Skip to main content

Krönlein für die jungen Frauen

Page 1

Krönlein für die jungen Frauen Eine historische Tracht im Wandel der Zeit.

»


Von der Jungfrauen- zur Unbeflecktentracht. Ursprünglich diente, so der bekannte Heimatforscher Hans Fink, diese spezielle Tracht auch als Brautkleid, worauf die buntglänzende „Krone“ hindeutet, die in ähnlicher Form bei historischen Brautkappen in anderen Regionen auftritt. Später bürgerte sich ein, Bauernhochzeiten im Winter zu feiern, weil man da genug Zeit für die aufwändigen Vorbereitungen hatte. Seitdem feiert die Braut, sofern sie in Tracht heiratet, den Hochzeitstag in warmer dunkler Kleidung – mit Schürze in schwarzer Moiréseide und grünem breitkrempigen Hut, um den sich ein Myrthenzweig windet. Die Jungfrauentracht tragen die Mädchen fast ausschließlich nur noch bei den kirchlichen Prozessionen, als Trägerinnen der Statue der Unbefleckten Muttergottes und als deren Begleiterinnen. Deshalb hat sich für dieses wunderschöne Gewand im Laufe der Zeit ein neuer Name eingebürgert und ist jetzt allgemein nur mehr als Unbeflecktentracht bekannt. Zeichen des Wohlstandes. „Die Trachten“, berichtet Fink „ haben sich in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder verändert.“ Die Landbevölkerung, einst schlicht in hausgemachte Textilien wie braunem Loden und gräulichem Leinenstoff gekleidet, kopierte seit dem ausgehenden Mittelalter, was ihr Städter und Adel vorlebten. Besonders in Kastelruth hatte sie dazu reichlich Gelegenheit, residierten dort doch seit 1556 die Krausen, ein wohlhabendes ungarisches Adelsgeschlecht, das prächtig Hof hielt und beste Vorlagen zur Imitation bot. Natürlich konnten sich nicht alle leisten, die neuen Moden mitzumachen. „Im Grunde war es immer auch Sache des Standesdünkels und des GeldbeuFesche Kastelrutherinnen in Jungfrauen-Tracht bei der Prozession.

tels, ob man sich eine teuere oder eine einfache Tracht anschuf“, begründet Hans Fink die Vielfalt der Trachten. Die reichsten Bauern scheuten jedenfalls nicht die Kosten für vornehme Seide, feine Leinen- und Wollstoffe, venezianische Spitzen, reich gestickte Ledergurte, Silber- und Goldschmuck, sie trugen ihren Wohlstand selbstbewusst zur Schau und an hohen Feiertagen zeigten sich auch Frau und Nachwuchs in prächtigen Gewändern.

»

I

n früheren Zeiten unterschied sich jeder Gesellschaftsstand durch die eigene Tracht. Außerdem wechselte je nach Alter oder Familienstand das Kostüm. Es gab also eine Vielzahl von Trachten, und bis heute haben sich in den Dörfern unter dem Schlern mehrere Formen der Trachten nebeneinander erhalten, gut ein Dutzend für das männliche wie das weibliche Geschlecht. Sehr detailreich, ja prunkvoll und doch im Ganzen harmonisch präsentiert sich die Tracht der unverheirateten Frauen, deren hervorragendes Merkmal die Farbe Weiß ist, seit Jahrhunderten Symbol für Reinheit und Jungfräulichkeit.

Spitzen und Brokat. Ein schwarzer langer Rock und eine weiße Leinenbluse mit kräftig gestärk­ ten kurzen Puffärmeln, deren Abschluss eine breite gekräuselte Spitze ziert, bilden die Grundausstattung der Unbeflecktentracht. Dazu kommt ein weißes ausladendes Spitzengoller (ein über dem Mieder getragener Kragen), auf dem deutlich das gestickte Monogramm der Trägerin zu sehen ist. Darunter trägt die junge Frau ein Mieder aus rotem Brokat, verziert mit grünen Samtbändern und dekoriert mit einem rotseidenen Brokat-Einsatz, das vorne mit Hilfe von 20 Silberhaken und einer Goldborte zugeschnürt wird. Über all der Pracht hängt auch noch eine lange Silberkette in mehreren Schlingen von der Brust. Die Arme sind von weißen gehäkelten „Tatzlen“ bedeckt. Diese sollten wohl früher die sonnengebräunte Haut kaschieren, die der im Freien arbeitenden Landbevölkerung im Gegensatz zu den Stadtbewohnern und Adligen nun einmal eigen war. Die Schürze mit bunten Seidenbändern ist aus weißem Tuch, die roten Wollstrümpfe stecken in flachen, schwarzen mit grünen Seidenbändern verzierten Schuhen. Das Auffallendste ist aber wohl der Kopfschmuck, eine zylinderförmige „Krone“ aus buntglänzendem Flitter, die mit roten Seidenbändern unter dem geflochtenen Haar am Hinterkopf befestigt ist.

Text: Rosa Maria Erlacher Fotos: Helmuth Rier

Sommerliche Festtagstracht. Die luftige Aufmachung dieser historischen Tracht lässt darauf schließen, dass sie nur in der warmen Jahreszeit getragen wurde. Das war geschickt, denn so brauchten die Mädchen keinen unansehnlichen Kälteschutz und ihre kostbare Kleidung kam voll zur Geltung. Diese zeitliche Abstimmung gilt übrigens bis auf den heutigen Tag, finden doch die Prozessionen zum Herz-Jesu-Fest, zum Kirchtag, zum Fronleichnams- und Erntedankfest ausschließlich in den Sommermonaten statt. «

Sommer | ALPE 35


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Krönlein für die jungen Frauen by Seiser Alm | Alpe di Siusi - Issuu