Seit 1958 in bester Lage am schönen Kirchplatz von Völs
Klein aber fein In seinem alles andere als weitläufigem Ladenlokal am Völser Dorfplatz führt Rainer Delago in dritter Generation einen der letzten echten Dorfläden, ganz im sprichwörtlichen Tante-EmmaStil. Doch das Angebot überrascht - und beweist, dass man eine Familientradition pflegen und sie gleichzeitig ausgesprochen innovativ weiterführen und offen für neue Ideen sein kann.
W
»
32 ALPE | Winter
Wie aus der Zeit gefallen kommt er zunächst daher, der im Dreieck mit Kirche und Kreuzwirt gelegene Markt am Platz J. Delago, mit seinem eleganten, in die Hauswand eingelassenen Keramikschriftzug. In den eher minimalistisch gehaltenen Schaufensterauslagen findet sich eine wechselnde Mischung aus lokalen Spezialitäten, weißem Emaillegeschirr mit blauem Rand und unprätentiösen Haushaltswaren. Im Inneren des Ladengeschäftes, dessen Wandregale und Kassenbereich noch den unverkennbaren Charme der 1970er versprühen, traut man seinen Augen kaum: Denn hier scheint nicht nur die Zeit stehen geblieben zu sein, es gibt offenbar - und der Eindruck trügt nicht! - einfach alles. Vom säuberlich sortierten Wollregal, über Kurzwaren, Haushaltsutensilien, Socken und Strümpfen, ein umfangreiches Drogeriesortiment bis hin zum eigentlichen Schwerpunkt: Feinkost und Lebensmitteln. Man kann auf 80 m2 alles anbieten, was der Mensch braucht, wenn der Händler die Auswahl auf das reduziert, was er aus Erfahrung oder Überzeugung für not-
wendig oder qualitativ überzeugend erachtet. Die kreative Selbstbeschränkung mag zunächst dem verhältnismäßig geringen Platzangebot geschuldet sein, aber Rainer Delago hat aus dieser Not eine veritable Tugend gemacht. Der zunächst eher zurückhaltend wirkende Mann um die 50, wird lebhaft und überraschend gesprächig, wenn man ihn zur Geschichte und Philosophie seines kleinen Ladenuniversums befragt, das trotz der Konkurrenz zweier ausgewachsener Supermärkte beharrlich seinen Stammplatz am malerischen Völser Kirchplatz behauptet. Und dieser Stammplatz hat Tradition: Die Gründung des Geschäftes geht zurück auf den Großvater Johann Delago. Als Sohn einer kinderreichen Familie aus Pufels kam er 1931 nach Völs und pachtete den Gasthof „Kreuzwirt“ mit dem dazugehörigen Lebensmittelgeschäft, denn Wirtshaus und Lebensmittelladen waren in jener Zeit nicht selten unter einem Dach und einer Führung anzutreffen. Auf alten Fotos ist gut erkennbar, dass der heu- »
Text: Sabine Funk Fotos: Helmuth Rier
Winter | ALPE 33
Marianne und Rainer Delago (im Bild rechts) führen in ihrem Dorfladen ein ansehnliches Sortiment.
tige Barbereich des Kreuzwirts damals das Ladengeschäft beherbergte. Als bei der Bombardierung von Völs 1945 auch das Gebäude des Kreuzwirtes teilweise zerstört wurde, übersiedelte Johann Delago Senior zunächst mit seinem Geschäft zum damals am Obervölser Platz gelegenen „Löwenwirt“, nach kurzer Zeit jedoch nach Bozen. Dort betrieb die Familie dann einige Jahre das am Bozner Boden gelegene Restaurant „Penegal“, das heute noch existiert. 1958 ergab sich die Möglichkeit, gegenüber vom „Kreuzwirt“ am Untervölser Kirchplatz ein Haus zu kaufen und Johann Delago nutzte die Gelegenheit, um mit seiner Familie nach Völs zurückzukehren. Hier ist seither das Ladengeschäft ebenso beheimatet, wie die Familie Delago selbst. Das Gebäude bzw. sein Standort hatte über die Jahrhunderte eine wechselreiche Geschichte erlebt. Bereits im 16. Jahrhundert sind ein Kramladen und ein Wirtshaus dokumentiert, damals geführt vom „Stoffl Schweizer“, es folgten viele
34 ALPE | Winter
wechselnde Besitzer und Nutzungen. So befand sich das Gebäude Mitte des 17. Jahrhunderts auch im Besitz derer von Kuehpach und wurde in jener Zeit als „Frischhaus“ bezeichnet, also zur Sommerfrische genutzt, bevor es vorübergehend auch als Arztpraxis und später Schneiderwerkstatt diente und Anfang des 18. Jahrhunderts schließlich vollständig abbrannte. Nach vielen Besitzerwechseln wurde das Haus mit der Übernahme durch die Familie Delago wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt und ist seit über 60 Jahren wieder „Kramladen“. In so einem Laden wächst man auf – und man bleibt, wie in Familienbetrieben üblich, auch weit über das Standardrentenalter aktiv. Der 1942 geborene Vater des heutigen Eigentümers, der ebenfalls den Namen Johann trug, war hier sein ganzes Leben bis zu seinem Tod 2007 tätig, und jeder kennt seine fast täglich an der Kasse anzutreffende Witwe Marianne, die 1966 aus dem Sarn- »
»
Winter | ALPE 35
Rainer Delago ist in und mit dem Geschäft seiner Eltern aufgewachsen. Ihm ist Qualität wichtig.
Delago führt viele Produkte aus ökologischer, regionaler und fairer Herstellung (– eine mehr als zeitgemäße Devise)
tal nach Völs kam und keineswegs den Eindruck macht, als ob sie mit bald 80 Jahren des Ladenlebens überdrüssig sei. Auch Rainer Delago und seine Schwester sind zwischen den engen Regalgängen aufgewachsen und haben hier seit der Kinderzeit ausgeholfen. Rainer Delago habe immer gewusst, dass er den Laden übernehmen würde. Sein Weg führte über die Matura an der Handelsschule direkt in den elterlichen Betrieb. Seine jüngere Schwester Irene, eine bekannte Hebamme und selbst nicht selten im Laden aushelfend anzutreffen, habe sich für die Laufbahn im Gesundheitswesen entschieden, aber ihn selbst hätten Essen und Trinken einfach immer schon interessiert, sagt Rainer Delago. Nachhaltigkeit. Das glaubwürdige, geradezu brennende Interesse an den Zusammenhängen zwischen Produktionsbedingungen, Vertriebswegen und Konsumentenverhalten in der Lebensmittelbranche treibt ihn spürbar an. Wenn er im Ausland sei, ginge er dort immer in die Supermärkte, das sei seine Berufskrankheit, erklärt Rainer. Und nicht alles, was er etwa in großen Handelsund Discounterketten mit ihren Dumpingpreisen sieht, gefiele ihm. Das verwundert nicht, denn im kleinen Markt am Platz gibt es ein auf-
fällig dichtes Sortiment an biologischen Lebensmitteln, Fair Trade Produkten sowie Erzeugnissen regionaler Herkunft, gerade auch der Völser Direktvermarkter. Gleich nachdem er das Geschäft übernommen habe, sei er auf ein damals von Handels- und Dienstleistungsverband und der Umweltagentur verliehenes Umweltsiegel aufmerksam geworden, erklärt Rainer Delago. Er habe sich den Kriterienkatalog angesehen und gemerkt, dass er eigentlich kaum etwas anpassen müsse, um den Anforderungen - ökologisch, biologisch, regional und fair - zu genügen. Denn neben ökologischen Aspekten käme es für ihn vor allem auf Qualität an, was oft automatisch zusammenfiele, so etwa bei den Altro Mercato (Fair Trade) Lebensmitteln und den bäuerlichen Erzeugnissen der Region. Gerade letztere werden von Einheimischen und Gäs ten gerne im von Delago kreierten „Völser Taschl“ zusammengestellt und verschenkt. Man müsse Ideen haben, um als kleiner Laden zu bestehen – der Markt J. Delago ist mit der Schließung der Fleischerei Pramstrahler das letzte von sieben Geschäften, die es mal am Kirchplatz gegeben hat. Wann es den Markt am Platz wohl treffen wird? Rainer Delago lacht und lässt sich zu keiner Prognose hinreißen. «
Rainer Delago ist auch in der Video-Serie Völs im Herzen/Fiè nel Cuore auf der Facebook-Seite des Tourismusvereins Völs am Schlern https://www.facebook.com/voelsamschlern/, oder auf YouTube http://bit.ly/VoelsimHerzen-FienelCuore zu sehen.
36 ALPE | Winter
Winter | ALPE 37