0 3 JAHRE HORIZONTE
AFS-Vereinszeitschrift · Winter 2013
AFS ist eine gemeinnützige, politisch und religiös unabhängige Ehrenamtlichenorganisation, die weltweit Jugendaustausch und interkulturelles Lernen ermöglicht.
www.afs.de
HORIZONTE · Winter 2013
30 Jahre HORIZONTE, das sind auch drei Dekaden Erfahrungen aus einer bewegten AFS-Zeit: Full Partnership, Mauerfall, Ostkomitees, Kurzprogramme, Jubiläen. Hatten wir alles mal drin, wenn auch mit einer dem Medium innewohnenden Verzögerung. Als die Zeitschrift für AFSer von Encounter in HORIZONTE umbenannt wurde, war klar, dass sie auch weiterhin niemals eine reine Vereinszeitschrift sein sollte. Obwohl wir die Rubrik schon längst nicht mehr haben: Das Wort „Tellerrand“ fällt – man könnte damit Bingo spielen – mindestens einmal auf jeder Redaktionssitzung. Gerade diese Ideen für Randgeschichten regen die Phantasie am besten an, wenn wir regelmäßig über den leeren Seiten grübeln. Im Laufe der Zeit hat sich auch HORIZONTE immer mal wieder ein bisschen dem langsamen, aber stetigen Wechsel von der analogen in die digitale Medienwelt angepasst: Neben drei sogenannten Relaunches, die ich miterlebt habe, wurde vor Kurzem nun die Möglichkeit geschaffen, das Blatt auch elektronisch am Computer oder auf dem Tablet zu lesen. Texte werden gelegentlich in einem Onlineeditor von Redakteur und Autor gemeinsam und in Echtzeit korrigiert – während beide Hunderte von Kilometern entfernt zu Hause mit der Kaffee-
tasse vor der Tastatur sitzen. Ende der 1990er bemühte ich zumindest einige Male das Faxgerät, um schnell einen Text in die Schlussredaktion zu transferieren. Moderne Technik macht es heute schneller, aber nicht unbedingt einfacher. Egal ob analog oder digital, Brief-gemütlich oder E-Mailschnell, die Geschichten müssen ja vorher auch erst gefunden werden. Und das geht meist in der guten alten Weise, nämlich Augen, Ohren offen- und neugierige Nase in den Wind halten: Es sind die Gespräche beim gemütlichen Beisammensein bei einer Großveranstaltung, der Rundbrief eines alten AFSers, der unverhofft mit einer schönen Erfahrung im Nebensatz daherkommt (wir lieben übrigens Leserbriefe), die den Anstoß zum Artikel liefern. Wenn die HORIZONTE das „Gedächtnis von AFS“ darstellt, wie es einmal ein Redakteur treffend formulierte, dann sind alle Leser und AFSer unser wichtigster Schatz, vor dem wir uns nun in Dankbarkeit verneigen.
Florian Aue
Florian Aue
Nicole Brechmann
Julia Kayser
Verena Renneberg
Robert Strauss
Anne-Kathrin Topp
Benedict Weskott
Annika Wolfgram
HORIZONTE · Winter 2013
Verein Neue Wahlkreise: die Delegiertenwahl 2013 ......................................................................................................................... 04 Wohin, AFS? ....................................................................................................................................................................................... 05 New Kids on the Block ................................................................................................................................................................... 06 Danke, Ilse! .......................................................................................................................................................................................... 07
Mit Schere und Pritt-Stift – die Anfänge .................................................................................................... 08 Mehr als nur Vereinspostille ............................................................................................................................ 10 Nanu, was ist das denn?.................................................................................................................................... 12 Redaktion now ...................................................................................................................................................... 14 Queer und andersrum ....................................................................................................................................... 15
Lebensläufe Mit Kindern gegen den Klimawandel ....................................................................................................................................... 1 6
Forum Ein Verlust für die ganze Welt ................................................................................................................................................... 1 7 Tomorrow’s World Is Our World ................................................................................................................................................ 1 8 Multikultureller Schlitten .............................................................................................................................................................. 1 9 Sommertage in Istanbul ................................................................................................................................................................ 20 „Weil es den Horizont unendlich erweitert!“ ......................................................................................................................... 2 1 Ehemalige Austauschschüler wesentlich mobiler .............................................................................................................. 2 2 Save the Date: 100 Jahre AFS = Chancen für Jugendliche schenken ........................................................................ 22 Persönliches ...................................................................................................................................................................................... 23 Impressum .......................................................................................................................................................................................... 23
Verein
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Dieses Jahr war es das fßnfte Mal, dass Vereinsmitglieder aufgerufen wurden, ihre Delegierten per Online- oder Briefwahl zu wählen. In diesem Jahr gab es dabei eine besondere Neuerung. Wie von der Delegiertenversammlung 2012 beschlossen, fand die Delegiertenwahl 2013 nicht mehr in Wahlkreisen statt, die den Komiteegrenzen entsprechen, vielmehr wurden die Bundesländer zu Wahlkreisen. Vom 7. bis 24. Oktober durften je nach Wahlkreis zwischen zwei und zwÜlf Delegierte gewählt werden. Erfreulicherweise haben sich in 15 von 16 Wahlkreisen insgesamt 106 Kandidaten gefunden, Wahlkreis
Baden-WĂźrttemberg
nur in ThĂźringen konnte leider in diesem Jahr nicht gewählt werden. AuĂ&#x;er in Mecklenburg-Vorpommern konnte in jedem Wahlkreis die volle Anzahl von Delegierten gewählt werden. Die Stimmen wurden am 7. November vom Wahlausschuss in der Geschäftsstelle in Hamburg ausgezählt. Von den 3.156 wahlberechtigten Vereinsmitgliedern haben 613 an der Wahl teilgenommen. Die Wahlbeteiligung lag mit 19,4 Prozent Ăźber der von 2012 (18 Prozent) und fast doppelt so hoch wie bei der erstmaligen Onlineund Briefwahl 2009, die die letzte war, bei
der alle Delegierten gleichzeitig gewählt wurden. Von 2009 bis zur Delegiertenversammlung 2012 betrug die Amtszeit der einzelnen Delegierten zwei Jahre, ab der diesjährigen Wahl sind wieder alle Delegierten fĂźr jeweils ein Jahr gewählt. Nach der Wahl gibt es nun 70 Delegierte. AuĂ&#x;erdem wurden 36 Ersatzdelegierte gewählt. Wir wĂźnschen allen Delegierten und Ersatzdelegierten viel SpaĂ&#x; und eine glĂźckliche Hand bei den Entscheidungen, die sie vom 21. bis 23. März 2014 auf der Delegiertenversammlung in Berlin treffen werden.
Nr.
Delegierter
Nr.
Delegierter
Nr.
Delegierter
1
Gert Lucas
2
Anna Brändle
3
Babina von der Heydt
4
Hanna Zakowski
5
Viola Heidtmann
6
Jochen Ehrenreich
7
Philip BĂśhm
8
Fabian Bendisch
9
Dario Meinecke
10
Peter Jacobshagen
11
Peter Czuppon
12
Lukas Findeisen
13
Silvia MĂśhnle
1
Martin Scheuplein
2
Sonja Schnittke
3
Monika Vogel
4
Yolanda Schwager
5
Anna-Maria Hass
6
Florian Knobloch
7
Lore Bletschacher
8
David Kalwar
9
Benedikt Gerber
10
Niklas Scheur
11
Jan Hendrik Karliner
12
Sieghard Hirschmann
14
Bernd SchĂśnenberger
15
Felix Putschky
Bayern
Berlin
13
Angelika Hausladen
16
Anna-Maria Eder
1
Florian Ohly
2
Lara Hofner
3
Adrian Lehne
4
Clara Popp
5
Alexandra Singpiel
6
Lena Keller
7
Marianne Keick
8
Gunnar Helm
Brandenburg
1
Rebecca SchĂźtte
2
Torsten Berger
3
Lisa Keding
Bremen
1
Christiane Horstmeier
2
Ludger Spohr
3
Milan Bolland
1
Maria Braunschmidt
2
Julia Siebrecht
3
Birgit FlĂźgge
4
Torben Adelmund
5
Kai BĂśttner
6
Peter Schnitzler
7
Cheyenne Hose
8
Falko Wiese
9
Hendrik Behn
10
Torben Egger
Hamburg
1
Uta Neumann
2
Uta Voigt
3
Klaus Blessnohl
4
Martin Becker
5
Anita Styles
6
Lukas Zimmermann
9
Dennis Issler
Hessen
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen
7
Allyson Upton
8
Maren Baisch
10
Camillo Schrimpf
11
Tony Weniger
1
Elke Franz
1
Felix John
2
Robert Litz
3
Inge Rauschning
4
Niklas Mengel
5
Katharina Seefried
6
Ole Oberste Berghaus
7
Thilo LĂśhmer
1
Magnus Blatt
2
Clara von MĂźnchow
3
Simon Koch
4
Niklas WeĂ&#x;eler
5
Monika Ahring
6
Martin Fischer Lea Schaumann
7
Eva Popp
8
Volker SchlĂśgell
9
10
Gerhard HĂśllerich
11
Moritz SchlĂśgell
12
Ellen TĂśtsch
13
Christian Both
14
Cornelia Emmert
15
Caroline Pilling
16
Theodor Jost
17
Nick Furstoss
1
Susanne PĂśller
2
Ulrike Dustert
3
BjĂśrn Senger
4
Arthur Kirsch
Saarland
1
Carolyn Guthoff
2
Jana Knoll
3
Philip Peter
Sachsen
1
Felix Dollinger
2
Jana Wulff-Troeger
3
Dario Wernitz
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Sachsen-Anhalt
1
Marina Hebekerl
2
Doris Dammann
3
Magdalena GroĂ&#x;mann
1
Kathrin Aldinger-Kahnt
2
Lars Meyer
3
Svenja Kahnt
4
Gyde Jannsen
Schleswig-Holstein
04 | HORIZONTE
Delegierte
Ersatzdelegierte
Verein
Seit mehreren Jahren sieht sich AFS im Schüleraustausch mit Veränderungen konfrontiert. Wie damit umgegangen werden soll, wird im Verein schon längere Zeit intensiv diskutiert. Auf Grundlage eines Beschlusses der Delegiertenversammlung 2013 wurde der Visionsprozess zur Zukunft der Schülerprogramme gestartet, der 2014 in eine neue Strategie für AFS münden soll. Teil davon sind die halbtägigen Strategiewerkstätten; HORIZONTE-Redakteur Benedict Weskott war bei einer dieser Werkstätten in Köln dabei.
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In den Strategiewerkstätten wurde vieles besprochen und diskutiert
Neben der verkürzten Schulzeit für Gymnasiasten und Schwierigkeiten bei der Gastfamilienfindung bereiten auch die veränderten Bedingungen auf dem Markt für Schüleraustausch Probleme. Aus einer Handvoll gemeinnütziger und kommerzieller Organisationen ist mittlerweile eine Fülle verschiedenster Anbieter geworden, die zum Teil Aufwandsentschädigungen an Gastfamilien zahlen und auch damit neue Bedingungen für Schüleraustausch schaffen. Für den Verein gibt es daher aus Sicht des Vorstands in der Entwicklung einer neuen Strategie verschiedene Spannungsfelder, zum Beispiel zwischen Langzeit- und Kurzzeitaustausch oder dem Markt für Schüleraustausch und den Werten von AFS.
stätten über wichtige Punkte dieser Strategie diskutiert. Die Ergebnisse sollen in den Leitantrag des Vorstands zur zukünftigen Strategie von AFS einfließen, über den auf der nächsten DV entschieden wird.
Nach dem Beschluss der diesjährigen Delegiertenversammlung (DV) zur Aufstellung einer neuen Strategie für AFS gab es zunächst eine Denkfabrik zu den Themen „Hosting“ und „Zukunft der Schülerprogramme bei AFS“. Außerdem wurde auf den Treffen operativer Mitarbeiter sowie in den Strategiewerk-
Anschließend einigte sich die Gruppe auf mehrere wichtige Punkte, die diskutiert werden sollten. Zwei der Themen waren dabei die veränderte Wahrnehmung des Ehrenamts und des Schüleraustauschs. Da ein Austausch heute oft eher als Dienstleistung denn als interkulturelle Unternehmung gesehen
In der Strategiewerkstatt in Köln wurden zu Beginn klare Erwartungen an die zukünftige Entwicklung des Vereins deutlich. Neben mehr Transparenz und Klarheit in Bezug auf die Strategie selbst und die Arbeit von Vorstand und Geschäftsführung wurden auch Verbesserungen in der Kommunikation zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen und eine Rückbesinnung auf die grundsätzlichen Werte von AFS als Wünsche geäußert.
wird, ergeben sich neue Erwartungen und Einstellungen seitens der Bewerber. Im Zusammenhang damit wurde auch über mögliche neue Programmformate für andere Zielgruppen diskutiert. Ein weiteres Thema waren die Ziele und die Mission von AFS und wie diese in Zukunft erfüllt werden können. Auch die Ziele von Schüleraustausch generell und Möglichkeiten der Qualitätskontrolle bei AFS und im AFS-Netzwerk sowie das Für und Wider einer Gastfamilienbezahlung wurden diskutiert. Konsens in allen Diskussionen bestand darüber, den nötigen Fokus auf die Ziele von AFS und die Werte, die im Schüleraustausch und anderen Programmen vermittelt werden sollen, zu setzen. Die Mission von AFS nicht aus dem Blick zu verlieren und den AFS-Spirit weiterzugeben ist also wichtige Maßgabe für die weitere Entwicklung des Vereins. Man darf gespannt sein, wie der Vorstand die Ergebnisse des Visionsprozesses in einen Leitantrag für die nächste DV umsetzen wird. HORIZONTE | 05
Verein
Das Auswahlverfahren wurde dieses Jahr optimiert. Was es mit den neuen Auswahlblöcken auf sich hat und warum der alte Prozess einer Korrektur bedurfte.
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Viele von uns erinnern sich sicherlich noch an sie: die Auswahl. Jene Tage im Leben, in deren Verlauf sich die Biografien so vieler junger Leute maßgeblich verändert haben. Der erste persönliche Kontakt mit AFS. Was sind das nur für Leute? Wieso sind die Betreuer so gut drauf ? Ist mein Benehmen korrekt? Energizer, what?
suchte man seit einigen Jahren, dem mit der sogenannten Early-Bird- und LateBird-Auswahl gegenzusteuern, allerdings fokussierte Erstere auf Bewerber für die nachfrageschwachen Länder und Letztere auf Restplätze. Die Rücktrittsquote blieb unverändert hoch. Außerdem wurden Late- und Early-Bird-Auswahlen mit viel Aufwand hauptamtlich organisiert.
Dass die Auswahl auf vielen Ebenen wichtig ist, braucht man nicht zu diskutieren. Es sind die Tage, in denen sich nicht nur der Bewerber gegenüber AFS, sondern auch AFS gegenüber dem Bewerber und seinen Eltern zum ersten Mal beweisen muss. Nicht umsonst wird auf einfache Interviews verzichtet: Es wird sich über mehrere Tage Zeit genommen, sodass AFS die Bewerber und die Bewerber AFS kennenlernen können.
Ab diesem Jahr wird es nun anders gemacht. Der zeitliche Prozess der Auswahl konzentriert sich nicht mehr auf eine Bewerbungsdeadline, sondern auf längere Bewerbungsblöcke. So werden frühzeitige Bewerber schon im September zu einer Auswahl eingeladen, während für später eingehende Bewerbungen eine Auswahl im November vorgesehen ist. Für unplatzierte Länderplätze wird es weiterhin einen späten Auswahlblock im Dezember beziehungsweise Januar geben. Die ersten beiden Auswahlblöcke finden in regionalen Komiteeverbünden statt, wie es seit einigen Jahren für die Hostingcamps gang und gäbe ist. Der späte Auswahlblock ab Dezember wird über das von den Freiwilligendiensten genutzte Tool „AuPake“ organisiert.
Allerdings fahren am Ende nicht alle Bewerber mit AFS weg. Durch den Zeitpunkt der Auswahl im letzten Jahresviertel gehen viele Bewerber an andere Organisationen verloren, die ihnen die Zusage eher erteilen können. Zwar ver-
Länderverteilung (alle Länder)
Die Vorteile des neuen Konzepts sind, so schreibt es auch die verantwortliche Projektgruppe in ihrem Steckbrief, dass „... durch die Änderung […] Bewerber schneller die Möglichkeit [haben], von AFS zu einer Auswahl eingeladen zu werden und eine verbindliche AFS- sowie Länderzusage zu bekommen.“ Was in beiderseitigem Interesse ist. Darüber hinaus wird der Bewerbungsprozess wieder stärker in ehrenamtliche Hände gegeben und Bewerber besser ins Komitee integriert. Die Änderung des Prozesses zeigt auch schon erste Früchte: „Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt – also nach Block A – mit 258 Teilnehmern schon mehr als dreimal so viele wie im Vorjahr nach den Early-Birds der Sommeranreise 2012“, meint Anne Dewitz aus dem Sending-Team.
Länderverteilung fortlaufend (Restplätze)
BLOCK A September
Dort können sich alle Auswahl-Interessierten direkt für die gewünschte Auswahl als Betreuer anmelden. Komitees werden innerhalb des nächsten halben Jahres mithilfe von Fragebögen um Rückmeldung gebeten, denn bis 2016 soll das neue Modell getestet und am Ende abschließend evaluiert werden.
BLOCK B Oktober
November
BLOCK C Dezember
Januar
Februar
Länderverteilung (alle Länder)
Flexibler als bisher: Die neuen Auswahlblöcke bringen Bewerber und Auswahl schneller zusammen
06 | HORIZONTE
Verein
Die Mutter des Komitees Hannover geht nach Ăźber 50 Jahren AFS und 33 Jahren im Komitee Hannover in den ehrenamtlichen Ruhestand. Das Komitee Hannover hatte am 26. September zu einer kleinen Abschiedsfeier fĂźr Ilse Brehm in den Lister Turm, den traditionellen Tagungs- und Auswahlenort des Komitees, eingeladen. Text 5REHUW /LW] 86$ | Fotos 5REHUW /LW]
Jahrelang war sie das RĂźckgrat des Komitees, nun hat sie sich auf der Jahreshauptversammlung von ihrer aktiven Arbeit verabschiedet. Man kann sich gar nicht vorstellen, fĂźr wie viele Menschen rund um den Globus das eigene AFS-Erlebnis eng mit Ilse verbunden ist. Die Komiteekoordinatorin Louisa Meyer erzählte zum Beispiel von ihrer Lehrerin, selber AFSerin, die sich natĂźrlich an Ilse erinnerte: SchlieĂ&#x;lich war es Ilse gewesen, die schon damals die jungen SchĂźler durch die Auswahlen und Vorbereitungen begleitet hatte. Aber auch fĂźr mehrere Hundert AustauschschĂźler, die im Laufe der Jahre
in Hannover waren, ist Ilse ein fester Bestandteil des AFS-Jahres geworden.
Und endlich hat sie Zeit fĂźr die eigene Familie.
Ilse selbst war 1956/57 in den USA, sie ist mit Burkhardt Brehm (USA 1952/53) verheiratet. Und auch alle drei TÜchter waren selbstverständlich mit AFS im Ausland: Eva 1991/92 in Mexiko, Elke 1992/93 in Italien und Karin 1994/95 in Norwegen. Inzwischen ist eine Tochter, Eva, verheiratet mit – man ahnt es schon – einem AFSer, der als US-Amerikaner sein Austauschjahr in Deutschland verbrachte.
Zu Ehren des AFS-GrĂźnders Stephen Galatti wird seit 1983 der Galatti-Award fĂźr herausragende AFS-Arbeit weltweit vergeben. In Deutschland haben diese Auszeichnung bisher vier Ehrenamtliche erhalten. Ilse Brehm ist eine dieser herausragenden Volunteers – und das zu Recht. Die studierte Juristin hat sich mit einer Hingabe um all die kleinen und groĂ&#x;en Probleme der AFSer gekĂźmmert wie kaum ein anderer. Ob Wechselfamilien gefunden oder sich um kranke SchĂźler gekĂźmmert werden musste oder mal wieder gegen Regeln verstoĂ&#x;en wurde: Ilse hat die ganze Bandbreite der MĂśglichkeiten des AFS-Lebens kennenund meistern gelernt. Im Laufe der Jahre hat sie ein solches Wissen angehäuft, dass uns, dem verbleibenden Komitee, bei dem Gedanken schon etwas mulmig wird, in Zukunft alles ohne Ilses groĂ&#x;es Wissen meistern zu mĂźssen.
Nun freut sich Ilse auf die dritte Generation AFSer, denn die Enkelkinder kommen im Herbst nach Deutschland.
ks Louisa iteearbeit. Lin Jahren Kom ) und rechts er ov nn Bilder aus 33 torin Ha iteekoordina ) rin to Meyer (Kom oordina se (Hostingk Theres Bree
Kleine Abschiedsfeier fßr Ilse Brehm (links), im Gespräch mit der Kassenwar tin des Komitees, Hanne Kusters
HORIZONTE | 07
Schwerpunkt
Mit Schere und Pritt-Stift – die Anfänge Ein Rückblick auf 30 Jahre Vereinszeitschrift HORIZONTE ist nicht ganz einfach. Das haben wir im Gespräch mit ehemaligen Redakteuren festgestellt. Einfacher ist es, in die Hefte zu schauen und die Namen der Redakteure im Impressum zu lesen. Und welche Geschichten damals abgedruckt wurden, das kann man dank des gut sortierten AFS-Archivs in der Hamburger Geschäftsstelle herausfinden – ein paar besonders sehenswerte Beispiele haben wir auf den folgenden Seiten zusammengestellt. Schwieriger war es, herauszufinden, wie die Geschichten damals zustande kamen. Wie sah die Redaktionsarbeit generell aus?
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Bei den Interviews und den kleinen Erzählungen mit Erinnerungsfragmenten per E-Mail, die nach und nach in der Redaktion eintrafen, stachen vor allem zwei Punkte heraus: die Namensänderung von Encounter zu HORIZONTE (1983) und die damalige Arbeitsweise. Rolf Iben, USA 1977/78, übernahm damals (Mitte der 1980er) von Hermann Schmid die HORIZONTE-Chefredaktion. Das Team war eher klein, und irgendwie stieß Rolf zu der Gruppe. „Auch ein wenig auf sanften Druck von Hermann hin“, erinnert er sich, „habe ich dann irgendwann die Leitung übernommen.“ Am Anfang kam er zu den Layout- und Schlusssitzungen dazu. „Da war übrigens nichts mit noch in letzter Minute Text kürzen oder ändern“, meint Rolf. Der Grund dafür war, dass alle Texte bereits als Lichtsatz-Version vorlagen. Diese hatten Hermann Schmid und Ulrike Freitag organisiert, bei einer externen Firma. Desktop-Publishing hieß damals also noch, am Desktop mit Schere und Pritt-Stift zu „publishen“: Die druckfertigen Artikel kamen als ausgeschnittene Papierstückchen auf Druckvorlagen, wurden hin und her verschoben und dann ganz am Ende zur fertigen Seite geklebt. Computer gab es schon, aber die damaligen Gestaltungs- und Layoutmöglichkeiten der Programme waren noch weit von dem entfernt, was heute möglich ist. „Das sah dann manchmal etwa schief und schräg aus“, sagt Rolf Iben. Damals habe er in Tübingen studiert, Hermann in Freiburg, so habe man sich dann des Öfteren per Zug besucht und die Ausgaben geplant. Und Telefonate und Briefe gab es ja ohnehin. „Das Umfeld hat mir immer viel Spaß gemacht, das Thema sowieso.“ Und als gelernte Tageszeitungsredakteure, Hermann hatte bei der Augsburger Allgemeinen volontiert, Rolf 08 | HORIZONTE
bei der Schwäbischen Zeitung, war ihnen das Metier, Artikel zu schreiben und Texte zu redigieren, ohnehin nah. Rolf hatte schon damals bei der Schülerzeitung angefangen zu schreiben, und als Returnee verfasste er für eine Tageszeitung kleine Geschichten über Austauschschüler. Bei späteren Ausgaben unter seiner Ägide habe er auch immer darauf geachtet, in jedem Heft eine Nicht-USA-Erfahrung zu publizieren, um auch die anderen Länder zu integrieren. Viele der Rückkehrer bei AFS waren damals USA-Returnees. Letztlich sollte es auch ein Zeichen sein, den Namen des Heftes komplett zu ändern: „Ein Grund dafür, von englischsprachigen Namen abzurücken, war auch, dass wir ein bisschen mehr auf unsere eigene sprachliche Identität verweisen wollten.“ Als Rolf in die HORIZONTE einstieg, stand der geänderte Name bereits fest – den hatte Hermann Schmid auf den Weg gebracht – auch weil die Bedeutung des Wortes Encounter (Begegnung) für alle ohne einen englischsprachigen Hintergrund nicht ohne Weiteres zu verstehen war: „Der neue Name war aus meiner Sicht ein echter Gewinn.“
Auszug aus der ersten HORIZONTE-Ausgabe im April 1983
Schwerpunkt
HORIZONTE | 09
Schwerpunkt
Mehr als nur Vereinspostille Die HORIZONTE wird 30 Jahre alt, und in ihren mehr als 90 Ausgaben stecken unzählige Gesichter, Geschichten, manch Kurioses, aber vor allem viele Erinnerungen. Hier erzählen ehemalige Chefredakteure und Mitarbeiter der Redaktion von ihren spannendsten Momenten. Zum Beispiel aus der Zeit, als die HORIZONTE noch Encounter hieß, man sich seinen Platz in die Redaktion buchstäblich erklettern musste und die AFSVereinszeitschrift noch vierteljährlich erschien.
Text $QQH .DWKULQ 7RSS | Fotos 3ULYDW
Der Beginn der Vereinszeitschrift im Jahr 1971 spiegelt auch die Auf bruchsstimmung der deutschen AFS-Jahre und neue Komiteegründungen wider. Drei Ausgaben leitete Hermann Schmid Anfang der 1980er weitestgehend allein. „Das [alles] habe ich damals noch im Stil einer besseren Schülerzeitung im Klebeumbruch gemacht, mit Überschriften aus Rubbelbuchstaben, mit von Hand gezeichneten Rahmen und kleinen Kritzeleien. Das Budget war halt damals knapp, der PC noch in weiter Ferne“, erinnert sich Hermann an seine Zeit als Chefredakteur bei Encounter. So hieß die Vereinszeitschrift anfangs, bevor sie dann im April 1983 erstmals unter dem Titel HORIZONTE erschien. Auch wenn die meisten Returnees nach wie vor aus den USA kamen, wurde bereits in den 1970ern über die eigene sprachliche Identität bezüglich des Zeitschriftennamens diskutiert. Sie brachte den Verein zu dem Schluss, dass auch die Vereinszeitschrift keinen „amerikalastigen“ Namen mehr tragen sollte. 1981 schrieb Hermann Schmid während einer Reise nach Tel Aviv ein Port-
rät über AFS Israel und erfuhr, dass dort die eigenen Austauschschüler als Botschafter ihres Landes gesehen werden, die im Gastland auch die Wahrnehmung des Nahost-Konflikts im Sinne Israels beeinflussen sollten. Zwei Jahre später berichtete der erste HORIZONTE-Chefredakteur für die neu benannte HORIZONTE über Christiane Strauch, die ihr AFS-Jahr in einer arabischen Familie in Mombasa (Kenia) verbrachte. Besonders spannend war die Arbeit an diesem Artikel für ihn, der sehr deutlich die Herausforderung und die Faszination vom Miteinanderleben grundverschiedener Kulturen zum Ausdruck brachte. Zur Mitarbeit überzeugt hat den von 1993 bis 1996 wirkenden Chefredakteur Christoph Schult der Gedanke, keine reine Vereinszeitschrift herauszugeben, sondern dabei über den Tellerrand zu schauen. Seinen interessantesten Gesprächspartner fand er wohl in Norman Shethar: einem ehemaligen Ambulanzfahrer, der 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum ersten Mal wieder
Barbara Müller-Heiden, Chefredakteurin von 1998 bis 2006
10 | HORIZONTE
nach Deutschland kam – in ein Land, das er eigentlich nicht wieder besuchen wollte, nachdem er 1945 zusammen mit anderen Ambulanzfahrern im gerade befreiten Konzentrationslager BergenBelsen die Holocaust-Überlebenden versorgt hatte. Dieses Detail seiner Geschichte war bis zum Artikel auch bei AFS Deutschland unbekannt. Bei der HORIZONTE erleben die Redakteure und Autoren naturgemäß vor und hinter den Kulissen viele spannende Geschichten, und leider schaffen es nicht alle immer in das Blatt. Besonders lustig war für Christoph Schult ein Interview mit dem AFSer und Astronauten Hans Schlegel. Da dieser einen Pilotenschein besaß, konnte er selbst mit einer Cessna nach Hamburg zum Interview fliegen. Im VIP-Bereich des Hamburger Flughafens nahmen ihn dann Christoph Schult und der damalige Hamburger Komiteevorsitzende Raoul Machalet mit seinem viel zu kleinen Porsche 944 in Empfang und chauffierten ihn in die Geschäftsstelle in der Friedensallee.
Christoph Schult, Chefredakteur von 1993 bis 1996
Schwerpunkt
Auch der seit 2006 amtierende Chefredakteur Florian Aue erinnert sich noch gut daran, wie er zum ersten Mal zur HORIZONTE in die Friedensallee wollte: Als auf sein Klingeln hin niemand die Tür öffnete, noch nicht jeder ein Handy besaß, und er nicht wusste, wie er ins das Gebäude kommen sollte, entschloss er sich kurzerhand, die eingerüstete Hauswand im Innenhof bis in die fünfte Etage hochzuklettern und – ein wenig verspätet – durch das Fenster zur Redaktionssitzung dazuzustoßen. Mitte der 1990er wurden die Redaktionssitzungen von Freiburg nach Hamburg verlegt, und auch hauptamtliche AFSer begannen für die HORIZONTE zu schreiben. Rolf Iben, der den Chefredakteursposten 1983 von Hermann Schmid übernommen hatte, erinnert sich noch gut daran, dass „wir die lichtgesetzten Artikel auseinandergeschnitten und dann zu einer Seite zusammengesetzt haben.“ Während Rolf zu seiner HORIZONTE-Zeit noch über das Telefonbuch mühsam Informationen für seine Artikel recherchierte und herausfand, dass die Abkürzung AFS auch für eine Fahrstuhlfirma und eine Schuhfabrik auf der Schwäbischen Alb stand, konnte HORIZONTE-Redakteur André Seifert für die Rückseite der Sommerausgabe 2004 in Windeseile dank Online-Recherche eine erweiterte amüsante Sammlung der „anderen AFSer“ zusammentragen: Animal Food Services, Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen, Air Facility
Rolf Iben, Chefredakteur von 1983 bis 1986
System, American Fisheries Society, Alcohol Focus Scotland und viele andere.
das Porträt von Rosi Popp, als diese 2000 aus dem Vorstand ausschied.
Barbara Müller-Heiden war von 1998 bis 2006 Chefredakteurin der HORIZONTE. Sie erinnert sich besonders gut an die Herausforderungen, vor die das neue Layout die Redaktion damals stellte: „Es war leider auch ein Abschied von den mexikanischen Holzschnitten, die das Scheufele-Layout so freundlich machten. Nun kam den Fotos eine neue, tragende Rolle zu: ein ewiges Problem, das aber – die Hefte rückblickend betrachtet – immer halbwegs gut gelöst werden konnte. Nun ja, wir sind ja kein Hochglanz-Magazin!“ Dennoch hätte es Barbara, die mehr als 20 Hefte als Chefredakteurin betreut hat, gern gesehen, dass sich die HORIZONTE zu einer eigenständigen Zeitschrift für interkulturelle Begegnungen entwickelt hätte. Die den Finanzen geschuldete Entscheidung 2001, die HORIZONTE nur noch halbjährlich herauszugeben, konnte die an Redaktionsjahren verdienteste Chefredakteurin aber auch als positiv für das Team sehen. Denn damals wie heute stehen alle Redakteure fest in ihren jeweiligen Berufen und müssen sich, um auch selbst zur Feder greifen zu können, die Zeit neben Job und Familie für ihr Engagement bei der HORIZONTE freimachen. Besonders gern erinnert sich Barbara an die Interviews mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Uli Weiss, ganz oben im Turm der Deutschen Bank in Frankfurt, oder an
An ein etwas flaues Gefühl bei seinem ersten Interview, als er 1999 den neuen Geschäftsführer Mick Petersmann befragen durfte, erinnert sich Florian Aue: Multifunktionale Smartphones waren noch in weiter Ferne, sodass sich Florian extra ein Diktiergerät für diesen Termin besorgte. Ferner erinnert er sich gern an die Artikel zur Lebensgeschichte von Jaroslava Moserová zurück: Die Recherche für den 2008 erschienenen Artikel brachte dank regem Mailaustausch mit dem AFS-Archiv in New York so viele spannende Dinge zum Vorschein, dass Florian gut und gern eine Biografie über die außergewöhnliche Tschechin hätte schreiben können. Die Arbeit eines Chefredakteurs ist vor allem fordernd und immer wieder ein spannender Balanceakt, alle Interessen und Geschichten gut gegeneinander abzuwägen. Wird ein Artikel so angenommen oder wird er von der Leserschaft auseinandergenommen? Schaffen wir es, diesen und jenen Beitrag rechtzeitig vor Redaktionsschluss zu bekommen? Wenn nicht, was dann? André Seifert hat jedenfalls gelernt, dass einen Kritik nicht umbringt. Und dass die meisten Chefredakteure auch heute noch im journalistischen Bereich unterwegs sind, ist sicherlich ein gutes Zeichen für die Qualität der 30 Jahre alten Vereinszeitschrift HORIZONTE!
Hermann Schmid, Leiter der Encounter und bis 1983 Chefredakteur der HORIZONTE
HORIZONTE | 11
Schwerpunkt
Nanu, was ist das denn? Beim Durchblättern alter Ausgaben der HORIZONTE sind wir über ein paar Texte und Bilder gestolpert, die uns zum Schmunzeln brachten: Kontaktanzeigen, eine Vereinsvorsitzende mit Zigarette (heute undenkbar, so ein Bild), ein Vereinsvorsitzender als Rätsels Lösung, eine Bedeutungsliste für Smileys, Sprüche der Basis auf einer DV in den 1980ern... Aber seht selbst:
12 | HORIZONTE
Schwerpunkt
HORIZONTE | 13
Schwerpunkt
Redaktion now Sechs ehrenamtliche und zwei hauptamtliche Redakteure, unzählige Aufgaben und 100 Prozent Motivation. Das ist die aktuelle HORIZONTE-Redaktion. Sonst lächeln euch die Redaktionsmitglieder nur kurz unter dem Editorial entgegen. Diesmal gibt es einen Blick hinter die Kulissen der HORIZONTE-Redaktion 2013. Text $QQH .DWKULQ 7RSS | Fotos 3ULYDW
Das aktuelle Redaktionsteam der HORIZONTE
„Magst du nicht für die nächste Ausgabe einen Beitrag zum Thema xy schreiben?“ So fangen die meisten Karrieren bei der AFS-Vereinszeitschrift HORIZONTE an. Mit einem seiner ersten Artikel zum Thema Kosovokrieg begann 1999 die redaktionelle Mitarbeit von Florian Aue. Seit 2006 ist er Chefredakteur und steuert die Geschicke der HORIZONTE. Annika Wolfgram stieß 2003 als Trainee in der PR-Abteilung der Hamburger Geschäftsstelle dazu, Benedict Weskott verschlug es direkt nach seiner Rückkehr aus den USA 2007 in die HORIZONTE-Redaktion. Im Lektorat und Korrektorat sind seit mehreren Jahren Verena Renneberg und Julia Kayser tätig. Nicole Brechmann ist nach anfänglicher Vertretung von hauptamtlicher Seite seit 2012 offizielles Mitglied der Redaktion und unterstützt bei Recherchen, Autorensuche, Lektorat, Layout, Satz und Druck. Seit knapp zwei Jahren schreiben auch Robert Strauss und Anne-Kathrin Topp über das Vereinsgeschehen. Die Mischung macht’s. Während einige Redaktionsmitglieder auch außerhalb der HORIZONTE journalistisch tätig 14 | HORIZONTE
sind, arbeiten andere in verschiedensten Bereichen. Verena ist Journalistik-Professorin an der HMKW Berlin und forscht – wie sollte es für einen AFSer anders sein – im Bereich Auslandsberichterstattung und Nachrichtenagenturwesen. Flo arbeitet in der Pressestelle der HAWK Hildesheim/Holzminden/ Göttingen und darüber hinaus als freier Mitarbeiter und Moderator beim dortigen Lokalradio Tonkuhle. Außerdem reist er als Referent für politische Bildung zum Thema EU-Politik quer durch Europa. Julia reist derzeit vor allem quer durch Deutschland: In Lüneburg arbeitet sie als Leiterin des College an der Leuphana Universität, in München ist ihr Zuhause. Alumni- und Mitgliederbetreuung sowie Management von Kooperationsprojekten lautet der Arbeitsauftrag von Annika in der Hamburger AFS-Zentrale. Ihre Kollegin Nicole kümmert sich an derselben Stelle vor allem um die interne Kommunikation des Vereins: AFS-Newletter, AFSer.de, aber auch Werbemittel, Flyer und vieles mehr. Benedict steckt gerade noch in den letzten Zügen seines Studiums der Sozialwissenschaften in Bochum, arbeitet beim Uni-Radio und schreibt darü-
ber hinaus Beiträge für andere Medien. Aus der Ferne hat Anne-Kathrin in den vergangenen zwei Jahren in der Redaktion gearbeitet. Als Robert-Bosch-Kulturmanagerin hat sie internationale Kulturund Bildungsprojekte vor allem in den Bereichen Musik und Film in Russland geleitet. In diesen Bereichen arbeitet auch Robert. Als Cutter setzt er Takes vom Set zusammen und als Akkordeonist der Band „20vor8“, die das Hamburger Abendblatt als „Hamburgs derzeit heißeste Klezmerband“ betitelte, steht er bei Konzerten auf der Bühne. Das Ziel der AFS-Arbeit, über seinen eigenen Horizont hinauszuschauen und Ungewohntes, Fremdes, Neues zu entdecken, ist auch das Ziel der HORIZONTE. Die Redaktion ist sich darin einig, dass der Blick über den eigenen Tellerrand und das Erkennen und Hinterfragen von „Horizonten“ Bestandteil der Mission von AFS und ihrer konkreten Arbeit als Vereinsredakteure ist. Mit jeder Ausgabe haken wir nach, entdecken Neues, berichten aus der Ferne und schauen ins Vereinsinnere, damit ihr, liebe Leser, etwas Interessantes zu lesen habt.
Schwerpunkt
Queer und andersrum 1996 hat mich ein Artikel in der HORIZONTE als Mensch und als AFSerin sehr bewegt. Geschrieben von Henrike Eisfeld, erschien er unter dem Titel „AFS andersrum“. In der ersten Zeile fragte sie: „Gibt es Lesben und Schwule im AFS?“ Ich kannte die Antwort.
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Es ging in Henrikes Artikel um die Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen in unserer Organisation, den Umgang mit queeren Themen und um ihre Bedeutung. UnterstĂźtzung fĂźr junge Menschen, damit sie so sein kĂśnnen, wie sie sind. Der letzte Satz lautete: „Es ist Zeit, zu diskutieren und zu handeln. Auch fĂźr AFS.“ Das war vor 17 Jahren. Henrike ist jetzt Justus und arbeitet in New York City fĂźr GATE (Global Action for Trans* Equality), wo er sich weltweit fĂźr die Rechte von Transpersonen einsetzt. Vor drei Jahren wurde bei AFS Deutschland die Interessengemeinschaft (IG) QueerTausch gegrĂźndet, die eine Menge der Dinge macht, die damals in dem Artikel standen. Als meine Familie und ich nun im Sommer unseren amerikanischen Gastsohn besuchten, traf ich mich kurzentschlossen mit Justus. In einem kleinen Diner unweit seines BĂźros erzählte er, wie er nach New York gekommen ist, von seiner Arbeit und was er sich damals fĂźr AFS gewĂźnscht hätte.
Justus war unter anderem Mit-Autor eines Berichts Ăźber Homo- und Transphobie fĂźr die EU-Grundrechte-Agentur. Weltweit werden zwar Fortschritte erzielt, aber gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen ist es besonders wichtig, Minderheitenrechte zu beachten. „Das erlebe ich häufig in meiner täglichen Arbeit. Seit es zum Beispiel Griechenland wirtschaftlich immer schlechter geht, ist dort die Trans- und Homophobie stark gestiegen“, berichtet Justus. Wir sprechen darĂźber, inwieweit Menschenrechte und Minderheitenrechte bei AFS ein Thema sind. Wäre es nicht spannend und eine groĂ&#x;e Chance, auch im Rahmen unserer IKL-Kompetenz von und Ăźber Subkulturen zu lernen? Damit sind wir dann wieder bei dem Artikel von damals. Es gibt Lob fĂźr die Arbeit der IG QueerTausch, ich wachse ein wenig. Justus sagt, ihm sei es damals eben einerseits um die Sichtbarkeit gegangen, andererseits aber auch ganz
konkret um die Betreuung von Gastkindern und -familien. Wir sind uns einig, dass der Anteil von Lesben, Schwulen, vielleicht auch Transpersonen bei AFS gefĂźhlt sehr viel hĂśher ist als im sonstigen Durchschnitt. „Das Austauschjahr ist ja auch so eine Art Freiraum, um Dinge auszuprobieren. Da gehĂśrt auch Sexualität dazu“, sagt Justus. Ich hatte den Artikel mitgenommen, der damals viele Leserbriefe und Kommentare nach sich zog. In einem dieser Leserbriefe schrieb ein schwuler Returnee, er hätte vor dem Artikel gar nicht gewusst, dass er irgendwann auch einmal Gastfamilie werden kĂśnnte. Ich erzähle, dass er in diesem Jahr zusammen mit seinem Partner zum ersten Mal einen GastschĂźler aufgenommen hat. Justus und ich lachen und freuen uns gemeinsam darĂźber, dass bei AFS immer noch diskutiert und gehandelt wird, wenn vielleicht in diesem Fall auch etwas später. Justus Eisfeld spricht vor der UNO
Zehn Jahre hatte Justus in Amsterdam gelebt, engagierte sich in der europäischen Transgenderpolitik als Berater fßr eine Europaabgeordnete, aber auch in diversen Vereinigungen. Dann kam die Liebe, und er zog zu seinem Freund in dessen Heimatstadt New York. Die Jobsuche war dort nicht ganz leicht, zumal 2008 die Wirtschaftskrise voll zuschlug. Da grßndete er einfach seine eigene Nichtregierungsorganisation GATE. HORIZONTE | 15
Lebensläufe
Kjell Kühne war 1995/96 mit AFS in Indonesien. Nach vielen Tätigkeiten im Komitee und der Mitgründung des „Hospitality Clubs“ arbeitet er jetzt bei „Plant for the Planet“, einer Initiative von Kindern und Jugendlichen, die Lösungen für die Klimakrise sucht. Benedict Weskott hat Kjell einige Fragen gestellt.
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Wie bist du zu AFS gekommen und was hast du bei AFS bisher gemacht? Mein Bruder Veit bekam seinerzeit das PPP-Stipendium für die USA. Ich habe mich auch zuerst darauf beworben, wollte dann aber doch lieber woanders hin und ging nach Indonesien. Von meiner Rückkehr bis 2005 war ich sehr aktiv im Hosting, brachte den Anderen Dienst im Ausland (ADiA) und das China-Jahresprogramm mit auf den Weg und versuchte, das Umweltbewusstsein bei AFS zu erhöhen.
Wie hat dich AFS inspiriert und tut AFS das noch immer? Kulturelle Unterschiede als Bereicherung zu erleben ist vielleicht der wichtigste Beitrag von AFS. Außerdem halte ich das ehrenamtliche Engagement bei AFS Deutschland für ein sehr interessantes Modell für die Weiterentwicklung unseres politischen Systems, da bei uns die konstruktive Zusammenarbeit die Regel ist.
Welche AFS-Erlebnisse haben dich am PHLVWHQ JHSU¾JW" Das Übernehmen von Verantwortung für eine Gruppe von Austauschschülern auf einem fünftägigen Late Orientation Camp direkt nach meiner Rückkehr. Ich war damals 17 und die Hälfte der Gastschüler älter als ich. Außerdem das Empowerment als Entscheider und „Macher“ bei AFS. Viele Veranstaltungen 16 | HORIZONTE
und sogar Programme gab es erst, nachdem ich und andere uns reingehängt hatten. Das ist eine sehr gute Praxis, um sich an ein Engagement in der Gesellschaft zu gewöhnen.
:DV LVW GHLQ -RE EHL d3ODQW IRU WKH 3ODQHWo" „Plant for the Planet“ ist eine von Kindern gegründete Organisation, die die Klimakrise und den abzusehenden Kollaps der fossilen Zivilisation, deren fröhliche Bürger wir sind, nicht als Schicksal hinnimmt, sondern versucht, Lösungen zu finden. Weltweit wollen wir eine Million Kinder und Jugendliche zu Klimagerechtigkeitsbotschaftern machen. Ich helfe ihnen dabei, indem ich weltweit Freunde aktiviere und neue Partner suche, mit denen wir gemeinsam die Kinder und Jugendlichen im jeweiligen Land zum Mitmachen einladen. Ich würde mich freuen, wenn auch über den HORIZONTE-Artikel ein paar neue Kontakte entstünden.
Workshops zum Thema Klimawandel organisieren, bei denen jeweils eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen (8 bis 16 Jahre) zu Botschaftern ausgebildet wird. Wer so jemanden kennt oder selbst mithelfen möchte, schreibe bitte für weitere Informationen an kjell.kuehne@plant-for-the-planet.org.
:LH NÐQQHQ VLFK ,QWHUHVVLHUWH EHL d3ODQW IRU WKH 3ODQHWo HQJDJLHUHQ" Damit „Plant for the Planet“ als weltweite Kinder-Bewegung noch stärker wird, möchte ich alle AFSer dazu aufrufen, mitzuhelfen! Wir suchen in allen Ländern der Welt Personen, die sich schon für Umweltschutz engagieren oder mit Kindern arbeiten und Umweltthemen gegenüber aufgeschlossen sind. Gemeinsam mit ihnen wollen wir eintägige
Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten für „Plant for the Planet“ unter: www.plant-for-the-planet.org Unterkünfte bei netten Menschen gibt es unter: www.hospitalityclub.org
J. F. Kennedy spricht vor einer Gruppe von 1.800 AFS-Schülern
Forum
J. F. Kennedy und der ehemalige AFS-Präsident Steven Galatti
Am 22. November jährte sich das Attentat auf John F. Kennedy zum 50. Mal. Drei AFSer, die 1963/64 in den USA waren, erinnern sich für die HORIZONTE an diesen folgenschweren Tag.
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Dr. Klaus Binder, Orangeburg, South Carolina Gegen 13 Uhr an jenem Freitag meldete sich der Direktor unserer Schule über die Lautsprecheranlage und teilte uns mit bewegter Stimme mit, dass Präsident Kennedy bei einem Attentat ums Leben gekommen sei. Sprachloses Entsetzen stellte sich bei den meisten von uns ein. Allerdings gab es einige wenige, die hämische Bemerkungen machten. Sie wurden von ihren Lehrern sofort zurechtgewiesen. Den Rest des Wochenendes verbrachten wir überwiegend vor dem Fernseher. Unendlich traurig und aufgewühlt, sahen wir die Bilder vom Attentat, der Vereidigung von Lyndon B. Johnson zum Präsidenten und der Überführung des Sarges nach Washington. Spekulationen, es könne sich um den Beginn einer kommunistischen Großaktion zur Destabilisierung der USA handeln, machten mir besonders Angst. Da der Großteil meiner mütterlichen Familie in der DDR lebte, war mir die Verwundbarkeit des damals geteilten Deutschlands als Puffer zwischen dem Ostblock und dem Westen nur allzu bewusst.
Herbert Pott, Danville, Kentucky „Heute um 14:35 starb John F. Kennedy, nachdem er durch einen Schuss in den Kopf verletzt wurde.“ So beginnen meine Tagebuch-Notizen zum 22. November 1963. Wir erhielten die Nachricht fünf Minuten nach dem Attentat zu Beginn der Band-Probe. Berichte waren schon vorher durchgesickert. Unser Band-Director bat mich um eine Stellungnahme und ich sprach von einem Verlust für die ganze Welt. Wir wurden nach Hause geschickt, die Flagge vor der Schule war auf Halbmast und alles war seltsam still. Auf den Straßen hatten Autos angehalten, um die Nachrichten besser verfolgen zu können.
und sei mit einer Russin verheiratet. Das Bild von seiner späteren Ermordung durch Jack Ruby habe ich heute noch vor Augen.
Frank Straub, Riverside, Kalifornien Wir hatten gerade Unterricht, als plötzlich durch die Lautsprecher folgende Nachricht kam: „President Kennedy has been shot.“ Von einer Sekunde auf die andere war alles wie gelähmt. Der Schulbetrieb wurde sofort eingestellt, viele meiner Mitschüler begannen zu weinen. Die meisten Schüler blieben auf dem Campus, um sich gegenseitig zu trösten und wohl auch um ihre Trauer zu teilen. Man spürte, wie sehr dieser Präsident bei der Jugend beliebt war, ja sogar geliebt wurde. Ich habe nie wieder in meinem Leben so viel Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Entsetzen erlebt wie an diesem Tag. Noch nie haben ein Präsident und seine Familie die Jugendlichen so fasziniert wie John F. K. Auch wenn sein Idealismus aus heutiger Sicht sicher etwas übertrieben war, so hatten seine jugendliche Art, sein gutes Aussehen, seine rhetorischen Fähigkeiten und die ganze Familienumgebung etwas Spektakuläres. Der ihm nachfolgende Präsident Johnson konnte nicht im Geringsten an diese Faszination und Popularität bei jungen Menschen anknüpfen.
J. F. Kennedy bei einem Besuch von AFS-Schülern im Weißen Haus 1961
Den Nachmittag verbrachten wir ganz unüblich vor dem Fernseher, um neue Nachrichten nicht zu versäumen. Es waren Details über die Festnahme von Lee Harvey Oswald, von dem berichtet wurde, er habe in der UdSSR und auf Kuba gelebt HORIZONTE | 17
Forum
Vor einigen Jahren wurde der Volunteer Summer Summit (VSS) aus der Taufe gehoben. Hunderte europäische AFSer treffen sich jeden Sommer an einem Ort in Europa zum Erfahrungsaustausch und zum gemeinsamen Lernen. Das Camp ist neu, die Idee jedoch beinahe schon so alt wie AFS in Europa: Schon vor fßnfzig Jahren fand eine internationale Studententagung in Berlin statt, zur Hochzeit des Kalten Krieges. Einige Teilnehmer erinnern sich.
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Forum
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„It is a tricky word, but I still believe that if I hadn’t had my experience with AFS, my life would have turned out differently.“ Text $QQH .DWKULQ 7RSS | Foto $)6 ,QWHUFXOWXUDO 3URJUDPV
Jaroslava MoserovĂĄ war eine der ersten Teilnehmer am AFS-Programm nach dem Ersten Weltkrieg. Von 1947 bis 1948 verbrachte sie ein Schuljahr in den USA und blieb aufgrund der politischen Verhältnisse in ihrer Heimat Tschechoslowakei sogar noch ein weiteres Jahr dort. 1949 wurden erstmals AFS-GruĂ&#x;karten zur finanziellen UnterstĂźtzung der AFS-SchĂźlerprogramme verkauft. Dieser frĂśhliche, multikulturelle Schlitten zeigt Jaroslavas Beitrag zu dieser ersten Aktion. Nachdem 1989 der Eiserne Vorhang in Europa gefallen war, war Jaroslava MoserovĂĄ mit zwei weiteren AFSern ihres Jahrgangs eine der Ersten, die das AFS-Leben in ihrer Heimat aufleben lieĂ&#x;en. 1996 grĂźndeten die AFSer der Nachkriegsstunde die jetzige Organisation „AFS MezikulturnĂ programy“ in der Tschechischen Republik. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Archive von AFS und AFS Intercultural Programs
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Forum
Polizeiaufgebot auf dem Taksim-Platz: ein alltägliches Bild in Istanbul im Sommer 2013
Istanbul ist eine Stadt voller Kontraste, in diesem Sommer aber auch eine Stadt vieler Proteste. Der Autor, der an der Summer Academy von InterCultur zum Thema „Sustainability from an Intercultural Perspective“ als Trainer teilnahm, unterhielt sich mit einem Teilnehmer und jungen tĂźrkischen Erwachsenen. Ein RĂźckblick.
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Ein lauer Samstagabend im August bricht an. Wir sind im beliebten Stadtteil BeyogĂĄlu mit vielen KĂźnstler- und Szenekneipen. Charles, ebenfalls Trainer bei der Sommerakademie, fĂźhrt zu einem kleinen, urigen Restaurant mit der KĂźche als Eingang. Als wir um die Ecke biegen, stehen dort dick eingepackte Polizisten in schwarzen Uniformen. Wegen der Demos dĂźrften wir da nicht entlanglaufen, heiĂ&#x;t es. Also gehen wir einfach in die nächste SeitenstraĂ&#x;e, um die Polizeisperre herum, so einfach ist das. Wir finden das kleine Restaurant. 'LH )RUHQ VLQG QDFK GHU 1LHGHUVFKODJXQJ GHU HUVWHQ 3URWHVWH Ă–EHUDOO LQ GHU 6WDGW HQWVWDQGHQ DOV GHU *H]L 3DUN JHVSHUUW ZXUGH 'DV ZDU HLQ *žQVHKDXWPRPHQW IĂ–U PLFK GDVV /HXWH GRUW LKUH žQJVWH XQG (UOHEQLVVH SUHLVJHJHEHQ KDEHQ 'DV JLQJ YLHOHQ QDKH VLH ZDUHQ VFKRFNLHUW 'HU RIIHQH $XVWDXVFK IĂ–KUWH DXFK ]X )UDJHQ ZLH d'DV NDQQ GRFK HLJHQWOLFK QLFKW SDVVLHUHQ LQ HLQHP HQWZLFNHOWHQ /DQG ZLH GHU 7Ă–UNHL GDVV -XJHQGSURWHVWH PLW VR YLHO 3ROL]HLJHZDOW QLHGHUJHVFKODJHQ ZHUGHQ"o ,Q GHU 6WDGW VWHKHQ DQ DOOHQ (FNHQ EHZDIIQHWH 3ROL]LVWHQ LQ 6FKXW]NOHLGXQJ (LQVFKĂ–FKWHUQG ZHQQ PDQ GLH %LOGHU YRQ GHU 1LHGHUVFKODJXQJ GHU 3URWHVWH LP -XQL NHQQW $OH[DQGHU )LQNH 7HLOQHKPHU GHU 6XPPHU $FDGHP\ LQ ,VWDQEXO
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Gegen zehn Uhr abends, wir wollen noch ein Bier trinken, und wir laufen direkt auf die HauptstraĂ&#x;e Ăşstiklal Caddesi zu. Auf dem Weg dorthin sehen wir in dunklen Seitengassen Polizisten in GrĂźppchen sitzen, mit Schutzhelmen und Schilden. Auf der „ústiklal“ selbst: Studenten, Ă„ltere, Partygänger, Familien mit Kinderwagen und dem Nachwuchs im Schlepptau: alles dabei. Keine Polizei auf der StraĂ&#x;e. VĂśllige Normalität. Wir biegen nach rechts Richtung Gezi-Park ab. Noch ahnen wir nichts.
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200 Meter vor uns auf der belebten EinkaufsstraĂ&#x;e bleiben die Menschen stehen. Wir bemerken den Geruch von Tränengas. Dann geht alles sehr schnell. Zuerst hĂśrt man Demonstrationsrufe, Plakate werden hochgerissen. PlĂśtzlich zeichnet sich ein Wasserwerfer am StraĂ&#x;enende ab, der Wasserstrahl zielt in unsere Richtung, Menschen laufen auf uns zu – einige schnell, einige trotten. Charles ruft mir zu, es wäre jetzt ganz gut, zu verschwinden. Die Polizisten in den SeitenstraĂ&#x;en riegeln die StraĂ&#x;en und Gässchen ab, keiner von der DemostraĂ&#x;e kommt in die Gassen hinein. Durch eine kleine LĂźcke in der Abriegelungskette, offensichtlich sehen wir wie Touristen aus, schlĂźpfen wir hindurch.
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Forum
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Etwas auĂ&#x;er Atem bleiben wir vor einer Bar stehen und blicken in Richtung Ăşstiklal, wo Menschen immer noch vorbeirennen. Die Situation ist absurd: Menschen sitzen zehn Meter weiter drauĂ&#x;en an Tischen, unterhalten sich, in den Bars wird gefeiert. Polizisten in GrĂźppchen rauchen, kommen hier und da mit FuĂ&#x;gängern ins Gespräch. Der Lockvogel vor einer Bar grinst uns breit an: „You look like you wanna have a beer! Come in!“ 1DPHQ JHžQGHUW
Ein Austauschjahr ist nicht nur eine kulturelle Bereicherung und eine spannende Erfahrung in einem neuen Land, es kann auch der TĂźrĂśffner fĂźr eine internationale und prominente Karriere vor der Kamera sein. Bekannte AFSer aus Medien und Kultur sind die aktuellen Paten der Sending-Kampagne von AFS.
Frank-Thomas Mende und Anna Engelke sind Paten der aktuellen Sending-Kampagne
„Und ohne das Jahr wäre ich wahrscheinlich auch nicht Auslandskorrespondentin geworden“, erzählt Anna Engelke Ăźber ihr AFS-Austauschjahr 1986/87 in den USA. Eigentlich hatte sie damals gar keine groĂ&#x;e Lust, ihre Freunde und ihre Schule fĂźr ein Jahr gegen etwas anderes in New Jersey einzutauschen. Aber ihre Mutter blieb hartnäckig. Dreimal hat sie während ihres Austauschjahrs mit der Mutter in Deutschland telefoniert, denn „Telefonieren war irre teuer“. Das Austauschjahr in den USA war erst der Anfang einer Karriere mit enger Beziehung zu den USA. Praktika und weitere Reisen folgten. Von 2007 bis 2012 berichtete
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Anna Engelke fĂźr den NDR und den WDR als Radiokorrespondentin aus Washington. „20 Jahre nach Ende meines Austauschjahrs wieder zurĂźck in die USA: Da hatte sich fĂźr mich ein Kreis geschlossen.“ Heute ist sie Pressesprecherin der ARD beim Norddeutschen Rundfunk und hat noch immer Kontakt zu ihrer Gastfamilie in den USA. Als Frank-Thomas Mende 1963/64 Deutschland den RĂźcken kehrte, um fĂźr ein Jahr als AustauschschĂźler nach Seattle zu gehen, musste die DC 10-4 Propellermaschine noch auf Neufundland zum Auftanken zwischenlanden und
J. F. Kennedy war noch US-Präsident. â€žĂœber den Tellerrand hinausschauen zu dĂźrfen ist ein Privileg“, schwärmt Frank-Thomas Mende und ist sich ohne Zweifel sicher, dass ihn sein Schuljahr mit AFS in den USA geprägt hat. Englisch ist fĂźr ihn eine Art zweite Muttersprache geworden, er studierte Anglistik und Amerikanistik, und der Schauspielunterricht fĂźhrte ihn wieder zurĂźck in die USA. Bis heute verbringt der Schauspieler, Regisseur und Ăœbersetzer von englischsprachigen TheaterstĂźcken jedes Jahr rund zwei Monate in den USA. „Es ist wie ein Nachhausekommen, alles ist vertraut und bekannt.“ HORIZONTE | 21
Forum
„Im September muss ich mein Amt abgeben, denn da gehe ich wieder ins Ausland.“ So oder ähnlich hört man es in vielen AFS-Gremien. AFSer sind eben sehr reiselustig, heißt es dann verständnisvoll über dieses Phänomen. Das wurde nun auch wissenschaftlich untersucht: Nach dem Austauschjahr gehen viele noch mal ins Ausland, hat eine Studie herausgefunden. Über zwei Drittel der Ehemaligen des AFS-Schülerprogramms machten das so, weit über die Hälfte blieben dabei der Organisation verbunden. Michael Weichbrodt (Kolumbien 1998/99) führte eine Mobilitätsstudie zum langfristigen Schüleraustausch durch
Über 3.000 ehemalige Austauschschüler verschiedener Organisationen nahmen an der Studie von Michael Weichbrodt teil. Der Diplom-Geograf, der selber Austauschschüler mit AFS in Kolumbien war, befragte im Rahmen seiner Doktorarbeit auch 390 Teilnehmer des AFSSchülerprogramms, die im Zeitraum von 1948 bis 2011 ein Jahr im Ausland verbrachten. In ausnahmslos allen Bereichen der Studie erhielt AFS überdurchschnittliche Bewertungen. In der Gesamtwertung der Umfrage erhielt AFS die Schulnote 1,66, der Durchschnitt aller in die Umfrage einbezogenen Austauschorganisationen betrug 2,12. Nicht nur das Austauschjahr selber und die Betreuung im Gastland wurden von den ehemaligen Austauschschülern als „gut“ bis „sehr gut“ bewertet, sondern auch die Vor- und Nachbereitung. Auch schaffte es AFS, mehr Teilnehmer als andere Organisationen in die Nachbereitun-
Ende 2014 feiert der American Field Service sein 100. Jubiläum. Ein großartiger Anlass, um zu feiern und gleichzeitig etwas Gutes zu tun. Darum veranstalten wir in guter US-amerikanischer Fundraising-Tradition am 18. Oktober 2014 in Berlin eine Benefizveranstaltung zugunsten des AFS-Stipendienfonds. Eingeladen sind alle AFSer, die die Arbeit von AFS unterstützen wollen. Im Moment stellen wir ein buntes, interkulturelles Programm zusammen, und natürlich 22 | HORIZONTE
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gen zu integrieren; lediglich 4,1 Prozent der Befragten hatten keine Nachbereitung, der Durchschnitt aller Organisationen liegt hier bei 14,8 Prozent. Insgesamt gab die Mehrheit der befragten AFSer an, dass die Bedeutung ihres Austauschjahrs „überaus wichtig“ für ihr heutiges Leben sei. Für viele war es auch ausschlaggebend für einen weiteren Auslandsaufenthalt. Durch die Umfrage wurde ebenfalls deutlich, dass die Teilnehmer des Schülerprogramms zur gesellschaftlichen „Transnationalisierung“ beitragen. So gaben 77 Prozent der Befragten an, noch ein weiteres Mal für längere Zeit im Ausland gelebt zu haben, sei es als FSJler, Au-pair, im Studium oder aus beruflichen Gründen. Aus anderen Studien ist bekannt, dass insgesamt elf Prozent der Gesamtbevölkerung schon einmal länger als drei Monate am Stück im Ausland gelebt haben. Ehemalige Austauschschüler
wird es viel Zeit geben, Erinnerungen auszutauschen und Lebenswege nachzuzeichnen. Weitere Details werden wir im Frühjahr bekanntgeben. Damit wir möglichst viele Alumni erreichen, aktualisieren wir in den kommenden Monaten unsere Adressdatei. Dabei freuen wir uns über Unterstützung. Jahrgangslisten mit Namen und Adress-Status der Teilnehmer können bei Annika Wolfgram (Annika.Wolfgram@afs.de; 040 399222-31) angefordert werden.
sind also im Vergleich wesentlich mobiler. Das Ergebnis der Studie von Weichbrodt bestätigt eindrucksvoll die langfristige und positive Wirkung der AFS-Programme auf ihre Teilnehmer, getreu dem internationalen Claim: „AFS inspiriert – ein Leben lang.“ Erfreulich ist auch, dass 58 Prozent der ehemaligen Austauschschüler noch immer Kontakt zum Verein haben, 38 Prozent bringen sich noch heute „sehr intensiv“ oder „ab und zu“ ins Vereins- oder Komiteegeschehen ein.
Mehr Informationen zur Studie von Michael Weichbrodt: www.uni-muenster.de/ Geographie/mitarbeiter/ weichbrodt/projekte.html
Abram Piatt Andrew, Jr. – Gründer des American Field Service
Forum
Isolde Söderman † Isolde Söderman (geb. Schock) ging 1950/51 mit dem legendären deutschen AFS-Jahrgang in die USA. Sie war für mehrere Jahre Chairman (Komiteevorsitzende) in Stuttgart. Anfang 1953 unternahm Helga von Hoffmann (geb. Cramer), „Secretary“ für AFS Deutschland, eine Rundreise unter anderem nach Stuttgart und Frankfurt, um die deutschen Chairmen kennenzulernen. In einem Brief aus dem November 2002 an mich erwähnt Helga diese Reise: „In Stuttgart überraschten sie mich mit 40 Familien [für das achtwöchige „AFS Summer Program“, d. Red.] – das weiß ich Wir trauern um … Hugo Biehl, USA 1967/68 Rainer Kesselring, USA 1950/51 Werner Lehn, USA 1950/51
Geschäftsführender Vorstand Patrick Ulmer, Vorsitzender Alex Weiser, stellvertr. Vorsitzender Nils Ostendorf, Schatzmeister Mick Petersmann, Geschäftsführer Herausgeber AFS Interkulturelle Begegnungen e. V. Friedensallee 48 · 22765 Hamburg Postfach 50 01 42 · 22701 Hamburg Tel.: 040 399222-0 · Fax: 040 399222-99 E-Mail: info@afs.de · Web: www.afs.de
Redaktionsanschrift Florian Aue · Einumer Straße 73
Gerhard Rompel (USA‚ 1951/52)
Horst Meller, USA 1953/54 Markus Schulke, USA 1987/88 Frauke Spottka, Chile 1984/85
Der Verein AFS Interkulturelle Begegnungen e. V. hat 3.765 Mitglieder. Rund 4.000 ehrenamtliche Mitarbeiter setzen sich für die Umsetzung der AFS-Idee ein. (Stand: November 2013)
V. i. S. d. P. Florian Aue, horizonte@afs.de
noch! Das war eine tolle Rundreise, überall war Begeisterung und eine gewaltige Aufbruchsstimmung.“ Isolde war 1956 bis 1958 die erste ständige Mitarbeiterin des AFS-Büros in Düsseldorf, das sich in der Wohnung von Helga und Alexander von Hoffmann befand. Mit ihrem charmanten schwäbischen Akzent, Intelligenz, Organisationstalent und Humor war sie in dem manchmal hektischen Betrieb des Büros ein beruhigender Gegenpol. Nach langer schwerer Krankheit ist Isolde am 4. Juni 2013 gestorben.
Hans-Gernot von Albert, USA 1954/55 Gudrun Wigginghaus (Lübbermann), USA 1962/63 Karl Heinz Wittke, USA 1951 /52
31135 Hildesheim · Tel.: 05121 7550905 Mobil: 0177 6725732 · E-Mail: horizonte@afs.de Autoren und Mitarbeiter dieser Ausgabe Andrea Arnemann, Florian Aue, Nicole Brechmann, Bärbel Helmers, Robert Litz, Alexander Kerkhoff, Biba Petzel, Anna Schnepper, Robert Strauss, Tristan Schulze, Anne-Kathrin Topp, Benedict Weskott, Annika Wolfgram Gestaltung SPIDER Design GmbH, Sarah Winkelmann ISSN 1729-1410 Druck BerlinDruck GmbH Co KG Die Autorenschaft der nicht namentlich gekennzeichneten Beiträge liegt bei Mitgliedern der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Texte geben nicht unbe-
dingt die Meinung der Redaktion wieder. Für den Inhalt der Texte sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Für unverlangt eingesandte Manuskripte, Zeichnungen und Fotos wird keine Haftung übernommen. Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu kürzen oder auch abzulehnen. Spendenkonto Bank für Sozialwirtschaft IBAN: DE30251205100009444400 BIC: BFSWDE33HAN Oder online: www.afs.de/spenden Spenden sind steuerlich absetzbar Die AFS-Stiftung Die Stiftung (gegründet 1998) hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit regelmäßigen Zuwendungen aus den Zinsen des Stiftungskapitals die Aktivitäten von AFS zu unterstützen und durch die Vergabe von Stipendien den internationalen Jugendaustausch zu intensivieren. www.afs.de/afs-stiftung
Wir w端nschen allen
Vereinsmitgliedern , ehren- und hauptamtlichen Mita rbeitern, Programmteilnehm ern und Gastfamilien von AF S eine tolle Weihnacht szeit und ein gutes neues Jahr!
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