damit jeder und jede sie gut nachmachen kann, haben wir ein Video für unsere Website dazu aufgezeichnet, das wir im Advent freischalten. Bis es so weit ist, braucht Ulrike Berg noch viel Geduld. Denn sie bekam zum Geburtstag von der Redaktion ein Puzzle mit 1000 Teilen geschenkt. Das Motiv: ein Erinnerungsfoto an den Katholikentag im Mai. Es zeigt das Andere Zeiten-Team beim Abendausklang auf der Alten Mainbrücke in Würzburg nach einem Tag voll erfüllender Begegnun­ gen und Workshops.

Impressum

Iris Macke, Axel Reimann, Sarah Seifert

links: © Moritz Dehler/moritzdehler.com;

Tel. aus Österreich: 0732 76 10 - 38 13)

Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr

(Assistenz), Kirsten Westhuis

rechts: © Georg Bodenstein; Mitte: privat;

und die Schweiz (bei Tecum, Tel. aus

Herausgeber: Andere Zeiten e.V. –

Projektleitung Sabine Henning

S. 6: Adrienne Bresnahan/Getty Images;

der Schweiz: 052 720 73 81).

Initiativen zum Kirchenjahr

Gesamtverantwortung Ulrike Berg

S. 9: Charlotte Sattler, charlottesattler.de;

Spendenkonto Andere Zeiten e.V.,

Vertreten durch den Vorstand:

Gestaltung koop-bremen.de,

S. 12/13: Maria Feck, mariafeck.com,

Evange­lische Bank (EB),

Oliver Spies und Florian Theuerkauff

Sabine Veerkamp

das Foto zeigt die Köchin Antje de Vries

IBAN: DE74 5206 0410 0006 4243 41;

Fischers Allee 18, 22763 Hamburg

Korrektorat Susanne Brütt

nahe der norwegischen Insel Midtøy

BIC: GENODEF1EK1. Geben Sie bei

Internet anderezeiten.de und

Druck Druckzentrum Neumünster,

beim Algensammeln; S. 14 links oben:

Spenden gern Ihre AZ-Nummer oder

andershandeln.de

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Julia Toetzke; rechts oben: © Andere

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Telefon Bestellungen 040 / 47 11 27 27

Illustrationen S. 16/17: Ramona Ring,

­Zeiten e.V.; S. 18/19: Kinka Tadsen/­

uns bei Ihnen bedanken!

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kinkatadsen.de; gestreiftes Papier im

Telefon Redaktion 040 / 47 11 27 51

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Hintergrund: Heather Green/unsplash;

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S. 5, 8, 10, 17, 19: Hendrik Jonas,

S. 22 links oben: Nicole Malonnek,

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Redaktion Ulrike Berg, Nele Beste,

S. 4 oben rechts: Anush Babajanyan,

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anush-babajanyan.com; Porträts:

Buch & Segen, buchundsegen.at,

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Bei uns

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Leseglück im Herbst

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und Advent

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3

neu

1

Dein Tun hinterlässt Spuren ein erster Gedanke wird sichtbares Zeichen aus leisem Vielleicht wachsen Formen, wird Gestalt

2

Längst liegt leuchtend Segen im Holz, im Wort, im Blick im Licht dessen, der kommen wird ist dir seit jeher gesagt – du bist gehalten.

neu 4

1 Kalender Der Andere Advent 2026/27 DIN A4 mit Spiralbindung € 11,80*

neu 5 6 4 Wimmelbilder DIN A4 zum Aufklappen und Aufstellen Wimmelbild »Herbst« € 1,50* Wimmelbild »Advent« € 1,50*

2 Kalender Der Andere Advent für Kinder 2026/27 DIN A5 mit Spiralbindung und auftrennbaren Seiten € 9,80*

5 Wunde/r Ein Begleitbuch in Krise und Brise 172 Seiten, 21,5 x 15 cm, gebunden € 11,50*

3 Klappkarte Advent 2026/27 DIN A6 mit eingedrucktem Text (siehe oben) € 0,65*

6 Anders Handeln Heft 3/2026: Übergänge 68 Seiten, 20,5 x 26 cm, Paperback € 7,50*

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Anders Handeln im Abo Für € 27,– im Jahr (inkl. Versand) senden wir Ihnen ab der nächsten Ausgabe 1/2027, die im Januar erscheint, die folgenden drei Hefte zu. 7 Famos! Erstaunliche Geschichten für andere Zeiten 48 Seiten, 18 x 15 cm, gebunden, mit 22 Illustrationen € 7,–*

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ANDERE ZEITEN E.V.

Die Mutprobe

FISCHERS ALLEE 18

22763 HAMBURG

Ein Bad suchte einen Schwimmmeister. Bei einem Kennenlern­termin führte die Badleiterin die Bewerberinnen und Bewerber zu einer geschlossenen Tür und erklärte: »Dieses Schloss ist durch die feuchte Luft oxidiert. Ich bekomme es einfach nicht auf. Könnte mir jemand von Ihnen dabei helfen?« Die erste Bewerberin ging zur Tür, begutachtete das Schloss von allen Seiten, verlangte einen Schraubendreher und versuchte, es abzumontieren. Doch nichts rührte sich. Der zweite Kandidat schlug vor, Öl in das Schloss zu träufeln. Die Chefin gab vor, danach zu suchen, kam jedoch bald mit leeren Händen zurück. Als sich alle schon abwenden wollten, ging die dritte Bewerberin auf die Tür zu, nahm den Griff und zog die Tür auf. »Das Schloss war gar nicht kaputt«, erklärte die Chefin. »Ich wollte nur sehen, ob Sie alles glauben, was man Ihnen sagt.« Dann streckte sie der letzten Bewerberin die Hand entgegen: »Herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Job.«


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