AKTION
ÄTHIOPIEN Gesunde Frauen, gesunde Kinder
# 01 / 2022
SOMALIA & SÜDSUDAN
MENTALE GESUNDHEIT
Der Kampf gegen das Virus
Psychologische Hilfe in humanitären Krisen
AKTION # 01 / 2022
EDITORIAL LIEBE LESERINNEN UND LESER, Hebammen, Ärzte, Gesundheitspersonal und Psycholog*innen nehmen eine zentrale und unverzichtbare Rolle in unseren weltweiten Programmen ein. Sie fragen sich vielleicht: Wie passt das zusammen mit unserer Mission „Eine Welt ohne Hunger“? Was haben Impfungen, Traumatherapien oder die Betreuung von Schwangeren mit Mangelernährung zu tun? Die Antwort darauf lautet: Viel. Hunger und Mangelernährung sind untrennbar verknüpft mit dem Gesundheitszustand einer Person. Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie an 40 Grad Fieber und Brechdurchfall leiden, wird Ihnen nicht nach einer ausgewogenen Mahlzeit zumute sein. Gleichzeitig verliert ihr Körper wichtige Nährstoffe und Wasser – für Menschen, die ohnehin schlecht ernährt sind, eine lebensgefährliche Situation. Auch nach einem traumatisierenden Erlebnis, beispielsweise sexualisierter Gewalt, Krieg oder einer Naturkatastrophe, ist es für viele Menschen schwierig, die Fürsorge für sich und ihre Familie aufrechtzuerhalten. Sie sind häufig nicht mehr in der Lage einer Arbeit nachzugehen, regelmäßig Mahlzeiten zuzubereiten und sich und ihre Familie zu versorgen. Auf diese Weise verstärkt sich der Kreislauf aus Krankheit, Armut und Hunger für Menschen, die keinen Zugang zu grundlegenden Gesundheitsleistungen 2
haben. Um diese Spirale zu durchbrechen, beinhalten unsere Hilfsprogramme oft auch Gesundheitsdienstleistungen. Beispielsweise behandeln wir in unseren mobilen Kliniken nicht nur mangelernährte Kinder, sondern auch Schwangere und stillende Mütter. Das ist wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder, denn der Ernährungsstatus in den ersten 1.000 Tagen eines Lebens ist entscheidend. Auch auf politischer Ebene machen wir uns dafür stark, dass jeder Mensch die medizinische Versorgung erhält, die er benötigt. Wir fordern dafür beispielsweise die Einrichtung eines weltweiten sozialen Schutzsystems, das wichtige Gesundheitsleistungen allen Menschen zugänglich macht – unabhängig von finanziellen Mitteln oder Herkunft. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie diese wichtige Arbeit mit Ihrer Spende überhaupt erst möglich machen! Dieses Heft ist unseren Mitarbeitenden vor Ort gewidmet, die mit Ihrer Hilfe weltweit Menschen neue Hoffnung schenken!
INHALT 02
Editorial
03
Äthiopien: Gesunde Frauen,
04
Somalia & Südsudan: Der Kampf
06
gesunde Kinder
gegen das Virus
Mentale Gesundheit: Psychologische Hilfe in humanitären Krisen
07 Aktuelles
IMPRESSUM Redaktion: Lisa Paping, Vassilios Saroglou, Laura Wagener, Kristin Vienco Geschäftsführer: Jan Sebastian Friedrich-Rust Aktion gegen den Hunger Wallstr. 15 a / 10179 Berlin www.aktiongegendenhunger.de Redaktionsschluss: 19.01.2022 Gestaltung: Drees + Riggers GbR Druck: KOOPMANNDRUCK GmbH Gedruckt auf FSC-Mix Papier. Titelfoto: Doktor Geri Paulino arbeitet für Aktion gegen den Hunger in Paguir im Südsudan. Er ist der einzige Arzt in der Region. © Aktion gegen den Hunger/Peter Caton
Sarah Buchstaller Referentin Programme & Institutionelle Partnerschaften I Aktion gegen den Hunger
© Aktion gegen den Hunger/Peter Caton
ÄTHIOPIEN
Auch in Peru beraten unsere Gesundheitshelfer*innen rund um das Thema Stillen. Hier zu sehen bei einer Familie in der Region Lucanamarco. © Aktion gegen den Hunger/Lys Arango
GESUNDE FRAUEN, GESUNDE KINDER Schwindel, Schwächeanfalle, Sehstörungen – für Hebamme Berwaku Hassen ist klar: ihre im sechsten Monat schwangere Patientin Abdiya Edin leidet unter Mangelernährung und Nährstoffmangel. Abdiya erhält von Berwaku Mikronährstoffe und Medikamente zum Einnehmen gegen ihre Beschwerden. Abdiya hat Glück: Bald werden sich ihre Symptome lindern. Viele Frauen in Äthiopien haben weniger Glück: Rund die Hälfte von ihnen leiden unter gefährlicher Blutarmut, auch Anämie genannt. Zu den häufigsten Ursachen gehört der Mangel an Nährstoffen, wie Eisen, aber auch Folsäure, VitaminÄTHIOPIEN
B12 und Vitamin-A. Auch Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder HIV sind häufige Ursachen für die Erkrankung. Unbehandelt kann Anämie schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Kinder haben. Niedriges Geburtsgewicht und Sauerstoffmangel unter der Geburt können zu Schäden an den Organen führen und sich negativ auf Wachstums- und Entwicklungsverzögerungen sowie Blutarmut bei den Neugeborenen selbst. Chronische Anämie führt zudem zu einer Schwächung des Immunsystem, die das Risiko für Infektionen mit anderen Krankheiten erhöht.
Mangelernährung bei Müttern zu erkennen und zu behandeln ist daher ein zentraler Bestandteil der Arbeit von Aktion gegen den Hunger. Hebammen wie Berwaku kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Sie stehen regelmäßig im Kontakt mit Frauen in den Gemeinden, beraten sie zur richtigen Ernährung in der Schwangerschaft und zusätzlich rund um das Thema Stillen – der besten Vorsorge gegen Mangelernährung im Kleinkindalter. Denn nur gesunde Kinder werden auch zu gesunden Erwachsenen, die den Kreislauf aus generationenübergreifender Mangelernährung durchbrechen können. 3
SOMALIA & SÜDSUDAN
DER KAMPF GEGEN DAS VIRUS Malaria, Ebola und jetzt COVID-19 – in vielen afrikanischen Ländern treffen gefährliche Krankheiten auf eine krisen geschwächte Bevölkerung. Eine Impfung ist für viele der einzige Schutz gegen mögliche Folgen der Infektion. wichtige Aufgabe in einem Land, in dem über eine Million Kinder unter 5 Jahren durch akute Mangelernährung geschwächt sind. Seitdem in Somalia wirksame Impfstoffe gegen das Corona-Virus verfügbar sind, hat sich sein Aufgabenbereich erweitert. © Aktion gegen den Hunger/Bebe Joel
Hussein Mohamed arbeitet als Krankenpfleger für Aktion gegen den Hunger in Somalia. Bis vor kurzem war er mit seinem Team vor allem damit beschäftigt, Kleinkinder gegen Erkrankungen wie Masern, Diphterie oder Tetanus zu impfen. Eine enorm
SCHUTZ UND INFORMATIONEN FÜR ALLE – AUCH IN ENTLEGENEN GEGENDEN
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Hussein arbeitet in einer der Impfstationen, die wir in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung unterstützen. „Seit einiger Zeit verabreichen wir bereits die zweite Dosis des Impfstoffs“, berichtet er. „Teilweise impfen wir zwischen 120 bis 150 Menschen am Tag.“ Der Schutz vor einer schweren Erkrankung ist in Ländern wie Somalia besonders wichtig, denn viele Menschen haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Gleichzeitig ist eine Behandlung für die größtenteils in Armut lebende Bevölkerung meist unerschwinglich, denn eine kostenlose medizinische Grundversorgung gibt es nicht – ebenso wie Informationen rund um Krankheiten, Schutzmaßnahmen und wirksame Impfungen. „Jeden Tag verlassen meine Kollegen das Krankenhaus und gehen in den Gemeinden von Tür zu Tür, um die Menschen über die möglichen Risiken von COVID-19 und die Möglichkeit einer Impfung zu informieren“, erklärt der Krankenpfleger. Zusätzlich sind unsere mobilen Kliniken im Einsatz, um den Impfstoff auch zu den Menschen zu bringen, die sonst keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben. Über 38.000 Menschen wurden so seit Januar 2021 in Somalia geimpft.
SOMALIA & SÜDSUDAN
© Aktion gegen den Hunger/Bebe Joel
IMPFGERECHTIGKEIT Doch damit auch wirklich jeder Mensch ein Impfangebot erhalten kann, ist vor allem der Globale Norden gefragt. Denn bisher klaffen in Afrika Nachfrage und Verfügbarkeit des Impfstoffs weit auseinander. Die Gründe dafür sind unter anderem zurückgehaltene Patente, „Hamster“Bestellungen und Vorabkäufe reicher Staaten, die Unterversorgung mit Impfstoffen der COVAX-Initiative und eine zu
kurze Haltbarkeit von Impfspenden. Doktor Paulino Buda Geri, den Sie auf dem Titelbild sehen können, arbeitet als Arzt für Aktion gegen den Hunger im Südsudan und ist frustriert über die Folgen für seine Patienten: „Als wir unsere Impfstofflieferung erhielten, bildeten sich bereits lange Schlangen. Einige verkauften einen Teil ihres wenigen Besitzes, um sich die Reise zu einer der Impfstellen leisten zu können.
Die COVAX-Initiative soll COVID-19-Impfstoffe allen Menschen auf der Welt zugänglich machen – unabhängig von Einkommen und Region. Die Initiative übernimmt sowohl die Bestellung als auch die Verteilung der Impfstoffe an die teilnehmenden Staaten.
SOMALIA & SÜDSUDAN
Leider mussten wir 60 Prozent der Menschen abweisen, da wir nicht genügend Impfstoffe bekommen hatten. Selbst unsere lokalen Gesundheitskräfte konnten nicht geimpft werden.“ Für den leidenschaftlichen Arzt schwer zu ertragen. „Es gibt keinen Impfstoff für die meisten der immensen Herausforderungen, mit denen mein Land konfrontiert ist – keine einzige Dosis, die Armut, Konflikte oder den Klimawandel lösen könnte“, so Doktor Paulino. „Aber wir haben eine Möglichkeit, uns vor dem COVID-19-Virus zu schützen und wir verdienen die gleiche Chance auf Immunität wie der Rest der Welt. Die Frage ist nun: Wird die Welt so viele Impfstoffe bereitstellen, wie wir brauchen?“
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© Aktion gegen den Hunger/Sandra Calligaro
„ICH KONNTE NICHT MEHR SCHLAFEN, MEINE NÄCHTE WAREN VOLLER ALBTRÄUME.“
MENTALE GESUNDHEIT
PSYCHOLOGISCHE HILFE IN HUMANITÄREN KRISEN Schlaflose Nächte, Angstzustände, kein Appetit – wenn Menschen schwere Traumata erleben, kann das langfristige psychologische Probleme auslösen. In Krisenregionen sind Menschen solchen Schicksalsschlägen ungeschützt ausgesetzt. Wer im Krieg nahestehende Angehörige verliert, auf der Flucht sexuell missbraucht wird oder nach einem Erdbeben sein Zuhause verliert, durchlebt in der Folge oft Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. „Ich konnte nicht mehr schlafen, meine Nächte waren voller Albträume. Ich hatte 6
jeden Tag Kopfschmerzen. Beim kleinsten Geräusch zuckte ich zusammen. Mein Leben auf dieser Erde hatte für mich keinen Sinn mehr.“ Aïcha hat eine gefährliche Flucht aus ihrer Heimat Nigeria überlebt, wo bewaffnete Milizen die Bevölkerung bedrohen. Mit der Hilfe von Aktion gegen den Hunger hat sie sich ein neues Leben im Nachbarland Niger aufgebaut und in einer Gruppentherapie ihre traumatischen Erfahrungen verarbeitet. Eine psychische Belastung kann sich negativ auf die Eltern-Kind-Bindung und den Familienzusammenhalt auswirken.
Viele Eltern sind nicht mehr dazu in der Lage, einer bezahlten Arbeit nachzugehen und ihre Kinder mit Nahrung zu versorgen. Um Mangelernährung bei Kindern vorzubeugen, ist die mentale Gesundheit der Eltern ein wichtiger Faktor. Besonders für Mütter ist psychologischer Stress fatal: Depressive Mütter können oft nicht mehr stillen, was die Gesundheit ihrer Babys gefährdet. „Die Erfahrung sexualisierter Gewalt führt bei vielen Frauen zu Depressionen und anderen psychischen Problemen. Das macht es ihnen schwerer, für sich selbst und ihre Kinder zu sorgen,“ berichtet einer unserer Mitarbeitenden aus Afghanistan, wo seit Jahrzehnten eine humanitäre Krise herrscht. In diesem Kontext sind Frauen oft von Diskriminierung und sexuellem Missbrauch betroffen. Ein Schwerpunkt von Aktion gegen den Hunger ist die psychosoziale Betreuung von Frauen und Mädchen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Neben unserer materiellen Unterstützung ist die psychologische Erste Hilfe ein fester Bestandteil unserer Hilfsprogramme. Wir unterstützen die Betroffenen dabei, erlebte Extremsituationen zu verarbeiten, emotionale Belastungen zu reflektieren und Ängste abzubauen. Unsere Programme helfen den Menschen, sich nach dem erlebten Trauma wieder ein eigenständiges Leben aufzubauen. Im Jahr 2020 haben wir weltweit rund 700.000 Menschen mit psychosozialer Hilfe erreicht. MENTALE GESUNDHEIT
AKTUELLES
© Aktion gegen den Hunger/Khaula Jamil
MITMACHEN
HOFFNUNG IM OSTERNEST Wenn zu Ostern die Schokoladenhersteller Hochkonjunktur feiern, bleiben vielerorts die Teller leer. Durch Corona-Pandemie, die Folgen des Klimawandels und Konflikte ist die Zahl hungernder Menschen in den vergangenen Jahren alarmierend gestiegen: Bis zu 811 Millionen Menschen leiden aktuell weltweit Hunger. Wie wäre es in diesem Jahr also mit einem besonderen Osternest? Auf unserer Webseite können Sie zu Ostern – aber auch zu jedem anderen Anlass – eine Spendenaktion starten und zusammen mit Freund*innen, Familie und Bekannten Menschen in Not neue Hoffnung schenken. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie unsere HilfsJETZT SPENDENAKTION STARTEN: projekte weltweit, die aktuell rund 25 www.aktiongegendenhunger.de/ Millionen Menschen in rund 50 Länmitmachen/spendenaktionen dern und Regionen erreichen.
DEMO
WIR HABEN ES SATT!
© Aktion gegen den Hunger/Nick Jaussi
AKTUELLES
Die industrielle Erzeugung von Lebensmitteln, Pestizideinsatz, lange Transportwege, unfaire Bezahlung – all das trägt weltweit zur Ausbeutung von Kleinbäuer*innen sowie anderen Arbeiter*innen in der Lebensmittelindustrie bei und schürt Armut und Hunger. Mit dem Aktionsbündnis „Meine Landwirtschaft“ setzen wir uns deshalb für eine Agrar- und Ernährungswende ein: für eine soziale, ökologische Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion in Deutschland und weltweit. Am 22. Januar 2022 waren wir Teil der großen jährlichen Protestaktion von „Wir haben es satt“ und haben im Regierungsviertel für eine Transformation der Ernährungssysteme protestiert. Bundesagrarminister Cem Özdemir betonte, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement für den Prozess der Agrarwende sei. Er forderte uns und unsere Mitstreitenden auf: „Macht diesen Druck weiterhin!“
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© Aktion gegen den Hunger/Peter Caton
AKTION GEGEN DEN HUNGER Wallstraße 15 a, 10179 Berlin Tel.: 030 279 099 723 Fax: 030 279 099 729 spenderservice@aktiongegendenhunger.de
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