Spitzentechnologie «Made in Switzerland»
Zwischen schneebedeckten Bergen, tiefblauen Seen und von Fachwerk geprägten Altstädten tummeln sie sich. Die Technologieführer der Schweiz. Unternehmen, deren
Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse sich nicht nur von der Konkurrenz abheben, sondern die auch über einen signifikanten Marktanteil verfügen. Was die Gründe für die herausragende Innovationskraft sind, welche Unternehmen zur Spitze gehören und wie sie ihren Platz verteidigen wollen, lesen Sie auf den nächsten Seiten.
von Martin Lüscher
Was haben das Tourbillon, der Turbolader und das Lysergsäurediethylamid – besser bekannt als LSD – gemeinsam? Nicht nur wurden alle drei Produkte von Schweizern erfunden respektive entdeckt, sondern sie unterstreichen auch wichtige Treiber für das Innovationsland Schweiz. Dabei reicht ihre Bedeutung bis in die Gegenwart.
Beispielsweise das Tourbillon. Es wurde 1795 von Abraham-Louis Breguet entwickelt, um die Ganggenauigkeit mechanischer Uhren weniger von deren Lage abhängig zu machen. Der gebürtige Schweizer reichte das Patent zwar in Paris ein und besass zu diesem Zeitpunkt auch die französische Staatsbürgerschaft, gelernt hatte der Uhrmacher sein Handwerk aber in Neuchâtel. 1976 verlagerte das Unternehmen seinen Sitz von Paris ins Vallée de Joux, weil es im Jura einfacher war, Fachkräfte zu rekrutieren. Seit 1999 gehört Breguet zur Swatch Group.
Um die Wirtschaftlichkeit von Motoren zu verbessern, erfand Alfred Büchi 1905 den Turbolader. Mit der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur und Brown, Boveri & Cie. – der Vorgängergesellschaft der heutigen ABB –gründete er das Büchi-Syndikat, um die industrielle Umsetzung seiner Erfindung zu realisieren. 2022 spaltete ABB das Geschäft mit den Turboladern ab und brachte es unter dem Namen Accelleron an die Börse.
Albert Hofmann sodann entdeckte 1938 das LSD, als er für den Pharmakonzern Sandoz an kreislaufstimulierenden Arzneimitteln forschte. Die bewusstseinserweiternde Wirkung bemerkte der Chemiker, der an der Universität Zürich promoviert hatte, fünf Jahre später nur per Zufall durch einen Selbstversuch.
Diese Beispiele zeigen: Ein hervorragendes Bildungsniveau, eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Forschenden und dem produzierenden Gewerbe sowie genügend Fachkräfte sind drei zentrale Faktoren für den Innovationsstandort Schweiz.
Cluster und Stärken der Schweiz Exemplarisch stehen diese drei Produkte auch für Bereiche, in welchen die Schweiz zur globalen Spitze gehört. Das Tourbillon für Präzisions- und Mikrotechnik – Technologien, bei denen Qualität, Genauigkeit und Zuverlässigkeit essenziell sind –,
der Turbolader für Nischen in Industrien sowie LSD für Life Sciences, also Pharma, Biotech und Medizinaltechnik. Hier kann die Schweiz auf jahrzehnte- oder gar jahrhundertelange Erfahrung aufbauen. In Zürich, Basel und rund um den Genfersee haben sich deshalb Technologiecluster gebildet: räumliche Konzentrationen von Unternehmen, Universitäten und weiteren Institutionen einer bestimmten Branche, die vernetzt sind, sich gegenseitig befruchten und so Innovationen ermöglichen.
Diese Cluster erklären auch das erfreuliche Abschneiden der Schweiz im Global Innovation Index der Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO. Die WIPO analysiert jährlich anhand von rund 80 Indikatoren in sieben Bereichen die Innovationskraft von 140 Ländern (vgl. Grafik auf Seite 5). «Die Schweiz belegt im Global Innovation Index zum fünfzehnten Mal in Folge den Spitzenplatz. Das zeigt, dass hier das gesamte Innovationssystem nachhaltig funktioniert», erklärt Wirtschaftsprofessor Oliver Gassmann. Der Leiter des Instituts für Technologiemanagement an der Universität St.Gallen ist führender Experte im Bereich Innovation.
Attraktiv für Talente und Kapital Zu den entscheidenden Faktoren für das erfolgreiche Abschneiden zählt Gassmann das dichte Netz an Forschungs- und Wissensinstitutionen, den direkten Draht dieser Institute zur Wirtschaft sowie die ausgesprochen stabilen Rahmenbedingungen. «Die gut ausgebaute Infrastruktur, ein hoher Lebensstandard, politische und rechtliche Stabilität sowie ein regelbasierter Wettbewerb schaffen Planungssicherheit und machen den Standort attraktiv für Talente und Kapital», führt er aus. Die Schweiz sei zudem erfolgreich darin, Forschung in greifbare Innovationen umzusetzen. Das zeige sich an der hohen Patentdichte pro Kopf, den zahlreichen Start-ups sowie der ausgeprägten Exportorientierung.
Der Blick auf die Indikatoren des Global Innovation Index bestätigt dies. In allen sieben Bereichen zählt die Schweiz zur Spitze: bei den Institutionen, der Infrastruktur, der Bildung, der Marktund Unternehmensreife sowie bei der Forschungsleistung und den weichen Faktoren. (vgl. Grafik Seite 6 und 7).
Was Technologieführer ausmacht
Julian Kauffeldt nennt noch einen weiteren Grund für die Innovationsstärke der Schweiz, nämlich die ungünstigen
Standortfaktoren. «Die Schweiz hat zum einen hohe Lohnkosten, und zum andern ist der Binnenmarkt relativ klein», sagt der Fondsmanager und geschäftsführende Gesellschafter der LOYS Innovation GmbH. «Will ein Schweizer Unternehmen sich gegen die günstigere ausländische Konkurrenz durchsetzen, muss es einen besseren Technologie-Markt-Fit hinbekommen.» Dieser entscheide auch darüber, ob sich ein Produkt durchsetze und das Unternehmen zum Technologieführer werde. «Die beste Technologie allein reicht nicht aus, wenn niemand das Produkt kaufen will», ergänzt er. Entsprechend schaffen es Technologieführer, Kunden früh in der Entwicklung der Produkte miteinzubeziehen.
Ein konkretes Beispiel dafür liefert der Intralogistiker Kardex. «Kunden erwarten zunehmend internetfähige, datenbasierte Systeme, die sich nahtlos in ihre IT-Umgebung integrieren lassen», schreibt Mediensprecher Alexandre Müller auf Anfrage. Entsprechend investiert Kardex in die Bereiche Softwareentwicklung, Cloudanbindung und Datenanalyse. «Diese digitale
Transformation wirkt sich auch direkt auf die Servicequalität aus – durch Fernwartung, vorausschauende Instandhaltung und datengetriebene Optimierungen.»
Sogar zwei Anspruchsgruppen hat Ypsomed im Blick: Einerseits seine Kunden – Pharma- und Biotechunternehmen, die flüssige Medikamente zur Behandlung chronischer Krankheiten herstellen – und andererseits die Patientinnen und Patienten, die sich diese Medikamente in den Pens und Autoinjektoren von Ypsomed verabreichen. «In enger und langjähriger Zusammenarbeit entwickeln wir mit unseren Kunden Lösungen, die exakt auf deren Medikamente zugeschnitten sind, vom ersten Design bis zur Serienproduktion», schreibt Susanne Köhler, Verantwortliche für Public Relations bei Ypsomed. Gleichzeitig müssen die Geräte laut Köhler einfach zu bedienen und sicher in der Anwendung sein. Das Prinzip der Autoinjektoren ist unkompliziert: Schutzkappe abnehmen, Injektor auf die Haut drücken – die Injektion startet automatisch – und warten, bis das Gerät das Ende der Injektion signalisiert.
Innovationskraft im Vergleich zur Wirtschaftsleistung
1,5 Mrd.
725 Mio.
130 Tausend
Bevölkerungsgrösse
Innovationsführer
Überdurchschnittliche Innovationsleistung im Vergleich zur wirtschaftlichen Entwicklung
Innovationsleistung entspricht dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung
Unterdurchschnittliche Innovationsleistung im Vergleich zur wirtschaftlichen Entwicklung
Quelle: Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO, UNO, 2025
Kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, in $
Die Schweiz ist vor Schweden und den USA das innovativste Land der Welt (vertikale Achse). Mit Grossbritannien, Finnland, Holland und Dänemark sind vier weitere Länder aus Europa in den Top Ten vertreten. Nicht mehr dabei ist hingegen Deutschland. Es wurde von China, das 2013 noch auf Rang 35 lag und neu den zehnten Platz belegt, auf Rang 11 verdrängt. Nicht ganz an der Spitze liegt die Schweiz bei der kaufkraftbereinigten Wirtschaftsleistung per Kopf (horizontale Achse). Hier belegen Singapur, Luxemburg und Irland die Spitzenplätze.
Prof. Dr. Oliver Gassmann
Vorsitzender der Direktion des Instituts für Technologiemanagement an der Universität St.Gallen
Besseres Produkt, bessere Position Ob und wann ein Unternehmen Technologieführer ist, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. «Idealerweise verfügt die Gesellschaft aus technologischer Sicht über ein besseres Produkt als die Wettbewerber und auf der Marktseite über eine besser etablierte Position als die Konkurrenz», sagt Kauffeldt. Wie gross der Marktanteil sein muss, ist immer relativ. Das zeigen etwa ASML und Assa Abloy.
ASML ist laut Kauffeldt ein Paradebeispiel dafür, wie «eine technologische Spitzenposition aufgebaut werden kann, die einem später eine zeitweise Monopolsituation verschafft». Der Halbleiteranlagenbauer habe in den Neunzigerjahren begonnen, an EUV-Lithografie zu forschen, als noch niemand davon gesprochen hatte. Das Unternehmen arbeitete mit Carl Zeiss für die Spiegel und mit Trumpf für die Laser zusammen und bezog auch früh Kunden wie TSMC und Intel mit ein. Derzeit wird der Marktanteil in diesem Bereich auf 90% geschätzt (vgl. acrevis invest 03/25). Ganz anders Assa Abloy: Der SchliesstechnikKonzern ist zwar gemessen am Umsatz dreimal grösser als der nächste Konkurrent, im stark fragmentierten Markt für Zugangslösungen kommt das schwedisch-finnische Unternehmen aber doch nur auf einen Marktanteil im niedrigen zweistelligen Prozentbereich.
Nicht vernachlässigt werden darf laut Kauffeldt zudem die zeitliche Komponente. Das gilt beispielsweise, wenn ein Marktneuling dank Innovationen viel schneller wächst als die Konkurrenz. Wie etwa Medacta: Noch wird der Anteil des Implantateherstellers am globalen Orthopädiemarkt auf nur 1% geschätzt. Marktführer Stryker mit 17%, DePuy Synthes mit 15% und Zimmer Biomet mit 12% sind klar grösser. «Dank unserer minimalinvasiven Techniken und patientenspezifischen Produkte wachsen wir je nach Marktsegment drei- bis fünfmal schneller als der Markt», erklärt die Verantwortliche Investor and Media Relations Anja Pomrehn im Gespräch. Daher muss laut Kauffeldt der Blick auch in die Zukunft gerichtet werden: «Ist es realistisch, dass ein Unternehmen sich eine grössere Marktposition erarbeitet? Dann kann man die Technologieführerschaft besser begründen.» Entsprechend sieht Kauffeldt Medacta als Technologieführer.
Innovation als Prozess
Die Produkte von Medacta stehen exemplarisch für die revolutionäre Innovation mit komplett neuen Technologien und Ansätzen. Laut Kauffeldt ist das wichtig, ebenso wichtig sei aber die inkrementelle Innovation, also die Produktpflege und -erweiterung. Dies dürfe nicht vernachlässigt werden. Zudem reicht
eine einzelne Erfindung im Labor oder in der Werkstatt normalerweise nicht aus, damit ein Unternehmen Technologieführer wird. «Innovation passiert nicht nur in der Forschungsabteilung. Es ist eine Sichtweise, ein Gesamtverständnis im Unternehmen», sagt Kauffeldt. Spitzentechnologie müsse als Prozess betrachtet werden.
Im ersten Schritt geht es laut Kauffeldt um das Trendscouting: Was passiert auf der Welt, woran wird geforscht? Anschliessend müsse eine klare Innovationsstrategie entwickelt werden: Es gelte herauszufinden, was die Trends für das Unternehmen bedeuten und welche man bewusst verfolgen wolle. Im nächsten Schritt gehe es darum, eine Idee zu entwickeln, und im letzten Schritt, diese Idee in ein Produkt zu überführen. Damit sei das Ganze indes nicht abgeschlossen: Diese Prozesse müssten vielmehr immer wieder neu durchlaufen werden. Das unterstreicht Lonza. Für den Pharmazulieferer sind kontinuierliche Investitionen in Innovation «ein entscheidender Faktor, um technologisch und wissenschaftlich führend zu sein», wie das Unternehmen auf Anfrage schreibt. «Da die weltweite Arzneimittelproduktion immer komplexer wird – sie umfasst HPAPIs, Biokonjugate, bi- und multispezifische Antikörper, Zell- und Gentherapien sowie mRNA –, treiben wir die Entwicklung von Technologien, die diese vielfältigen Ansätze unterstützen, weiter voran.»
Schwerpunkt Forschung und Entwicklung Gemäss Gassmann brauchen Unternehmen vier Bausteine, um technologisch führend zu werden: Erstens Zugang zu erstklassigen Talenten und zu Forschung – das heisst hochquali-
Ausgewählte Indikatoren des Innovationsindex im Vergleich
Institutionen: Effektivität der Regierung
Unternehmensreife: Zusammenarbeit von Universitäten und Wirtschaft
fizierte Mitarbeitende, ausreichend Kapazitäten in der Forschung und Entwicklung sowie eine Innovationskultur. Zweitens müssen sie ihre geistigen Schutzrechte systematisch managen. Hierzu gehören Patente, Daten, Software sowie Know-how. Wichtig ist drittens die Kooperation mit Universitäten, Start-ups und internationalen Partnern, um Wissen schnell fliessen zu lassen. Viertens müssen Unternehmen global denken. «Produktions- und Lieferketten müssen robust sein, regulatorische Wege müssen frühzeitig bearbeitet werden und Skalierungsmöglichkeiten müssen vorhanden sein.»
Wie sich Forschung und Entwicklung in Zahlen niederschlagen, zeigt ABB. 2024 reichte das Industrieunternehmen 540 Patente ein und befand sich damit im weltweiten Vergleich auf Rang 36. Von den insgesamt 110’000 Mitarbeitenden arbeiten in etwa 30 Ländern rund 7800 Mitarbeitende in der Forschung und Entwicklung, davon mehr als die Hälfte in den Bereichen Digitalisierung und Softwareentwicklung. «Aktuell führt ABB 250 Projekte im Bereich der Künstlichen Intelligenz durch», schreibt Mediensprecherin Claudie Qumsieh. Von 2020 bis 2024 hat das Industrieunternehmen seine Ausgaben in Forschung und Entwicklung um 40% gesteigert. Dabei visiert das Unternehmen eine Zielgrösse von 4,5 bis 5% des Umsatzes an. «2024 investierte ABB mit 1,5 Mrd. US-Dollar etwa 4,5% des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.»
Herausforderungen Ressourcensicherheit Trotz guter Voraussetzungen ist Spitzentechnologie aus der Schweiz keine Selbstverständlichkeit. Es gibt vielmehr diverse
Dr. Julian Vincent Kauffeldt geschäftsführender Gesellschafter der LOYS Innovation GmbH
Hightech als Anteil der Industrieproduktion
Die Weltorganisation für geistiges Eigentum der UNO bestimmt die Innovationskraft anhand von rund 80 Indikatoren in sieben Bereichen. Jeder Bereich ist in diesen Grafiken mit einem Indikator vertreten für die Schweiz, Deutschland und die USA. Dabei zeigen die Kreise die Punktzahl für den gesamten Bereich (z.B. Infrastruktur), die Balken diejenige für den einzelnen Indikator (z.B. Qualität der Logistik). Die Höchstpunktzahl beträgt 100 (indexiert). Die Länge der Balken und die Lage der Kreise bemisst sich am Wert im Vergleich zum Führenden.
Herausforderungen. Beispielsweise bei der Lieferketten- und Ressourcensicherheit: «Die globale Vernetzung der Technologien macht sie verwundbar, etwa bei Halbleitern, seltenen Materialien oder sensiblen Gesundheitstechnologien», kommentiert Gassmann.
Protektionismus ist darum sicher nicht förderlich. Das gilt auch für die gestiegene Regulierungskomplexität. «Themen wie Datenschutz, KI-Governance, Medizinproduktezulassung und Sicherheit erhöhen nicht nur die Zeit, bis ein Produkt in den Markt eingeführt werden kann, sondern auch die Kosten», ergänzt er. Andere Länder wie beispielsweise China sind hier deutlich schlanker aufgestellt und schneller unterwegs. und Kampf um Fachkräfte
Der Fachkräftemangel ist laut Kauffeldt eine weitere Herausforderung. «Infolge der demografischen Entwicklung ist es enorm wichtig, auch in Zukunft genügend talentierte Leute zu finden.» Für die Schweiz kommt erschwerend hinzu, dass der Fachkräftemangel in ganz Europa immer drängender wird. «Die internationale Konkurrenz um Spitzenkräfte wächst. Unternehmen müssen attraktiver, agiler und global vernetzter werden, um Talente zu gewinnen und zu halten», ergänzt Gassmann. Das stellt selbst die innovativsten Unternehmen vor Herausforderungen.
Wie ein erfolgreiches Geschäftsmodell zur Verteidigung eines Spitzenplatzes aussehen kann, zeigt eine mehrstöckige Lagerhalle in Baden. Sie steht für das gewichtige Servicegeschäft von Accelleron. Der Turboladerhersteller verfügt in mehr als 50 Ländern über Servicestandorte, weswegen das Unternehmen eine Lieferung von Ersatzteilen innerhalb von achtundvierzig Stunden an jeden Flughafen der Welt garantiert. «Die hohe Verfügbarkeit von Ersatzteilen, die schnelle Reaktionszeit und höchste Servicequalität sind ein klarer Wettbewerbsvorteil», schreibt Investor Relations Managerin Regina Hartfiel auf Anfrage.
Die Welt, in der einmal die beste Technologie ausreichte, um an der Spitze zu sein, wird laut Gassmann zunehmend komplexer. «Es kommt nicht mehr nur auf technologische Exzellenz an, sondern auch auf die richtigen Geschäftsmodelle sowie die geopolitische und strategische Anpassungsfähigkeit.» Wie sich Technologieführer aus der Schweiz diesen Herausforderungen stellen und mit welchen Strategien sie ihren Spitzenplatz verteidigen wollen, lesen Sie auf den nächsten Seiten.
ABB ist eines der innovativsten Unternehmen der Schweiz, wie die Anzahl der Patente verdeutlicht: Einzig das Pharmaunternehmen Roche hat 2024 in der Schweiz mehr Patente eingereicht als der Industriekonzern mit Hauptsitz in Zürich. Obwohl, die Bezeichnung «Industriekonzern» wird dem Unternehmen nicht mehr ganz gerecht: ABB hat sich in den vergangenen Jahren von mehreren Geschäftsbereichen getrennt – unter anderem vom Turboladergeschäft (siehe Accelleron) – und konzentriert sich nun auf Bereiche, in denen vor allem die Digitalisierung attraktive Möglichkeiten bietet. Entsprechend arbeitet unterdessen auch mehr als die Hälfte aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung im Bereich der Digitalisierung und der Softwareentwicklung. ABB selbst bezeichnet sich als Technologieunternehmen.
Egal ob Industrie oder Technologie: Der Konzern, der 1988 durch die Fusion der schweizerischen Brown, Boveri & Cie. und der schwedischen Asea entstanden ist, setzt derzeit auf die Bereiche Elektrifizierung und Automation. «Durch die Verbindung von technischer Expertise und Digitalisierung sorgt ABB dafür, dass Industrien hohe Leistungen erbringen und gleichzeitig effizienter, produktiver und nachhaltiger werden, um ihre Ziele zu übertreffen», schreibt Mediensprecherin Claudie Qumsieh auf Anfrage. «Dabei liegt der Schwerpunkt der Forschung und Entwicklung auf der Entwicklung und Vermarktung von Technologien, die für das zukünftige Wachstum von strategischer Bedeutung sind.»
In Zukunft will das Unternehmen aus eigener Kraft pro Jahr 5 bis 7% wachsen. Übernahmen sollen 1 bis 2 Prozentpunkte beitragen. Am wichtigsten ist dabei der Bereich Elektrifizierung: Dieser Geschäftsbereich bietet eine breite Palette an Nieder- und Mittelspannungslösungen für die Verbindung, Steuerung und Messung zahlreicher elektrischer Systeme in allen wichtigen Industriezweigen. Dieser Bereich trägt mehr als die Hälfte zum Umsatz von ABB bei und die Profitabilität ist höher als in den anderen Sparten. Im Mittelspannungsbereich ist der Konzern weltweit die Nummer eins, im Niederspannungsbereich die Nummer zwei. Insgesamt erreicht das Unternehmen einen Marktanteil von 8%. ABB profitiert hier vom strukturellen Trend der Elektrifizierung, wobei die globale Transformation der Energieinfrastruktur laut ABB noch gar nicht begonnen hat. Auch in den anderen Bereichen nimmt ABB führende Marktstellungen ein. Die Aussichten sind also rosig.
Unternehmenskennzahlen
Profitabilität
Fazit: Die Finanzkennzahlen von ABB haben sich deutlich verbessert. Das liegt an der Fokussierung des Industriekonzerns auf die Bereiche Elektrifizierung und Automatisierung. Was nicht dazupasste, wurde verkauft oder an die Börse gebracht (siehe Accelleron). Seither ist die Profitabilität gemessen an der Ebit-Marge auf über 15% gestiegen –wo sie bleiben dürfte – und auch die Rentabilität auf das investierte Kapital liegt wieder klar über den Kapitalkosten.
¹ Beim acrevis spektrum ® -Rating werden bis zu 8 Punkte vergeben – jeweils max. 3 Punkte für die Dimensionen «Fundamental» und «Technisch» sowie max. 2 Punkte für die Dimension «Verhaltensbezogen».
Rentabilität
Rendite auf investiertes Kapital, in % Durchschnittlich gewichtete Kapitalkosten, in %
Quelle: Investment Center
Die Aufgabe ist anspruchsvoll: Wie bleibt ein Unternehmen mit einem über hundert Jahre alten Produkt Technologieführer? Die Lösung zeigt Accelleron anhand des Turboladers, mit dem sich die Leistung eines Motors auf das Vierfache steigern lässt. Zunächst braucht es ein Produkt, das überzeugt: technische Exzellenz, höchste Zuverlässigkeit und langlebige Qualität. Dieses Produkt muss sodann stetig weiterentwickelt werden. «Forschung und Entwicklung sind für uns zentral», erklärt Investor Relations Managerin Regina Hartfiel. Accelleron investiert jährlich rund 6% des Umsatzes in diesen Bereich. «Der grössere Teil fliesst in Anwendungen für alternative Kraftstoffe wie Methanol, Ammoniak und Wasserstoff sowie in digitale Technologien. Gleichzeitig investieren wir signifikant in die Weiterentwicklung bewährter Technologien, besonders für konventionelle Kraftstoffe wie Diesel und Erdgas, da diese länger als ursprünglich erwartet im Einsatz bleiben werden.»
Turbolader von Accelleron für Grossmotoren sind in der Schifffahrts- und der Energieindustrie im Einsatz. In der Schifffahrt erreicht Accelleron als Marktführer einen Anteil von 40 bis 50% – im Zuge der Dekarbonisierung ein attraktiver Wachstumsmarkt. Im Einsatz ist ein Turbolader hier während zwanzig bis dreissig Jahren und muss alle drei bis fünf Jahre gewartet werden. Entsprechend wichtig – und vor allem auch profitabel – ist das Servicegeschäft. Es trägt etwa drei Viertel zum Umsatz bei. Die globale Serviceinfrastruktur von Accelleron lässt sich laut Hartfiel nicht so ein-
fach kopieren. Gleiches gilt für die strategischen Partnerschaften mit den Motorenbauern und den Endkunden.
Kleinere Turbolader waren zuletzt auch gefragt bei Kraftwerksund Notstromsystemen, die mit Gas oder Diesel befeuert werden, beispielsweise für Rechenzentren. Durch gezielte Akquisitionen in den Bereichen Kraftstoffeinspritzung und digitale Technologien hat Accelleron sein Portfolio erweitert und seine Position in Zukunftsmärkten gestärkt. Eine immer wichtigere Rolle spielen laut Hartfiel Daten und Digitalisierung. Dank ihnen können Leistung und Effizienz der Turbolader weiter gesteigert und die Wartung optimiert werden. «Wir bieten zudem digitale Lösungen an, mit denen sich Schiffsrouten optimieren, der Rumpfwiderstand reduzieren und Emissionsberichte erstellen lassen», erläutert sie. Es ist also eine Mischung aus Hard- und Software, mit der Accelleron seine Spitzenposition erfolgreich verteidigt.
Profitabilität
Unternehmenskennzahlen
in Mrd. Fr.
Rentabilität
Fazit: An den Finanzkennzahlen von Accelleron gibt es nichts zu mäkeln. Gut getan hat dem Unternehmen die Abspaltung von ABB 2022. Seither ist der Umsatz Jahr für Jahr gestiegen und wächst seit 2023 zweistellig. Im laufenden Jahr erwartet das Unternehmen gar einen Zuwachs von 16 bis 19%. Jüngst zulegen konnte auch die Profitabilität. Die Rendite auf das investierte Kapital bewegt sich durchgehend klar über den Kapitalkosten.
Medacta
Das muss doch besser gehen – dieser Gedanke schoss Alberto Siccardi in den Neunzigerjahren durch den Kopf, nachdem er sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen liess. Die Prozedur kompliziert, die Schmerzen gross, die Rehabilitationszeit lang. 1999 gründete Siccardi darum Medacta, einen Implantatehersteller, bei dem der Patient im Zentrum steht. Was als überschaubares Familienunternehmen begann, hat sich zu einem globalen Orthopädieunternehmen entwickelt, bei dem die Gründerfamilie noch immer mehr als zwei Drittel der Aktien hält. Entwickelt hat sich über die Jahre auch das Produkteportfolio. Die grössten Umsatzbeiträge liefern heute zwar Knie- und Hüftimplantate mit 42 respektive 40%, vertrieben werden unterdessen aber auch Implantate für Eingriffe an der Wirbelsäule und der Schulter sowie für die Sportmedizin.
Medacta aber nur als Implantatehersteller zu bezeichnen, greift zu kurz. «Neben richtungsweisenden Implantaten entwickeln wir auch passende Instrumente für minimalinvasive Eingriffe und schulen Chirurgen in diesen Techniken», so Anja Pomrehn, Verantwortliche für Investor und Media Relations. Das Instrumente zur Verfügung gestellt werden, ist branchenüblich und bietet Medacta einen «Burggraben». Denn die Konkurrenz stellt primär Instrumente zu Verfügung, die nicht auf minimalinvasive Verfahren ausgerichtet sind. Ein Umschwenken auf minimalinvasive Eingriffe hiesse für sie, ihre Instrumente für konventionelle Eingriffe zurückzuziehen und abzuschreiben sowie selbst neue Instrumente für minimalinvasive Eingriffe herzustellen – ein teures Unterfangen.
Wie ein patientenspezifischer Eingriff konkret aussehen kann, erklärt Anja Pomrehn anhand eines Knieimplantats: «Über Jahrzehnte hatte ein Patient nach Implantation einer Knietotalendoprothese ein gerades Bein. Allerdings haben nur etwa 15% der Menschen gerade Beine, 85% indes mehr oder weniger stark ausgeprägte O- oder X-Beine.» Wird das Bein nun mit der konventionellen Implantationstechnik künstlich begradigt und die Gelenklinie verändert, ignoriert dies die patientenspezifische Anatomie weitgehend, was oft zu Schmerzen führt. Medacta hat deshalb zusammen mit einem Chirurgen Instrumente und eine Technik entwickelt, bei welcher das Knieimplantat individuell entsprechend der Anatomie des Patienten eingesetzt wird. Mit Erfolg: Der Umsatz von Medacta wächst – nicht nur mit Knieimplantaten –seit Jahren deutlich schneller als der Markt. Daran dürfte sich so bald nichts ändern.
Unternehmenskennzahlen
Valor 46’852’522 Branche Gesundheitswesen
Kurs in Fr. 154.60
Marktkapitalisierung in Mrd. Fr. 3,1 Kurs-Gewinn-Verhältnis 2027 27
Unternehmenswert zu Ebitda 2027 15 Dividendenrendite 0,5%
Profitabilität
Fazit: Die Finanzkennzahlen von Medacta sind vorbildlich. Seit dem Börsengang 2019 wächst das Unternehmen abgesehen vom Coronajahr 2020 zweistellig. In den vergangenen acht Jahren resultierte ein annualisiertes Umsatzwachstum von 13%. Stabil ist in dieser Zeit auch die Profitabilität. Zudem schafft das Unternehmen seit Jahren einen Mehrwert für die Aktionäre, die Rendite auf das investierte Kapital liegt deutlich über den durchschnittlich gewichteten Kapitalkosten.
¹ Beim acrevis spektrum ® -Rating werden bis zu 8 Punkte vergeben – jeweils max. 3 Punkte für die Dimensionen «Fundamental» und «Technisch» sowie max. 2 Punkte für die Dimension «Verhaltensbezogen».
Rentabilität
in Mrd. Fr. (linke Skala) Ebit-Marge, in % (rechte Skala)
Rendite auf investiertes Kapital, in %
Quelle: Investment Center
Umsatz,
Ypsomed
Sie heissen YpsoDot, YpsoLoop und YpsoFlow – drei Produktplattformen, die Ypsomed 2025 vorgestellt hat: zwei Pens und ein Autoinjektor. Alle drei sind laut dem Unternehmen nachhaltiger als bisherige Produkte und für Therapiegebiete mit grosser Nachfrage optimiert. So ist der YpsoDot beispielsweise auf die Verabreichung der stark nachgefragten GLP-1-Medikamente ausgelegt; dabei handelt es sich um Mittel zur Behandlung von Adipositas (Fettleibigkeit). Der YpsoLoop seinerseits ist vollständig rezyklierbar und wurde auf der Industriemesse CPHI in Frankfurt mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Diese drei Beispiele zeigen, dass das Medizinaltechnikunternehmen nicht nur aktuelle Trends im Blick hat, sondern dank seiner modularen Produktplattformen auch kurze Entwicklungszeiten und eine schnelle Markteinführung ermöglicht. Mit Erfolg: Ypsomed ist bei Pens klarer Marktführer mit einem Marktanteil von über 50% und belegt bei den Autoinjektoren den zweiten Rang.
Die Technologieführerschaft von Ypsomed ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit und einer gelebten Innovationskultur. Das Unternehmen mit Sitz in Burgdorf verfügt über mehr als 40 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Herstellung von Infusions- und Injektionssystemen für die Selbstmedikation. Die Firmengründer Willy und Peter Michel gründeten die Vorgängerfirma Disetronic mit dem Ziel, die Insulinverabreichung für Menschen mit Diabetes zu verbessern und so ihre Lebensqualität zu erhöhen. Daraus entstand zunächst eine kompakte Insulinpumpe, später folgten Pens und Auto-
injektoren für die Verabreichung von Insulin und anderen flüssigen Medikamenten. Heute konzentriert sich Ypsomed auf das Geschäft mit Pens und Autoinjektoren – ein Feld, das hohes Wachstum und attraktive Margen verspricht.
Um seine führende Position weiter auszubauen, investiert Ypsomed rund 8% des Umsatzes in Forschung und Entwicklung – ein überdurchschnittlich hoher Wert in der Branche. «Mehr als 400 Mitarbeitende arbeiten in diesem Bereich kontinuierlich daran, die Injektionssysteme noch benutzerfreundlicher zu gestalten und neue Lösungen zu entwickeln, welche die Selbstbehandlung optimal unterstützen», erklärt Susanne Köhler, Verantwortliche für Public Relations bei Ypsomed. Damit ein Unternehmen an der Spitze bleibt, müssen viele Zahnräder ineinandergreifen. Derzeit funktioniert das bei Ypsomed sehr gut.
Profitabilität
Unternehmenskennzahlen
Rentabilität
%
Investment Center
Fazit: Die Finanzkennzahlen von Ypsomed sind im Wandel. Nach dem Verkauf des Diabetesgeschäfts im April 2025 werden Wachstum und Profitabilität deutlich zulegen. Bis 2029/30 – das Geschäftsjahr beginnt im April – soll der Umsatz im fortgeführten Geschäft auf 1 Mrd. Fr. verdoppelt werden. Die Ebit-Marge dürfte derweil auf 30% und die Rendite auf das investierte Kapital auf über 20% steigen. Wenig aussagekräftig ist darum der Blick zurück, auch weil er gezeichnet ist vom Verlust eines Grossauftrags 2018.
acrevis spektrum ® -Rating entspricht dem Stand vom 15. September 2025, die Unternehmensangaben
Quelle:
Makro und Märkte
Finanzmärkte beweisen sich
Ein bewegtes Jahr liegt hinter uns. Handelszölle, geopolitische Brandherde und erstaunlich starke Börsen. Sie haben richtig gelesen. Die Finanzmärkte haben eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt und zeigten bis Ende November ein starkes Anlagejahr.
Wie geht es nun weiter?
von Alessandro Poletti
Die Trump-Regierung sorgt weltweit für Turbulenzen – und hat dabei nicht nur laut gebellt, sondern auch kräftig zugebissen. Jahrzehnte des Abbaus von Hürden im internationalen Handel wurden ausgelöscht und die durchschnittlichen Importzölle der USA kletterten auf ein Niveau, das letztmals 1938 in Kraft war. Auch die Schweiz spürte diesen Kurswechsel mit voller Wucht: Zum Zollhammer gesellte sich ein schwacher US-Dollar, der die hiesigen Exportunternehmen zu Höchstleistungen zwang.
Gleichzeitig präsentierten sich die globalen Finanzmärkte überraschend stark. Wer hätte das gedacht? Der Schock des «Liberation Day» von anfangs April ist schon beinahe vergessen. Heute notieren die meisten internationalen Aktienmärkte deutlich über den Niveaus vor dem Zollschock. Einige Börsenbarometer haben seither sogar Rekordhochs erklommen. Verantwortlich dafür sind mehrere Gründe: ein trotz aller Widrigkeiten moderates globales Wirtschaftswachstum, Leitzinssenkungen in vielen Ländern, eine Annäherung zwischen Washington und Peking, Hoffnungen auf neue Produktivitätsschübe dank Künstlicher Intelligenz sowie eine erfreulich starke Gewinnentwicklung der Unternehmen. Und nicht zuletzt: die Dynamik der Marktpsychologie – Stichwort «Herdentrieb».
Im neuen Jahr dürfte der US-Präsident erneut für Überraschungen sorgen. An den Finanzmärkten gilt diesbezüglich das Augenmerk besonders dem US-Dollar und dem Rücktritt von Notenbank-Chef Powell. Selbstverständlich wird uns auch das Narrativ rund um KI weiter begleiten. Ob die absurd hohen Investitionssummen durch ebenso absurd hohe Gewinne gerechtfertigt werden – wir werden es wohl auch 2026 nicht beantworten können. Was auch kommt, die Märkte werden ihre Anpassungsfähigkeit erneut unter Beweis stellen müssen. Positiv stimmt uns die Gewinn entwicklung der Unternehmen. Einmal mehr haben sie sich, besonders auch in der Schweiz, in einem herausfordernden Umfeld wacker geschlagen. Damit rechnen wir auch im laufenden Jahr. Aktien, Gold und Immobilien Schweiz sind Stand heute zum Start ins neue Jahr unsere favorisierten Anlageklassen.