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50 Jahre Hosting in Deutschland

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50 Jahre Gastfamilien in Deutschland „Ist das wirklich schon 50 Jahre her?“ Viele, die wir zu diesem Jubiläum befragt haben, waren erstaunt, dass schon vor 50 Jahren Gastschüler mit AFS nach Deutschland kamen. Nicht nur, weil die Zeit so schnell verging. Rückblickend ist es tatsächlich erstaunlich, dass bereits 1952 die ersten Gastschüler aus den USA den Sommer in Deutschland verbrachten, denn sie kamen in ein Land, das im Wiederaufbau begriffen war. Bemerkenswert sind vor diesem Hintergrund sowohl die Gastfreundschaft der deutschen Familien als auch der Mut amerikanischer Familien, ihre Kinder in die Obhut der ehemaligen Feinde zu geben. Besondere Hochachtung verdient auch die Offenheit und Anpassungsbereitschaft der amerikanischen Gastschüler. Völkerverständigung war damals ein wichtiges Anliegen der jungen Generation. „Eine neue Welt bauen, nie wieder Krieg. Alle sollen sich kennen, verstehen, schätzen lernen und dann, auf diese Weise, können wir Kriege verhindern. Das war unter jungen Leuten generell ein ganz großes Bedürfnis.“ So beschreibt Helga von Hoffmann (USA 51/52) die Stimmung 1952. Das AFSAngebot zu interkulturellem Austausch wurde deshalb dankbar und begeistert aufgenommen. AFS wurde 1914 als „American Field Service“ gegründet. Damals initiierten junge amerikanische Freiwillige einen Ambulanzdienst, der in den beiden Weltkriegen Verwundete rettete. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschlossen sich die ambulance drivers unter der Führung von Stephen Galatti, Director General von AFS, sich im Schüleraustausch zu engagieren. Sie wollten jungen Menschen ermöglichen, für eine Zeit in einem anderen Land zu leben, eine andere Kultur kennen zu lernen und internationale Freundschaften Amerikanische Gastschüler an Bord der “Arosa Kulm”, auf dem zu schließen, denn „Freunde Weg nach Deutschland 1952 führen keine Kriege.“ Aus diesem Engagement ist heute ein internationales Netz von AFS-Organisationen in 60 Ländern geworden, das jedes Jahr für mehr als 10.000 Jugendliche und ebenso viele Gastfamilien langfristige interkulturelle Austauschprogramme ermöglicht. Die ersten deutschen Schüler gingen 1948 mit AFS für ein Jahr in die USA. Für junge Deutsche, mehr noch als für junge Franzosen, Holländer oder Dänen, war der einjährige Schulbesuch in den USA eine ungeheure Chance - zumal sie zwischen 1950 und 1955 Vollstipendien aus amerikanischen öffentlichen Mitteln erhielten. Für europäische AFSer war es wichtig, sich für das Privileg des USA-Aufenthaltes zu revanchieren und die gebotene Gastfreundschaft zu erwidern. Schon im Sommer 1950 riefen die Franzosen ein Ferienprogramm für amerikanische Schüler und Schülerinnen ins Leben. 1951 luden auch Ehemalige aus Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Griechenland und den Niederlanden Gastschüler in ihre Länder ein. 1952 kamen Norwegen und Deutschland als Gastländer hinzu. Die Zahl der Teilnehmer stieg von 9 im ersten Jahr über 24 im zweiten auf 107 im dritten. Von diesen 107 Gastschülern im Jahr 1952 waren mehr als die Hälfte (54) Gäste in deutschen Familien.


Die 54 Teilnehmer des Sommerprogramms waren Schüler und Schülerinnen aus elften und zwölften Klassen amerikanischer High Schools. Sie kamen aus allen Gegenden der USA - von Portland, Oregon bis Portland, Maine. Ihre deutschen Gastfamilien lebten in mehr als 20 Orten, verteilt über die ganze damalige Bundesrepublik sowie West-Berlin. Hinter diesen nüchternen Zahlen steckt eine Riesenleistung, die nicht genug gewürdigt werden kann. Organisiert wurde das deutsche Sommerprogramm von den deutschen USA-Rückkehrern, also von 18- bis 20-jährigen Jugendlichen. Vorbilder gab es nicht – alles wurde zum ersten Mal organisiert. Die deutschen Returnees waren vor allem motiviert durch die Dankbarkeit für ihr eigenes USA-Jahr und durch die Aufmunterung von Stephen Galatti - “Just go ahead and do it!” Doch Ansporn und Motivation waren auch nötig, um sich von Hemmnissen und Widerständen nicht entmutigen zu lassen: Sieben Jahre nach Kriegsende waren viele deutsche Städte noch nicht wieder aufgebaut. Vorbehalte gegenüber den USA, beengte Wohnverhältnisse, Misstrauen gegen ein Vorhaben, das nicht von Schulen oder Behörden, sondern von Jugendlichen initiiert war, fehlende Infrastruktur (wer hatte schon Telefon oder gar ein Auto?) – alles wurde wettgemacht durch die Begeisterung für die Sache. Aus Anlass des 50. Jahrestages dieses ersten Aufenthaltes amerikanischer AFS-Jugendlicher in Deutschland haben wir die Beteiligten um ihre Erinnerungen gebeten. Und wir haben überwältigende Rückmeldungen erhalten - von den amerikanischen Teilnehmern, ihren deutschen Gastgeschwistern, von den USA-Rückkehrern, die das Programm damals initiierten und organisierten, und von damaligen New Yorker AFS-Hauptamtlichen. Die Lebendigkeit ihrer Erinnerungen zeigt uns, welche Bedeutung das erste Gastfamilienprogramm in Deutschland für alle Beteiligten hatte. Eine Auswahl der Beiträge haben wir hier zusammengestellt, englische Beiträge übersetzt und sie nur durch Kapitelüberschriften und gelegentliche Erläuterungen ergänzt. Denn wir finden, dass die Aufbruchstimmung und Begeisterung der frühen AFS-Jahre am besten in diesen persönlichen Erinnerungen zum Ausdruck kommt. Wir möchten damit die AFS-Geschichte lebendig erhalten – damit im Bewusstsein dieser Wurzeln noch viele Jugendliche und Gastfamilien den Weg des interkulturellen Austauschs beschreiten.

Wir danken allen, die uns ihre Erinnerungen geschenkt haben!

Bärbel Helmers Dagmar Bethkowsky

(USA 1953/54, ehemalige Geschäftsführerin AFS Deutschland) (PR-Verantwortliche AFS Deutschland 1998-2002)

"Walk together, talk together, O ye people of the earth; then, and only then, shall ye have peace." (AFS-Motto)


Die Vorbereitung Die Ehrenamtlichen Es waren die deutschen Teilnehmer am Austauschjahr 1950/1951, die das Sommerprogramm für amerikanische Gastschüler in Deutschland ins Leben riefen. Sie hatten nicht nur die Idee, sondern übernahmen auch die Organisation, die Suche nach Gastfamilien und die Betreuung der amerikanischen Gäste - so wie alle AFS-Programme auch heute noch von der ehrenamtlichen Basis getragen werden. In Deutschland gab es noch keine AFS-Niederlassung. Erst zum 1. Oktober 1952 wurde mit Helga von Hoffmann (Cramer) die erste hauptamtliche AFS-Mitarbeiterin außerhalb der USA eingestellt, bedingt auch durch den großen Erfolg des ersten Gastschülerprogramms. Das Sommerprogramm 1952 organisierten die ehrenamtlichen AFS-Returnees in direktem Kontakt mit der AFS-Zentrale in New York. Alles wurde in diesem Jahr zum ersten Mal gemacht, Vorgehensweisen und Verfahren für dieses neue Programm mussten festgelegt werden. Damals wurde vieles eingeführt, was bis heute Bestandteil der AFS-Programme ist – z.B. die Orientierungseinheit für Gastschüler. Man kamaber offensichtlich erst in späteren Jahren darauf, dass Reisen per Anhalter und Mitfahrten auf Motorrollern nicht unbedingt wünschenswert waren... „Als wir ‚Returnees’ aus dem Austausch-

programm 1950/51 zurückkamen, empfanden wir es ganz einfach als selbstverständlich, als Teil des Dankes für die uns erwiesenen Privilegien so rasch wie möglich für einen ‚Gegen-Austausch’ zu sorgen. Als erster Schritt bot sich ein ‚Sommerprogramm’ an.

Das wurde auch ganz schnell und unbürokratisch organisiert. Ich weiß nur noch, dass wir in dem Kreis, der sich einige Male im IGFarben-Gebäude getroffen hatte, bei der Akquisition der Gastfamilien in ständigem telefonischen und auch persönlichen Kontakt waren. Wir mussten oft bei den Interessenten etwas Überzeugungsarbeit zu verschiedenen Themen leisten: •

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Rosemarie Popp bei der Organisation des Sommerprogramms

Befürchtungen ausräumen, dass es Sprachprobleme geben würde („sprechen diese Schüler auch Deutsch? Werden wir mit unserem Schulenglisch zurecht kommen?“). Klar machen, dass es hier um ein „einseitiges“ Sommer-Programm ging, nicht um einen direkten Zug-um-ZugAustausch mit den eigenen Kindern. Unsicherheiten nehmen, dass die Amerikaner vielleicht zu anspruchsvoll seien und man ihnen zu wenig bieten könnte.

Was wir als sehr vorteilhaft herausfanden, war das Angebot, es erst einmal zu probieren und uns sofort anzusprechen, wenn sich Probleme andeuteten: Wir würden für Abhilfe sorgen. Das wurde aber erst in späteren Jahren aktuell, in 1952 erinnere ich mich nur an 1 bis 2 Fälle.“ (Axel)


untergebracht und mich dann um sie gekümmert. Ich stehe heute noch in regelmäßigem Kontakt mit ihnen.“ (Helga)

AFS New York

Stephen Galatti, AFS Director General

„Als ich im September 1951, frisch vom College, bei AFS zu arbeiten anfing, war das ein winziger Verein. Stephen Galatti erschien jeden Tag etwa gegen drei Uhr nachmittags in dem alten Büro an der 30. Straße, nachdem er seine „Schicht“ an der Börse in der Wallstreet hinter sich gebracht hatte, wo er ja noch beschäftigt war. Außer ihm gab es da Dot Field, George Edgell, Sachiye Mizuki, Herta Pflanze, ‚Hobbsie‘ (sie kümmerte sich um die Buchhaltung, häufig in den roten Zahlen), dann Harriet Suydam und mich (wen habe ich vergessen?). Ich erinnere mich an George Rock, der den Kontakt zu den ehemaligen Ambulanzwagen-Fahrern hielt. Einer von ihnen, John Peabody, übernachtete gelegentlich im oberen Stockwerk. Über seine ‚Artigkeiten’ kicherten wir.“ (Blaikie)

„Während der Rückfahrt 1951 auf der MS Vulcania haben wir uns auf Anregung von AFS New York zusammengetan, um den Sommer darauf amerikanische Schüler für die Ferien zu uns einzuladen. Da es meine Familie nach Wegzug aus Berlin und Flucht aus Schlesien nach Minden in Westfalen verschlagen hatte, schloss ich mich an die Hannoveraner (Niedersachsen) an. In Minden habe ich dann außer meiner eigenen noch zwei Familien von Schulfreunden für die Aufnahme eines Gastschülers gewinnen können, so dass wir in Hannover dann drei Mädchen in Empfang nehmen konnten.“ (Karin). „1952 hatte ich zwei Mädchen in Düsseldorf untergebracht. Bei uns selber ging das nicht, weil wir zu beengt lebten und auch gerade erst umgezogen waren, in ein völlig zerbombtes Haus. AFS in New York hatte von mir die Namen der Familien und die Beschreibung bekommen. So haben das alle gemacht, die jemanden aufnahmen oder unterbrachten. Im ersten Jahr ging noch alles direkt über New York. Die zwei habe ich bei Schulkameraden

Helga von Hoffmann bei der ehrenamtlichen Arbeit


Unterstützung für die Ehrenamtlichen Unterstützt wurden die ehrenamtlichen AFSer von Mitarbeitern der amerikanischen Konsulate in Deutschland und von der Hauptverwaltung des amerikanischen High Commissioner for Germany (HICOG). Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 waren die Militärregierungen in den drei westlichen Besatzungszonen durch Hohe Kommissare abgelöst worden, die auch 1952 noch eine wichtige Rolle spielten. Die Verwaltung der USA-Programme für deutsche Teilnehmer, die aus amerikanischen öffentlichen Mitteln finanziert wurde, lag in Händen des HICOG-Büros in Frankfurt. Daher war HICOG auch der erste Ansprechpartner für das Gastschülerprogramm in Deutschland. Zeitungsartikel aus jener Zeit enthalten auch Hinweise auf das Interesse deutscher öffentlicher Stellen und Organisationen (so das Kultusministerium in Hannover und die Columbus-Gesellschaft in München) und deren Mitwirken an der Programmgestaltung für die amerikanischen Gäste.

Aus dem Protokoll des Treffens vom 24. April 1952, Raum 140, Headquarters Building HICOG, bei dem Mitarbeiter der Austauschabteilung von HICOG, 15 deutsche AFS-Returnees sowie Mr. Stephen Galatti und Mr. George Edgell aus dem AFS-Büro in New York anwesend waren:

Die Sitzung wurde um 13:30 Uhr eröffnet. Mr. Galatti begann mit der Erörterung des AFSSommerprogramms in Europa, mit besonderem Augenmerk auf den deutschen Teil des Programms. Ein AFS-Ehemaliger, der die Informationen über Familien gesammelt hatte, die bereit waren, einen amerikanischen Jugendlichen aufzunehmen… berichtete, dass für die meisten Jugendlichen, die in den USA für Deutschland ausgewählt worden waren, Plätze gefunden seien. Mr. Edgell bat darum, zusätzliche Informationen über die Familien so schnell wie möglich nach Frankfurt einzureichen, nicht später als 30. April oder 2. Mai 1952. Nach Ankunft in Europa werden die amerikanischen Jugendlichen nach Frankfurt gebracht und von dort zu den jeweiligen Bestimmungsorten weitergeleitet. Es wurde vorgeschlagen, eine einbis zweitägige Vorbereitungstagung in Frankfurt abzuhalten, um allen amerikanischen Teilnehmern einige Informationen über Deutschland zu vermitteln und ihnen die Ziele des Programms und ihre Rolle bei diesem Austausch nahezubringen. Das Sprachproblem wurde erörtert. Wenn möglich, sollten die amerikanischen Jugendlichen etwas Deutsch sprechen. Allerdings schien man diesem Problem in der Diskussion keine große Bedeutung beizumessen. Ein HICOG - Mitarbeiter brachte einige organisatorische Details zur Sprache, wie Versicherung, Auffinden verlorenen Gepäcks, Fürsorge für kranke Teilnehmer etc. Mr. Galatti legte dar, dass alle Teilnehmer durch AFS versichert seien. Von den Gastfamilien werde erwartet, dass sie sich auch bei Krankheit um die Jugendlichen kümmerten, einen Arzt zu Rate zögen etc. Alle Kosten, die durch die Benachrichtigung eines nahen Familienangehörigen entstünden, würden von AFS übernommen. Die endgültigen Vorkehrungen müssten noch festgelegt werden. Die Frage beispielsweise, wer für das Auffinden verlorenen Gepäcks zuständig sein solle, wurde nicht abschließend beantwortet.


Die Bewerber Um die Teilnahme am Sommerprogramm 1952 durften sich Jugendliche aus amerikanischen High Schools bewerben, die im Schuljahr 1950/51 einen ausländischen Gastschüler aufgenommen hatten. Die möglichen Gastländer in Europa waren bekannt, aber Bewerber durften kein bestimmtes auswählen. Aufgeschlossenheit, auch gegenüber ehemaligen Kriegsgegnern, galt als eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Teilnahme. Teilnehmer der ersten Jahre des „Americans Abroad“ Programms – und ihre Eltern – setzten großes Vertrauen in AFS und verfügten offenbar über eine gute Portion Pioniergeist. „Wahrscheinlich gab es ein gewisses Zögern bei einigen Familien, ihre Kinder nach Deutschland zu schicken, aber ich bin überzeugt, dass Mr. Galatti sie beruhigt und ihnen ein Gefühl der Sicherheit hinsichtlich des Programms vermittelt hat. Auch auf Seiten einiger amerikanischer Regierungsbeamter gab es Fragen. Ich erinnere mich

auch daran, dass Mr. Galatti dem Büro des amerikanischen Hochkommissars versicherte, dass er Mitarbeiter aus dem New Yorker AFS-Büro zur Unterstützung der AFSEhemaligen nach Deutschland schicken werde.“ (Sachiye)

Wer bewarb sich – und warum?

„AFS war in Milwaukee, Wisconsin, in den 50er Jahren unter der Leitung der Familie van Brunt sehr aktiv. Milwaukee hat einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil mit deutschem Hintergrund, einschließlich meiner Vorfahren, die um 1840 in die USA kamen. Der Deutschlandbesuch mit meinen Großeltern 1949 war eine bedeutsame Erfahrung.“ (Alfred)

„Die Entscheidung, mich für das AFS Sommerprogramm zu bewerben, traf ich Ende 1951 oder Anfang 1952. In den Jahren vor meiner Reise hatte meine Schule deutsche Austauschschüler aufgenommen. Mit denen hatte ich mich angefreundet und ich stellte mir vor, dass ich im Ausland Spaß haben würde, auch wenn ich mich ein wenig fürchtete. Meine Mutter ermutigte und unterstützte mich sehr. Mein Vater weniger – der Krieg lag ja noch nicht lange zurück. Nachdem ich dann erfahren hatte, dass meine Bewerbung erfolgreich war (so um Ostern), veranlasste der Direktor meiner Schule, dass mir zwei unserer deutschen Austauschschüler in den letzten sechs bis sieben Wochen des Schuljahres Privatunterricht in Deutsch gaben. Das war interessant, denn Chris und Herwig kamen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands und verbrachten eine Menge

Zeit damit, sich über die korrekte Aussprache zu streiten.“ (Janet)

„Es war die Erfahrung mit der ersten AFSSchülerin an unserer Schule 1951/1952, einer Französin, die mich zur Bewerbung veranlasste. Unsere Stadt war klein und selbst nach damaligen Maßstäben waren viele von uns naiv und blickten nicht über den Tellerrand. Sie öffnete unsere Augen für die Welt da draußen.“ (Jack)

„Tatsächlich begann meine Verbindung zu AFS schon vor 1952. Im Frühjahr 1950 gab es in meiner Schule eine Ankündigung, dass für zwei deutsche Schüler Gastfamilien für ein Jahr gesucht würden. Sofort bin ich zum Schulbüro gegangen und habe mich beworben – natürlich, ohne dass meine Eltern etwas davon wussten! Im August 1950 kam Klaus für sein Austauschjahr bei uns an. Es war für unsere ganze Familie ein absolut wunderbares Jahr, und wir waren sehr betrübt, als die Zeit des Abschieds kam und Klaus wieder nach Deutschland zurückkehrte. Ungefähr ein Jahr später wurde meine Schule als Entsendeschule für einen Teilnehmer am Sommerprogramm 1952 ausgewählt. Noch


einmal habe ich mich beworben (diesmal mit der Erlaubnis meiner Eltern) und war sehr glücklich, ausgewählt zu werden“. (Earl)

“1951 im Sommer nahm ich als Delegierter an der Jahrestagung der Nationalen Vereinigung der Schülervertretungen teil. Mr. Stephen Galatti, einer der Gründer des AFS, war einer der Redner. Er berichtete, dass er für einige deutsche Jugendliche noch Gastfamilien für das Schuljahr 1951/1952 suche. Nach seiner Rede ging ich zu Mr. Galatti und sagte, ich wolle einen dieser Jugendlichen unterbringen. Er gab mir die Unterlagen von Helmut aus Kassel. Meine Eltern konnten Helmut nicht zu uns einladen, da meine Mutter ein Baby erwartete. Deshalb ‚platzierte’ ich ihn in der Familie von guten Freunden, wo ich ihn jeden Tag sehen und sein amerikanischer Bruder sein konnte. Eines Tages rief mich der Direktor meiner Schule in sein Büro und stellte mich George Edgell vor, der als Vertreter des AFS-Büros

zu Besuch war. Der Direktor und Mr. Edgell luden mich ein, Mitglied der ersten Gruppe amerikanischer High School Schüler zu werden, die den Sommer in Westdeutschland verbringen würde. Ich stimmte zu und überzeugte meine Eltern, dass ich mitmachen sollte.“ (Kenneth)

„Mein Interesse an AFS wurde 1951 durch Helga (Cramer) von Hoffmann geweckt, die später noch eine so wichtige Rolle im deutschen AFS spielen sollte. Als Austauschschülerin in Bethesda Chevy Chase, Maryland, hielt sie an meiner Schule einen Vortrag. Als ich mich bewarb, konnte man ja keinen Länderwunsch äußern, aber in meiner Phantasie sah ich mich in Deutschland, und zwar in Berlin. Als Stephen Galatti mir dann schrieb, dass ich genau dorthin reisen würde, mit sieben anderen AFS-Schülern in einem Militärflugzeug, habe ich mich riesig gefreut. Er beschrieb Berlin als eine Stadt mit vielen Parks und vielen Seen.“ (Mary)


Die Gastfamilien Viele der deutschen Gastfamilien wurden von den eigenen Kindern, ehemaligen AFSern, gewonnen. Andere waren Eltern von Schulfreunden der AFS-Rückkehrer. Gudruns Eltern meldeten sich nach einem Aufruf in Berliner Medien. „Ja, warum haben meine Eltern damals an

dem Austausch teilgenommen? Wir hatten den Zusammenbruch des Dritten Reichs und den Einmarsch der russischen Armee überlebt. Die unruhige Zeit der Ungewissheit, in welchem Sektor Berlins wir landen würden, war überstanden. Die Amerikaner wurden als unsere Befreier von der Roten Armee gefeiert. Wir hatten unser Haus räumen müssen, weil es wegen intakter Elektrifizierung von einer amerikanischen Offiziersfamilie okkupiert wurde. Das hatte für mich den Vorteil, die englische Sprache relativ mühelos – obgleich nicht fehlerlos – zu lernen. Wir begannen, die ‚Amis’ auch zu lieben. Zuerst aus dem sehr oberflächlichen, aber lebenswichtigen Grund, dass die Soldaten einen schwungvollen Handel mit wohlriechender Seife, Zigaretten, geradezu himmlischer Schokolade usw. auf dem Schwarzmarkt trieben. Insbesondere wir Kinder hatten gute Chancen, niedrige Preise erzielen zu können. Nach einigen Monaten begannen wir, vor allem im Elternhaus, aber auch in der Schule, die Segnungen der Demokratie, der Toleranz, der geistigen Freiheit, einer multikulturellen Gesellschaft usw. vorsichtig zu begreifen und, zuerst noch unkritisch, später kritischer, zu diskutieren. Meine persönliche überschwengliche Bewunderung galt allem, was die USA betraf. Zu gern hätte ich ein Schuljahr in den USA verbracht. Aber das ist mir zur passenden Schulzeit nicht gelungen. Als gerade dann der Aufruf an die Berliner erging, sich als Gastfamilie zu melden, taten meine Eltern das vor allem, um meinem Informationsbedürfnis noch mehr nachzukommen, und aus der Überzeugung, gleichzeitig eine wichtige Aufgabe zur Verständigung zwischen den Völkern zu erfüllen.“ (Gudrun)

„Damals war eine ungeheure Gastfreundschaft. Viele Familien waren dankbar für Care-Pakete und andere Hilfe und wollten etwas zurückgeben. Und sie waren selig, dass ihre Kinder auf diese Weise Auslandskontakte bekamen, weil es völlig undenkbar war, dass sie selbst reisten. Das war zum Teil unglaublich beengt und für viele Familien in vieler Hinsicht ein richtiges Opfer. Aber sie haben’s gemacht und es waren Familien von ‚all walks of life’ dabei: Ärzte, Anwälte, aber auch BergarbeiterFamilien. Zum Teil haben sie im Wohnzimmer auf der Couch geschlafen oder die leiblichen Kinder sind aus ihrem Kinderzimmer ausgezogen, damit der amerikanische Gast ein Zimmer hatte.“ (Helga)

Die 54 Jugendlichen waren so verteilt (Orte bzw. Komitees):

Aschaffenburg Bamberg Bayreuth Berlin Bremen Braunschweig Coburg Düsseldorf Frankfurt Gießen Hamburg Hannover Kassel Kaufbeuren München Minden Passau Pforzheim Schweinfurt Stuttgart Nicht zugeordnet

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Die Reise Eine Übersee-Reise 1952 – man setzte sich nicht einfach in ein Flugzeug. Die Gastschüler überquerten den Atlantik mit dem Schiff, nach der Landung in Frankreich ging es mit der Bahn weiter nach Frankfurt und anschließend zu den Gastfamilien. Die lange und teilweise beschwerliche Reise verstärkte das Gefühl, ein wirkliches Abenteuer zu bestehen: “Nach der Anreise per Bus (über Nacht) schifften wir uns auf der ‚Arosa Kulm’ in Montreal ein. Zehn Tage Ozeanüberquerung nach Europa lagen vor uns. Das war eine aufregende Zeit für einen sechzehnjährigen Jungen aus der elften Klasse: meine erste Auslandsreise, ohne die Eltern, mit einer Gruppe anderer Jugendlicher aus elften und zwölften Klassen. Die Schiffsreise nach Europa war ein Abenteuer für mich und bereits eine ungeheure Lernerfahrung. Zum ersten Mal lernte ich Jungen und Mädchen aus allen Teilen der USA kennen. Die Mitglieder der Schiffsmannschaft stammten aus vielen verschiedenen europäischen Ländern. Ich hatte in der Schule Französisch genommen und konnte kein Deutsch. Die Unterrichtsstunden, die während der Überfahrt abgehalten wurden, vermittelten mir Anfangskenntnisse in der Sprache. Es gab auch Vorträge und Diskussionsrunden über Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart.“ (Richard)

“Von Cedar Rapids, Iowa, nach Chicago nahmen mich die Eltern einer anderen Schülerin aus Cedar Rapids mit. Insgesamt nahmen fünf Jugendliche aus den vier öffentlichen High Schools der Stadt am AFSProgramm teil. Von Chicago aus ging’s mit dem Bus weiter, zusammen mit anderen AFSern. Wir fuhren durch Erie, Pennsylvania, nach Montreal in Kanada und in andere Großstädte. Ich erinnere mich deswegen an Erie, weil dort ein Mädchen zustieg, mit dem ich schon vor Beginn dieses Abenteuers korrespondiert hatte. Auch ihr Gastland war Deutschland. In Montreal wurden wir dann von AFSVertretern empfangen. Bei einem wunderschönen Essen hielt Stephen Galatti eine Rede, und dann ging’s an Bord der ‚Arosa Kulm’ für unsere zweiwöchige Atlantiküberquerung. Die ‚Arosa Kulm’ war ein umgebauter Frachter voller quirliger, aktiver,

aufgeregter Jugendlicher. Ich erinnere mich, dass ich tagsüber an Deck saß und Karten spielte. Wir warteten auf den Nachmittag, denn dann brachte der Koch delikate Kuchenstückchen herauf, mit üppigen Schlagsahnehauben, mit Zuckerguß und Schokolade. Ich erinnere mich auch an die Mahlzeiten, weil rings um die Tische Holzleisten angebracht waren, die verhindern sollten, dass die Teller mitsamt dem Essen beim Schaukeln des Schiffes auf den Fußboden rutschten. Nachts, wenn man in der Koje lag, konnte man die aufgehängten Kleider von einer Seite auf die andere pendeln sehen. Ich erinnere mich nicht an Eisberge auf der Hinfahrt, aber auf der Rückreise sahen wir welche. Wir legten kurz in Southampton, England, an, überquerten dann den Kanal und gingen in Le Havre, Frankreich, von Bord. Ein Zug brachte uns nach Paris, wo wir übernachteten. Wir Mädchen waren in einem Mädcheninternat untergebracht. Am nächsten Morgen reisten diejenigen von uns, die nach Deutschland wollten, mit dem Zug nach Frankfurt weiter. Von uns Fünfen aus Cedar Rapids blieb eine in Frankreich, eine andere ging nach Belgien. Wir übrigen drei waren mit den anderen in dem Zug nach Deutschland. In Frankfurt gab es ein Essen und ein Treffen mit den AFSVerantwortlichen aus der Gegend.“ (Elaine)

Ankunft in Hannover


Daten 1952 Blaikie (Forsyth) Worth wendet sich an Gerhard Rompel (USA 51/52), den sie gerade auf der Rückreise auf der „Independence“ betreut hatte, und bittet ihn um Mithilfe bei der Betreuung der amerikanischen Jugendlichen am Bahnhof in Frankfurt. Klar, dass er sich einfand! Das Porto für die Postkarte damals: 10 Pfennig, plus 2 Pfennig „Notopfer Berlin“.

„Dear Gerhard, The American AFS students who have been in Germany this summer are leaving on Thursday on the night train and so most of them will be here for the day. If you like to, and if you can get out of school […] show some of them around, meet trains etc…it would be nice for them. If you can & would like to, look for me in the station Thursday, almost anytime (at RTO at 12 if you want to make a definite time). Hope to see you Blaikie Forsyth” 19. Juni

die AFSer treffen sich im Laurentian Hotel in Montreal

20. Juni

die Arosa Kulm legt ab

30. Juni

Ankunft in Le Havre

01. Juli

Ankunft in Frankfurt

02. Juli

Ankunft in Hannover

22. August

die Gruppe sammelt sich in Paris

25. August

die Arosa Kulm läuft aus Le Havre aus

04. September

Ankunft in Quebec

05. September

Ankunft in Montreal


Der Sommer in Deutschland In Deutschland angekommen, wurden die amerikanischen Schülerinnen und Schüler von ihren Gastfamilien herzlich aufgenommen. Nun galt es, sich an das Leben in Deutschland zu gewöhnen. Die Lebensumstände der Gastfamilien waren sehr verschieden, in jedem Fall aber anders, als es die Gastschüler aus den USA kannten. „Wir wohnten damals zwar in einem schönen Altbau, jedoch gab es u.a. kein warmes Wasser im Bad, so dass Baden und Duschen ein nicht zu bewerkstelligender Luxus war. Ellen Jane hat, wie wir auch, ohne zu jammern die Emailleschüssel mit heißem Wasser aus dem Teekessel für ihre Körperreinigung und häufigen Haarwäschen (für uns nicht nachvollziehbar) benutzt, obwohl sie, wie ich später feststellen konnte, aus einem äußerst perfekten Haushalt kam. Meine Mutter meinte später, sie hätte das gar nicht so bedacht und zuletzt am liebsten noch abgesagt.“ (Karin)

„Mein Zimmer während meines Aufenthaltes in Bremen war ein Luftschutzraum, der während des Krieges angebaut worden war. Meine Gastfamilie hatte unter den Auswirkungen des Krieges sehr gelitten. Bei meiner Ankunft bestand die Familie aus Bertha und Fritz und dem 14jährigen Sohn Peter. Nach etwa einem Monat erfuhr ich, dass Peters leibliche Mutter, die erste Frau von Fritz, während des Krieges bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Ihre Schwester Bertha hat dann später Fritz geheiratet und Peter großgezogen. Wie großzügig von ihnen und wie versöhnlich, einen Jugendlichen aus dem Land einer ihrer früheren Kriegsgegner bei sich aufzunehmen!“ (Richard)

“Ich war bei einer Familie auf dem Lande untergebracht. Drei Generationen der Familie lebten zusammen mit landwirtschaftlichen Arbeitern und Hausangestellten auf einem Bauernhof außerhalb von Kassel. Das war ein ganz eigener Lebensraum.” (Marinda) „Meine Familie konnte erst in dem Jahr zuvor wieder in ihr Haus einziehen, nachdem sie es bei Kriegsende einem amerikanischen Offizier und seiner Frau hatten überlassen müssen. Die Tatsache, dass sie so kurz danach ein amerikanisches Mädchen in ihre Mitte eingeladen haben, kam mir immer wie ein Wunder vor.“ (Mary)

Ken mit Familie Bremer

“Das Essen habe ich zu gern gemocht, besonders den Kuchen (‚mit Schlag, bitte!’). Im Laufe des Sommers habe ich fünf Kilo zugenommen. Aber ich war nicht die einzige mit diesem Problem. Da gab es manche Überraschung, als wir alle auf die Arosa Kulm zurückkehrten.“ (Janet)


Die Freizeit Damals wie heute war es ein wichtiger Bestandteil des AFS-Programms, das Leben der Gastfamilie zu teilen, um den Alltag im Gastland kennen zu lernen. Was die Gastschüler unternahmen und was sie in Deutschland erlebten, war also unterschiedlich und hing vom Leben ihrer Gastfamilie ab. „Helmut und seine Schwester Renate waren berufstätig. Das hieß, dass ich die meiste Zeit allein oder mit dem zehnjährigen Reinhart verbrachte. Wir beide, oder ich allein, haben jeden Winkel in Hannover und den umliegenden Gegenden erforscht. Ich habe genug Deutsch gelernt, um mir etwas zum Essen zu bestellen, Eintrittskarten für die Sehenswürdigkeiten zu kaufen und mit den Straßenbahnverbindungen zurecht zu kommen. Leider schnappte Reinhart viel mehr Englisch von mir auf als ich Deutsch von ihm. Helmut war ein guter Segler und interessierte sich besonders für den Rudersport. Auch darin war er gut. Wir verbrachten abends und an Wochenenden viel Zeit in seinem Ruderclub. An einem Wochenende nahm mich Helmut auf einen Busausflug nach Hamburg mit. Wir besichtigten die Stadt und sahen Ruderregatten, Ausscheidungswettkämpfe für die Teilnahme an den Olympischen Spielen dieses Sommers. Ich erinnere mich auch an viele politische Diskussionen mit Helmut und seinen Freunden. Eines Abends nahm mich die Familie in die Oper mit. Es gab „Lohengrin“. Ich war vorher noch nie in einer Oper gewesen, und vier Stunden, noch dazu in einer Sprache, die man nicht recht versteht, ziehen sich ganz schön hin. Aber die Familie hatte viel Geld für die Eintrittskarten bezahlt und war stolz darauf, mir dieses Erlebnis bieten zu können.“ (Jack)

“Ja, Berlin lag in Trümmern, aber gleichzeitig kam es mir so lebendig und so aufregend vor, dass man die Trümmer vergaß. Das Leben auf der Straße, auf dem Kurfürstendamm, fesselte unsere Aufmerksamkeit. Die leeren Fenster oben in den Häusern sahen wir nicht. Es gab so viel zu genießen, und daran erinnere ich mich hauptsächlich. Ich wohnte in Spandau, direkt am Wasser. Obgleich das AFS-Jahr in den USA für meine Gastschwes-

ter Christa schon angefangen hatte, war ich viel mit Jugendlichen aus ihrem Freundeskreis unterwegs. Wir gingen schwimmen, segeln und tanzten in den Clubs an der Havel. Die AFSer unternahmen auch als Gruppe etwas und erkundeten die Stadt. Wir gingen im Grunewald spazieren, wir lernten viel und hatten enorm viel Spaß.“ (Martha)

„Der Sommer war wie ein Traum, der Wirklichkeit geworden war. Einige meiner Erinnerungen: bei einem Tanzabend in einem Club am Rhein mit Partnern zu tanzen, die so gut waren, dass meine Unbeholfenheit kaum zu merken war; hinten auf Bruder Kurts Vespa den Wind in meinen Haaren zu spüren; mit meinem deutschen ‚Freund’ auszugehen; anzufangen, Deutsch zu sprechen, etwas zu sagen und instinktiv den Satz umzustellen und die Endungen zu verändern, bis es mir richtig vorkam – und dann aufzublicken und die Überraschung und Freude meiner Familie zu sehen.“ (Mary Grace)

“Ich hatte das große Glück, in die Liebe und Wärme der Familie Carola und Heinrich Bremer (Mutti & Vati) in Lollar an der Lahn aufgenommen zu werden. Die Brüder, Axel und Erwin, waren in diesem Sommer die meiste Zeit nicht zu Hause, daher hatte ich den Vorzug, ‚Einzelkind’ zu sein – und eine Kuriosität im Dorf, der ;Ami’. Ich fühlte mich vom ersten Tag an willkommen und von diesen neuen Eltern geliebt. Sie haben mir den Grundwortschatz beigebracht, den ich brauchte, um zurechtzukommen, denn ich konnte ja vorher kein Deutsch. Sie haben mir auch die Spielregeln des gesellschaftlichen Umgangs vermittelt - dass man Leute grüßt, die einem beim Spaziergang im Dorf begegnen, und wie man sich verhält, wenn man zum Kaffeetrinken eingeladen wird.


Unser kleiner Ort, Lollar, liegt zwischen Gießen und Marburg. Ich hatte ein Fahrrad und konnte so beide Städte erreichen und die Gegend erkunden. Weil meine Gastbrüder beide die meiste Zeit des Sommers nicht da waren, wurde ein anderer AFS-Schüler mein bester Freund, Dick aus Boulder, Colorado.“ (Ken)

die Art und Weise, wie man in dieser für ihn neuen Umgebung lebte und dachte. Sogar die Schule, die er eifrig und (für uns unverständlich) immer pünktlich besuchte, schien ihm Spaß zu machen.“ (Axel)

„Bei uns ging es ganz lustig zu; wir sind vier Geschwister; Ellen Jane als Einzelkind war bestimmt ziemlich verwöhnt, aber kannte nicht so viel Trubel. Da mein Vater nicht mehr lebte und meine Mutter, die selbst eine wunderbare Kindheit hatte, unsere Phantasie nicht einengte, war trotz bescheidener Mittel immer etwas los. Freunde kamen und gingen, brachten etwas mit oder führten uns aus.

Dick bei der Fahrradtour mit Ken

„Meine Eltern empfanden Ken als lieben, aufmerksamen und für alles aufgeschlossenen Jungen. Ken machte alles mit‚ interessierte sich für alles und, wie wir in längeren Abendgesprächen feststellten, zeigte auch unwahrscheinlich viel Verständnis für

Eselritt am Drachenfels

Die Hannoveraner haben auch ein Wochenende organisiert; wir waren in Springe am Deister, haben den Rattenfänger von Hameln zu sehen bekommen. Außerdem hatte Ellen Jane ein paar Dollar und wollte noch eine kleine Reise machen. Ich schlug vor, per Anhalter zu fahren, um das Reisegeld zu sparen, und bei Bekannten unterzukommen. So reisten wir nach Bad Godesberg, tranken Kaffee auf der Terrasse des Bundeshauses, ritten auf Eseln auf den Drachenfels und fuhren mit zwei ehrenhaften Kavalieren in die Eifel. Zum Abschiedsfest bei uns kamen auch die Hannoveraner nach Minden. Bei der Trennung gab es auf allen Seiten Tränen.“ (Karin)

Beim Spiel des Rattenfängers von Hameln


„Vieles ist verblasst, aber sehr lebendig ist mir, dass Don ein leidenschaftlicher Predigtschreiber war. Er wollte Pfarrer werden und konzipierte immer wieder Predigten, die er dann mit dem sehr aufgeschlossenen Pfarrer unserer Kirchengemeinde heiß diskutierte. Ich mußte immer dabei sein, da dieser als Altsprachler wenig Englisch verstand (das gab es damals noch) und Dons Deutschkenntnisse auch nur rudimentär waren. Der Pfarrer erinnerte sich viele Jahre danach noch an diese Diskussionen und sprach mich öfters darauf an." (Dieter)

„Mein Reiseziel war Hannover. Meine Gastfamilie war die Familie Sperling. Vati war der Leiter des Hauses der Jugend. Es gab eine ältere Schwester, die nicht mehr zu Hause lebte. Dietrich war Student in Göttingen. Er sollte im Herbst als Austauschstudent in die USA gehen. Wir wohnten im oberen Stockwerk des Gebäudes. Weil es keine Waschmaschine gab, wurde die Wäsche über Nacht in der Badewanne eingeweicht und dann am nächsten Tag gewaschen. Eines meiner Kleider hatte einen karierten Rock in kräftigen dunklen Farben und ein weißes Oberteil. Mutti fragte mich, über Dietrich, weil er der einzige war, der Englisch konnte, ob der Rock etwa abfärben würde. Wir sind viel gelaufen, denn die Familie hatte kein Auto. Dietrich und ich sind Rad gefahren. Er hat mich vielen seiner Freunde vorgestellt. Ich hatte ein Paar heller Shorts mitgebracht. Die fand er unpassend. Also sind wir in ein Geschäft gegangen und ich habe dunkelblaue dreiviertellange Hosen gekauft. Eines der Mädchen, mit denen Dietrich mich bekannt machte, wohnte mit ihrer Familie in einem großen Backsteinbau. Ihr Vater war Bäcker, und wir sprachen über die halb-fertig gebackenen Brötchen, die damals in den USA sehr beliebt waren. Nicht weit vom Haus war ein großer See. Dietrich und ich sahen den Leuten beim Schwimmen zu, während wir dort saßen und uns über unsere Länder, die Menschen, Politik und Geschichte unterhielten. Nach einem Monat bei Familie Sperling brachte Mr. Wise mich zu meiner zweiten

Familie in einen ländlichen Ort nördlich von Hannover. Ich kann mich nicht mehr an den Namen der Familie erinnern und auch nicht an den Namen des Ortes. Mir ist so, als habe er Springe geheißen. Ich glaube, der Vater war Bürgermeister der kleinen Stadt. Der älteste Sohn hatte das Schuljahr 1951/1952 in den USA verbracht und war noch nicht zurück. Der zweite Sohn war fünfzehn oder sechzehn und die Tochter zwölf oder dreizehn (aber fast so groß wie ich). Sie nahm Reitstunden, und einmal sind wir zu der Reithalle gefahren. Wir saßen auf den Zuschauerplätzen, die zu beiden Seiten der Reitbahn angebracht waren, und sahen zu. Die Mutter kaufte in der Stadt einige Tafeln Schokolade. Zu Hause verteilte sie die Schokolade, und wir konnten auf unserem Zimmer davon essen. Das Haus der Familie war sehr schön, aus rotem Backstein, von Feldern umgeben. Hinten war eine Terrasse mit einem herrlichen Garten. Ich saß gern auf der ruhigen Terrasse oder auf dem großen, breiten Sofa im Wohnzimmer. Mutti zeigte mir Schnittmuster für Kleider. Anders als in Amerika waren die Vorlagen aller Schnitte in den verschiedenen Größen auf einem einzigen großen Bogen. Beim Abschied von meiner zweiten Familie gab mir Mutti ein Geschenk: einen Silberlöffel mit einer Gravur auf dem Stiel: eine Krone und darunter zwei verschlungene Hände. Für mich ein Symbol der AFSErfahrung: wir reichen uns über den Ozean hinweg freundschaftlich die Hände.“ (Elaine)

“Ich freute mich sehr, dass meine Eltern sofort bereit waren, eine Amerikanerin aufzunehmen. Als wir dann über den Ankunftstermin informiert wurden, war ich geschockt. Zu diesem Zeitpunkt musste ich noch über zwei Wochen im weit entfernten Stuttgart sein, um meine Prüfungen an der Fachhochschule für einen möglichst guten Abschluss zu schaffen. Wie sollte das gehen ohne mich in Gaildorf? Meine Eltern sprachen kein Englisch, Mary Alice kein Deutsch. Meine jüngere Schwester hatte zwar immer gute Noten in Englisch, aber sie machte ja ihre Banklehre. Gut nur, dass wir im Stockwerk über der Bank wohnten und


Helga nicht erst abends, sondern auch in der Mittagszeit daheim war. Meine Familie ließ sich einiges einfallen für unseren Gast, wie Ausflüge und Besuche bei Bekannten, und da Mary Alice sich als unkompliziert, aufgeschlossen und interessiert erwies, verging die Zeit bis zu meiner Ankunft offensichtlich problemlos. Meine Eltern hatten die Idee, wir sollten Mary Alice etwas von den Alpen zeigen, da sie noch nie im Gebirge war. Eine Bekannte meiner Mutter, eine adlige Dame, wohnte in einem großen Haus in Mittenwald. Es wurde arrangiert, dass Mary Alice und ich dort eine Woche verbringen konnten. Es ist eine wunderbare Gegend, und da die Grenze zu Österreich in unmittelbarer Nähe liegt, schlug ich einen Spaziergang ins Nachbarland vor. Die Grenzbeamten schauten unsere Ausweise an und lasen in Mary Alices Pass: ‚Nur gültig für einen Aufenthalt in Deutschland.’ Ich war so enttäuscht! Eine Busfahrt runter nach Innsbruck wäre auch eine nette Abwechslung gewesen und damit hinfällig. Mary Alice nahm es gelassener als ich.“ (Isolde) “Als Michael 1952 zu uns kam, fiel natürlich sein Bürstenhaarschnitt auf. Er gehörte zur Football-Mannschaft seiner Schule und mußte daher Diät essen, täglich seine Sportübungen machen und joggen gehen – alles ziemlich unbekannt für uns.

Ich bin Jahrgang 1943 und sprach damals noch kein Englisch, aber wir haben uns trotzdem verstanden.“ (Renate)

“Ich weiß nur noch, dass Ann ganz bezaubernd und einzigartig war. Meine beiden Brüder, damals 15 und 17 Jahre alt, erinnern sich beide noch an sie. Der Jüngere war in sie verliebt, war ihr aber zu jung, der ältere erinnert sich an einen gemeinsamen ZooBesuch. Auf jeden Fall hat sie uns allen sehr gut gefallen.“ (Eva) „Einige der Unternehmungen, an die ich mich erinnere: ein Besuch in Hildesheim mit Führungen (durch einen Fachmann) in den romanischen Kirchen dort, und unsere Ferienwochen in einem altmodischen Ostseebad.“ (Michael) “Ich habe die täglichen Spaziergänge in den vielen Berliner Parks schätzen gelernt. Manchmal sind wir in einem der Park-Cafés eingekehrt, manchmal haben wir auch zu Hause in unserem Garten Kaffee getrunken. Im Grunewald haben wir gepicknickt. Ich machte meine Gastschwester mit amerikanischen Spezialitäten, z.B. Erdnussbutter, bekannt, die eine amerikanische Bekannte mir aus dem Armee-Laden besorgte.“ (Mary)

In Springe am Deister


Verständigung – mit und ohne Sprache „Die meisten amerikanischen Gäste verfügten bestenfalls über rudimentäre deutsche Sprachkenntnisse. Und in der Generation unserer Eltern konnte man in der Regel auch keine Englischkenntnisse voraussetzen. Ich frage mich heute noch, wie die Verständigung zwischen Ken und meinen Eltern klappte, obwohl ich damals einige Zeit von zu Hause abwesend war und nicht als Dolmetscher zur Verfügung stand. Nach meiner Rückkehr waren nur wenige Problemfälle zu klären, in denen der Rückgriff auf die Wörterbücher nicht ausgereicht hatte.“ (Axel)

USA, weil wir wussten, wir kommen da nie wieder hin, das Geld habe ich nicht. Und dann mal wieder lebendige Amis sehen...

„Ich hatte nie Deutschstunden gehabt. Deshalb war es wichtig, dass meine Gastfamilie daran ging, mir einen Grundwortschatz beizubringen. Sie waren Meisterlehrer! Jeden Morgen, beim Frühstück, fand ich eine neue Liste mit Wörtern auf meinem Teller. Auf diese Weise habe ich meinen Wortschatz jeden Tag um mindestens zwölf Wörter erweitert. Das ging dann weiter mit täglichen Wiederholungen, Frage-undAntwort-Übungen und viel gutmütiger Neckerei. Oft habe ich die Nachbarn mit meinen Aussprache-Darbietungen belustigt.“ (Ken)

“Nur die Tochter in meinem Alter sprach Englisch. Und da ich nicht sonderlich sprachbegabt bin, habe ich auch wenig Deutsch gelernt. Aber ich habe gelernt, dass man vieles auch ohne Sprache vermitteln kann.” (Marinda)

„Ich konnte meinen Mund nie lange halten, und so sprach ich nach den sechs Wochen ziemlich fließendes Umgangsdeutsch mit einem verhältnismäßig guten Akzent. Das war dann ein Problem, als ich eine Woche nach meiner Rückkehr eine mündliche Französisch-Prüfung für meine Einstufung in einen College-Kursus ablegen musste. Nach sieben Jahren Französisch fielen mir nur deutsche Wörter ein.“ (Mary Grace)

„Die Verständigung fand hauptsächlich auf Englisch statt. Die Familien waren ja auch begierig darauf, dass ihre Kinder Englisch lernten. Und auch die deutschen Returnees – wir waren ja alle heimwehkrank nach den

Und manche Gastschüler haben erstaunlich viel gelernt und mitgemacht. Manche haben mir erzählt, dass es ihnen leichter fiel, mit Kindern, z.B. mit jüngeren Gastgeschwistern, deutsch zu reden. Da fühlt man sich nicht so dumm, wenn man die Sprache nicht kann, und wenn sie einen verbessern, ist das okay. Und was ich toll fand: Über die Jahre hinweg sind ganz viele nach Hause gekommen und haben Deutsch studiert.“ (Helga)

“Mary hat insbesondere mit meiner Mutter viele intensive Gespräche zu der damaligen ‚jüngsten‘ Geschichte geführt. Ich habe Mary als Schwester und damit sehr gute Freundin gesehen. Ich erinnere mich u. a. daran, dass wir bei der täglichen Planung in der Familie oder im Freundeskreis uns immer an Vorschlägen überboten - und dabei völlig vergaßen, dass Mary ja nur wenig Deutsch konnte. Wenn wir endlich aufsprangen, um loszustürzen, kam dann ihr hilfloses leises: Please, what are we doing now?“ (Gudrun) “Ich konnte mich mit Mutti und Vati nur über meine wunderbare Schwester Gudrun verständigen, weil ich kein Deutsch sprach. Gudrun übersetzte alles. Sie hatte ihr perfektes Englisch von der Frau des amerikanischen Offiziers gelernt. Wir schlossen enge Freundschaft und fanden heraus, dass wir in unzähligen Bereichen die gleichen Ansichten hatten. Das ist auch jetzt, nach 50 Jahren, noch so.” (Mary)


Deutschland – 1952 „1952 war Deutschland noch nicht weit vom zweiten Weltkrieg entfernt. Hannover war erst zu etwa 50% wieder aufgebaut. Ich erinnere mich an den Schock, den ich beim Anblick der Ruinen empfand, welche die Bombenangriffe hinterlassen hatten. Meine Gastfamilie war verständlicherweise verbittert, weil die britische Armee ihr Haus für einen Offizier requiriert hatte und sie deshalb in einer ziemlich beengten Wohnung leben musste.“ (Jack)

durch Deutschland gemacht. Verschiedentlich wurden wir von amerikanischer Militärpolizei kontrolliert und mussten nachweisen, dass wir keine Soldaten waren, die ohne Uniform unterwegs waren. Andererseits sind wir auch viele Male als Anhalter von amerikanischen Soldaten mitgenommen worden. Sie haben uns zum Abendessen eingeladen und uns in den Armee-Läden einkaufen lassen. Einmal durften wir sogar in einer Kaserne übernachten.

“Ich erinnere mich an ausgedehnte Spaziergänge durch Braunschweig zu den historischen Stätten, dem Dom, dem Grab Heinrichs des Löwen, den Museen. Überall auch die Spuren der Zerstörung. Auch eine Fahrt zu einem verlassenen Dorf an der Grenze zur Ostzone ist mir im Gedächtnis. Ein hoher, stabiler Holzzaun teilte das Dorf in zwei Hälften – ein Vorläufer der Berliner Mauer.“ (Michael)

Wie nicht anders zu erwarten, waren die Deutschen, die wir auf diesen Reisen trafen, von den Besatzungssoldaten nicht sonderlich angetan. Erstens waren sie Besatzer und zweitens, als junge Burschen, die nicht im Kampfeinsatz waren, verbrachten sie offenbar ihre Freizeit hauptsächlich mit Trinken und damit, Mädchen nachzulaufen. (Ich konnte die Gefühle der Deutschen verstehen, aber ich musste zugeben, dass ich in einem Alter war, wo mir Trinken und Interesse an Mädchen nicht völlig verwerflich vorkamen.)

„Damals waren überall in Deutschland uniformierte Besatzungssoldaten stationiert. Die USA und Russland befanden sich im Sommer 1952 im Kalten Krieg, und in Berlin war immer etwas los. Fred und ich haben mit dem Fahrrad und per Anhalter einige Reisen

Obwohl die Deutschen sich über die Soldaten aufregten, waren durch die Bank alle freundlich und aufgeschlossen, wenn sie erfuhren, dass wir als Austauschschüler den Sommer in Deutschland verbrachten.“ (Richard)

Schatten der Vergangenheit “Ich saß auf dem Fußboden in dem winzigen Wohnzimmer der Familie und sah mir das Telefonbuch an. Mich interessierte, welche Namen am häufigsten vorkamen. Die ganze Familie war anwesend. Paps wollte wissen, was ich mache. Ich erklärte es. Daraufhin fragte er nach den am häufigsten vorkommenden Namen im New Yorker Telefonbuch. Ich antwortete: Smith, Jones, Brown, Miller, Cohen – weiter kam ich nicht. Es gab plötzlich einen Stimmungsum- schwung, man hätte die dicke Luft mit dem Messer schneiden können. An weitere Einzelheiten dieses Abends erinnere ich mich nicht, aber sobald sich eine Gelegenheit ergab, bin ich

zu Helga in die Wohnung gegangen und habe den Vorfall wieder- gegeben. Dazu muss man wissen, dass seinerzeit in den Bewerbungsunterlagen nur die Frage nach der ‚bevorzugten Religion’ stand. Ich hatte wahrheitsgemäß ‚keine’ angegeben. Alle meine Vorfahren und ich sind Juden, aber ich sehe nicht ‚jüdisch’ aus. Helga schnappte nach Luft und erzählte mir dann, dass die Familie darum gebeten hatte, kein jüdisches Mädchen zu bekommen. Ob ich die Familie wechseln wolle? Ich sagte NEIN. Obwohl mich diese Geschichte den ganzen Sommer nicht losließ, liebte ich meine Gastfamilie sehr und sie liebte mich.


Ihr Abschiedsgeschenk, unter Tränen überreicht, war ein Haustürschlüssel, damit ich wiederkommen könne und nicht erst klingeln müsse. Den Schlüssel habe ich immer noch, und während ich dies tippe, kommen mir wieder die Tränen. Auf dem Bahnsteig im Frankfurter Hauptbahnhof, während wir auf den Zug nach Paris warteten, saß ich auf meinem Koffer und schrieb meiner Gastfamilie, dass ich jüdisch sei und dass ich hoffte, dass das in Ordnung sei. Mutti schrieb umgehend zurück, dass sie nur deswegen um ein nicht-jüdisches Mädchen gebeten hatten, weil sie nicht wollten, dass die Nachbarn glaubten, sie wollten durch die Aufnahme eines jüdischen Mädchens irgendwelche Schuldgefühle kompensieren. Wahr oder auch nicht – ich hoffe, ich habe einen Winkel dieser Welt für immer verändert.“ (Mary Grace)

ihre Familie und ihren Freundeskreis zurückgelassen, nur um frei (oder freier) zu sein. Der Besuch in diesem Lager war vom Radiosender RIAS (Radio im amerikanischen Sektor) organisiert worden, der die Berliner mit den neuesten amerikanischen Schlagern und viel Jazz bekannt machte.“ (Mary)

„Wenn ich mich recht erinnere, sagte meine zweite Familie, dass sie gern mit mir nach Berlin gereist wäre. Aber da man ja durch die von den Russen besetzte Zone hätte fahren müssen, sei das nicht möglich. Sie sind aber mit mir zum Grenzübergang gefahren und ich habe ein Photo von den bewaffneten russischen Soldaten gemacht, die dort Wache standen.” (Elaine)

“Von jedem Punkt der Stadt (Berlin) aus konnte man noch Trümmer, ausgebombte und verlassene Wohnhäuser, Gebäude mit Einschusslöchern und leere Grundstücke sehen. Die Häuser links und rechts vom Haus meiner Familie waren Ruinen. Westberliner hatten keinen Zugang nach Ostberlin, das war schon vor dem Mauerbau so, aber wir acht Austauschschüler durften mit Erlaubnis der Russen mit einem Sonderbus einreisen, um das imposante russische Ehrenmal auf der anderen Seite des Brandenburger Tors zu besichtigen. Der Kontrast zwischen Ost- und Westberlin zur damaligen Zeit war unvorstellbar für uns. Die Oper, die Museen, Theater, Kirchen und die berühmten Hotels ‚Unter den Linden’ lagen noch da wie unmittelbar nach der Zerstörung 1945, unberührt. Es gab keine Beleuchtung auf den Straßen, keine Menschen, man sah keine Farben. Alles sah trostlos, traurig und hoffnungslos aus. Im Vergleich dazu wirkte Westberlin lebendig und blühend, aber dieser Eindruck täuschte natürlich auch. Wir hatten die Gelegenheit, uns mit etlichen jungen Flüchtlingen zu unterhalten. Sie lebten in einem Flüchtlingslager, waren über die Grenze geflohen, hatten ihre Wohnungen,

Aus: The Post Standard, Syracuse, N.Y., 15.8.1952


Die Betreuung Im Hintergrund des Sommerprogramms wirkten amerikanische Hauptamtliche des AFS und HICOG-Mitarbeiter. Den Hauptanteil am Gelingen des Sommers 1952 hatten jedoch die jungen deutschen AFS-Ehemaligen - keiner von ihnen war älter als 19 oder 20 Jahre alt. “Die Bekanntschaft mit den deutschen AFSEhemaligen war einer der Höhepunkte meiner Reise. Sie kannten die Austauscherfahrung aus eigenem Erleben und konnten mir Einsichten vermitteln und Beistand leisten.” (Marinda)

„Der erste Eindruck meiner AFS-Erfahrung im Sommer 1952 war der Empfang durch die deutschen Jugendlichen bei der Ankunft in Frankfurt nach der achtstündigen Zugfahrt von Paris. Das waren praktisch Gleichaltrige: begeistert, gut vorbereitet, aber eben Jugendliche! Später habe ich dann erfahren, dass sie schon gewisse Unterstützung hatten, von Ratgebern der amerikanischen Militärbehörden und einigen deutschen Verbindungsleuten, aber die Gastfamiliensuche und die organisatorischen Einzelheiten (Abholung, Begrüßung, Begleitung zu den Zielorten) lagen in den Händen der Jugendlichen, die gerade erst im Jahr davor von ihrem AFS-Jahr in den USA zurückgekehrt waren. Sie hatten sich bei dem Sommeraustauschprogramm an der Organisation der erwachsenen Ehrenamtlichen in den USA orientiert,

aber in Europa hatten die 18 - bis 20 Jährigen das Sagen.“ (Mary)

„Wir waren damals alle sehr jung, und damals hatten junge Leute gar nichts zu sagen. Es war eine tolle Zeit. In vieler Hinsicht auch beängstigend, weil wir alles von Beginn an lernen mussten. Alles, was passierte, passierte zum ersten Mal. Das Wunderbarste war die Zusammenarbeit mit den anderen. Das waren ja sooo nette engagierte, tolle AFSer. Das hat einen solchen Spaß gemacht!“ (Helga) „Ich erinnere mich noch genau an Rosemarie, die uns in Bremen willkommen hieß und uns betreute. Sie war umwerfend, eine blonde, blauäugige Schönheit, auf die sich sofort die Aufmerksamkeit aller jungen Männer in unserer Gruppe richtete. Ich weiß noch, dass einer sagte, als er sie sah: ‚Hier sind wir richtig’.“ (Richard)

Auch bei den AFS-Hauptamtlichen in New York, die die Teilnehmer nach Deutschland begleiteten, ist der Sommer 1952 nach 50 Jahren noch in lebhafter Erinnerung: “Ich war mit der Begleitung der Gruppe auf der ‚Arosa Kulm’ und während der Bahnfahrt nach Frankfurt betraut worden. Man stelle sich meine Bestürzung vor, als auf dem Wege nach Frankfurt einer meiner Schützlinge auf dem Bahnsteig in Metz zurückblieb. Der Zug hatte dort nur kurz angehalten und war dann in die entgegengesetzte Richtung wieder aus dem Bahnhof heraus gefahren. Der offizielle Vertreter, der uns in Frankfurt empfing, war darüber nicht erbaut. Aber glücklicherweise traf der Jugendliche dann wohlbehalten mit einem späteren Zug ein – dank seiner Findigkeit, einiger hilfsbereiter Bahnbeamter und der Unterstützung von Betreuerin Sachiye, AFS New York AFS-Ehemaligen, die ihm zu Hilfe kamen.


Ich begleitete die Jugendlichen nach Berlin – das war eine aufregende und sehr besondere Erfahrung, wie auch der Aufenthalt dort. Eine Erinnerung kommt mir in den Sinn – ein fröhliches Mittagessen bei einer Gastfamilie, die eine Mahlzeit frisch gepflückter grüner Bohnen aus ihrem Garten, perfekt zubereitet, mit uns teilte: ein wahrhaftes Feinschmeckeressen. Ich besuchte dann noch einige andere Orte (Gießen war, glaube ich, auch dabei). In Hannover entstand meine Vorliebe für Bahlsen-Kekse. Unsere Schüler schienen sich gut zu machen: ein Beweis für die Liebe und den guten Willen der großzügigen Gastfamilien der ersten Stunde. Und so war das Sommerprogramm in Deutschland auf gutem Wege, dank der harten Arbeit, der Phantasie und der Beharrlichkeit der deutschen AFS-Ehrenamtlichen. Nach New York zurück bin ich auf der ‚Queen Mary“ gereist, als Begleiterin einer Gruppe österreichischer AFS-Schüler, und stellte fest, dass so ein Schiff auch tatsächlich trocken und warm sein konnte.“ (Sachiye)

„Das amerikanische Außenministerium war in Deutschland unter der Schirmherrschaft der Verwaltung des Hochkommissars (HICOG) vertreten. Die Mitarbeiter wollten ungern die Verantwortung für eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher übernehmen, die bei deutschen Familien wohnen sollten. Deshalb mußte AFS sich verpflichten, den ganzen Sommer über ‚AFS-Offizielle’ für etwaige Problemfälle in Frankfurt zu stationieren. Zum Glück gab es nur einige wenige. Da war so ein armes Mädchen, das mit dem Heimweh nicht fertig wurde und nach Hause geschickt werden musste. Die deutsche Familie konnte das einfach nicht verstehen und wollte immer wieder die Schuld bei sich suchen, egal, was ich auch sagte. Der Sommer verlief also im Grunde ereignislos, aber das war der Erfolg. Das Außenministerium stand dem ganzen Projekt sehr skeptisch und nervös gegenüber und befürchtete eine Katastrophe, die nie eintrat. Dieser Sommer war wichtig, weil er das gesamte ‚deutsche Projekt’ rechtfertigte.

Von da an hatten wir auch in anderen Ländern die volle Unterstützung des Außenministeriums. Ein wichtiger Meilenstein also, und alle, die zum Gelingen beitrugen, sollten stolz auf ihre Leistung sein!“ (Stephen Galatti, Jr.)

„Im Sommer 1952 begleiteten Harriet und ich die deutschen und österreichischen AFSer nach Hause. Wir reisten auf der ‚SS Independence’, einem sehr eleganten Schiff der American Export Line – vermutlich hatte die amerikanische Regierung (als Geldgeber) auf einem amerikanischen Transportunternehmen bestanden. Das war die einzige vornehme Überfahrt, die ich erlebt habe, sehr verschieden von den langsamen Ozeanüberquerungen auf der ‚Arosa Kulm’ und ähnlichen Schiffen, die AFS bis in die sechziger Jahre und bis zu den Flugreisen als Transportmittel nutzte. Wir landeten in Genua und nahmen einen Zug gen Norden, nach Frankfurt. Dort wurden die Jugendlichen in Empfang genommen und zerstreuten sich. Frankfurt, wo wir den Offiziellen in der HICOG-Zentrale einen Besuch abstatteten, war für Harriet und mich, die wir wenig von den Zerstörungen des Krieges gesehen hatten, ein Schock, und mehr noch Berlin, mit den Kilometern und Kilometern platt gewalzter Landschaft. Ich erinnere mich an eine Zusammenkunft mit deutschen und amerikanischen Jugendlichen im Garten eines Hotels in Berlin. Danach bin ich mir über die Reihenfolge der Ereignisse nicht mehr ganz sicher, weil ich auch 1953 und 1956 mit AFS in Deutschland war und vielleicht einige Erinnerungen durcheinander bringe. Ich glaube aber, dass ich von Berlin aus nach Hannover gefahren bin, wo etliche der Jugendlichen untergebracht waren, und mit ihnen zusammen nach Hameln. Jahrelang habe ich eine Ratte aus Brot mit der Aufschrift ‚Gruß aus Hameln’ in Ehren gehalten! Und war dies der Sommer, in dem ich in meinem unzureichenden Deutsch einen Sonderwagen der Bahn gemietet habe und dann so erleichtert war, als der tatsächlich erschien? Das alles sind sehr lebhafte


Erinnerungen an erstaunliche Erfahrungen, für die ich mich sehr glücklich schätze. Schließlich begleiteten wir die amerikanischen AFSer nach Hause. Sie waren erfüllt von ihrem Sommerabenteuer und einem neuen Bewußtsein von der Welt, und gegenüber uns Betreuern überraschend kooperativ. Aber man hatte ja die Teenager erst kürzlich ‚entdeckt’, und sie waren sich ihrer potentiellen Macht noch nicht bewusst. Rückblickend ist es erstaunlich, dass die AFSEhemaligen in der Lage waren, das Programm auf die Beine zu stellen, Gastfamilien zu gewinnen und das Ganze erfolgreich durchzuziehen. Und das innerhalb so kurzer Zeit. Welch außergewöhnliche und bewunderungswürdige Leistung! Glückwünsche an alle, fünfzig Jahre danach.“ (Blaikie)

Betreuerin Blaikie, AFS New York

Was bleibt? Der Sommer 1952 war kurz, doch in vielen Fällen hatten die zwei Monate eine große Wirkung. Es entstanden Freundschaften, die oft über lange Zeit erhalten blieben, manchmal sogar ein Leben lang. „Wir sind ununterbrochen bis zum heutigen Tage in Kontakt geblieben. Weder Klaus noch ich haben Geschwister, deshalb fühlen wir uns wie Brüder verbunden, vielleicht sogar enger als manche leiblichen Brüder. Unser Leben ging weiter, wir haben beide geheiratet und Kinder bekommen. Klaus‘ Tochter hat uns gelegentlich besucht. Sie und meine beiden Töchter sind alle im gleichen Alter. Meine Frau und ich haben Klaus und seine Frau erst im letzten Jahr wieder besucht.“ (Earl)

„In den Jahren danach verloren wir den Kontakt zueinander. Mary Alice heiratete einen Schulkameraden, Phil. Sie war ausgebildete Krankenschwester und bekam vier Kinder. Phil übernahm das Beerdigungsinstitut seiner Eltern, und so waren sie reichlich ausgelastet. Ich heiratete und zog mit Mann und Kindern achtmal von Land zu Land, verbunden mit viel Bürokratie, neuen Sprachen, neuen Schulen für die Kinder. Im

letzten Sommer kam Post von Mary Alice. Sie hatte unsere Adresse von meiner amerikanischen Gastschwester, mit der ich nach wie vor Kontakt habe. Mary Alice, Phil und ein befreundetes Ehepaar wollten uns auf einer Deutschlandreise besuchen. Es wurde ein fröhlicher Tag, dann mussten sie weiter. Aber im nächsten Jahr wollen sie wiederkommen.“ (Isolde)

“Wir blieben etwa 16 Jahre lang in engem Kontakt. In den fünfziger Jahren war ich wohl dreimal in Berlin, weil ich die Gelegenheit hatte, als Begleiterin für AFSGruppen nach Europa zu reisen. Gudrun besuchte mich Mitte der sechziger Jahre und um die Zeit haben auch unsere Eltern einander besucht. Dann habe ich Gudrun aus den Augen verloren. Unsere Verbindung brach ab. 1999 hat sie mich schließlich aufgespürt, nachdem wir als Ruheständler nach Cape Cod gezogen waren. Gudrun hatte seit Jahren versucht, den Kontakt wieder


herzustellen. Wir feierten freudiges Wiedersehen, als sie mich hier auf Cape Cod besuchte, und noch einmal 2000, als ich nach Berlin in das gleiche Haus zurückkam, in dem ich vor so langer Zeit gelebt hatte. Ein solcher Glücksfall, und so viele Erinnerungen!“ (Mary)

„Ich bin mit meiner deutschen Gastfamilie in Kontakt geblieben. Das ist hauptsächlich das Verdienst meines Gastbruders Gerhard, der über viele Jahre den Briefwechsel aufrechterhalten hat. Seit wir e-Mail haben, schreiben wir uns allerdings viel häufiger. Meine Frau und ich haben sie bei verschiedenen Gelegenheiten besucht, zuletzt im Frühjahr 2001. Bei einem früheren Besuch, 1971, lernten wir seine Kinder kennen, auch seine Tochter Miriam. Sie verbrachte dann 1981/1982 ein Schuljahr in unserer Familie, als ich in Washington D.C. arbeitete. Wir lieben Miriam wie unsere eigene Tochter. Inzwischen ist sie verheiratet und hat uns eine weitere ‚Enkelin’ geschenkt. Wir sind weiterhin sehr eng mit ihr verbunden.“ (Don H.)

auftauchte. Sie waren verblüfft und gerührt zugleich, insbesondere, als er ihnen eine mühsam und sorgfältig erstellte DankesUrkunde (in Deutsch!) übergab. Für die Weihnachtszeit hatten wir mit Ken und seiner Frau Carol schon eine kleine Rundreise über hiesige Weihnachtsmärkte eingeplant, als uns der schreckliche 11. September einen Strich durch die Rechnung machte. Wir wollen die Hoffnung nicht verlieren, dass sich Vernunft und Toleranz unter den Menschen durchsetzen. Ich denke, dass dieses hier skizzierte Fallbeispiel uns in der Überzeugung bestärken sollte, dass wir auch mit kleinen Schritten große Wirkungen zum gegenseitigen Verstehen und Respektieren erreichen können.“ (Axel)

„Michael schickt meiner Mutter (inzwischen 95) noch regelmäßig Blumen, und auch wir haben uns immer mal wieder gesehen. Meine älteste Tochter hat ihn gerade im vergangenen Herbst besucht.“ (Renate)

„Wie eng und bedeutungsvoll diese Beziehung war, zeigte sich im Januar 1988, als Ken urplötzlich als Überraschungsgast bei der Diamantenen Hochzeit meiner Eltern

Überraschungsgast Ken

„Ich habe keine Ahnung, wie oft ich wieder in Deutschland war, um meine Gastfamilie zu besuchen. Eine der besten Reisen war ein Wochenend-Kurztrip, um Mutti und Vati bei der Feier ihrer Diamantenen Hochzeit zu überraschen. Viele Reisen hatten einen besonderen Anlass: um meine Frau vorzustellen, unsere Tochter, zur Geburt von Enkeln, zu Geburtstagen. Oder wir besuchten uns einfach so, um in Kontakt zu bleiben. Mein deutscher Gastbruder schickte uns seinen Sohn auf ein Jahr, damit er den High School Abschluss machen konnte. Meine Tochter ist oft dort gewesen und hält auch engen Kontakt. Meine Enkelin (10) und die Urenkelin von Mutti und Vati tauschen EMails aus – die Auswirkungen erreichen also jetzt bereits die vierte Generation. Einmal haben Klaus und seine ganze Familie drei Sommerwochen bei uns verbracht. Das war toll.“ (Ken)


Eine Erfahrung fürs Leben ... „Ich bin mit einem Wissenschaftler verheiratet. Durch unsere gemeinsame Forschungstätigkeit sind wir viel im Ausland, häufig auch in Deutschland. Es ist immer schwer, ja eigentlich unmöglich, die Faktoren herauszudestillieren, die uns geprägt haben. Ich glaube aber schon, dass der Sommer 1952 dazu beigetragen hat, mich von der engen Sicht des Mittleren Westens der USA zur heutigen Weltoffenheit zu führen. Ich fürchte, das klingt jetzt ziemlich hochtrabend.“ (Ellen Jane)

„Die Erfahrung hatte mit Sicherheit einen bleibenden Einfluss. Obwohl ich stolz darauf bin, Amerikanerin zu sein, und dieses Land auch von Herzen liebe, so bin ich auch im innersten meiner Seele Weltbürgerin. Trotz aller kulturellen Unterschiede sind wir uns doch im Grunde gleich, wenn wir einander begegnen. Mein Mann und ich haben außergewöhnlich viele Gelegenheiten gehabt, in verschiedene Länder zu reisen. Mit jeder Reise wird uns dies mehr und mehr bewusst.“ (Mary Grace)

„Der Aufenthalt in Deutschland erweckte ein lebhaftes Interesse an der Beschäftigung mit dem zweiten Weltkrieg. Mein großes Interesse an der Struktur und den Merkmalen romanischer und gotischer Architektur stammt aus dieser Zeit und schließlich auch mein allgemeines, nicht berufliches, Interesse an internationaler Politik und internationalen Beziehungen.“ (Michael)

„Der AFS Sommer hatte in verschiedener Hinsicht bleibenden Einfluss auf mich: selbstverständlich im herkömmlichen Sinn, dass ich lernte, andere Völker und andere Kulturen verstehen und schätzen zu lernen. Und dann ganz speziell deswegen, weil ich durch AFS – Kontakte die Liebe meines Lebens, meine Frau Barbara, kennen lernte.“ (Don H.)

„ Während meiner beruflichen Tätigkeit und auch seit dem Eintritt in den Ruhestand habe ich Deutschland und Europa häufig besucht. Die jüngsten Ereignisse zeigen einmal mehr, wie wichtig es ist, die internationale Verständigung weiterzuentwickeln.“ (Fred) „Es war ein wunderbarer Sommer und eine tolle Erfahrung. Obgleich meine berufliche Laufbahn davon nicht unmittelbar beeinflusst wurde, hat die AFS - Erfahrung eine nachhaltige Wirkung auf meine Weltsicht gehabt. Seit damals weiß ich Vielfalt und kulturelle Unterschiede unter den Menschen zu schätzen. Gleichartigkeit kann langweilig sein.“ (Janet)

Die Kommunikation im November 2002 zwischen Gerhard (USA 51/52) und Blaikie bezüglich der Postkarte (s. Daten 1952): „Dear Blaikie, I read your article in the summer 2002 issue of ‚Horizonte’, celebrating the 50th anniversary of the German Summer Hosting Program (SHP). I remember that I helped you with the group of the SHP folks who had a lay-over in the Frankfurt train station in August 1952. Enclosed is a copy of a postcard you sent me in August 1952 – the exact date, unfortunately, is not legible. So for a few hours an ’52 AFSer, who had just returned from the US, was part of the first German SHP, organised by ‘51ers! Best regards, Gerhard” “Dear Gerhard, I was amazed to get your e-mail and I regard you as a true historian! Do you have closets full of ancient postcards? I hope you are so beautifully organized that you have only to think AFS/’52 and the location pops up. Anyway, let me thank you for the kind thought of writing, and also for helping me out in the Frankfurt station on that long ago day! What a different Germany then. You were a courageous group of young people,


making your way into an unknown world outside its borders. My husband and I had a most interesting visit to Berlin, Hamburg and a meeting location near Koln last month and our trip was so enriched by meeting and talking with AFS people – I wish you had been among them. Come see us, if you are in New York. You are in France I see. I am feeling grateful to Germany for putting the brakes on our president, at least temporarily. Warm regards, Blaikie”

Nachdenkliches “Jetzt, wo Westeuropa aufgebaut ist, wird mir klar, dass ich einen Teil der geschichtlichen Entwicklung hautnah miterlebt habe. Meine Erinnerungen – an den Besuch in einem Aufbaulager der Brüderkirche, wo ehrenamtliche Helfer in den Ruinen arbeiteten, an meine Bekanntschaft mit optimistischen jungen Deutschen, die Englisch mit regionalen amerikanischen Akzenten und Slang sprachen, weil sie die Sprache von Soldaten gelernt hatten, an den Besuch bei den Großtanten meiner Gastschwestern, die zwar in deutlich eingeschränkten Verhältnissen lebten, aber nicht auf ihre uralte Mercedes-Limousine verzichteten – all diese Erinnerungen und Erfahrungen erwecken die Romane, die Filme und die Beschreibungen dieser Periode zum Leben und geben mir Hoffnung für die Gegenden der Welt, die in den letzten Jahren zerstört wurden. Der Sommer in Deutschland war für mich der Anfang meiner seit langem bestehenden Anti-Kriegs-Gesinnung.“ (Marinda)

„Was mich während der zwei Wochen auf dem Schiff zurück nach Montreal beschäftigte, war der Materialismus in den Vereinigten Staaten. Dabei würde ich nach meiner Rückkehr nicht mehr mitmachen. Ich dachte wohl auch viel darüber nach, was im Leben wirklich wichtig ist. Wie jedem Reisenden sind auch mir die Unterschiede der verschie-

denen Kulturen aufgefallen, gleichzeitig ist mir aber klar geworden, wie ähnlich sich die Menschen sind, wo immer sie leben.“ (Elaine)

“Wenn ich in diesen Tagen die EU betrachte, kommt mir der Gedanke, dass auch AFS den Weg für die diplomatischen Beziehungen geebnet hat, die aus der Asche des Zweiten Weltkrieges wieder entstanden sind. AFS hat schon früh verstanden, die europäischen Länder einzubinden und dann gemeinschaftlich den Kontakt zu anderen Kontinenten herzustellen. AFS hat uns gelehrt, miteinander zu sprechen. Heutzutage sind AFSer in diplomatischen Schlüsselpositionen auf der ganzen Welt tätig. Wenn ich zurück blicke, zähle ich mich zu den glücklichsten und den vom Schicksal am meisten begünstigten Menschen. Glücklich deshalb, weil ich eine der ersten amerikanischen AFS-Teilnehmerinnen war, und besonders glücklich, weil ich in Berlin war. Für mich ist Berlin eine der aufregendsten und erstaunlichsten Städte der Welt, wenn nicht die aufregendste. Ich habe Berlin in so vielen Stadien gesehen: als Überlebende der Luftbrücke, geteilt in vier BesatzungsSektoren, vor dem Mauerbau, danach und in jüngster Zeit als Stadt in neuem Glanz, die einen wahrhaft in Erstaunen versetzt mit den restaurierten Museen, unglaublichen


Konzerthallen, Opernhäusern, Denkmälern und den Gebäuden des 21. Jahrhunderts, die überall im Entstehen sind. Wie vor mir ein Präsident, sage ich: ‚Ich bin ein Berliner’. Das kann ich beweisen: auf meinem Kaminsims habe ich eine Freiheitsglocke aus Porzellan, einen Berliner Bären und ein Stück der Berliner Mauer.“ (Mary) “Als ich 1959 Lehrer an einer High School wurde, fragte ich den Direktor, weshalb die Schule keine Austauschschüler habe. Er hat mich dann sehr schnell ermutigt, ein Programm anzufangen. Diese Bemühungen wurden 1961 offiziell anerkannt, und wir bekamen eine deutsche Partnerschule in Salzgitter-Lebenstedt. Im Sommer 2002 haben wir das vierzigjährige Bestehen unseres Internationalen Freundschaftskomitees gefeiert.

Man kann leicht erkennen, dass eine AFSErfahrung weitreichende Folgen haben kann. Man muss nicht Diplomat werden oder in der Politik eine führende Rolle spielen, um dafür zu sorgen, dass viele Menschen mit dem Geist von AFS in Berührung kommen. Das Sanskrit-Sprichwort, das Stephen Galatti in seiner Rede vor unserer Abreise zitierte, hat auch heute noch, in diesen schwierigen Zeiten, Gültigkeit: „Walk together, talk together, O ye peoples of the earth; then, and only then, shall ye have peace.“ Unser Leben wurde durch die Erfahrungen des Sommers 1952 verändert.“ (Ken)


Erinnerungen

Aus „Contact Frankfurt“, Juli 1952


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